Inhalt
1. Einleitung 3
2. Vergleich und Transfer in der Geschichtsschreibung 5
3. Kolonisationsgeschichtlicher Hintergrund 6
4. Sind Postkoloniale Theorien eine Antwort auf den Eurozentrismus? 7
5. Die Rolle der Postkolonialen Theorien in der deutschen Vergangenheit 10
5.1. Beispiele kolonialer Verbindungen in Deutschland 10
6. Schluss 13
7. Literaturverzeichnis 14
2
1. Einleitung
Diese Seminarabschlussarbeit beschäftigt sich mit der postkolonialen Theoriediskussion, dem Eurozentrismus, die Umreißung des kolonisationsgeschichtlichen Hintergrundes und die Darstellung einiger Beispiele kolonialer Verflechtungen nach Deutschland. In Deutschland sind die postcolonial studies eine noch relativ junge wissenschaftliche Richtung. Im Allgemeinen werden sie jedoch bereits von einer weiten Bandbreite verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen rezipiert, dazu zählen die Geschichts-, Literatur-, Politikwissenschaften und die Soziologie. Im Mittelpunkt der Untersuchungsansätze stehen zum einen die Kultur und zum anderen der Versuch, ethnische wie nationale Identität dekonstruktivistisch aufzulösen. Symptomatisch geprägt wurde die Bezeichnung von dem
Literaturwissenschaftler Edward Said durch sein Buch Orientalism (1978). In diesem beschäftigt er sich besonders mit den vorausgegangenen Gedanken der Philosophen Michel Foucault 1 und Antonio Gramsci 2 . Auch Autoren wie Mahatma Gandhi 3 , Aimé Césaire 4 oder Frantz Fanon 5 zählen zu den Vorläufern des postkolonialen Denkens. 6 Die Erfahrung des Kolonialismus betraf und betrifft einen Großteil der Menschheit, als Kolonisierte genauso wie als Kolonisierende. Das „Post” des Postkolonialismus steht nicht nur als Epochenbegriff 7 , impliziert ist das Ziel, den Kolonialismus zu überwinden. 8 Die
1 Vgl. Foucaults Äußerungen zu den wissenschaftlichen „Disziplinen”, denen ein „Prinzip der Einschränkung” eigen
sei, aber: „Auch dieses Prinzip ist relativ und beweglich.” Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses.
Inauguralvorlesung am Collège de France, 2. Dezember 1970, Frankfurt/M.8 2001, S. 22 ff.
2 Antonio Gramsci (1891-1937) war ein italienischer Schriftsteller, Journalist, Politiker und Philosoph, ein Theoretiker
des Sozialismus, Kommunist und Antifaschist. Er gehört zu den Begründern der Kommunistischen Partei Italiens.
Während seiner Zeit im Gefängnis verfasste Gramsci insgesamt 32 Gefängnishefte, die als ein bedeutendes Werk
der marxistischen Philosophie gelten. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Gramsci, Download: 22.4.2009
3 Mahatma Gandhi (1869-1948) war ein indischer Rechtsanwalt und politischer sowie geistiger Führer der indischen
Unabhängigkeitsbewegung, die 1947 mit dem von ihm entwickelten Konzept des gewaltfreien Widerstandes das
Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien herbeiführte. Sein Konzept Satyagraha, das beharrliche
Festhalten an der Wahrheit, beinhaltet neben Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, noch weitere ethische Forderungen wie
etwa Swaraj, was sowohl individuelle als auch politische Selbstkontrolle und Selbstbestimmung bedeutet. Vgl.
http://de.wikipedia.org/wiki/Mahatma_Gandhi, Download: 22.4.2009
4 Aimé Césaire (1913-2008) war verantwortlich für die Négritude, das ist eine literarisch-philosophische politische
Strömung, die für eine kulturelle Selbstbehauptung aller Menschen Afrikas und ihrer afrikanischen Herkunft eintritt.
Im Unterschied zum eher angelsächsisch orientierten Panafrikanismus reflektierte die frankophone Négritude den
europäischen Diskurs über Afrika. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%A9gritude, Download: 22.4.2009
5 Frantz Fanon (1925-1961) war ein Psychiater, Politiker, Schriftsteller und Vordenker der Entkolonialisierung. Vgl.
http://de.wikipedia.org/wiki/Frantz_Fanon, Download: 22.4.2009
6 Vgl. Sebastian Conrad/Shalini Randeria, in: Dies.(Hg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale
Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002, S. 22.
7 Zeitliche Einteilung, d.h. formales Ende kolonialer Herrschaft über ein Land.
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Konnotation des Begriffs suggeriert sehr leicht ein vollkommenes Ende alles Kolonialen. Berücksichtigen sollte man aber, dass das formale Ende der europäischen Kolonialherrschaft in einzelnen Erdteilen um Jahrhunderte auseinander liegt und man von keinem genau definierten Ende sprechen kann. In den 1980er Jahren steigerte sich das Interesse im angloamerikanischen Raum an postkolonialen Gedanken, seit den 1990er Jahren auch in Deutschland. Zusätzlich zu den Debatten um den Postkolonialismus sollte man die Diskussion der Globalisierung berücksichtigen. Globalisierung wird häufig für Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit reserviert, rückt aus historischer Perspektive dennoch der Kolonialismus zumindest als Vorgeschichte der aktuellen Prozesse in das Aufmerksamkeit. 9 Zentrum der Im Kern der postkolonialen
Theoriediskussionen und auch Bestandteil dieser Arbeit ist die Freilegung häufig unbewusster Strukturen der Dominanz Europas territorial und gesellschaftlich bis in die Gegenwart. 10 Materielle Überlegenheit des Westens und materielle Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien sind dabei weniger im Fokus als der kulturelle, geistige Einfluss. Europas
Universalisierungsbegehren, etwa die Strukturierung des Wissens an den Universitäten, hätten - so lautet z.B. Saids These - dem Rest der Welt Denkformen und Ausdrucksweisen vorgegeben, außerhalb derer keine Artikulation mehr möglich sei. 11 Verfechter einer fließenden, hybriden Subjektivität als Grundlage neuer kultureller und politischer Formen widerständigen Handelns ist der Theoretiker Homi Bhabha. Er betont die Fiktionalität der alltäglichen Trennung in „Wir” und „die Anderen”, lehnt die Auffassung der europäischen Diffusion in die Welt ab und hebt hervor, dass Europa und Außereuropa sich gegenseitig beeinflusst haben und miteinander verflochten sind. Diese Sicht liefert die wichtige Basis für die
8 Erkennbar wird dies am Beispiel von Mohandas Karamchand Gandhi oder Frantz Fanon - Menschen, die aktiv
politisch für die Dekolonialisierung eintraten, und zugleich zu Theoretikern des Kolonialismus und Vorreitern des
Postkolonialismus wurden. Vgl. Jürgen Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 2001,
S. 119.
9 Detaillierter hierzu der transnationalgeschichtliche Apell von Eckart Conze, Nationale Vergangenheit und globale
Zukunft. Deutsche Geschichtswissenschaft und die Herausforderung der Globalisierung, in: Jörg Baberowski/Eckart
Conze/Philipp Gassert/Martin Sabrow, Geschichte ist immer Gegenwart. Vier Thesen zur Zeitgeschichte,
Stuttgart/München 2001, S. 43-65.
10 Vgl. Robert J. C. Young, Postcolonialism. An Historical Introduction, Oxford 2001, 65.
11 Vgl. Sebastian Conrad/Shalini Randeria, Einleitung, in: Dies.(Hg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale
Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002, 9-49, S. 10.
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Geschichtsschreibung und den Versuch den Eurozentrismus zu überwinden 12 . Im Folgenden werden die Unterschiede der Geschichtsschreibung und Auffassung dargestellt, der
Kolonisationsgeschichtliche Hintergrund umrissen, die Entwicklung zur postkolonialen Fragestellung und die Verbindung zur Eurozentrismusthematik beleuchtet und erörtert, welchen Einfluss diese globalen Zusammenhänge auf Deutschland hatten und bis heute haben.
2. Vergleich und Transfer in der Geschichtsschreibung
Gebräuchlich in der Bearbeitung der Postkolonialen Geschichte ist nach den schon erklärten Darstellungen im Epochenzusammenhang und
Sinnzusammenhang zusätzlich die Einsicht, dass eine rein nationalstaatliche Betrachtung der Geschichte zu oberflächlich wäre. Der Vergleich zwischen geschichtlichen Phänomenen in unterschiedlichen Nationen hat zwar neue Einsichten gebracht, eine zentrale postkolonial inspirierte Forderung kann er aber nicht befriedigen. Die Transfergeschichte, die als Weiterentwicklung des Vergleichs dessen Schwächen überwinden sollte, sieht sich dem gleichen Vorwurf ausgesetzt, der nationale Bezugsrahmen bleibe bestimmend. 13 Auf der ganzen Welt sind die lokalen Geschichten mit anderen Geschichten verschlungen und somit sind eigentlich alle Geschichten nur Beziehungsgeschichten. 14 Für die Weiterentwicklung der Theorie sind die Folgerungen von Werner und Zimmermann mit ihrem Leitmotiv der Histoire croisée 15 oder die entangled history 16 die neuartigsten Versuche, einer transnationalen Geschichte Herr zu werden. Die Hervorhebung Geschichte als entanglement zu betrachten ist durch die miteinander in Beziehung stehenden Entitäten, welche selbst zum Teil ein Produkt ihrer Verflechtung sind, begründet. „Die zahlreichen Abhängigkeiten und Interferenzen, die
12 Vgl. Conrad/Randeria (Hg.), Eurozentrismus (wie Fn.7), S. 25.
13 Vgl. Michael Werner/Bénédicte Zimmermann: Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der Histoire croisée
und die Herausforderung des Transnationalen, in: GG 28 (2002), S. 612 ff.
14 Vgl. Conrad/Randeria (Hg.), Eurozentrismus (wie Fn.7), S. 8.
15 Ansatz für multiperspektivische Geschichtsschreibung transnationaler Geschichte um die Begrenzung der
Perspektive auf den Nationalstaat und die Nationalgeschichte zu überwinden. Vgl. http://de.
wikipedia.org/wiki/Histoire_croisee, Download: 12.03.2009
16 Weiteres Konzept transnationale Beziehungsgeschichte zu konnotieren.
Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Entangled _history
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Arbeit zitieren:
Sarah Gulich, 2009, Postkoloniale Tendenzen in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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