Einleitung
„In den zeitgenössischen Besprechungen des Berlin Alexanderplatz gingen nur wenige Rezensenten auf die mythologische Komponente des Romans ein.“ 1 Doch besonders dieser interpretatorische Aspekt ist von großer Bedeutung für die Aussage, die Alfred Döblin mit seinem Werk treffen möchte. Döblin hatte schon immer eine Neigung zum Mythischen, wie Thomas Mann feststellte. Diese bekam ihren festen Stand aber erst in seinem Roman Berlin Alexanderplatz. 2
Mit der Einbettung des Mythischen in seinem Roman hat sich vor allem Barbara Becker-Cantarino in ihrem Aufsatz „Die Hure Babylon - Zur Mythisierung von Gewalt in Döblins Berlin Alexanderplatz“ beschäftigt. Unter anderem widmeten sich diesem Ansatz Sang-Nam Park, Helmut Becker und Helmut Kiesel, aber mit weniger Ausführlichkeit. Aufgrund der Seltenheit, mit der dieses Thema Titel einer Arbeit wird, erkennt man, dass dieser Aspekt des Romans von den anderen Untersuchungspunkten, vor allem der Montagetechnik Döblins, in den Hintergrund gedrängt wurde. Gerade deshalb ist es interessant oder sogar verpflichtend, mehr über Döblins mythische Absicht in Erfahrung zu bringen.
In Döblins Berlin Alexanderplatz werden zum Einen die Hure Babylon und zum Anderen der Schnitter Tod zu den mythischen Akteuren gezählt. „Die große Hure Babylon und der Tod sind zwei symbolische Gestalten, die mehrmals an verschiedenen Stellen des Romans auftauchen.“ 3 Diese Textstellen sollen hier in dieser Arbeit als Grundstock für die nachfolgenden Interpretationsansätze dienen. Als erstes wird auf das Motiv der Hure Babylon eingegangen, da es wesentlich weitläufiger dargestellt wird, als das des Schnitter Tods. Nicht immer muss sie durch ein und dieselbe Person verkörpert werden. Die wissenschaftlichen Ansätze bieten ein breites Spektrum der Personifikation durch die Hure, über Frauen, die als Nebenfiguren eher eine nicht relevante Rolle spielen, bis hin zur Großstadt Berlin, die ihre Einwohner verführen soll. Die ansteigende Verstädterung verbindet in sich die rasante Technisierung und die immer weitere Entfernung von den eigenen Wurzeln, der Natur, zu einem gefährlichen Bollwerk.
Der Schnitter Tod kommt in der Sehweise der Hauptperson Franz Biberkopf zum Einen nur als Stimme und zum Anderen als identifizierte Person zu seinem Auftritt. Ob auch er von Döblin eine warnende Aufgabe erhalten hat, soll auf den letzten Seiten versucht werden zu
1 STAUFFACHER, Werner (Hg.): Internationale Alfred-Döblin-Kolloquien, Münster 1989. S. 235.
2 vgl. ebd. S. 234.
3 BERNSHEIMER, Helmut: Lektüreschlüssel. Alfred Döblin Berlin Alexanderplatz, Stuttgart 2002. S. 24.
2
klären.
Mittelpunkt dieser Ausarbeitung wird also die Frage sein, ob Alfred Döblin durch die gezielte Einsetzung dieser mythischen Figuren eine bestimmte Absicht hegte. Es soll untersucht werden, inwiefern er seine Leser oder auch die Bewohner der Großstädte mit Hilfe der beiden Gegenspieler eine, in Rätsel gefasste, Warnung aussprechen wollte. Döblin ist nicht der erste, der versucht, mit Hilfe von Mythen eine Aufklärung herbeizuführen.
„Vereinfacht lässt sich sagen, dass sich in den zwanziger Jahren Wissenschaft, Philosophie und Kunst um die Erhellung des Mythos selbst und um die Erhellung mit Hilfe des Mythos bemühten.“ 4
4 STAUFFACHER. S. 234.
3
1) Das Motiv der Hure Babylon
In Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz „[ist] [d]as kulturelle Muster … von drei biblischen Themen geprägt, dem Adam- und Eva-Motiv, den Klagen des Propheten Jeremia und dem Motiv der Hure Babylon.“ 4 Letzteres soll für die nächsten Seiten dieser Arbeit Thema sein. Das Motiv der Hure Babylon ist aus den Offenbarungen des Johannes entnommen worden. In ihnen wird besonders die Gewalt in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt, „sie wird beschworen, herbeizitiert und weiblich konnotiert: die Hure, ein Weib, ein Name, ein Geheimnis ist die Mutter aller Greuel auf Erden.“ 6 Diese thematisierte Gewalt findet sich im Roman selbst wieder, denn auch Franz Biberkopf wird zu einem ihrer Opfer, die ursprünglich ein anständiges, unbescholtenes und lasterfreies Leben führen wollten. 7 Die Funktion der Hure Babylon als Leitmotiv spiegelt sich in der besessenen, hemmungslosen Blindheit und Lebensgier des Franz Biberkopfs wider, der durch sie wieder zum Sittenverfall neigt. 8 Barbara Becker-Cantarino schreibt, dass „ihre Gewalt … die Doppelung von „Beschädigung von Leib und Seele“ (Tod, Beraubung, Verletzung, Zerstörung, Aggression) auf der einen Seite [darstellt] und Macht (Herrschaft, „potentia“ - power) auf der anderen Seite. Beschädigung des Anderen und Herrschaft über den Anderen sind unmittelbar miteinander verquikt.“ 9 Dieser Wille zur „Beschädigung und Herrschaft über den Anderen“ finden sich im Umgang Franz Biberkopfs und auch dessen Freund Reinhold mit dem weiblichen Geschlecht wieder, wobei der Letztere hier ausgeblendet werden soll.
Dass Franz Biberkopf in seinem Inneren von der großen Hure heimgesucht wird, beschreibt das folgende Zitat mit einem mutigen Vergleich: „Die große Babylon, die Metropole, ernährt sich vom Blut der Heiligen, und Franz ist auf seine Weise ein „Heiliger“, der als hochmütig entlarvt wird und also für seine Sünde büßen muss, bevor er wieder zu neuem Leben geboren wird.“ 10 Inwiefern und vor allem unter welchen Umständen Biberkopf von der großen Hure beeinflusst wird, versuchen die nachfolgenden Passagen zu erläutern. 5 BECKER-CANTARINO, Barbara: Die Hure Babylon. Zur Mythisierung von Gewalt in Döblins Berlin Alexanderplatz, in: Methodisch reflektiertes Interpretieren. Festschrift für Hartmut Laufhütte zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Hans-Peter Ecker, Passau 1997. S. 367 - 374. S. 370.
6 ebd. S. 367.
7 vgl. PARK, Sang-Nam: Die sprachliche und zeitkritische Problematik von Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz, Berlin 1995. S. 90.
8 vgl. BERNSHEIMER. S. 24.
9 BECKER-CANTARINO. S. 368-69.
10 STAUFFACHER. S.168.
4
1.1) Unter welchen Umständen und in welcher Form tritt das Motiv auf?
„Die große Hure Babylon tritt dann in den Vordergrund, wenn Franz kriminell wird[.]“ 11 Dass dies der Fall ist, soll hier mit einigen prägnanten Textstellen belegt und dargestellt werden. Nachdem Franz Biberkopf seinen rechten Arm verloren hat, tritt die Hure Babylon zum ersten Mal in Form einer Kapitelüberschrift als Leitmotiv auf. „Erhebe dich du schwacher Geist, und stell dich auf die Beine“ 12 In diesem Kapitel kommt es auch zum ersten großen Auftritt der Hure Babylon: „Und nun komm her, du, komm, ich will dir was zeigen. Die große Hure, die Hure Babylon, die da am Wasser sitzt. … Das Weib hat vom Blut aller Heiligen getrunken. Das Weib ist trunken vom Blut der Heiligen.“ 13 Franz hat sich von ihr verlocken lassen und gibt sich wieder voll und ganz dem Alkohol hin. „Es ist warmes Sommerwetter, Franz zieht sich von Kneipe zu Kneipe.“ 14 Die Hure Babylon steht in diesem Teil des Romans symbolisch für die Versuchung und den Sittenverfall, welche vordergründig die Großstadt Berlin auf ihre Einwohner ausübt. Wenig später, aber auch im sechsten Buch, kommt es zum nächsten Auftritt der Hure Babylon: „Da sitzt am Wasser die große Babylon … Goldgelbe giftige Augen, wampiger Hals! Wie sie dich anlacht.“ 15 Dass die Hure immer dann Gestalt annimmt, wenn Franz sich kurz vor einem moralischen und körperlichen Zusammenbruch befindet, scheint er selbst nicht zu bemerken und nimmt die indirekten Warnsignale nicht wahr. Er trinkt sich weiterhin in eine Ohnmacht hinein, die ihn sogar zu dem Gedanken, Mieze während einer Umarmung die Rippen zu brechen, verleitet. Die Symbolik der Hure Babylon hat sich in diesem Teil ein wenig verschoben. Sie spiegelt die Blindheit des Franz Biberkopfs wider, welcher sich aufgrund seines schwindenden Bezuges zur Realität der von Reinhold ausgehenden Gefahr nicht bewusst ist.
„…konsequenterweise erscheint die Hure Babylon zuletzt als eine belebte und autonome Gestalt, die mit dem Tod um Biberkopfs Leben kämpft.“ 16 Im achten und neunten Buch hat sie sich schließlich in den Gedankengang von Franz eingeklinkt und besitzt nun die völlige Kontrolle über sein Denken. „Zweifellos spielt die Frau in diesen beiden wichtigen Kapiteln
11 BERNSHEIMER. S. 25.
12 DÖBLIN, Alfred: Berlin Alexanderplatz, München 44 2005. S. 236.
13 ebd. S. 237.
14 ebd. S. 238.
15 ebd. S. 291.
16 KIESEL, Helmut: Geschichte der literarischen Moderne. Sprache, Ästhetik, Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert, München 2004. S. 332.
5
Arbeit zitieren:
C. Köhne, 2007, Das Motiv der Hure Babylon und des Schnitter Tods als mythische Warnsignale in Döblins Berlin Alexanderplatz, München, GRIN Verlag GmbH
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