1. Einleitung
Die Neuansiedlung von etwa 20.000 verfolgten Hugenotten im Brandenburg‐Preußen des 17. Jahrhunderts stellt einen der entscheidensten Migrationsprozesse der europäischen Geschichte dar 1 . Insgesamt machen sie die Hälfte aller nach Deutschland geflohenen französischen Protestanten aus, die aufgrund ihrer Konfession aus dem katholischen Frankreich mittels politischer Zwangsmaßnahmen vertrieben wurden. Die hohe Anzahl an hugenottischen Flüchtlingen in Brandenburg‐Preußen lässt sich dabei durch die Ansiedlungspolitik von Kurfürst Friedrich Wilhelm erklären, der den Hugenotten durch das Edikt von Potsdam eine Reihe von Privilegien in seinem Reich einräumte.
In Literatur und Forschung lassen sich heute zahlreiche Ergebnisse zu Motiven, Hintergründen und anderen Details der von Friedrich Wilhelm gewährten Vorteile finden. Das gleiche gilt für Edikte und Gesetzesentwürfe auf der französischen Seite, die die Glaubensverfolgung der Hugenotten politisch und juristisch legitimierten. Weniger häufig hingegen werden vor deren Hintergrund jedoch tatsächliche Dekulturations‐ und Akkulturationsprozesse beleuchtet, die mit der gewaltsamen Vertreibung aus dem eigenen und der Ansiedlung in einem fremden Land einhergehen. So muss behandelt werden, inwiefern eine rechtliche Privilegierung in der neuen Heimat eine Integration in die hiesige Bevölkerung fördert oder hemmt. Dabei geht es um die Schaffung einer Balance, genauer um die Antwort auf die Frage, wie eine Bevölkerungsgruppe durch Freiheiten und Privilegierung ins Land gezogen und trotz dieser rechtlichen Sonderstellung Akzeptanz unter den neuen Mitbürgern finden kann.
Attraktionsmaßnahmen und das Schaffen von so genannten „Pull‐Factors“ stellen politische Instrumente dar, mit denen in diesem Falle der Herrscher Brandenburg‐ Preußens gewisse konfessionelle, wirtschaftliche und andere Ziele verfolgte. Zu deren Erreichung bedurfte es jedoch gleichzeitig eines gesellschaftlichen Zusammenwachsens beider Kulturgruppen zu einem neuen und funktionierendem Ganzen, das in vielen Punkten eine wahre Herausforderung für die Gestaltung der Peuplierungspolitik Friedrich Wilhelms darstellt.
1 Pfister 2007, S. 111
Diese Arbeit ist ein Versuch, die formale Integration der Hugenotten der tatsächlichen gegenüberzustellen und dabei zu erkennen, wie erfolgreich staatliche Integrationsmaßnahmen beim realen Akkulturationsprozess sind. Daran kann schließlich abgelesen werden, inwieweit sich die Flüchtlinge und Einheimische einander kulturell annähern wollen und inwiefern beide Parteien eine Anpassung als Gefahr für die Wahrung ihrer Identität als Gruppe einschätzen oder wahrnehmen.
Dabei spielen sowohl die von der Politik zur Verfügung gestellten als auch die für die Identitätsbildung selbst ausgestalteten Institutionen und Medien eine bedeutende Rolle. Sie sind die Mechanismen, mit denen die beteiligten Instanzen versuchen, den Integrationsprozess zu bewältigen. Das kann sowohl die Stärkung der eigenen, traditionellen Identität bedeuten als auch das Annehmen einer neuen Identität, die sich erst im Laufe der Akkulturation ergibt. Die gesunde Balance zwischen Bewahren des Alten und Zulassen des Neuen ist dabei Ziel eines Zusammenlebens zweier kultureller Gruppen.
Die Ansiedlung einer fremdkulturellen Bevölkerungsgruppe in einem solchen Ausmaß, wie sie bei der Peuplierungspolitik Friedrich Wilhelms stattfand, stellt demnach eine denkbar schwierige Aufgabe für jegliche Integrationspolitik dar. Der Kurfürst nahm die Herausforderung jedoch an und schaffte mit dem Edikt von Potsdam und weiteren Gesetzesentwürfen die organisierte Ansiedlung einer gewaltigen Masse an Anderskulturellen und ‐gläubigen. Nur knapp hundert Jahre nachdem der Großteil der Einwanderungswellen von Hugenotten in Brandenburg‐Preußen eingetroffen war, lebten Einheimische und Réfugiés gemeinsam miteinander in Freundschaften, Mischehen, geschäftlichen Kooperationen 2 . Diese Entwicklung scheint vor dem Hintergrund eines noch nicht etablierten Bewusstseins über interkulturelle Problemsituationen und einem weitgehenden Mangel an religiöser Toleranz nahezu sagenhaft und wirft Fragen nach den Erfolgsfaktoren dieses Integrationsprozesses auf. Es gilt daher zu untersuchen, ob die Bevölkerungspolitik des Kurfürsten tatsächlich eine perfekt konzeptionierte Integrationsplanung enthält oder ob es andere Variablen waren, die die Hugenotten schon bald zu einem festen Bestandteil von Brandenburg‐ Preußen und seiner Gesellschaft machten. Strategien zur Beantwortung dieser Frage
2 Kletzin (Hrsg.) 2003, S. 39
liegen etwa im Untersuchen der Bedürfnisse, die eine solche Ansiedlung an eine Integrationspolitik stellt, aber auch in der Beobachtung und Analyse des Umgangs beider Bevölkerungsgruppen mit der Situation. Sowohl die Fragestellung selbst als auch ihre strukturierte Bearbeitung, die im Rahmen dieser Arbeit erfolgen soll, sind dabei anhand des Beispiels der Hugenotten‐Migration formuliert, sollen in ihrer Bedeutung jedoch auch auf andere Fälle der Suche nach einer erfolgreichen Integrationspolitik in europäischem Kontext übertragbar sein.
2. Rahmenbedingungen der Migration
2.1 Entwicklung der Ausgangssituation in Frankreich
Die politische Ausgangslage sowohl in Frankreich als auch in Deutschland bildet den Hintergrund, vor dem die Migration der Hugenotten betrachtet werden muss. Die Situation in Frankreich war dabei im betreffenden Zeitraum verheerend. Seitdem sich in Frankreich die Reformation und damit der französische Protestantismus, der wesentlich durch die calvinistische Lehre geprägt war, etwa seit dem Jahre 1545 verbreitet haben 3 , fanden ihre Anhänger nur eingeschränkt Toleranz. Zunächst als kleine Gemeinden vor allem im Süden Frankreichs organisiert, galten die Hugenotten als existierende, aber zunächst recht unauffällige religiöse Minderheit 4 . Dies änderte sich auf der ersten Nationalsynode der reformierten Christen in Paris, auf der im Jahre 1559 Glaubensbekenntnis und Kirchenordnung der Hugenotten offiziell bestätigt wurden 5 . Damit rückten die „Reformierten“ in den Fokus der Öffentlichkeit und zwar nicht nur als religiöse Gruppe, sondern auch als politische Partei.
Nach ihrer Verfolgung unter den katholischen Königen Heinrich II (1547‐1559) und Franz II (1559‐1560) ergaben sich Versuche der Befriedung, etwa durch das im Jahre 1562 erlassene Edikt von St. Germain, in dem eine Koexistenz der protestantischen und der katholischen Konfession festgelegt wurde 6 . Als Folge der Missachtung des Edikts entbrannte noch im selben Jahr eine insgesamt 37 Jahre andauernde Folge von
3 Strasser‐Bertrand / de Jong 1975, S. 197
4 Krause / Müller 2003, S. 619
5 Dahmen (Hrsg.) 1993, S. 39
6 Krause / Müller 2003, S. 619
acht Religionskriegen 7 , an denen außerdem England, die Niederlande, Spanien und deutsche Regionen beteiligt waren 8 . Zahlreiche politische Unruhen und blutige Auseinandersetzungen, die in der Bartholomäusnacht ihren dramatischen Höhepunkt fanden, ergaben gemeinsam mit Kapitulationen, Zugeständnissen und Triumphen der Hugenotten ein komplexes Wechselspiel aus Krieg und Frieden. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde unter Heinrich IV, dem ehemals protestantischen und zum Katholizismus konvertierten Heinrich von Navarra, durch das Edikt von Nantes schließlich ein relativ friedvoller Zustand erreicht, in dem Hugenotten und Katholiken gleichermaßen Ämter am Höfe und in der Verwaltung einnahmen 9 .
Eine endgültige Zäsur im angespannten Verhältnis zwischen Katholiken und Hugenotten ergab sich mit dem Beginn der Herrschaft Ludwigs XIII (1610‐1643), der den Katholizismus auf französischem Boden erneut als einzige Staatsreligion durchsetzen wollte und an einem Nebeneinander beider Konfessionen keinerlei Interesse zeigte. Als Konsequenz zogen sich die Hugenotten vor allem im Süden Frankreichs zu einer geschlossenen, aber in sich in vielen Punkten uneinigen föderativen Republik zusammen. 10 Dramatischer Widerstand, etwa im durch Protestanten besetzten und durch die Krone belagerten La Rochelle, wurde niedergeschlagen. Verluste und Kapitulationen führten schließlich zur Aufhebung des Edikts von Nantes unter König Ludwig XIV im Jahre 1685 im Rahmen des Edikts von Fontainebleau. Damit verloren die Hugenotten das Recht auf freie Religionsausübung, zusätzlich das auf Ämter und das Wahrnehmen bestimmter Berufe und weitere Benachteiligungen, die bis hin zu inoffizieller Verfolgung und Gewalttaten innerhalb der Bevölkerung reichten 11 . Gleichzeitig wurden Protestanten, die zum katholischen Glauben konvertierten, belohnt und erhielten Begünstigungen verschiedenster Art Die Folge dieser Entwicklung war eine dramatisch hohe Anzahl an protestantischen Flüchtlingen, die Frankreich verließen. Insgesamt strömten etwa 200000 Hugenotten in das europäische, nordamerikanische und sogar afrikanische Ausland 12 , vorwiegend selbstverständlich in protestantisch geprägte Regionen in der Schweiz, den
7 Details siehe Strasser‐Bertrand / de Jong 1975, S. 147ff
8 Strasser / de Jong 1975, S. 144
9 Krause / Müller 2003, S. 622
10 Ebd. 623
11 Krause / Müller 2003, S. 625
12 Fuhrich‐Grubert 1994, S. 9
Niederlanden, England und Irland. Eine geschätzte Anzahl von 40000 Hugenotten ließ sich in den protestantischen Teilen Deutschlands nieder. Die Hälfte von ihnen zog es dabei nach Brandenburg‐Preußen 13 , wo Kurfürst Friedrich Wilhelm den französischen Glaubensflüchtlingen eine Reihe von Privilegien verschiedenster Art bot und deren Ansiedlung damit begünstigte.
2.2 Die Ansiedlungspolitik Friedrich Wilhelms: Beweggründe und Ziele Sind es auf französischer Seite vor allem politische Beschlüsse und einzelne Ereignisse, die zum Verständnis der Situation berücksichtigt werden müssen, kann es auf der Seite der „Nehmer‐Kultur“ Brandenburg‐Preußens hilfreich sein, die Beweggründe der politischen Entscheidungen zu beleuchten. Schließlich scheint die Emigration an sich in den Ereignissen begründet zu sein, die Immigration jedoch vor allem durch die Vergünstigungen, die der Kurfürst den Flüchtlingen bot und deren Existenz sich nicht von selbst erschließt.
Das Edikt von Potsdam wurde im Jahre 1685 vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg erlassen, nahezu zum gleichen Zeitpunkt wie das Edikt von Fontainebleau 14 , das die im Edikt von Nantes eingeräumten Freiheiten der Hugenotten ungültig machte. Der von Friedrich Wilhelm erlassene Toleranzentwurf befreit die Flüchtlinge von zahlreichen Abgaben, Steuern und Zöllen, gewährt ihnen Unterstützung in Form von finanziellen Mitteln, Schiffen und genereller Transporthilfe bei der Reise nach Brandenburg‐Preußen. Außerdem sollen Siedlungen und Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden, ebenso wie Äcker und Felder 15 . Es liegt auf der Hand, dass diese Maßnahmen, die für eine derart große Anzahl an Einwanderern bereitgestellt werden sollen, enorme Kosten verursachen würden. Dennoch, aus Sicht des Kurfürsten machte diese Rechnung durchaus Sinn, erwartete er doch einen enormen Zugewinn durch die Neuansiedlung der Réfugiés in unterschiedlicher Hinsicht.
13 Von Thadden 1987, S. 6
14 Kletzin (Hrsg.) 2003, S. 28
15 Kletzin (Hrsg.) 2003, S. 29ff
Die Ansiedlungspolitik um das Toleranzedikt ließ Friedrich Wilhelm zunächst auf ökonomischen Nutzen hoffen. In Folge des Dreißigjährigen Krieges erlitten die Gebiete von Brandenburg‐Preußen erhebliche Schäden, was Infrastruktur und Land, aber vor allem die Bevölkerungszahl betraf. Sie wurde um einen so großen Teil reduziert, dass ganze Landstriche und Siedlungen verlassen waren 16 . Gewerbe und Landwirtschaft lagen damit Brach. Eine Peuplierungspolitik wie diese lag dem Erfolgsprinzipien des Kameralismus schließlich nahe 17 . Durch das gezielte Ansiedeln von zusätzlicher Bevölkerung sollten nicht nur die Steuereinnahmen des Landes erhöht werden. Neue Arbeitskräfte und neue Konsumenten sollten die Wirtschaft zum Florieren bringen und die Staatskassen füllen und den Staat selbst zu einem stabilen System machen, das Krisen und Kriege überleben kann und internationales Ansehen genießt. Dazu sollten außerdem neue Facharbeiter angezogen werden, die durch innovative Produktionstechniken und einen generellen Know‐How‐Transfer auch die Zusammensetzung der Wirtschaftsstruktur heterogener und vielseitiger und somit ebenfalls krisenresistenter gestalten. Dies kommt auch anderen Leitlinien des Merkantilismus nahe 18 : Möglichst viele und möglichst verschiedene Produkte sollten selbst im eigenen Land hergestellt und im beste Falle exportiert werden. Indem die benötigten und begehrten Konsumgüter innerhalb der eigenen Wirtschaft produziert wurden, verringerte sich der Importumfang und damit die Staatsausgaben 19 .
In politischer Hinsicht machte die Bevölkerungspolitik des Kurfürsten ebenfalls Sinn: Nachdem durch den Dreißigjährigen Krieg zahlreiche Landstriche verwüstet wurden, hingen viele einzelne Siedlungen und Städte nicht mehr zusammen. Sie waren gar nicht oder nur mit schlechter Infrastruktur miteinander verbunden, was das Land als politische Einheit schwächte. 20 Ziel Friedrich Wilhelms war es daher, sein Herrschaftsgebiet wieder zu einen und nach seiner Politik einheitlich auszurichten und damit wieder zu einer präsenten Macht im Reich zu machen. Ein einheitlich beherrschtes Volk wirkt schließlich auch nach außen hin nach dem Prinzip „Macht durch Masse“ besonders stark und imposant. Dabei kommt die im Zuge der
16 Von Bezold 2010, S. 5
17 Kleger 2006, S. 124
18 Albers (Hrsg.) 1982, S. 2
19 Snell 1999, S. 51
20 Pehle 2007, S. 18
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Katharina Grimm, 2010, Immigration, Integration, Identifikation? , München, GRIN Verlag GmbH
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