I. Einleitung
Theorien des rationalen Handelns stellen einen Kernbestandteil der Sozialwissenschaften der Neuzeit dar. Der vermutlich wichtigste Aspekt dieser Theorien, der „homo oeconomicus“, welcher rational handelt und seinen Nutzen maximieren resp. seine Kosten reduzieren will, repräsentiert im Gegenzug aber auch einen der umstrittensten Bestandteile dieser Theorie. Es wird häufig infrage gestellt, ob das „rationale Handeln“ ein realistisches Analyseinstrumentarium darstellt, da die zentrale Aussage davon ausgeht, dass der Mensch egoistisch und vernunftmäßig handelt und grundsätzlich im Sinne seines eigenen Vorteils agiert.
Gerade für die politikwissenschaftliche Demokratietheorie, die dieses ökonomische Prinzip aufgreift, stellt diese Auseinandersetzung ein zentrales Problem dar. Joseph Schumpeter und Anthony Downs stellen die wichtigsten Vertreter dieser Ökonomischen Demokra-tietheorie dar, daher wird im politikwissenschaftlichen Kontext in der Regel auch auf die Arbeiten dieser zwei Protagonisten zurückgegriffen. „Der provozierende Ansatz Schumpeters bestand darin, die Motivation der Regierungstätigkeit genauso von ihrer sozialen Funktion zu trennen, wie dies im Bereich der Produktion von Konsumgütern der Fall ist.“ 1 Der Wirtschaftswissenschaftlicher und Harvard-Professor Schumpeter ging also davon aus, dass die politischen Führer gerade dieses rationale Handeln internalisiert haben und eine der herausragenden Kriterien für die Demokratie darstellen, nicht zuletzt deshalb werden die Ausführungen Schumpeters über die Demokratie auch den „Elitentheorien“ zugeordnet. 2 Diese Vorstellungen verewigte er in seinem Werk „Capitalism, Socialism and Democracy“ (1942). „Downs hat im Anschluss an Schumpeter die Voraussetzungen der ökonomischen Theorie der Demokratie stringenter definiert.“ 3 Infolgedessen arbeitete er die Annahme der Rationalität noch weiter aus, doch gerade hier bot sich einer der Hauptkritikpunkte an der Theorie: Es wurde und wird nach wie vor die Frage aufgeworfen, was den Wähler letztlich dazu antreibt, überhaupt zur Wahl zu gehen, von seinem Stimmrecht Gebrauch zu machen und einer bestimmten Partei seine Stimme zu geben, obwohl dies vermeintlich hohe Kosten für den Bürger bedeutet und sein Einfluss als einzelner Wähler verschwindend gering ist.
1 Behnke, Joachim: Die politische Theorie des Rational Choice: Anthony Downs, in: André Brodocz/Gary
S. Schaal (Hrsg.), Politische Theorien der Gegenwart, Opladen 1999, S. 312
2 vgl. Massing, Peter: Joseph Schumpeter. Ausgewählt und interpretiert von Peter Massing, in: Peter
Massing/Gotthard Breit (Hrsg.), Demokratie-Theorien, Bonn 2005, S. 191
3 Buchstein, Hubertus: Anthony Downs. Ausgewählt und interpretiert von Hubertus Buchstein, in: Peter
Massing/Gotthard Breit (Hrsg.), Demokratie-Theorien, Bonn 2005, S. 236
1
In dieser Arbeit soll nun die Frage geklärt werden, inwiefern Downs selbst auf dieses Problem eine Antwort findet bzw. inwieweit die Sekundärliteratur einen Erklärungsansatz für das vermeintlich irrationale Verhalten, trotz Kostenaufwand zur Wahl zu gehen, bieten kann und ob diese Erklärungsansätze sinnvolle und adäquate Argumentationen für die Deutung des Phänomens anbieten können.
Im Folgenden sollen daher die Grundlagen des Rational-Choice-Ansatzes, die Ökonomische Theorie der Demokratie im Sinne Schumpeters sowie Downs´ vorgestellt werden. Des Weiteren werden die positiven wie negativen Kritiken an diesen Ansätzen dargelegt und die Erklärungsansätze zum Urnengang des Bürgers bei Downs und weiteren Politikwissenschaftlern sollen zur Verfeinerung der Analyse und Beantwortung der obigen Fragestellung herangezogen werden.
II. Hauptteil
1. Die Grundlagen der Ökonomischen Demokratietheorie
1.1 Grundzüge der Rational-Choice-Theorie
Die Theorie des rationalen Handelns beinhaltet einige Grundannahmen, welche konstituierend für ihre eigene Definition sind:
Erstens sind Situationen im sozialen Kontext grundsätzlich auf die Handlungen von Individuen zurückzuführen („methodologischer Individualismus“). Zweitens sollen diesen Handlungen Entscheidungen („choices“) zugrunde liegen, welche nach rationalen Überlegungen erfolgen. Und drittens ist die Bedingung für eine solche Wahl, wenn sie rationalen Kriterien genügt, eine Entscheidung gemäß der Orientierung am individuellen Interesse, Vor- und Nachteile werden abgewägt und es muss bewertet werden, durch welche Entscheidung die individuellen Wünsche erfüllt und der Nutzen maximiert werden kann.
Lindenberg entwirft hierzu das Bild eines Akteurs, welcher diese individuellen Handlungen durchführt und tauft es als „RREEMM“ (Resourceful, Restricted, Expecting, Evaluating, Maximizing Man). Dieser Akteur verfügt über eigene Ressourcen, ist dennoch aber in seinen Handlungsalternativen eingeengt, stellt Erwartungen an die Folgen seiner Wahl an und versucht diese hinsichtlich der Konsequenzen auszuwerten.
2
Letztlich steht auch bei diesem die Orientierung am eigenen Interesse, d.h. die Maximierung des eigenen Vorteils, im Vordergrund. 4
1.2 Joseph Schumpeter als Vorreiter der ökonomischen Theorie
Das Bürgerleitbild bei Schumpeter ist ambivalent, d.h. er geht davon aus, dass der Bürger im Rahmen seiner individuellen Lebensführung und bei allgemeinen Entscheidungen, die sein Privatleben betreffen, durchaus rational handelt. Bei politischen Entscheidungen jedoch verlässt er diese rationalen Entscheidungswege und vertraut eher auf seine Affekte und Gefühle. Hintergrund dieses widersprüchlichen Verhaltens ist nicht, dass seine intellektuelle Leistungsfähigkeit nicht ausreichend sei, um eine rationale Wahl zu treffen, sondern sein mangelndes Expertenwissen. Aufgabe der Bürger soll daher die Wahl der Politiker sein, die mit ihren Fachkenntnissen ein effektives Regieren ermöglichen. Er umschreibt sein Konzept der Demokratie folglich als „demokratische Methode“: „Diejenige Ordnung der Institutionen zur Erreichung politischer Entscheidungen, bei welcher Einzelne die Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfes um die Stimmen des Volkes erwerben.“ 5 Weitere wichtige Kriterien für die Demokratie sind nach Schumpeter die Existenz einer Führungselite, die Interpretation und das Ausführen des Bürgerwillens durch diese Elite, den Kristallisationsprozess der Wahl als einzig mögliche Durchführung des Konkurrenzkampfes um die Führungspositionen, das aus diesem Konkurrenzkampf resultierende hohe Maß an Presse- und Diskussionsfreiheit und letztlich die Position der Führungselite, welche lediglich durch die Wahl durch den einfachen Bürger kontrolliert wird. 6 Legt man diese Definition zugrunde, so ist ersichtlich, dass sie den Fokus eher auf den Kandidaten und weniger auf den Wähler lenkt, „die Demokratie ist die Herrschaft des Politikers.“ 7 Entscheidender Aspekt, welcher diese Theoriekonzeption prägt, ist also die politische Elite. Hier sollte jedoch betont werden, dass sie sich von Max Webers Elitentheorie insofern unterscheidet, dass gerade der Wettbewerb um die Führungspositionen im Vordergrund steht, daher die
große Bedeutung der o.g. Definition mit dem Aspekt des Konkurrenzkampfes, welcher dem Kriterium der ökonomischen Denkweise entsprechen muss. 8
4 vgl. Zimmerling, Ruth: `Rational Choice´-Theorien: Fluch oder Segen für die Politikwissenschaft?, in:
Ulrich Druwe/Volker Kunz (Hrsg.): Rational Choice in der Politikwissenschaft, Opladen 2004, S. 16f.
5 Massing, Peter: Joseph Schumpeter, S. 191
6 vgl. ebd., S. 190f.
7 Waschkuhn, Arno: Demokratietheorie, München 1998, S. 35
8 vgl. Schmidt, Manfred G.: Demokratietheorien, Opladen 2000, S. 201
3
1.3 Downs´ stringentere Definition der Theorie
Vergleichbar zu Schumpeter stellt das Marktprinzip bei Downs einen der entscheidendsten Aspekte der Demokratie dar. Der Unterschied zu Schumpeter jedoch ist seine stringentere Definition der Demokratie sowie „eine exaktere Analyse der Angebots-und Nachfrageseite des demokratischen Marktes.“ 9 Zudem stellt er verschiedene Bedingungen auf, die ein politisches System erfüllen muss, um als „demokratisch“ bezeichnet zu werden: Erstens müssen Parteienwettbewerb und Wahlen, bei welchen die Führungsposten durch die Wahl des Bürgers zu vergeben sind, vorhanden sein. Zweitens müssen diese Wahlen in regelmäßigen Abständen stattfinden, die regierende Partei darf den Termin der Wahl jedoch nicht einseitig festlegen. Drittens soll ein gleiches Wahlrecht für volljährige Bürger sowie ein gleiches Stimmrecht gewährleistet sein. Viertens sollen die Wahlen fair ablaufen, der Wahlausgang soll akzeptiert werden von allen Parteien und die Wahlergebnisse sollen nicht auf illegitime Weise, im schlimmsten Falle Gewalt, angefochten werden. 10
Grundlegend für seine Argumentation ist der rational entscheidende Mensch, doch „wird der Begriff niemals auf die Ziele, sondern stets nur auf die Mittel eines Handlungsträgers angewendet.“ 11 Die Kosten-Nutzen-Kalkulationen werden also nicht auf den Ausgang des Handelns angewandt, sondern auf die Art und Weise, wie das jeweilige Ziel erreicht werden soll. Der Weg zum besagten Ziel soll im Sinne der Grundprinzipien der Rationalität mit dem geringsten Kostenaufwand und dem größtmöglichen Ertrag beschritten werden. Diese Grundprinzipien legt Downs wie folgt dar:
Erstens ist der Akteur dazu fähig, selbständig Entscheidungen zu treffen und eine der Handlungsalternativen, welche ihm zur Verfügung stehen, auszuwählen. Zweitens ordnet der Akteur seine Präferenzen danach an, was er am ehesten anstrebt, diese Präferenzordnung signalisiert ihm, für welche Alternativen er sich entscheiden muss. Drittens soll die Präferenzordnung „transitiv“ sein, d.h. in sich schlüssig und eine logische Konsistenz besitzen. Viertens wird der Akteur sich für die Alternative entscheiden, welche auch in seiner Präferenzordnung den ersten Rang einnimmt, also die herausragendste Stellung in Bezug auf den Willen des Akteurs hat. Fünftens soll der Wähler, wenn er nochmals vor der gleichen Wahl steht und sich für eine Alternative entscheiden muss, dieselbe wählen, welche er bereits zuvor gewählt hat. 12
9 Schmidt, Manfred G.: Demokratietheorien, S. 213
10 Vgl. ebd., S. 213
11 Downs, Anthony: Ökonomische Rationalität und politische Demokratie, in: F. Grube/G. Richter (Hrsg.):
Demokratietheorien. Konzepte und Kontroversen, Hamburg 1975, S. 51
12 vgl. Downs, Anthony: Ökonomische Realität und politische Demokratie, S. 51
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Arbeit zitieren:
Matthias Billen, 2006, Erklärungsansätze zur Paradoxie des Wählens in der Ökonomischen Demokratietheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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