1. Vorwort
Diese Arbeit mit dem Titel „Jungen und Adoleszenz. Eine Untersuchung zur Sozialisation von Jungen im Fußballsport“ ist nicht zufällig gewählt. Anfangs wollte ich die Fragestellung nur auf das Thema kognitives Lernen beziehen, also wie Fußball kognitives Lernen fördern kann, jedoch fand ich die ersten Überlegungen dazu immer abwegiger, auch hatte ich Probleme damit, eine ganze Arbeit mit dem Thema auszufüllen, unbewusste und bewusste Lernprozesse durch Fußball begründen zu wollen, wobei es keineswegs unmöglich erscheint, wenn man in diesem Zusammenhang von z. B. Ästhetischer Bildung oder der Übernahme von Verhaltensmustern von Führungsspielern spricht. Nun habe ich mein ursprüngliches Vorhaben zum Unterthema gemacht. Ich selbst habe immer sehr gerne Fußball in meiner Kindheit und Jugend gespielt, abgesehen von ein paar Trainingseinheiten in einer Amateurmannschaft habe ich mit Freunden zusammen „gekickt“, und wir haben Mannschaften gebildet, sowie regelmäßig auf Bolzplätzen gegeneinander gespielt. Fußball war immer mein zweites großes Hobby neben dem Schwimmen, das ich über 10 Jahre aktiv im Haselünner SV betrieben habe. Meistens haben wir in unserer Clique Freistöße und Strafstöße, sowie Zweikämpfe und „Tricks“ begeistert ausprobiert und trainiert. Dies taten wir auch gerne nach dem Schwimmen oder im Zuge von Schwimmwettkämpfen zum Aufwärmen. Ja, der Fußball hat einen irgendwie „zusammengebracht“. Nun frage ich mich in Bezugnahme zum Titel der Arbeit, was Fußball zur Sozialisation von Jungen beitragen kann. Gibt es nur Vorteile? Kann Fußball gar als eine Therapie oder als Allheilmittel gegen die zunehmende Orientierungslosigkeit aufgrund wachsender Pluralisierung fungieren? Was kann der Fußball beitragen zu einer gelingenden Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz und wie sieht es hier mit einer möglichen Resilienzfunktion aus. Auch wenn ich Fußball nicht im Verein gespielt habe, so kann ich dennoch aus eigener Erfahrung viel zum Thema beitragen, denn Torjubel und Mannschaftsgefühl kann man nicht einfach nur vermutend-theoretisch vermitteln oder annehmen. Auch kenne ich dieses überwältigende Gefühl sehr gut aus den zahlreichen Schwimmwettkämpfen, die ich bestritten habe (insbesondere das Staffelschwimmen). Nebensächlich, aber nicht ganz unbeteiligt sei noch zu erwähnen, dass ich auch des Öfteren erfolgreich an diversen Cityläufen teilgenommen habe, weil mir das Laufen sehr viel Spaß macht, und von daher auch in direktem Zusammenhang zum Fußball steht. Aus diesen Gründen habe ich dieses Thema für meine Arbeit gewählt, denn ich glaube, dass ich durch meine Erfahrungen gute Argumente zum Thema beitragen kann, und ich bin selbst schon jetzt auf das Ergebnis gespannt. Natürlich hat man schon jetzt viele Ideen im Kopf, wo die Richtung der theoretischen Untersuchung hingehen könnte. Aber ich denke, wirkliche Erkenntnisse und Thesen werden sich erst im Laufe des Schreibprozesses ergeben. Probleme bei der Literaturauswahl habe ich nicht gehabt. Ich habe mich dabei der Soziologie, der Sportwissenschaft, der Theologie, der Psychologie, der Neurophysiologie und der Pädago- gik bedient.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Einleitung 1
3. Abriss des geschichtlichen Hintergrunds des Sports 2
3.1 Der Beginn des vormodernen Sports 2
3.1.1 Die vormoderne Gesellschaft und das Mittelalter 2
3.1.2 Die Verselbständigung des Sports 2-4
3.1.3 Die Erfindung der Geschlechterdifferenz 4-5
3.1.4 Die Ausdifferenzierung des Sports in den deutschen Staaten 5
3.1.5 Die Entstehung des modernen Fußballs in England 5-6
3.1.6 Die Verbreitung und Entwicklung des Fußballs in Deutschland 6-8
4. Adoleszenz und Pubertät 8
4.1 Definition 8-10
4.1.1 Gemeinschaft und Jugendkulturen 10-11
4.2 Körperliche und sozial-emotionale Entwicklung 11-12
4.2.1 Pubertät - Körper - Vielfalt 12
Jungen machen ihre Adoleszenz 4.2.1.1 12-13
4.3 Identität in der Adoleszenz 13
4.3.1 Adoleszente Entwicklungsprozesse/Destruktivität 13-14
4.3.2 Identität als ein psychoanalytisches Entwicklungskonzept 14
4.3.3 Interaktive Prozesse 14-15
Erwachsenenstatus 4.3.3.1 15
4.3.4 Innere und äußere Realität 15
4.3.5 Selbstreflexion in der Adoleszenz 15-16
4.3.6 Narzissmus in der Adoleszenz 16
4.3.7 Trauma und Identität 16
Zerst örung des Urvertrauens 4.3.7.1 16-17
Entwicklung der kognitiven Identität 4.3.8 17-18
4.3.9 Ziele der Identitätsfindung 18
4.3.10 Übernommene Identität 18
4.3.11 Diffuse Identität 18
4.3.12 Moratorium 19
4.3.12.1 Jugend als Bildungsmoratorium 19
4.3.12.1.1 19-20
Die Phasen des Peter Blos
4.3.12.1.2 20
Mario Erdheim's „zweite Chance“
4.3.12.1.3 Biographie und Identität bei Erikson 20
Kindheit und Gesellschaft 4.3.12.1.3.1 20-21
4.3.12.1.3.2 Konflikt und Krise in der Lebenslauftheorie 21
Die acht Lebensphasen (Erikson) 4.3.12.1.3.3 21-23
4.3.12.1.3.3.1 23-24
Ich -Identität
Erweiterte Identität 4.3.13 24-25
4.4 Egozentrismus 25
4.4.1 Folgen für das Verhalten 25-27
Selbstzufriedenheit bei Jungen und Mädchen 4.4.1.1 27
27-29
4.4.1.1.1 Eine besondere Begabung?
4.5 Jugendsexualität 29
4.5.1 Psychosexuelle Entwicklung 29-30
Die Bedeutung der inneren Genitalität 4.5.1.1 30
Homosexualit ät in der Adoleszenz 4.5.1.2 30-32
4.5.2 Zeitpunkt der Ejakularche 32
4.5.3 Jugendsexualität heute 32-34
4.6 Chancen und Risiken in der Adoleszenz 34
4.6.1 Problemlösungsmuster und Störungen 35
4.6.2 Was ist normal, was beunruhigend? 35
4.6.3 Kennzeichen adoleszenter Krisen 35-36
4.6.4 Schwere Erkrankungen im Verborgenen 36
4.7 Das Ende der Adoleszenz - Was kommt danach? 36-37
4.7.1 Gewaltentstehung am Beispiel Schule 37-38
4.7.2 Ansätze für neue Jungs 38-39
5. Sozialisation 39
5.1 Definition 39
5.2 Sozialisationstheorien 39
Der symbolische Interaktionismus bei Mead 5.2.1 39-42
5.2.2 Sozialisation als Reproduktion der Gesellschaft bei Durkheim 42-44
5.2.3 Die sieben Maximen der Sozialisationstheorie bei Hurrelmann 44-46
5.3 Männlichkeit - Der männliche Habitus 46
5.3.1 Männerforschung und gesicherte Prämissen 46-47
M ännerforschung in Deutschland 5.3.2 48
5.3.3 Die Gesellschaftlichkeit des Individuums 48
5.3.4 Theoretische Annäherungen an Männlichkeit 48-50
5.3.5 Kategorien von Männlichkeit? 50-51
5.4 Aneignung der Realität aus systemtheoretischer Sicht 51
5.4.1 Erkenntnis und Realität 51-53
5.4.2 Autopoiesis-Theorie bei Maturana 53-54
5.4.3 Viabilität als Gütekriterium der Erkenntnisse 54-55
5.4.4 Luhmanns Theorie sozialer Systeme 55-58
5.4.5 Anriss des Sozialen Konstruktivismus (SK) 58-59
5.5 Der Körper im Prozess der Sozialisation 59
5.5.1 Der zivilisierte Körper bei Elias 59-60
5.5.2 Der disziplinierte Körper bei Foucault 60-61
5.5.3 Der Körper als Kapital bei Bourdieu 61
5.5.4 Theoretische Zugänge zum Körper 62
K örper und Diskurstheorie bei Butler 5.5.4.1 62
Die Verschränkung von Körper und Leib bei Jäger 5.5.4.2 62
5.6 Heutige Sozialisation von Jungen - kalt und cool 62-63
5.6.1 Lesesozialisation 63-66
6. Aspekte des Fußballs zur Sozialisation 66
6.1 Körper und Identität - Ein Konzept der Selbstbeschreibung? 66-72
6.1.1 Das Werkzeug Fußball zur Lebensgestaltung 72-73
6.2 Räumliche Sozialisation durch Fußball 73
6.2.1 Der Beitrag des Fußballs zur nationalen Identität 73-74
6.2.2 Sozialisationsprozesse im Fußball 74
6.2.3 Fußballjugend unterwegs 74
6.2.4 Anthropologische Grundlagen im Fußballsport 74-75
6.2.5 Fußball integriert in den europäischen Raum 75-76
6.3 Gewaltprävention 7 6
6.4 Resilienz 76-77
Fair -Play 6.5 77
6.6 Macht Fußball schlau? 77-78
6.7 Fußball schafft Freundschaft 78-80
6.8 Theologische Sichtweisen auf den Fußball 80
6.8.1 Erfahrung des Heiligen 80-81
Kraftfelder des Begehrens 6.8.2 81-82
6.8.3 Fußball bildet Gemeinschaft 82-83
6.9 Berührung und Empfinden durch Fußball 83-84
6.10 Das Training 84
6.11 Allgemeine sportpädagogische Absichten 84-85
6.12 Gesundheit 85
7. Fazit 85-91
Quellen - und Literaturverzeichnis
Anhang
2. Einleitung
Ich möchte in dieser Arbeit theoretisch, und somit nicht empirisch, untersuchen, inwieweit der Fuß-ballsport Jungen im Prozess der Adoleszenz sozialisieren kann. Dazu möchte ich literaturgestützt, durch Rückgriff auf die Geschichte des Fußballs bzw. des vormodernen Sports, Konzepte der Adoleszenz, Männlichkeit und Sozialisation zusammentragen, diese mit sportpädagogischen Entwürfen bzw. empirischen Untersuchungen zum Fußballsport zu einer theoretischen Modellierung vermengen, aus der ich Erkenntnisse über frühere/heutige Sozialisationsprozesse durch Sport/Fußball gewinnen, und diese auf heutige Erziehungswirklichkeit projizieren möchte. Dabei möchte ich mittels der hermeneutischen Methode den Sinn und die Grundphänomene von Erziehung und Bildung auslegen. Welchen Sinn kann man in der Geschichtlichkeit ausmachen? Dabei erhoffe ich mir durch mein bisher angehäuftes Vorverständnis aus der Pädagogik, und auch teils aus der Theologie, zu einem erweiterten Verständnis zu gelangen, sprich zu neuen Theorien und Erkenntnissen. Dies soll unter Hinzunahme durch das Wissen anderer Wissenschaftsdisziplinen wie der Sportwissenschaft und der Psychologie geschehen. Ich möchte dabei die linguistische und die historische Differenz überwinden. Durch weitere Reflexion und Interpretation möchte ich objektiv versuchen, pädagogisch (päd.) relevante Erkenntnisse für die Erziehungswirklichkeit zu erhalten. Ich möchte Argumente sachlich auf Antwortmöglichkeit überprüfen. In welchem Bedeutungszusammenhang steht dabei das zu Verstehende? Welchen Sinn macht ein Einzelelement in der Darstellung, und welches Ergebnis erhalte ich ich unter Verwendung weiterer Bedeutungen, also im Kontext der Fragestellung? Was erwarte ich mir nun von diesem Vorgehen? Ich erhoffe mir durch neue Feststellungen, mein pädagogisches Repertoire zu erweitern, damit ich in entsprechenden Situationen pädagogisch sinnvoll und sensibel handeln kann. Ich möchte durch Reflexion und Transfer vom Vorverständnis zum erweiterten Gegenstandverständnis gelangen. Ich bin mir darüber bewusst, dass dieses Vorgehen spekulativ, subjektiv und nicht valide ist. Zudem bin ich auf bereits Vorgegebenes verwiesen, ich muss es also reflektieren. Dieser Brisanz möchte ich entkommen, indem ich vorschlage, die theoretischen Ergebnisse durch eine empirische Folgeuntersuchung validieren zu lassen. Dies soll aber nicht Gegenstand dieser Untersuchung sein. Der Clou der Hermeneutik als der Lehre vom Ganzen liegt meines Erachtens darin, dass erst durch sie päd. Prozesse und Handlungen verständlich werden, weil sie sich auch an der Lebenswelt der Lernenden orientiert. Der entscheidende Vorteil gegenüber einer empirischen Untersuchung liegt darin, dass die Hermeneutik Prozesse begreiflich macht, da diese auf einer Metaebene liegen, vielleicht in der Vergangenheit, und somit nicht mehr empirisch untersuchbar/verifizierbar sind. Mittels der Hermeneutik lässt sich auf Basis des Verstandes/von Fakten Rekonstruktion/Neologismus betreiben. Dadurch lernt man den zwischenmenschlichen Verständigungsprozess verstehen, und kommt der äußerlichen Wirklichkeit sehr nahe
1
und kann sie letztendlich auch erklären. 1 2 Und genau dies trifft auf meine Fragestellung zu.
3. Abriss des geschichtlichen Hintergrunds des Sports
Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich, zum besseren Verständnis der Ausgangsfragestellung, auf die historische Entwicklung des Fußballs aus dem vormodernen Sport heraus eingehen. Dies soll nicht zu ausführlich geschehen, dennoch sollen wichtige Erkenntnisse über die Entstehung des Fußballs in England, dem Mutterland des Fußballs, und Deutschland, mitgenommen werden, die uns bei der Analyse der Fragestellung unter Hinzunahme der Aspekte der Sozialisation und der Adoleszenz schon jetzt Hinweise über früher intendierte pädagogische Absichten des Fußballs geben können.
3.1 Der Beginn des vormodernen Sports
Die Verbreitung des vormodernen Sports wird zumeist auf die Mitte des 19. Jahrhunderts datiert. Vormoderne Leibesübungen waren nicht Bestandteil der Arbeit und dienten auch nicht der Reproduktion. 3
3.1.1 Die vormoderne Gesellschaft und das Mittelalter
Schon im Mittelalter wurde gelaufen und gesprungen, man ging dem Stein- oder Stangenstoß nach. Man rang, oder focht. Auch Schießen, Tanzen und Volksspiele mit einem ballähnlichen Objekt fanden großen Nachhall. Leibesübungen wurden nach Ständen (Bauer, Ritter, Adel) differenziert, sie dienten der Wehrertüchtigung und dem Jagdzwecke. 4 Hier, so meine ich, lassen sich bereits erste Tendenzen erkennen, was der Fußball in Bezug zu meiner Fragestellung leisten kann. Mittels der Übungen wurden Fähigkeiten vermittelt, eine Einpassung des Subjekts in die Gesellschaft zu erzielen, von daher kommt dem Sport seit jeher ein Gesellschafts- bzw. Leistungscharakter zu. Auch Frauen beteiligten sich an allen Sportarten (Ringen, folk-football, Wettläufe). Die Sinnbezogenheit des Sports deutet auf eine nicht erfolgte Ausweitung der Gesellschaft hin, die vermutlich auf den Zustand des „ganzen Hauses“ zurückzuführen ist, als einer Konstellation von Haushalt und Arbeit. Im 19. Jh. entschied der soziale Stand, in welche Form der Leibesübung man hineingeboren wurde. Eine Verknüpfung zum Körper besaßen die Übungen noch nicht (vgl. heute: Fitnessbegriff), sie waren ein Fremdauftrag. Allerdings erfolgte nach und nach eine Ausdifferenzierung des Sports. 5
3.1.2 Die Verselbständigung des Sports
In der zweiten Hälfte des 19. Jh. wurde der Sport ein eigenständiges Funktionssystem, dies ist durch die Leistungssteigerung im Beruf erklärbar. Die Systeme Medizin (Untersuchung des Körpers), Ge-sundheit (Förderung des Gemeinwohls durch Institutionen) und Erziehung (Werkzeug zur Charakterbildung, Prägung wichtiger sozialer Fähigkeiten wie Selbstdisziplin, Kooperation, Konkurrenzfä- 1Vgl. http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTGEIST/, 28.02.2010, 00:17.
2 Vgl. http://www.erzwiss.uni-halle.de/gliederung/paed/allgew/material/ws05_06/Geist_Hermeneutik.pdf,
28.02.2010, 01:45.
3 Vgl. Müller, Marion, Fußball als Paradoxon der Moderne 26.
4 Vgl. ebd.
5 Vgl. a.a.O. 26-28.
2
higkeit, Empathie und Leistungsbereitschaft) bildeten sich heraus. Die Aufklärung des Menschen und dessen propagierte Vervollkommnung der Vernunft trug Ihres dazu bei. Ab sofort stand die Vermessung des Körpers und dessen Leistungsbetrachtung im Vordergrund (körperlich, geistlich). Durch Sport in der Schule sollten Aggressionen abgebaut, und Brutalität gemildert werden. Es kam zur Ideolisierung des Sports. Ich meine, hier ist ein guter Anhaltspunkt für meine Überlegungen aus dem Vorwort, inwiefern Fußball auf die Persönlichkeit einwirken kann. Kann Fußball wirklich fit fürs Leben machen? (vgl. Punkt 5 und 6). Zu einer Spaltung des Sports kam es infolge der Statusrivalität unter den Ständen (Vorstellung von einer verdient erworbenen Lebensführung). Schule bediente sich des Sports zum Zwecke der Formung neuer Führungsqualitäten. Durch eine politisch-religiöse Aufladung des Sports mittels des muskulären Christentums wollte man ein neues männliches Geschlecht schaffen (vernunftgelenkt, kraftvoll, gesunder Körper). Durch einheitliche Regeln sollte Sport vergleichbar werden. 6 Werner Schmidt spricht in diesem Zusammenhang von der Ausweitung eines Spannungsverhältnisses zwischen zwei Parteien, die immer wieder geändert worden seien, um eine Spannungsbalance zu halten. Zunächst wurde der Ball von Dorf zu Dorf gespielt, dann innerhalb komplexerer Bedingungen (Spielfeldabgrenzung, Regeln etc.). Dies hatte eine Umstellung der Techniken, Taktik (Zwang zu Kooperation in Angriff und Abwehr, zum Spielaufbau bzw. Verteidigung) zur Folge, und ist somit als ein höchst interaktionistischer (Gestik, Mimik, Kommunikation) und sozialer Vorgang zu betrachten. Er sagt, der große päd. Wert der Spielregeln liege in ihrer Veränderbarkeit (Größe des Spielfelds, Anzahl der Spieler, technische Regeln usw.). 7 Einheitliche Regeln begünstigten Wettkämpfe zwischen Schulen und Universitäten, so überwand der Sport schließlich lokale und nationale Grenzen. Sport wurde so zum öffentlichen Gedächtnis. Es bildeten sich Anfang des 20. Jh. erste Sportverbände, Ligastrukturen und Wettkämpfe, zunehmens grenzte er sich von gesellschaftlichen Sinnzusammenhängen ab. Schüler und Studenten trugen den Sport in alle Welt (Begünstigung auch durch Erfindung der Eisenbahn). Hier sehe ich die Möglichkeit, den Fuß-ballsport - wenn er denn regionale und nationale Grenzen überwindet - als eine Art Vermittler anzusehen, der dem Jugendlichen durch Reisen die Welt näher bringt, und ihn aus seinen „vier Wänden“ holt, als Kulturvermittler, wenn man so will. Diese Idee möchte ich jedoch im Kapitel „Aspekte des Fußballs“ näher ausführen. Nach den ersten Olympischen spielen 1896 differenzierte sich der Sport in Breiten- und Leistungssport, folglich kam es zur Professionalisierung der Sportlerrolle (Spezialtraining etc.), er wurde zum Beruf, von dem man ab sofort leben konnte. Ab sofort galt auch: Gleiche Bedingungen für alle (keine Schranken für die Unterschicht). Somit hat der Fußball eine Integrationsfunktion inne, sei es in ethnischer oder sozialer Hinsicht. Aber warum hat der Fußball Männer und Frauen bis heute separiert? Dies liegt in der geschlechtsspezifischen Trennung im Erziehungssystem begründet, es führte im 20. Jh. Mädchen an andere Sportarten heran, als die Jun-
6Vgl. a.a.O. 28-32.
7 Vgl. Schmidt, Werner, Sportspiele, Fußball, Spielen - Erleben - Verstehen 8.
3
gen. Frauen galten als weniger leistungsfähig, sie sollten eher elegant und stilvoll wirken. Auch psycho-soziale Dispositionen wurden zur Begründung herangezogen. Sie sollten doch bitte „gebären“. 8 Dieses Ordnungsmuster nach Geschlecht finden wir auch heute noch vor. Jungs spielen nicht mit Mädchen zusammen in einer Liga. Kann man in dieser Überlegung evtl. etwas für den Jungen fruchtbar machen? Diese Überlegung möchte ich weiteren Verlauf nochmals aufgreifen.
3.1.3 Die Erfindung der Geschlechterdifferenz
Bis zum 18. Jh. galt Geschlecht als genealogisch, es diente der Beschreibung von Gemeinsamkeiten, erst gegen Ende des Jahrhunderts bezog man sich auf die körperlichen Differenzen, jedoch waren die Begriffe Mann und Frau noch nicht säkularisiert. Nicht die Natur, sondern der soziale Kontext wurde zur Unterscheidung verwendet, und Geschlecht wurde zu einer universellen sozialen Teilungsdimension. 9 An dieser Stelle können wir konstatieren, dass die Vorstellung von Geschlecht sich durch die Jahrhunderte hindurch von einer sozialen Vorstellung in eine somatische transformiert hat, und von da an Frauen als das schwächere, Männer als das stärkere Wesen angesehen wurden. Man kann dieses Verhalten der damaligen Menschen ihrer Unwissenheit und Naivität ankreiden, denn die Erforschung des Körpers steckte noch in ihren Kinderschuhen. So wurden die Frauen in ihre z. T. noch bis heute festgefahrene rigide Geschlechterrolle gedrängt, während die Jungen und Männer eine andere Sozialisation erfuhren? Männer galten als mutig, tapfer, kraftvoll, für das öffentliche Leben bestimmt, vernünftig, abstrakt denkend. Frauen wurden hingegen die Prädikate Schwäche, Wankelmut, Emotionalität, Irrationalität, Bescheidenheit, Passivität, wenig konkurrenz-orientiert und Häuslichkeit auferlegt. Bis zum 19. Jh. hatten nur Jungen Zugang zum höheren Bildungswesen, die Erziehung der Mädchen blieb Familiensache. Mitte des 19. Jh. gelang man also von der Erkenntnis des „Ein-Leib-ein-Geschlecht-Modells“, zum „Zwei-Leiber-zwei-Geschlechter-Modell“. 10 Offensichtlich wurde die Tatsache, dass Frauen als ungeeignet für den Sport angesehen wurden, nicht weiter angezweifelt. Man begründete dies mit der Gefahr für die Gebährfähigkeit. Auch wenn die Frauen direkt ausgeschlossen wurden, kann dies nicht gerechtfertigt sein, denn auch der männliche Körper ist verletzbar, man kann dieser Idee lediglich zugute halten, dass sie dem Schutze der Frau galt. Mehr auch nicht. 11 Heute lernen die Jungen durch den Frauenfußball, dass diese ebenfalls einen starken Körper besitzen und die motorischen und geistigen Fähigkeiten, anspruchsvollen Fußball zu spielen. Ich denke, dass dies für mehr Respekt gegenüber den Frauen sorgt, der Junge lernt, anders als im Gegensatz zu früher, dass der Frau die gleiche Ehre gebührt wie auch ihm selbst, und dass Unterschiede im Geschlecht kein Ausschlussgrund sind, sondern einer, der Akzeptanz erfordert und zugleich Vorurteile abbaut, und damit zu einem besseren Verständnis des anderen Geschlechts führt. Von daher leistet Fußball einen enormen Beitrag zur Sozialisation
8 Vgl. Müller, Marion, Fußball als Paradoxon der Moderne 32-38.
9 Vgl. a.a.O. 54-55.
10 Vgl. a.a.O. 55-58.
11 Vgl. a.a.O. 38-39.
4
von Jungen und Mädchen untereinander, vor allem in der Adoleszenzphase (eine noch stärkere Wirkung kann meines Erachtens durch das gemeinsame Training mit- und gegeneinander erzielt werden). Somit lernen Jungen und Mädchen sich durch Fußball besser kennen.
3.1.4 Die Ausdifferenzierung des Sports in den deutschen Staaten
Auch in Deutschland forcierten die Systeme Medizin und Erziehung die Verbreitung des Sports. Es gab keine Konkurrenz zwischen Adel und Bürger, auch gab es nicht das Bild eines jagenden, liebenden, und spielenden Gentlemans, der preußische Offizier und Exerzitienmeister war im 18. Jh. das Maß aller Dinge. Leibesübungen waren eine ständisch-exklusive Vergesellschaftungsform. Das Turnen entwickelte sich heraus, und galt der patriotischen, nationalistischen Erziehung (Parole: „Gott, Vaterland, Freiheit, Ehre“). 1869 führte der Sportpädagoge Adolf Spieß Turnen an den Schulen ein, dienlich dem Gehorsam, Drill und der Disziplin, zur Bildung guter Untertanen mit guter körperlicher und militärischer Konstitution. Der Weg für Institutionen, die Körperbewegung anboten, war nun bereitet, ebenso wurden Sportvereine gegründet. Da Turner den Leistungscharakter missbilligten, wurde 1923 die Trennung zwischen Sport und Turnen verkündet. Turnen galt als genuindeutsch, Turner wollten der Körper der Nation werden, dieser war streng männlich stigmatisiert. Im Turnen kreuzten sich nationalistische Wahrnehmungs- und Handlungsschemata mit kulturellen Geschlechterstereotypen, welche sich im Turner selbst festsetzten. Doch ihre xenophobische, rassistische Haltung führte zu ihrem Untergang. 1933 erließen die Nationalsozialisten Arierparagraphen, neben Rasse und Nation agierte nun auch das Geschlecht zur Trennung des Sports, und Männer wurden favorisiert. Frauen durften noch nicht einmal zuschauen. Ein raufendes Mädchen galt somit ganz im Unterschied zum Jungen als unweiblich, und erschien körperlich als auch seelisch als impertinent. Ebenso sah man es als Irreleitung des Instinkts an, und der Ausschluss der Frauen errang vorerst universale Geltungskraft. 12 3.1.5 Entstehung des modernen Fußballs in England
1850 wandelte der Fußball sein Bild vom Volksspiel zum Sportspiel. In den public schools erzwang Fußball Charakterbildung und Disziplin ebenso, wie soziale Kontrolle. Schüler sollten die neuen Körperideale und die bürgerlichen Ideen der divergenten Geschlechtscharaktere aufnehmen. 13 „Vor allem wurde das Spiel aber als ein Mittel betrachtet, die Schüler im Sinne des bereits beschriebenen viktorianischen Männlichkeitskonzepts zu formen. Die enge Verbindung von Leib und Seele, von der man im 19. Jahrhundert ausging, legte es nahe, körperliche Ertüchtigung zugleich als Charakterbildung zu verstehen.“ 14 Hier klingen nun abermals Züge des Fußballs an, die, wie es scheint, tatsächlich etwas mit der Formung des Menschen zu tun haben. Dem möchte ich im Kapitel „Sozialisation/Adoleszenz“ näher nachgehen. Aus tradierten mündlichen Regeln schuf man verbindliche,
12 Vgl. Müller, Marion, Fußball als Paradoxon der Moderne 40-46.
13 Vgl. Müller, Marion, Fußball als Paradoxon der Moderne 61-67.
14 Brändle/Koller 2002,26, zit. nach: Müller, Marion, Fußball als Paradoxon der Moderne 62.
5
zugleich wurde das Rennen mit dem Ball in der Hand verboten. Es kristallisierten sich Rugby und Soccer heraus, Fußball bekam seinen Eigenweltcharakter, war praktisch auf sich selbst bezogen. Der arbeitsfreie Samstagnachmittag bereitete die für die Entwicklung des Fußballs so wichtige Freizeit. 1888 erhielt der Fußball durch die Gründung der Football League erste professionelle Züge. Ende des 19. Jh. ergaben sich sodann die ersten Weltverbände. Das hatte zur Folge, dass die Zuschauer damit begannen, den Fußball als Repräsentant ihrer Nationalität zu inkarnieren. Der Boom des Fußballs korrelierte in dieser zeit mit Idee des Nationalstaates. 15 Denn: „Der Fußball, genau wie jeder andere Mannschaftssport benötigt eine Identifikationsbasis für die konkurrenz- und wett-bewerbsorientierte Mannschaftsbildung.“ 16 Ich meine, dass der Fußball so einen nationalbildenden Charakter erhält, dieser kann Jugendlichen durchaus eine Orientierungs- und Wertebasis schaffen. Durch Fußball konnte für viele überhaupt erst die Nation einverleibt, gar gespürt werden. Damit hatte man etwas, an dem man sich sprichwörtlich festhalten konnte, etwas, das zu einem gehört, und auch zu anderen, und zu dem man selbst gehört, und das einem hilft, nicht verloren zu gehen. Durch Fußball wurde die Akzeptanz anderer Nationen gefördert. Bezogen auf heute kommt jedem Mann-schaftssport somit eine wichtige Eigenschaft zu, er löst nationale Grenzen auf und lässt Andersartigkeit hinein. Somit kommen Jugendliche schon früh mit vielen Nationalitäten in Kontakt, dies wehrt ein xenophobisches Verhalten ab, sorgt für Integration Fremder und stiftet Freundschaften und andere soziale Kontakte (Bekanntschaften). Er stärkt nicht nur nationale Linien, sondern symbolisiert sie und lädt sie moralisch auf. Die Mannschaft ist praktisch die Personifikation der Kultur eines Landes. Somit fördert Fußball die Ich-Identität von jungen Menschen. Mädchen wurde das Fußballspielen verweigert, aber nicht verboten, sie galten als zu schwach, Männer, als robust, mit Initiative, regem Kreislauf männlichem Edelmut und vitalem Geist, sie stellten den Gegenpol dar. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg spielten Frauen gegen Frauen, und Männer gegen Frauen, auch gab es gemischte Teams. 1970 hoben die UEFA und FIFA das 1921 erlassene Verbot für Frauen wieder auf. Gleichzeitig zog man aber die Geschlechtszugehörigkeit als Kriterium zur Trennung von Frauen und Männermannschaften heran. Damit wurde der Fußball segregiert, in Fußball und Frauenfußball. 17
3.1.6 Die Verbreitung und Entwicklung des Fußballs in Deutschland
Verbreitet von Engländern, suchten Gymnasiallehrer den Fußball als ein Erziehungsmittel gegen delinquente Jugendliche einzusetzen (um 1878). Prof. Konrad Koch wollte den Fußball als deutsch verwurzeln, jedoch mit Widerstand der Jungen, diese empfanden das Spielen mit dem Ball als kindisch, sahen es als unmännlich an, und schämten sich dafür. Erst durch die Einführung des Fußballs in unteren Jahrgängen erhielt der Fußball die gewünschte männliche Essenz. Man kann hier konsta- 15Vgl. Müller, Marion, Fußball als Paradoxon der Moderne 61-67.
16 Ebd. 67.
17 Vgl. a.a.O. 68-79.
6
tieren, dass Fußball also weder im Mittelalter, noch in der frühen Neuzeit, noch in der Moderne als typisch männlich galt, diese Eigenschaft des Fußballs nahm erst durch persönliche Absichten in der Erziehung Konturen an. Hauptvertreter des Fußballs waren Schüler, Studenten und Normalbürgerliche, ihr früh angelegtes Freizeitbewusstsein und der arbeitsfreie Sonntag führten zur Fußballeuphorie (Vereinsmützen) auch bei den Angestellten, sie konstruierten Hymnen und Gesänge. Durch die wilhelminische Gesellschaft der Jahrhundertwende wurde der Fußball militärisch aufgeladen („Angriff“, „Verteidigung“, „Flanke“, „Deckung“ usw.), zudem war er auch Teil der militärischen Ausbildung. Durch den Ersten Weltkrieg erfuhr der Fußball durch das Spielen an der Front und der Frauen zu Hause (ohne die Männer) weitere Verbreitung. Man berichtete, Mädchen fühlten sich auch in gemischten Mannschaften wohl beim Fußballspielen. 18 Jedoch wuchs die Kritik: „Soll das weibliche Geschlecht Fußball spielen? (…) wir wollen als Deutsche hiergegen nichts einwenden, denn es ist vielleicht eine Geschmackssache, die in der völkischen Eigenart begründet ist. Das Fußballspiel ist Männerspiel, und seine Spielweise bleibt für das Weib immer mit rohen Momenten durchsetzt (…) deutschen Mädchen nie zusagen wird.“ 19
„Sport ist Kampf (…) die Funktionen des männlichen Körpers entsprechen dem männlichen Charakter und stimmen mit der Forderung auf Kampf und Höchstleistung überein. (…) Der Mann kann im Kampf heldische Größe erreichen, das echte Weib nie, denn die weibliche Eigenart entbehrt des Kampfmomentes. Dadurch wird das Weib das ergänzende Wesen (…) Das Weib darf nicht zum sportlichen Wettkampf antreten.“ 20 Hier, so meine ich, war die Sozialisation von Jungen durch den Fußball demnach intendiert durch Kraft, Kampf und Heldengröße. Es wurde offensichtlich der Körper des Mannes herangezogen, dessen Eigenschaften man dann direkt auf seine Psyche projizierte. Man kann jedoch nicht davon ausgehen, dass ein muskulöser Mann auch stark im Kopf ist. Das ist eine ganz andere Frage. Es scheint so, als wurde der Frau aufgrund ihrer zarten Wesensart die Fähigkeit zum Fußballspielen aberkannt. Fußball erscheint hier als etwas, bei dem man zuerst noch überlegen musste, und, mit Blick auf den Körper und andere Länder feststellte, dass Fußball auf-grund seiner Kraft die er freisetzt, sowohl, physisch, als auch psychisch, etwas zutiefst Männliches sein musste. Die Jungen wuchsen unweigerlich mit diesem Gefühl auf und verinnerlichten es, was unbewusst dazu führte, dass Frauen und Mädchen als das schwächere Geschlecht angesehen wurden. Diese rigiden Vorstellungen findet man heute immer noch vor. Der DFB verbot Mitte der 50er Jahre den Frauenfußball, die Begründung lag in der Ästhetik, der Psyche und der körperlichen Konstitution. 1932 erhielten Spieler bereits festes Gehalt, 1963 wurde dann die Bundesliga gegründet. Zehn Jahre später wurde die Einkommensgrenze abgeschafft, der national und militärisch aufgeladene Fußballethos verlangte von den Spielern zuvor, als selbstlose Helden und nicht nur für Geld
18 Vgl. a.a.O. 79-82.
19 Huith, W., 1925: Soll das weibliche Geschlecht Fußball spielen?, zit. nach Müller, Marion, Fußball als Paradoxon
der Moderne 82.
20 Dawin-Herne, G.A. 1926: Start und Ziel 34f, zit. nach Müller, Marion, Fußball als Paradoxon der Moderne 82.
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fürs Vaterland zu kämpfen. Länderspiele und neue Trainingsmethoden folgten. Im Nationalsozialismus bildete die ethnische Zugehörigkeit die Grundbasis für Fußball, diese musste sich jedoch im Fortlauf der Geschichte der Vernunft der Menschen beugen. 21 In Bezug zur Charakterbildung möchte ich nun den Fokus der Untersuchung von der Geschichte in die Gegenwart schwenken, und mich der sozio-kulturellen Forschung widmen, und mich eingehend mit der männlichen Adoleszenz beschäftigen. Wie hat man den Prozess der Adoleszenz zu verstehen? Wie kann der Fußball dem Jungen in dieser Phase des Lebens eine Stütze sein? Ist vielleicht der Fußball der Trainer und Wegbereiter für unser Leben? Ich werde dabei versuchen, die Adoleszenz und den Fußball in Relation zu setzen, dabei will ich den Aspekt der Sozialisation nicht außer Acht lassen.
4. Adoleszenz und Pubertät
4.1 Definition
Die Begriffe Pubertät und Adoleszenz werden in der Wissenschaft, als auch im normalen Sprachgebrauch separiert. Die Pubertät findet in der Regel vom 12. bis zum 17. Lebensjahr statt (erster Samenerguss, Hoden- und Peniswachstum, Schambehaarung, Bartwuchs, Stimmbruch, Längenwachstum des Körpers etc.). 22 Die Adoleszenzphase findet ineinander- und übergreifend zur Pubertät vom 12. bis zum 20. Lebensjahr statt. 23 Oft liest man auch in anderer Literatur bis zum 24. Lebensjahr. Pubertät und Adoleszenz vollziehen sich nicht von selbst, sondern sie sind als ein aktiver Vorgang zu verstehen. Jungen überstehen dieses Phase sehr eigens, sie entwickeln dabei neue Rollenmuster, Lebensfelder und Lebensentwürfe. Dabei leidet jeder Junge unter anderen Symptomen, die sich in starken Stimmungsschwankungen, Schwankungen zwischen sehr aktivem und sehr passivem Verhalten äußern, auch versuchen sie die Phase durch Abgrenzungen und Provokationen gegenüber den Erwachsenen zu überstehen, sowie auch diese in Frage zu stellen. 24 Die Adoleszenz stellt den Zeitraum von der Jugend bis hin zum Erwachsenenalter dar. Diese Phase ist durch psychische und soziale Einschnitte geprägt, die die biologischen Veränderungen der Pubertät freisetzen und durch sie hervortreten. Körperlich wird dabei die Loslösung von der Kindheit attestiert, gleichzeitig baut der Jugendliche durch soziale und kulturelle Beeinflussung eine Geschlechtsidentität auf. Dadurch ergeben sich neue Aktions- und Gestaltungsräume. 25 Die Adoleszenz ist zudem gekennzeichnet von emotionalen Schwankungen (kraftvolle, aggressive Empfindungen), zusammenfallend mit verstörenden und beunruhigenden Gefühlen aufgrund des zunehmenden Erlebens von Geschlechtlichkeit. Männliche Jugendliche erlangen neue Kräfte, sind ständig auf der Suche nach sich selbst, und erproben dabei ihre Eigenständigkeit. Der junge Mensch wird konfrontiert mit neuen Anforderungen, der Loslösung vom Elternhaus, gleichzeitig gilt es, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Dabei
21 Vgl. Müller, Marion, Fußball als Paradoxon der Moderne 82-92.
22 Vgl. Sickinger, Harald, Pubertät und Adoleszenz aus jungenpädagogischer Sicht 1-5.
23 Vgl. http://www.stangl.eu/psychologie/definition/Adoleszenz.shtml, 09.02.2010, 00:15.
24 Vgl. Sickinger, Harald, Pubertät und Adoleszenz aus jungenpädagogischer Sicht 1-5.
25 Vgl. Jegge, Gabriela, Pubertät immer früher!? - Jugendsexualität und psychosexuelle Entwicklung heute 1-9.
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müssen sie ihre Beziehungen zur Familie neu festlegen. Die Neurowissenschaft lehrt uns, dass sich in der Adoleszenz neue Gehirnstrukturen bilden, diese neuen Neuronenverknüpfungen attestieren die Subjektwerdung nicht nur emotional. In dieser Zeit der körperlichen und psychischen Entwicklung können schwere psychische Erkrankungen auftreten. 26 In der Adoleszenz sieht der Junge sich vermehrt mit Änderungen in der Selbstwahrnehmung und der Gestaltung seiner Beziehungen zur Umwelt ausgesetzt. 27 Dabei ist er besonders empfänglich für identitätsstiftende soziale Botschaften, die eine persönliche Veränderung hervorrufen. Dabei verspüren sie ständig den Zwang, sich an die Öffentlichkeit anzupassen. Dieser soziale Druck lastet heute aufgrund der Pluralität der Lebensstile mehr denn früher auf den Jugendlichen. Dabei kollidieren tradierte Wertvorstellungen mit neuen. Besonders bei Männern äußert sich dies im Beitritt zu Jugendbanden, Jugendkriminalität und Suchtverhalten. Das kann im späteren Leben dann zu Problemen in der Partnerschaft, der eigenen Aggressionskontrolle, als auch zu anderen intrapersonellen und sexuellen Verkrampfungen führen. Weitere Anzeichen, dass junge Menschen sich noch in der Adoleszenz befinden sind: Unreflektierte, unkanalisierte Profilierungsbedürfnisse, Dominanzkämpfe und Hierarchiebildungen. 28 Lassen wir obige Erkenntnisse der A. 29 revue passieren, so ergeben sich für den Fußball interessante Dimensionen in Bezug zur A. Der Jugendliche lernt durch den Kontakt mit Gleichaltrigen in der Fußballmannschaft, dass er sich für seine Veränderungen am Körper nicht schämen muss. Anderen geht es genauso (man sieht beim gemeinsamen Duschen nach dem Spiel, dass andere von körperlichen Veränderungen auch betroffen sind). Somit baut Fußball Hemmungen ab, seinen „halbfertigen“ Körper öffentlich zu zeigen, wodurch man einen positiven Bezug zu seinem Körper bekommt, und damit Körper und das Ich Eins werden können, was in hohem Maße zum Selbstfindungsprozess beisteuert. Gerade auch das Vertrauen in die Mannschaft (Mannschaftsgeist) und durch die Mannschaft lässt diese Grenzen fallen. Die Fußballfreunde fangen einen auf, hören auch mal zu, ganz vielleicht im Gegensatz zum Elternhaus. Vor allem der Kontakt mit Gleichaltrigen lässt Angstgefühle/Probleme verschwinden. Man fühlt sich sicher, verstanden. Durch intime Gespräche oder „Jungsabende“ bekommt man einen geschärften Sinn für die eigentliche Geschlechtsidentität, und fängt vermehrt damit an, sich für das andere Geschlecht zu interessieren. Man kann seine Probleme offen kund tun, tauscht Erfahrungen aus, ohne es den Eltern erzählen zu müssen, „die einen eh mal wieder nicht verstehen würden“. Dadurch, dass die Jugendlichen im Verein oder auch in privaten Fußballaktivitäten Aggressionen abbauen können (hartes Training, Konditionstraining), und gleichzeitig durch Abstimmungen im Spielablauf und durch Gespräche in der Kabine ihr Kommunikationsvermögen gestärkt wird (denn in einem Fußballspiel muss man sich untereinander
26 Vgl. Schaub, Christian, Männliche Jugendliche auf der Gratwanderung der Adoleszenz 26-28.
27 Vgl. http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/JUGENDALTER/Adoleszenz-Erwachsen.shtml, 08.02.2010, 20:05.
28 Vgl. Schlaffer, Edit, Frauen sind heute schon ganz anders. Mädchen auch? Männer sind immer (noch) gleich.
Jungen auch?.
29 A. = Adoleszenz.
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absprechen), so wird dadurch die Wahrscheinlichkeit vermindert, dass Jugendliche Zugang zu Ju-gendbanden und Kriminalität finden. Denn ihre Energie haben sie bereits auf dem Fußballplatz „verschossen“, und Freunde zum sozialen Austausch haben sie auch. Für kriminelle Gedanken bleibt dann kaum noch Energie übrig, außer dass sie nach dem Training noch eine gesellige Runde abhalten und abends mit einem guten Gefühl ins „Bett fallen“. Der Fußball gibt einem also Halt, er ist Anlaufstelle für Probleme und Ort des Ausprobierens im Hinblick auf den eigenen Körper (Fallrückzieher, Zweikampf etc.), ich erfahre also, wie weit ich mit meinem Körper gehen kann. Auch dient der Fußball mit seinen großen Idolen als Identifikationsbasis von Werten und Vorstellungen. Das bedeutet, der Jugendliche hat ein Ziel fest im Blick, er hat ein Vorbild, dies hält ihn auf der geraden Spur und verleiht ihm eine gewisse Stabilität in einer sensiblen Lebensphase. Die angerissene Jugendbande möchte ich nun näher betrachten, was bedeutet sie für den Jungen?
4.1.1 Gemeinschaft und Jugendkulturen
Jugendbewegungen des 20. Jh. (Wandern, Halbstarkenbewegung, Studentenbewegung usw.) entwickelten neue, eigene Stile und Gesellungsformen. Auch autonome Gruppen, wie die wilden Cliquen, entstanden. Kritisiert wurden u. a. Bildung und Gesellschaft. Heute spricht man von einer Pluralisierung der Jugendbewegung. Es haben sich Szenen gebildet, wie religiös-spirituelle, körper- u. ac-tion-orientierte, dazu Graffiti, Skater etc. Sie sind in sich kohärent und besitzen kulturelle Elemente, mit denen man sich identifiziert, dies folgt aus der Individualisierung der Gesellschaft und der generativen Pubertät. Die peers (Gleichaltrige) kann man als Kennzeichen dafür werten. Bislang wurden Kinder durch Pubertätsrituale ins Erwachsenenleben geholt. Heute müssen die Kids es selbst leisten (in peers). 30 Jungen bevorzugen Action und Abenteuer, für sie spielen gemeinsame Freizeitinteressen eine große Rolle (Handlungsorientierung). Jungen stellen meistens die Macher und Akteure. Ihren Rückhalt finden die Jungen bei Gleichaltrigen. Die Fußballfreunde können dafür dienen, Interaktionsfähigkeit mit dem anderen Geschlecht zu testen, Anerkennung und Zuwendung zu ergründen oder Triebabfuhr und Zärtlichkeit zu erleben. Der Drang zu den peers ist teils gefühlsmäßig, teils unbewusst geprägt. Jungen assimilieren teils auch Eigenschaften eines verehrten Objektes, in den peers erleben sie ihr Hochgefühl (Wir-Gefühl). Die Verweildauer in Cliquen hat sich stark geändert. Mehrfache Zugehörigkeiten und Ablösungen sind zu verzeichnen. Alte Rollenteilungen findet man trotz der „Szenen“ dennoch vor. Denn die Idee „Männlichkeit“ stiftet zugleich männliche Identität, gerade in Zeiten der schnellen Globalisierung. 31
„Der besondere Drang der Männer in die Außenwelt hat jedoch auch mit körperlichen Geschlechtsfunktionen und mit einer Unterrepräsentanz von Männern in der kindlichen Sozialisation zu tun.“ 32 Gemeint ist der Angstkomplex (der Mann kann die Erektion seines Gliedes nicht immer
30 Vgl. Schröder, Achim, Gemeinschaften, Jugendkulturen, und männliche Adoleszenz 287-290.
31 Vgl. a.a.O. 290-295.
32 Schröder, Achim, Gemeinschaften, Jugendkulturen, und männliche Adoleszenz 297.
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steuern) und das Versagen beim Sex als Niederlage, was den Männern in hohem Maße den Zugang zu ihrem Innenraum verwehrt. Das Funktionieren steht daher im Mittelpunkt ihres Denkens, daraus resultiert, dass bei Männern der Grundantrieb der Selbstbehauptung (Aggression) signifikant mit dem psychosexuellen Debakel korreliert. Szenen sind die Sprachrohre für Gefühle (Heavy Metal: harte, starke Musik, Narben, Leder, schwarze Kleidung, Trinken, stage diving etc.). Frauen werden am liebsten ausgeschlossen und abgewertet, denn die können bekanntlich Gefühle zeigen, außerdem ist man sonst in seinem Verhalten gebremst. Jugendkulturen werden emotional besetzt, denn sie ermöglichen Bindungen, zugleich reproduzieren sie (un)bewusst Männerbilder. Peers werden zur Ersatzfamilie. Techno- und Rave-Szenen stigmatisieren hingegen eine Art „neue Jungs“, sie tanzen und zeigen Gefühle, das Weibliche wird positiviert. 33 Für die Erziehungswirklichkeit bedeutet dies, „Brücken zu schlagen zwischen den frei floatenden und phantasiedurchsetzten Erfahrungsräumen der Jugendkulturen und der Arbeitsrealität sowie der Beziehungsrealität außerhalb des jugendkulturellen Sektors.“ 34 Nach diesem Einblick in die Jugendkulturen möchte im weiteren Ablauf die körperliche und sozial-emotionale Entwicklung betrachten, um hier einen besseren Einblick in die innere und äußere Lebenswelt der Jugendlichen zu bekommen.
4.2 Körperliche und sozial-emotionale Entwicklung
Zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr setzt ein enormer Wachstumsschub ein. Gewicht und Größe nehmen stark zu, ein Wachstum von jährlich zehn Zentimetern ist nicht selten. Auch wachsen Körperteile nicht immer gleich schnell, sodass der Körper auch mal etwas unförmig wirken kann. Die harmonische Größe stellt sich dann von selbst zum Ende der Wachstumsphase ein. Haare beginnen im Genitalbereich, dem Gesicht und unter den Achseln zu wachsen, die Hoden wachsen unterdessen in den Hodensack (Skrotum). Auch der erste Samenerguss wird sich alsbald ergeben. Die Pubertät kann aus verschiedenen Gründen verfrüht oder verspätet einsetzen. Gründe dafür sind zum Einen die Gene. Hier spielt die Vererbung des Metronoms eine große Rolle. Auch Umwelteinflüsse beeinflussen die Geschlechtsreife, z. B. verlangsamen eine geringe Nahrungsaufnahme, permanenter Stress und Kindesmisshandlung die körperliche und seelische Reife. Das Hormon Neurokinin B wird vom Gehirn als dem zentralen Steuerungsmechanismus ausgeschüttet, es sorgt dafür, dass unterschiedliche Hormone kaskadenartig ausgeschüttet werden, woraufhin die Geschlechtsreife einsetzt. Die Hoden produzieren Androgene und Testosteron, dies führt dann zur Bildung von Spermien beim Jungen. 35 Aufgrund der starken äußeren Veränderung treibt dies den Jugendlichen dazu, sich stark für sein Aussehen zu interessieren. Ab sofort spielen Hautprobleme und das Gewicht eine wichtige Rolle in ihrem „neuen“ Leben. In der A. wird verstärkt die Nähe zu den peers gesucht. Man möchte sich von den Eltern losmachen, alleine entscheiden und unabhängig werden. Die Peers
33 Vgl. a.a.O. 297-303.
34 Schröder, Achim, Gemeinschaften, Jugendkulturen, und männliche Adoleszenz 303.
35 Vgl. http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/JUGENDALTER/Adoleszenz-Erwachsen.shtml, 08.02.2010, 20:05.
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sind in dieser Phase die idealen Menschen für die Jugendlichen, denn „man versteht sich“ unterein-ander. Sie können einem bei Problemen besser helfen und geben realitätsnahe und ernst gemeinte Ratschläge. Durch den hierdurch hervortretenden Verhaltens- und Gefühlsvergleich findet das Erlernen von sozialen Fertigkeiten wie Freundschaften statt. Auf dieses Thema möchte ich im Verlauf dieser Arbeit aber noch genauer eingehen (Kapitel 6). Denn Freundschaft schenkt Vertrauen, das man daheim nicht immer bekommt, und bildet die Grundlage für intime Gespräche. Lag noch in der frühen Kindheit die Beobachtung beim besten Freund, so nimmt in der A. das Interesse am anderen Geschlecht vermehrt zu, und „Doktorspiele“ dienen dem spielerischen Erforschen. Auf diese Weise sammeln sie Erfahrung. Man nimmt heute an, dass die meisten Jugendlichen einen heterosexuellen Kontakt vor dem 15. Lebensjahr hatten. Erst gegen Mitte/Ende der A. ergibt sich in sexueller Hinsicht dann eine gewisse Reife, wenn man gelernt hat, auf den Partner einzugehen. Wobei hier die Aktivität und der Zeitpunkt der Sexualität stark durch die Peer-Gruppe und die familiäre Prägung gekennzeichnet ist. Wobei Gruppenzwang eine frühere sexuelle Aktivität zur Folge hätte. Bei einem Gespräch mit dem Vater ist ebenfalls eine frühere sexuelle Aktivität verzeichnet worden. 36
4.2.1 Pubertät - Körper - Vielfalt
Entscheidend für das Selbstbild des Jungen ist, wie er selbst die körperlichen Veränderungen erlebt, sowie auch das soziale Umfeld. Der Zeitpunkt des Beginns der körperlichen Reifung (Frühentwickler, Spätentwickler) hat für das Selbstbild und das Handeln des Jungen große Bedeutung, dies bedeutet für den Pädagogen, dass er sehr differenziert die körperlichen Veränderungen zu verzeichnen hat. Bedeutsam in diesem Zusammenhang ist vor allem die frühere körperliche Reifung der Mädchen und auch die große Varianz der Entwicklungen in der Gleichaltrigengruppe. Dies alles bewirkt eine Vielfalt des Jungeseins, die es zu berücksichtigen gilt. Diese Vielfalt wird ergänzt durch die Bildung des geschlechtsbezogenen Selbstbildes. Wie sehen sie sich als Mann, und sehen sie sich überhaupt als Solcher? Dies ist wiederum davon abhängig, wie sie von anderen gesehen werden, und wie sie experimentieren und sich orientieren. 37 4.2.1.1 Jungen machen ihre Adoleszenz
Wie obig schon beschrieben verläuft die A. nicht passiv (Jungen experimentieren), sondern sie wird „gemacht“, durch seelische Reifung, das soziale Umfeld, spielerisches Erforschen), es findet sozusagen „doing gender“ und „doing adolescence“ statt. Jeder Junge schafft sich seine Männlichkeit, seinen Körper, sein Geschlecht, dies findet in jeweiligen Situationen mit sozialem Material, das sie bereitgestellt bekommen, statt. 38 Erwachsensein ist heute vorerst unattraktiv aus Sicht der Jungen, gar wird Männlichkeit in Frage gestellt. Langsam werden alte „Männerbilder“ demaskiert und es wird Kritik an der Medialisierung geübt. Dennoch werden Teile der alten Bilder aufgenommen, um
36 Ebd.
37 Vgl. Sickinger, Harald, Pubertät und Adoleszenz aus jungenpädagogischer Sicht 1-5.
38 Vgl. Winter, Reinhard / Neubauer, Gunter, Körper, Männlichkeit und Sexualität 207-208.
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Integration in den peers zu finden. Die Frage nach einer neuen Vorstellung bleibt hingegen offen. Jungen fehlt es oft an Imagination vom Mannsein. Man(n) will doch einfach nur normal sein, aber wenn der Junge das nicht ist, ist er gleich unglaubwürdig, weil er nicht das ist, was von ihm erwartet wird, und weil er nicht das ist, was er sein will, weil er es nicht sein kann. Der Prozess der Normalisierung pendelt sich in der Regel bei ca. 20 Jahren ein. Große Teile ihrer Moral wird von den Erwachsenen übernommen (über alles Sexuelle kann man reden etc.). Es gibt Verbote und Vorschriften über Sexualität, Jungen arbeiten die Traditionsmoral in ihre eigene seriöse Moral um. Ihr Moralkodex setzt sich aus kommerziell vermittelten Leistungsstandards und den kritischen Themen männlicher Sexualität aus dem letzten Jahrzehnt zusammen. Erkennbar wird heute eine verbesserte Moral, gleichzeitig zeichnen ihre Äußerungen ein Bild davon, was sie alles nicht machen sollen. Eine Positivierung zu ihrer Sexualität ist kaum erkennbar. Bei ihrer Adoleszenzbewältigung lösen sich Jungen von der älteren Generation, dies findet ihren Ausdruck in unbedingter Verantwortlichkeit, zieht damit aber auch ein personenbezogenes Krisenmanagement nach sich. Beim doing adolescence stehen Jungen immer zwischen Anpassungsdruck und Selbstbehauptung (wer nicht raucht gehört nicht zur Gruppe). Die A. findet in einer Pluralisierung vieler Aneignungsräume statt (Medien, Familie, Schule, Freunde, Jugendarbeit, Arbeit usw.). Der Pädagogik/Familie kommt die Pflicht zu, individuelle Defizite in der A. auszumachen, diese sind auszubessern durch entsprechende Unterstützungs- und Beziehungsangebote. Man sollte Jungen Experimente mit Körper, Sex und Männlichkeit ermöglichen, sie unterstützen, jedoch ohne Penetranz. 39 Wir sollten das Einmalige dieser Phase erkennen und anerkennen, damit wir die Jungen besser verstehen/wahrnehmen können. Da bereits angeklungen war, dass in der A. der Junge einer ständigen inneren Wandlung unterliegt, möchte ich hier anschließen, und den Begriff der Identitätsentwicklung näher untersuchen. Hier klingt nun die Frage aus dem Vorwort bzw. aus dem Kapitel Geschichte wieder auf, inwiefern Fußball dem Jungen der Identitätsfindung dienlich sein kann. Macht der Fußball fit fürs Leben?
4.3 Identität in der Adoleszenz
4.3.1 Adoleszente Entwicklungsprozesse / Destruktivität
Auf dem Weg zu seiner „zweiten Identität“ wird durch Annahme und Verwerfen verschiedener infantiler Zugehörigkeiten nach und nach eine konfliktfreie Identität konstruiert. Neue sexuelle Triebenergien lockern unbewusste präödipale und ödipale Phantasien. Der Wiederholungszwang lässt alte traumatische Erfahrungen ausbrechen. Durch die muskulöse Entwicklung tritt zudem die Möglichkeit hervor, den Körper zur Ausübung von Gewalt und Aggressionen zu nutzen. Nicht nur durch den Körper, auch durch die Genitalien werden ödipal-libidinös und aggressiv-destruktive Wünsche laut. Eine erfolgreiche A. ist eine schmale Gratwanderung. In seiner jetzt erhaltenen Sexualität muss der Junge inzestuöse Wünsche negieren, damit die Sexualität zu anderen Liebesobjekten lustvoll er-
39Vgl. a.a.O. 208-225.
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fahrbar wird. Es gilt, Elternbilder zu deidealisieren, nicht aber zu „verbrennen“. Die adoleszente Psyche zeigt sich indes orakelhaft, sie hat eine progressive entwicklungsfördernde und stabilisierende Funktion, daneben auch eine negative, die Entwicklung stagnierende Funktion. Die A. äußert sich zumeist immer beidseitig, weshalb sie einen Gefährdungscharakter offenbart, dies gilt sowohl für den Narzissmus, und ebenso für die Gruppenbildung. 40 Wie genau die Identität gebildet wird, möchte ich in den folgenden Punkten darlegen.
4.3.2 Identität als ein psychoanalytisches Entwicklungskonzept
Identität ist nicht etwas qualitativ Festes, d. h., sie ist eine nie fertige psychische Konstruktion, die aus reflexiven Vergleichsprozessen ersteht. Dabei wird das Selbst mit sozialen Rollen, Handlungen, Gefühlen, erzählten Geschichten und Träumen verglichen. Man kann auch sagen, Identität ist ein post-kreativer Akt, der durch äußere reale oder innere Handlungen beeinflusst wird. Der Junge befindet sich sozusagen in einem intermediären Raum, in dem er die Schaffung einer Balance zwischen äußeren Erwartungen, gesellschaftlichem Rollenverhalten, sowie der inneren Wirklichkeit, den Identifizierungen, Ergebnissen unbewusster Phantasien und idiosynkratischen Wünschen schaffen muss. Dabei ist das Identitätsgefühl eng mit der Identitätsarbeit verflochten, es ist deren Ergebnis, aber auch Regulationsmechanismus für die ganzheitliche Entwicklung. Von daher ist Identität kein festes Bewusstsein, sondern Mittel der Relation zum „Ich“ und seinen Objekten. 41 Der Mensch kann sich bei der Identitätskonstruktion als Baumeister selbst vom Subjekt ins Objekt verwandeln. Diese Fähigkeit ist durch die Leiblichkeit überwindbar, weil Leiblichkeit die Form ist, in der Selbstreflexivität den Körper durchdringt. Sozialität zeigt, dass Beziehung nur über Leiblichkeit möglich ist, und z. B. Liebe nur so erfahrbar wird. 42 Man kann auch sagen, Identität ist ein metakognitiver Vorgang, der auf einer höheren Ebene bewusst vollzogen wird. Der Vergleich geschieht entweder real-sozial oder rein mental. Ging E. H. Erikson noch von einer epigenetischen Identitätsentwicklung aus, die zum Ende der A. abgeschlossen ist, so muss man heute feststellen, dass Identität für jeden etwas Unaufhörliches ist (Eriksons Identitätsvorstellung wird später noch eingehender behandelt). Jedoch verkennt Erikson nicht gänzlich die dynamische Identität, wenn er von ihr als einer „wechselseitigen Beziehung“ spricht, also von interaktiven Prozessen. 43
4.3.3 Interaktive Prozesse
Identität finden heißt, mit ihr zu experimentieren, den eigenen Körper mit anderen zu vergleichen. Der Findungsprozess verläuft interaktiv, in Wechselwirkung mit dem sozialen Umfeld. Die Personen darin liefern dem Jungen Orientierung, bieten Gestaltungsräume (oder auch nicht), sie öffnen
40 Bohleber, Werner, Adoleszenz, Identität und Trauma. In: Streek-Fischer, Annette (Hrsg.), Adoleszenz, Bindung,
Destruktivität 229-230.
41 Vgl. a.a.O. 230-231.
42 Vgl. Berg, Manuel, Verantwortung für das menschliche Leben, Grundfragen der Bioethik Punkt 4.
43 Bohleber, Werner, Adoleszenz, Identität und Trauma. In: Streek-Fischer, Annette (Hrsg.), Adoleszenz, Bindung,
Destruktivität 231.
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oder verschließen die Tür zum Erwachsenwerden. Dabei müssen die Personen ihr Verhältnis zum Jugendlichen selbst immer wieder neu bestimmen. Der Sprung vom Kindsein zum Erwachsenen wird von der Umgebungskultur und den gesellschaftlichen Bedingungen geformt. 44 Dies führt uns zum folgenden Punkt des Erwachsenenstatus'. 4.3.3.1 Erwachsenenstatus
Körperliche Reife und Erwachsenenstatus sind in modernen Gesellschaften nicht miteinander verzahnt. Seine sozioökonomische Unabhängigkeit erreicht der Junge erst, wenn sie schon länger über den Habitus des Mannes verfügt (mehr dazu später im Kapitel Sozialisation). In der Zwischenphase oszilliert seine Identität zwischen Mann- und Jungesein. Der Bedarf nach erwachsenen Lösungen nimmt zu, der Zugang bleibt vom sozialen Umfeld aber häufig verwehrt, weshalb manche Personen in einem spannungsgeladen Stadium verbleiben. Das hat zur Folge, dass persönliche Reifungsprozesse, wie die Zunahme von Bewusstheit und Individualität, die Möglichkeit des Sich-Entscheidens, die Selbständigkeit, das Ausbalancieren individueller Wünsche und äußerer Realität andererseits, versperrt werden. Von daher kommt der Pädagogik die Aufgabe zu, den Jungen Experimente zu ermöglichen, neue Optionen zu eröffnen, vorhandene Optionen offen zu halten, und sie beim Überwinden neuer Entwicklungsaufgaben zu unterstützen, ohne dabei zudringlich zu werden. 45 Wie junge Menschen Realität verarbeiten, möchte ich nachfolgend klären (vgl. auch Kapitel 5.).
4.3.4 Innere und äußere Realität
Neue Zustände der Angst, sexueller Erregung, körperlicher Empfindung und des eigenen Ichs über-fordern das Selbst enorm. Durch die vielfachen Einflüsse werden die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt durchlässig, was als „psychic space“ beschrieben wird. Auch Teile der Außenwelt, die der Junge für die Restrukturierung seines Ichs benötigt, werden durch diesen Raum erfasst. Dies kann er nicht nur mittels Rückgriff auf innere Einsichten, sondern er benötigt äußere Objekte zur Selbsterfahrung, Handlung und Anerkennung. Aus diesem Grund haben sexuelle Erfahrungen rein narzisstischen Charakter, denn sie dienen der Selbstvergewisserung. Objekte dienen nicht als Spiegel der reflektiert, sondern sie erzeugen neue Korrekturmöglichkeiten für innere Bilder, sind also mehr als ein Generator von Realität zu betrachten. Die äußere Realität hat für den Jungen eine affirmative Wirkung, denn sie lässt ihn nicht im Dunkeln stehen. Er kann sich durch sie weiterentwickeln. Laut Erikson ist die Identität das Realitätsgefühl des Selbst. 46 War in Punkt 4.3.2 bereits von der Selbstreflexivität in der Identitätsarbeit die Rede, so möchte ich diesen Punkt nun mit Blick auf die Identität und die soeben angeschnittene Realität näher betrachten (vgl. auch Punkt 5.3).
4.3.5 Selbstreflexion in der Adoleszenz
Identität bedeutet Transformation des Ich. Selbstreflexion ist dabei die Vorstufe, um mit sich selbst
44 Vgl. Sickinger, Harald, Pubertät und Adoleszenz aus jungenpädagogischer Sicht 1-5.
45 Vgl. ebd.
46 Vgl. Bohleber, Werner, Adoleszenz, Identität und Trauma. In: Streek-Fischer, Annette (Hrsg.), Adoleszenz, Bindung,
Destruktivität 231-232.
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eins zu sein, sprich reif und seelisch ausgeglichen zu sein. Bei der seelischen Transformation bildet man eine intensive Bewusstheit des Selbst aus. Der Alltag bricht plötzlich auf, nichts ist wie es war. Der Adoleszent oszilliert dabei zwischen Größenphantasien und panikartiger Einsamkeit. Er versucht sein Ich unter Autonomiegedanken zu reorganisieren, dabei wird ihm eine mangelhafte Selbst- und Objekt-Differenzierung bescheinigt. Er lernt formallogisch zu denken, dadurch kann er abstrahieren, sich von außen sehen. Hypothese und Imagination lassen ihn Religion begreifen, wodurch er sein Identitätsspektrum erweitert. Er lernt, seine Vergangenheit mental zu untersuchen, auch arbeitet er Kindheitserinnerungen um und bewertet sie neu. 47 Obig angesprochene Größenphantasien und Autonomiegedanken sind nicht zuletzt das Ergebnis des sogenannten Narzissmus.
4.3.6 Narzissmus in der Adoleszenz
Narzissmus, also übersteigerte Selbstliebe, als auch Größenphantasien, entwickeln sich als Brückenfunktion bei der Loslösung von den Eltern, diese stellten bislang eine Art Hilfs-Ich dar. Die Brücke ist dann erschlossen, wenn das Selbstwertgefühl durch reale Gratifikationen und Bindungen stärkere Konturen annimmt. Sogesehen kommen der Objektsuche und den Einbindungen eine anti-narzisstische Bedeutung zu. Tagträume werden somit abgelegt. Gelingt keine Loslösung (auch nicht vom Ödipus-Komplex), fixiert der Junge sich kompensatorisch auf seine Tagträume. Insbesondere ist dies der Fall, wenn das Selbst durch Gewalt (Trauma) fragil geworden ist und schließlich in einem psychopathologischen Krankheitsbild mündet, das ein pathologisches Größenselbst zu Tage treten lässt, welches reale Bestätigung blockiert, und zunehmens von archaisch-destruktiven Affekten gelenkt wird. Medien wie das Internet werden zur Traumwelt, woraufhin es durch eine Re-Narzissisierung vermehrt zum Todeswunsch kommen kann. Bereits mit Einsetzen der Pubertät wird die freiwillige Selbstzerstörung heraufbeschworen. 48 Welche Folgen das Trauma aber für die Identitätsentwicklung im Eigentlichen hat, das möchte ich im Folgenden klären.
4.3.7 Trauma und Identität
Ein infantiles Trauma (Trennung, körperliche Erkrankung, Missbrauch etc.) kann unterschiedliche Folgen für die A. bedeuten, es kann zu einem hyperarousal (Angst, Beklemmung und Schreckhaftigkeit zusammen mit körperlichen Symptomen) des Organismus führen, weiterhin treten emotionale Taubheit, Vermeidungsstrategien und eine Konstriktion kognitiver und affektiver Fähigkeiten auf. Bei jedem Trauma muss man die Ganzheit, sprich die Umweltkonstellation einbeziehen, in der sich Traumata vollziehen. Auch unbewusstes Erleben und die Rolle des Ichs sind von Bedeutung. Protektive/vulnerable Variablen können für die Heilung/Fixierung oder Verschlimmerung psychischer Folgen sorgen. 49 Folglich widme ich mich diesen psychischen Folgen. 4.3.7.1 Zerstörung des Urvertrauens
47 Vgl. a.a.O. 232-233.
48 Vgl. a.a.O. 233-234.
49 Vgl. a.a.O. 234-235.
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Manuel Berg, 2010, Jungen und Adoleszenz - Eine Untersuchung zur Sozialisation von Jungen im Fußballsport, München, GRIN Verlag GmbH
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