1 Einleitung - Entwicklungsrisiko: Armut
Was von Gesellschaftsforschern, Pädagogen, Soziologen u. a. seit langem problematisiert wird und durch die Entdeckung der so genannten Neuen Unterschicht jüngst zum bundesweiten medialen und politischen Diskurs avancierte, ist nun wieder einmal mit Fakten belegt worden. Die Armut in der Bundesrepublik Deutschland wächst kontinuierlich, wobei zunehmend Kinder und Jugendliche davon betroffen sind.
Wie bereits im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (von 2001) und in den letzten Kinder- und Jugendberichten (1998 und 2002) dargestellt, zeigt auch der aktuelle, zweite Armuts- und Reichtumsbericht, dass immer mehr Kinder und Jugendliche, der gegenwärtigen OECD-Skala nach, in als Armut zu bezeichnenden Verhältnissen leben. Aufgrund dieser Entwicklung in Verbindung mit der abnehmenden Altersarmut wird aktuell von einer Infantilisierung der Armut gesprochen (vgl. RKI 2005, S. 98). Laut einer aktuellen Studie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) leben je nach Armutsdefinition zwischen 13 und 19 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in relativer Armut, d. h., dass sie und ihre Familien ihr Leben mit weniger als der Hälfte des statistischen Durchschnittseinkommens bestreiten müssen. Von extrem hohem Armutsrisiko sind zudem Kinder aus Ein-Eltern-Familien, aus Familien mit mehr als vier Kindern und aus Familien mit Migrationshintergrund betroffen (vgl. Holz & Puhlmann 2005, S. 3). Die Auswirkungen der Armut auf die Heranwachsenden sind dabei auf den meisten Ebenen ihres täglichen Lebens vorzufinden. So leben sie in kleineren und schlechter ausgestatteten Wohnungen, ihr Wohnumfeld bietet weniger Spiel- und Freizeitmöglichkeiten, sie fahren seltener in Urlaub, erhalten weniger Taschengeld und können sich kostenintensive Kleidung, Hobbys, Freizeitmittel und -aktivitäten häufig nicht leisten (vgl. RKI 2005, S. 98). Äußerst intensiv erfahren betroffene Kinder und Jugendliche ihre Armut im unabwendbaren Vergleich mit Gleichaltrigen aus besser gestellten Elternhäusern. „Als beson- dersschmerzlich [werden] die geringeren finanziellen Mittel [empfunden], wenn sie mit innerfamiliären Konflikten und Ausgrenzungserfahrungen in der Gleichaltrigengruppe, z. B. im Freundeskreis, in der Schule oder in Vereinen, einhergehen“ (ebd.). Zu derartigen Ausgrenzungserscheinungen kommt es zwangsläufig, da es für betroffene Familien kaum möglich ist, Defizite, wie das fehlende Kinderzimmer und Einschränkungen bei Kleidung und Spielzeug, zu kompensieren. Zudem schlägt sich die Armut in schlechteren Noten und häufigerem Sitzen bleiben der Betroffenen nieder. Im Grundschulalter ist die gesundheitliche Verfassung armer und nicht-armer Kinder noch relativ ähnlich. Mit zunehmendem Alter entwickeln arme Jugendliche jedoch einen eher bedenklichen Medienkonsum, nehmen unregelmäßiger Mahlzei-
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ten ein und haben häufiger Gewichtsprobleme und früheren Kontakt zu Suchtmitteln als ihre besser gestellten Altersgenossen (vgl. Holz & Puhlmann 2005, S. 5f). Arme Kinder und Jugendliche, „[…] wachsen [folglich] in einem belasteten und belastenden Umfeld auf, das ihnen begrenzte Handlungs- und Entwicklungsspielräume verschafft“ (vgl. ebd., S. 8), was letztlich negative Auswirkungen auf ihr Selbstkonzept, ihre Gesundheit etc., also auf ihre Entwicklung im Allgemeinen, hat.
2 Resilienz als Widerstandsfähigkeit gegenüber Entwicklungsrisiken
Armut stellt somit einen zentralen Risikofaktor für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen dar und ist laut Holz und Puhlmann (2005, S. 8) die wichtigste Variable zur Vorhersage bzw. Bestimmung der Lebenslage von Kindern.
In sehr vielen Fällen führen die Armut und die damit verbundenen Entwicklungsrisiken auch zu negativen Entwicklungsverläufen mit Ausprägungen wie schlechte Schulleistungen, fehlende soziale Integration, negatives Selbstkonzept, gesundheitliche Beeinträchtigungen (Seh-und Sprachstörungen, Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung, psychomotorische, emotionale und soziale Störungen, aber auch Übergewicht, Drogenmissbrauch etc.), und letztendlich zur sozialen Deprivation (vgl. ebd., S. 10ff und RKI 2005, S. 99f). Diesen schlechten Prognosen zum Trotz wachsen viele Kinder, die von Armut und dem erhöhten Entwicklungs- risikobetroffen sind, „[…] zu erstaunlich kompetenten, leistungsfähigen und stabilen Persönlichkeiten heran“ (Wustmann 2004, S. 14). Das Phänomen, dass Kinder scheinbar unbeeinflusst von den erschwerten Entwicklungsbedingungen einen normalen, also ihren finanziell besser gestellten Altersgenossen ähnlichen, Lebensweg gehen, wird in der Fachsprache als Resilienz bezeichnet. Ende der 1990er Jahre wurde Resilienz „[…]als die Fähigkeit zur erfolgreichen Anpassung, positiven Funktionsfähigkeit oder Kompetenz trotz eines hohen Risikostatus, trotz chronischer Belastung oder trotz schwerwiegender oder langandauernder Traumatisierung“ bzw. „[…] operationalisiert als das positive Ende der Verteilung von Entwicklungsergebnissen in einer Stichprobe mit hochrisikobelasteten Probanden“ beschrieben (Egeland et al. 1993, S. 517, zitiert nach: Göppel 1999, S. 174). Eine aktuelle Definition lie- fertWustmann (2004, S. 18): „Resilienz meint eine psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken.“ Das allgemein große Interesse an dem Phänomen der Resilienz hat jüngst zu verstärkter Forschungsarbeit in den verschiedensten Fachdisziplinen, wie z. B. der Entwicklungs-, Gesundheits- und Persönlichkeitspsychologie, der Heil- und Sonderpädagogik, geführt. Im Fokus der Forscher stehen besonders Fragen nach der Übertragbarkeit der Ergebnisse der
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Resilienzforschung auf Präventionsarbeit, Diagnostik und weitere pädagogische Handlungsfelder (vgl. Wustmann 2004, S. 14f).
Die Basis für die Ausführungen zur Resilienz bilden entwicklungspsychologische Longitudinal- bzw. Längsschnittstudien, wie sie z. B. auf der Insel Kauai bei Hawaii durchgeführt wurden. Dabei wurde die Gruppe von Testpersonen von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter begleitet, wobei die relevanten Daten aus Interviews, psychologischen Tests und Schul-, Justiz-, Klinik- und Fürsorgeakten gewonnen wurden (vgl. Göppel 1999, S. 175). Zu beachten ist, dass ein gewisses positives Entwicklungsbild eines Kindes, wie beispielsweise ein erhöhtes Selbstvertrauen, Sozialkompetenz und Lernbereitschaft nicht ohne weiteres als Resilienzerscheinung ausgelegt werden kann (vgl. ebd., S. 174). Von Resilienz kann erst gesprochen werden, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind (Wustmann 2004, S. 18): (1) eine signifikante Bedrohung für die kindliche Entwicklung und (2) eine erfolgreiche Bewältigung dieser belastenden Lebensumstände
Somit können Kinder nur als resilient bezeichnet werden, wenn sie sich trotz schwerwiegender Beeinträchtigungen bemerkenswert positiv entwickeln, wobei sich andere Kinder unter den gleichen (Risiko-)Bedingungen eher negativ entwickeln und Beeinträchtigungen ausbilden. Wustmann (2004, S. 19) unterscheidet zudem folgende Erscheinungsformen: die positive, gesunde Entwicklung trotz andauerndem, hohem Risiko-Status, z. B. chronische Armut/niedriger sozioökonomischer Status […], die beständige Kompetenz unter akuten Stressbedingungen, z. B. elterliche Tren- nung/Scheidung,Wiederheirat eines Elternteils […],
die positive bzw. schnelle Erholung von traumatischen Erlebnissen wie Tod eines Elternteils, sexueller Missbrauch oder Kriegserlebnisse.
Demnach kann das Phänomen Resilienz wiederum in zwei Bereiche unterteilt werden, zum einen in den Erhalt der kindlichen Funktionsfähigkeit, z. B. beim Tod eines Geschwisters, und zum anderen in die Wiederherstellung der normalen kindlichen Funktionsfähigkeit, z. B. nach traumatischen Ereignissen. Folglich ist Resilienz nicht nur mit der reinen Abwesenheit von psychischen Störungen (z. B. Ängste, Drogenkonsum), sondern auch mit dem Erwerb bzw. Erhalt altersangemessener Fähigkeiten und Kompetenzen (z. B. Bindungen an Beziehungspersonen) in Verbindung zu bringen. Altersangemessene Fähigkeiten und Kompetenzen erwirbt ein Kind bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben (z. B. Geschlechtsrollenidentifikation und Entwicklung von Autonomie). Durch diese stetigen Bewältigungsprozesse wächst das Kind mit seinen Aufgaben, stabilisiert seine Persönlichkeit und lernt Veränderun-
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Arbeit zitieren:
M.Ed. Georg Rabe, 2007, Entwicklungsrisiko: Armut, München, GRIN Verlag GmbH
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