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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Bevölkerung und Gesellschaft 4
3. Politisches System 5
4. Wirtschaft. Industrialisierung und Landwirtschaft. 6
5. Politische Kultur und öffentliche Meinung. 10
5.1. Politische Bewegungen und Parteien. 10
5.2. 1905: Erste Revolution oder vierter Polnischer Aufstand 12
5.3. Nation und Unabhängigkeitsbewegung 14
6. Kultur und Zeitgeist 18
6.1. Literatur. 18
6.2. Malerei 20
6.3. Musik 20
7. Resümee. 22
8. Literaturverzeichnis 23
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1. Einleitung
Ein polnischer Staat bestand zur Wende des 19. zum 20. Jahrhundert nicht, Polen war seit 1795 vollständig zwischen Preußen, Russland und Österreich geteilt. Die vorliegende Arbeit untersucht die Situation des russischen Teils Polens, der im Wiener Kongress als „Königreich Polen“ in Personalunion mit dem Kaiserreich Russland eingerichtet worden war, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Dabei soll das damalige Kongresspolen mit anderen europäischen Staaten verglichen werden. Aus diesem Grund folgt die Gliederung der Arbeit einer Themenstruktur, die grundsätzlich auf alle europäischen Staaten des betrachteten Zeitabschnitts anwendbar ist.
Die vorliegende Arbeit ist im Detail wie folgt aufgebaut: Unter „Bevölkerung und Gesellschaft“ werden kurz einige statistische Daten aufbereitet. Das Kapitel „Politisches System“ stellt die allgemeine und rechtliche Situation des Königreichs angesichts russischer Fremdherrschaft dar. In „Wirtschaft. Industrialisierung und Landwirtschaft“ wird der Stand der kongresspolnischen Entwicklung und das daraus resultierende Verhältnis von Industrialisierung und Landwirtschaft nachgezeichnet. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Kapiteln ist der nächste Abschnitt „Politische Kultur und öffentliche Meinung“ noch einmal untergliedert, um auf die Besonderheiten der kongresspolnischen Entwicklung näher eingehen zu können. „Politische Bewegung und Parteien“ vollzieht die Gründung von politischen Parteien in Kongresspolen nach und geht kurz auf die Zeitungslandschaft ein. Der Titel des Kapitels „1905: Erste Revolution oder vierter Polnischer Aufstand“ deutet an, dass die Ereignisse des Jahres 1905 als sozialistische Revolution oder als nationaler Aufstand gedeutet werden können. Im Unterpunkt „Nation und Unabhängigkeitsbewegung“ wird der Versuch unternommen, die Entwicklung des polnischen Nationalismus und des Bemühens um Unabhängigkeit zur Jahrhundertwende zu beschreiben, um daraus eine Charakteristik abzuleiten. In „Kultur und Zeitgeist“ werden schließlich „Literatur“, „Malerei“ und „Musik“ Polens in der Epochenwende zum 20. Jahrhunderts dargestellt. In allen Kapiteln werden - wo dies möglich ist - Vergleiche zu anderen europäischen Staaten und Gebieten gezogen, um die jeweiligen Themen aus einer europäisch vergleichenden Perspektive betrachten zu
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k önnen. In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe „Kongresspolen“ und
„Königreich Polen“ synonym verwendet
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2. Bevölkerung und Gesellschaft
Das Gebiet des Königreichs Polen umfasste 1913 126.955 km 2 . Auf dieser Fläche
lebten knapp 13 Millionen Menschen. Die genannte Fläche entsprach 2,6 Prozent des Gebiets des damaligen europäischen Russlands. Die Bevölkerungszahl machte 10,3 Prozent der Gesamtbevölkerung im europäischen Russland aus. 1 Damit war das Gebiet
größer als das souveräner, europäischer Staaten wie Belgien, die Niederlande oder Dänemark und hatte mehr Einwohner als jeder Balkanstaat. Von der Bevölkerung lebten 4,1 Millionen Menschen in Städten und etwas weniger als 9 Millionen auf dem Land. 2
Der Grad der Urbanisierung war damit doppelt so hoch wie im gesamten europäischen Russland. 3 Dennoch war die überwiegende Zahl der polnischen Städte Kleinstädte, die vielfach fließende Übergänge zum Dorf aufwiesen. 4 Konfessionell waren 75 Prozent der
Einwohner Katholiken, 14 Prozent mosaischen Glaubens, über 5 Prozent protestantischen und über 4 Prozent griechisch-orthodoxen Glaubens. 5 Es gab einen großen Geburtenanstieg. 6 Dies beförderte eine starke Auswanderung, die ihren
Höhepunkt ab 1890 erreichte.
41,8 Prozent der in Russland lebenden Polen waren lesefähig, während im gesamten Russland lediglich 27,7 Prozent lesen konnten. Innerhalb Russlands lagen in der Alphabetisierungsquote lediglich Balten, Juden und Deutsche vor den Polen. Allerdings lag der Anteil bei den Männern gleich hoch wie bei den Russen, d.h. dass prozentual mehr polnische Frauen als russische in Russland lesen konnten. Die Hälfte der lesefähigen Polen konnte auch Russisch lesen. 7
1 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg (Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bd. 5), Stuttgart 1985, S. 584.
2 Vgl. Ebd.
3 Vgl. Ebd.
4 Vgl. Jaworski, Rudolf /Lübke, Christian /Müller, Michael G., Eine kleine Geschichte Polens, Frankfurt am Main 2000, S. 283.
5 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), S. 584.
6 Die Jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung schwankt in den fünf Jahrzehnten zwischen 1861 bis 1910 zwischen 1,5 und 2,2 Prozent. Vgl. Grabski, Wladyslaw (Hg.), Rocznik Statystyczny Krolestwa Polskiego, Rok 1913, Warschau 1913, in: Fischer, Wolfram (Hg.), S.584.
7 Vgl. Kappeler, Andreas, Russland als Vielvölkerreich. Entstehung - Geschichte - Zerfall. München 1992, S. 256 ff.
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3. Politisches System
Nach dem polnischen Aufstand von 1863 setzten die verstärkten russischen Repressivmaßnahmen ein. Kongresspolen sollte, wie die ehemaligen polnischen Ostgebiete, zur russischen Provinz werden. Mit zahlreichen Einzelverfügungen verlor das Königreich bis 1874 schrittweise seine Sonderstellung innerhalb Russlands. 8 Es wurde vollständig unter die Zentralverwaltung in St. Petersburg gestellt. 9 Dies zeigte
sich symbolisch in der Bezeichnung „Weichselland“ (Privislinskij kraj) oder „Weichselgouvernements“ (Privislinskie gubernie) anstelle von „Königreich Polen“. 10
Der Titel „Vizekönig“ war erloschen, es bestanden nur noch Generalgouverneure in Warschau, allerdings mit großen Sondervollmachten: Sie konnten Straf- und Verwaltungsverfahren selbst entscheiden, Zivilisten vor ein Militärgericht bringen oder ohne Verfahren in die Verbannung schicken. 11 Russisch war alleinige
Verwaltungssprache und alle höheren Verwaltungsstellen waren von Russen besetzt. An der Stelle von fünf polnischen Verwaltungseinheiten traten zehn Gouvernements nach russischem Vorbild, die ausnahmslos von Russen verwaltet und geführt wurden. Obwohl der Code Napoléon offiziell in Kraft blieb, wurde das Gerichtswesen russifiziert. Die bis 1870 bestehende eigene Finanzverwaltung und das eigene Budgetrecht wurden aufgehoben, und somit sank die Bank Polski zu einer Zweigstelle der zaristischen Bank ab. 12 Auf Kongresspolen übertrug der Zar die in Russland
erreichten Reformen nicht, wie etwa die Justizreform oder die Selbstverwaltung des Adels in Städten und auf dem Land (zemstvo). Die Gutsbesitzer hatten ihre Polizeigewalt in den Dörfern verloren und wurden durch gewählte Schulzen (sołtys) oder russische Beamte ersetzt. Die Äußerungen der polnischen Presse waren durch Zensur eingeschränkt.
8 Vgl. Schmidt-Rösler, Polen. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Regensburg 1996, S. 91 oder Rhode, Gotthold, Geschichte Polens. Ein Überblick, Darmstadt 1980, S. 401.
9 Alle polnischen Verwaltungsinstanzen waren aufgelöst worden: der Staatsrat, der Verwaltungsrat (die Regierung) und die Regierungskommissionen (die Ministerien). Vgl. Alexander, Manfred, Kleine Geschichte Polens, Stuttgart 2003, S. 238.
10 Vgl. Rhode, Gotthold, Geschichte…, S. 401f.
11 Vgl. Alexander, Manfred, S. 238.
12 Vgl. Hoensch, Jörg K., Geschichte Polens, Stuttgart 1998, S. 220f.
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4. Wirtschaft. Industrialisierung und Landwirtschaft
Die Bevölkerungszählung von 1897 deutet auf eine Wirtschaft im frühen Stadium der industriellen Entwicklung hin, aufgrund der hohen Zahl von Beschäftigten in der Landwirtschaft, in häuslichen Diensten und der ungelernten Arbeiter. 13 Insbesondere
waren die Gesundheits- und Bildungswesen unzulänglich. Die Landwirtschaft war mit 47,9 Prozent aller Beschäftigten der größte Sektor der Wirtschaft. 14 Im zunehmenden
Maße setzten sich die arbeitsintensivere Produktion von Zuckerrüben, Flachs, Kartoffeln gegenüber Getreideanbau 15 durch. Gründe waren die im europäischen Vergleich kleinen Höfe 16 und für russische Verhältnisse dichte Besiedlung des Bodens.
Da es eine hohe Anzahl besitzloser Landbevölkerung gab 17 , waren die Möglichkeiten
für Kleinbauern, bei Großgrundbesitzern etwas dazuzuverdienen, eingeschränkt. Durch eine verhältnismäßig hohe Bevölkerungswachstumsrate wuchsen vor allem die städtischen Regionen. 18 Es gab dadurch auch eine starke saisonale Wanderung zu
landwirtschaftlichen Arbeitsplätzen nach Deutschland, Dänemark und in die Provinzen des europäischen Russlands 19 und eine dauerhafte Auswanderung ins Ruhrgebiet, nach Nord- und Südamerika, sowie nach Frankreich und Belgien. 20 Auch der Prozess der Landveräußerung schritt voran 21 , da die Großgrundbesitzer unter der Konkurrenz der
13 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), S. 585.
14 Vgl. Ebd., S. 586.
15 Ursache für den Rückgang des Getreideanbaus war neben dem Bevölkerungsdruck, eine Erhöhung der Einfuhrzölle nach Deutschland. Vgl. Craig, Gordon A., Geschichte Europas 1815-1980. Vom Wiener Kongreß bis zur Gegenwart. Dritter Teil 1871-1914, München 1989, S. 307.
16 Vgl. Główny Urząd Statystyczny (1991 a), S. 77 Tab. 68, in: Scherner, Jonas, Eliten und wirtschaftliche Entwicklung. Kongresspolen und Spanien im 19. Jahrhundert, Münster 2001, S. 127, Tab. 4.1.
17 Die Zahl der Landlosen betrug zu Beginn des 20. Jahrhunderts ca. 1,2 Millionen, d.h. etwa 12 Prozent der Gesamtbevölkerung. Vgl. Scherner, Jonas, S. 142.
18 Der Anteil der Einwohner in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern stieg von 1865 bei ca. 5 Prozent, über ca. 9 Prozent in 1880, ca. 9,9 Prozent in 1897 auf ca. 10,6 Prozent in 1910 an. Vgl. Ebd., S. 12.
19 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), S. 588. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges betrug die jährliche Zahl der Saisonarbeiter nach Deutschland ca. 400.000 Personen. Vgl. Orpiszewski, L. v., Die Abwanderung der landwirtschaftlichen Arbeiter aus dem Königreich Polen nach Deutschland, Inaugural-Dissertation, Göttingen 1907, S. 35, nach Scherner, Jonas, S. 150. Nach Arnold, St. /Żychoski, M. betrug die Anzahl nur 200.000 bis 300.000. Arnold, St. /Żychoski, M., Abriß der Geschichte Polens, Warschau 1967, S. 152ff., nach Fuhrmann, Rainer, Polen: Abriß der Geschichte, Hannover 1981, S. 99.
20 Zwischen 1870 und 1914 haben rund 3,6 Millionen Menschen Polen verlassen, davon 36 Prozent aus dem Teilungsgebiet in Russland. Vgl. Davies, Norman, Heart of Europe - a short history of Poland, Oxford u.a. 1987, S. 256.
21 Zwei Drittel des Adels übten um 1897 bereits städtische Berufe aus. Vgl. Rhode, Gotthold, Geschichte…, S. 405.
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expandierenden landwirtschaftlichen Regionen in Südrussland litten. 22 Dennoch gab es eine Steigerung der Erträge 23 , welche auf einer Erweiterung des Ackerlandes, einer
besseren Verteilung der Getreidesorten, einer Steigerung der Intensivierung der Arbeit durch verbesserte landwirtschaftliche Geräte und Düngemittel beruhte. 24 Der Forstbestand nahm in der Zeit erheblich ab 25 , die Forstwirtschaft war anfangs ineffektiv,
verbesserte sich aber im Laufe der Zeit, im Vergleich mit anderen Regionen Russlands war sie allerdings effektiv und rentabel. 26
Im industriellen Bereich müssen drei getrennte Perioden betrachtet werden. Der Aufschwung von 1870-1880 ging den anderen Regionen Russlands voraus, die anderen Perioden 1890-1900 und 1908-1913 trafen mit dem Aufschwung im gesamten russischen Reich zusammen. 27 Anstoß für das industrielle Wachstum bildete nicht nur
die steigende Nachfrage, sondern auch steigende Kapitalbildung und wachsende Investitionen. Der Industrialisierungsprozess wurde allerdings gehindert durch den Preissturz der landwirtschaftlichen Produkte, die Unregelmäßigkeit des Eisenbahnbaus und restriktive Geldpolitik der russischen Administration. Kongresspolen war höher industrialisiert als das europäische Russland und war neben Südrussland, Moskau-St. Petersburg eine von drei Industriezentren Russlands. Die industrielle Produktion stieg von 1860 bis 1895 im Wert um Achtfache 28 , bis 1910 erneut um 50 Prozent vom Wert 1895. 29 Das Königreich Polens hatte einen höheren Wertzuwachs im Verhältnis zur Gesamtproduktion als das europäische Russland. 30 Es stellte 18,5 Prozent aller großen
Unternehmen, 14,2 Prozent der Industriearbeiter und 15,6 Prozent der industriellen Produktion Russlands. 31 Die zwei großen industriellen Zentren waren Warschau und
Łódź, letzteres entwickelte sich zur polnischen Industriemetropole. Dominant war die Textilproduktion. 1900 betrug der Anteil von Łódź an der Textilproduktion des Landes
22 Um 1900 wurde Getreide um fast 50 Prozent billiger in Russland als in Russisch-Polen produziert. Vgl. Cleinow, G., Die Zukunft Polens, Band 1: Wirtschaft, Leipzig 1908, S. 189, nach Scherner, Jonas, S. 137.
23 Auch wenn um die Jahrhundertwende die Hektarerträge von Weizen um 30 Prozent und von Kartoffeln um
22 Prozent geringer ausfielen, als in dem mit vergleichbaren Böden ausgestatteten Posen. Vgl. Scherner, Jonas, S. 142.
24 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), S. 589.
25 Vgl. Ebd., S. 590.
26 Vgl. Ebd., S. 591.
27 Vgl. Ebd.
28 Eigenberechnung nach Jezierski, Andrzej, Handel zagraniczny Królestwa Polskiego 1815-1914, Warszawa 1967.
29 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), S. 594.
30 Vgl. Ebd., S. 598.
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58,8 Prozent. 32 Weitere bedeutende Wirtschaftszweige waren die Metallverarbeitende
Industrie (in Warschau und im Dąbrowa-Becken) und die Zuckerindustrie. Die Nominallöhne der polnischen Industriearbeiter wuchsen zwischen 1897 und 1912 um etwa 30 Prozent. 33
Obwohl der Anteil der Deutschen und Juden an Unternehmern, wie Beschäftigten hoch war, stammte ein Großteil der Arbeiter zunehmend aus der ländlichen Bevölkerung Kongresspolens. Die Industriearbeiterschaft im Königreich Polen stieg von 1897 bis 1914 von 270.000 auf 400.000 Beschäftigte. 34 Es kam um die
Jahrhundertwende - wie europaweit - zu einer zunehmenden Konzentration in Großbetrieben. Łódź und die Industriestädte der Umgebung gehörten zu den am Schnellwachsenden Industriestädten Europas. Die Metallindustrie und die Textilindustrie produzierten hauptsächlich für den russischen Markt. 35 Das Wachstum
der Industrieproduktion war im Vergleich zu anderen industrialisierten Ländern verhältnismäßig hoch. Seit den 1850er Jahren hatte Kongresspolen eine der höchsten jährlichen Wachstumsraten Europas zu verzeichnen. 36 Die Produktion von
Investitionsgütern und Konsumgütern war ausgewogen. Hauptproblem war der begrenzte inländische Markt und die Abhängigkeit vom russischen Markt. Die Wirtschaft Kongresspolens integrierte sich zunehmend in den russischen Markt 37 ,
Ursache war der Freihandel mit Russland und der russische Zollschutz nach außen. Kongresspolen hatte ein Handelsdefizit gegenüber dem Westen, allerdings eine positive Handelsbilanz gegenüber dem restlichen Russland. 38
Der Zustand der Infrastruktur der Verkehrsmittel war nach westeuropäischen Standards nicht zufrieden stellend und genügte nicht den Bedürfnissen Kongresspolens.
31 Vgl. Ebd., S. 594.
32 Vgl. Pietrow-Ennker, Bianka, Auf dem Weg zur Bürgergesellschaft. Modernisierungsprozesse in Lodz (1820-1914), in: Hensel, Jürgen (Hg.), Polen, Deutsche und Juden in Lodz (1820-1939), Osnabrück 1999, S. 114.
33 Vgl. Handelkammer für den Regierungsbezirk Oppeln in Oppeln (Hg.), Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russisch-Polen und dem deutschen Reiche und die sich daraus für den Friedensschluß ergebenden Folgerungen, Oppeln 1915, in: Scherner, Jonas, S. 18.
34 Vgl. Jaworski, Rudolf /Lübke, Christian /Müller, Michael G., S. 284 oder Alexander, Manfred, S. 240.
35 70 Prozent der polnischen Waren gingen ins Russische Reich. Vgl. Schmidt-Rösler, S. 95.
36 Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der realen gewerblichen Produktion Russisch-Polens betrug zwischen 1870 und 1890 5,92 Prozent und zwischen 1890 und 1913 4,41 Prozent, während sie in Europa zwischen 1870 und 1913 2,7 Prozent betrug. Vgl. Scherner, Jonas, S. 13.
37 Vgl. Luxemburg, Rosa, Die industrielle Entwicklung Polens. Inaugural-Dissertation, Zürich 1898, in: Luxemburg, Rosa, Gesammelte Werke Band 1, Erster Halbband, Berlin (Ost) 1970, S. 147 ff.
38 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), S. 598.
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„Die Straßenlänge und die Länge der Eisenbahnenlinien pro 1.000 km 2 entsprachen kurz
vor dem Ersten Weltkrieg ziemlich exakt den entsprechenden Werten für Spanien zu diesem Zeitpunkt.“ 39 Der private Eisenbahnbau wurde aus militärstrategischer Sicht eingeschränkt. 40 Das Kapital welches der Staat für Bauvorhaben in der Infrastruktur zur
Verfügung stellte, war ebenfalls sehr gering.
Die Wirtschaft Kongresspolens erlebte in der Zeit von 1860 bis 1914 eine weitreichende Industrialisierung, was anhand von Indikatoren wie Kapitalausstattung, Arbeitsqualifikation und Unternehmensstruktur belegt werden kann. Die große Zahl der in der Landwirtschaft und in häuslichen Diensten Beschäftigten und der ungelernten Arbeiter deutet auf eine Wirtschaft im frühen Stadium der Industrialisierung hin. 41 Trotz
größerer Fortschritte, bspw. im Vergleich zu Spanien, hatte Kongresspolen das Entwicklungsniveau westeuropäischer Länder zu Beginn des Ersten Weltkrieges noch nicht erreicht. Kongresspolen entwickelte sich mit seiner industriellen Bedeutung für das zaristische Reich gegenteilig zu Galizien in Österreich, welches das wirtschaftlich rückständigste Gebiet der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder 42 bildete.
39 Scherner, Jonas, S. 163.
40 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), S. 599.
41 Vgl. Fischer, Wolfram (Hg.), S. 585.
42 „Die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder“ war bis 1915 die offizielle Bezeichnung für Cisleithanien.
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5. Politische Kultur und öffentliche Meinung
5.1. Politische Bewegungen und Parteien
Da kein einheitlicher polnischer Staat gegeben war und die ethnische Heterogenität (russische Verwaltung, Polen, Juden und Deutsche) das gesellschaftliche Zusammenwirken beschränkten, fand die Herausbildung eines Bürgertums im Königreich Polen weitgehend im soziokulturellen Bereich statt. Neben den fehlenden Partiziprationsmöglichkeiten in den Belangen der Gemeinde, wirkten sich auch die Mängel des Bildungssystems negativ auf die Entstehung eines Bürgertums aus. Es bestand keine Koalitionsfreiheit. Die einzige relevante Vereinstätigkeit beschränkte sich auf religiöse Wohlfahrtsvereine. Dennoch gab es eine wachsende Intelligenzschicht, sie rekrutierte sich aus enteigneten oder besitzlosen Adel oder ging aus dem Kleinbürgertum hervor. Die Beschäftigten in Handel, Handwerk und Industrie machten ca. ein Drittel der Einwohner aus. 43 Die Schicht der Industriellen blieb relativ klein. Der
besitzende Adel zieht zunehmend als Rentiers in die Städte.
Dennoch erfolgte eine politische Polarisierung durch den von der Industrialisierung ausgelösten gesellschaftlichen Wandel. Linksradikale und nationalistische Ideen verbreiten sich. 1882 kam es unter Ludwik Waryński zur Gründung von „Proletariat“, der ersten Arbeiterpartei marxistisch-leninistischer Ausrichtung. Die theoretische Basis lieferte Ferdinand Lassalles „Arbeiterprogramm“. Sie rekrutierte sich, im Gegensatz zu den russischen Narodniki, nur aus der städtischen Arbeiterbewegung. Sie lehnte den revolutionären Terror ab und sah die nationale Unabhängigkeit als sekundär an. In Genf gründete sich darauf die nationaler ausgerichtete Gegenorganisation „Lud Polski“ (Polnisches Volk) unter Bolesław Limanowski. Bereits 1883, nach dem ersten Warschauer Massenstreik wurden die Parteien zerschlagen - es folgten Verhaftungen und Todesurteile. 1893 kommt es dann erneut zur sozialistischen Parteigründung mit der „Socjaldemokracja Królestwa Polskiego (SDKP)“ (Sozialdemokratie des Königreichs Polens) unter Róża Luksemburg, Julian Marchlewski und Leo Jogiches, die sich 1900 in SDKPiL umbenennt (i Litwy, und Litauens). Die SDKP ist internationalistisch ausgerichtet und gibt der Überwindung von Monarchie und
43 Vgl. Hoensch, Jörg K., S. 222.
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Kapitalismus den Vorrang vor dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. 44 1892 hatte
sich allerdings erneut eine nationale, sozialistische Partei gegründet, die „Polska Partia Socialistyczna (PPS)“ (Sozialistische Partei Polens) unter Józef Piłsudski. Die PPS ist patriotischer ausgerichtet. Sie räumt der polnischen Unabhängigkeit Vorrang vor der Überwindung des Kapitalismus ein. 45 PPS und SDKPiL leisteten illegale
Untergrundarbeit. Das Zentrum war die Arbeiterstadt Łódź.
1897 gründen sich in Wilno der „Allgemeine Jüdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland (Bund)“ als säkulare sozialistische Partei und Gewerkschaft. Der Bund wollte durch eine Revolution die Anerkennung der Juden als eine eigene Nation mit gesetzlichem Minoritätsstatus erreichen.
Auf der bürgerlichen Seite nennt sich ab 1887 die polnische Nationaldemokratie „Liga Polska“ (Polnische Liga) unter Jan Popławski und Roman Dmowski. Die Polnische Liga will die dreifache Loyalität des polnischen Volkes durch Vorbereitung zu neuem Kampf und Betonung des Allpolentums (Polskość) ablösen. 46 Mit dem Ziel der
Wiedergewinnung der Einheit und Unabhängigkeit Polens. Ab 1894 nennt sich die Nationaldemokratie „Liga Narodowa“ (Nationale Liga) und später „Narodowa Demokracja“ (Nationaldemokratie) und vertritt einen Nationalliberalismus mit Tendenz zum nationalistischen Chauvinismus. 47 „Obwohl von ihrem ideologischen Profil her
eine eher bürgerliche Partei, bemühte sich die polnische Nationaldemokratie, auch bei den Arbeitern und Bauern Anhänger zu gewinnen, und empfahl sich somit als eine moderne nationale Sammlungsbewegung.“ 48 Eine Bauernpartei, im Gegensatz zu Galizien, entstand in Kongresspolen nicht. 49
Bedeutende polnische Zeitungen, deren Einfluss an den Grenzen nicht Halt machte, sind zur Jahrhundertwende: „Robotnik“ (Arbeiter) mit Józef Piłsudski als Redakteur und die „Przegląd Wszechpolski“ (Allpolnische Rundschau), die weitere Kreise als die
44 Vgl. Topolski, Jerzy, Historia Polski - od czasów najdawniejszych do 1990 roku, Warszawa 1994, S. 242.
45 Ihr soziales Programm orientierte sich am Erfurter Programm der SPD (Verstaatlichung von Grund und Boden, von Produktions- und Verkehrsmitteln, Achtstundentag und Mindestlöhne). Vgl. Alexander, Manfred, S. 255.
46 Vgl. Hoensch, Jörg K., S. 223.
47 Vgl. Meyer, Enno, Grundzüge der Geschichte Polens, Darmstadt 1990, S. 69.
48 Jaworski, Rudolf /Lübke, Christian /Müller, Michael G., S. 292.
49 Vgl. Schmidt-Rösler, S. 97 und 104. In Galizien existierte die Bauernpartei „Polskie Stronnoctwo Ludowe“ (PSL, Polnische Volkspartei) unter Wicenty Witos. Vgl. Ebd., S. 104. Es gab lediglich eine weniger bedeutende Gruppe, die sich nach ihrer Zeitung „Wyzwolenie“ (Befreiung) nannte und für eine radikale Landaufteilung eintrat. Vgl. Alexander, Manfred, S. 254.
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Robotnik erreicht, sowie „Głos“ (Die Stimme), die von Popławski in Warschau herausgegeben wird. Im Pariser Exil erschien die „Sprawa Robotnicza“ (Arbeitersache). Ferner spielten eine große Rolle der „Kurier Warszawski“ (Warschauer Kurier) und die im preußischen Teilungsgebiet erscheinende „Gazeta Grudziądzka“ (Graudenzer Zeitung).
5.2. 1905: Erste Revolution oder vierter Polnischer Aufstand
Der erste große Streik in Łódź am 9./10. Mai 1892 macht die soziale Not der polnischen Arbeiter deutlich. Der Streik forderte 217 Tote und Verwundete. 50 1894
folgten große Demonstrationen aus Anlass des 100. Jahrestages der Maiverfassung von 1791 und des Kościuszko-Aufstands von 1794. Zwischen 1895 und 1900 finden von 59 registrierten Straßendemonstrationen 25 in Kongresspolen statt. 51 1905 kommt es zum
4. Polnischen Aufstand oder zur ersten polnischen Revolution im Rahmen der russischen Revolution. Als Ursachen lassen sich der russisch-japanische Krieg von 1904 und die dadurch verbundene Umstellung der Industrie auf Kriegsproduktion, sowie die Naturkatastrophen im Sommer und Herbst 1904 nennen.
Den ersten bewaffneten Zusammenstoss demonstrierender, polnischer Arbeiter mit der russischen Polizei gab es am 13. November 1904 in Warschau. 52 1905 griff dann die
Revolution aus St. Petersburg über. In dieser Situation bekundeten Gutsadel und Besitzbürgertum ihre Loyalität mit dem Zaren. Die Arbeiter stellten sich hinter die sozialistischen Parteien. Die in allen größeren Städten stattfindenden Maidemonstrationen, sowie die Streiks und Barrikadenkämpfe im Juni 1905 in Łódź forderten zahllose Opfer. Das zaristische Manifest vom 17./30. Oktober, in dem die Umwandlung Russlands in eine konstitutionelle Monarchie versprochen wurde, löste in Warschau Massendemonstrationen aus, die in einem Blutbad endeten. Weitere Initiativen seitens der Aufständischen wurden durch den Ausnahmezustand vom 11. Oktober erstickt 53 . Nach dem Aufstand der Moskauer Arbeiter am 22. Dezember versuchte die PPS in Warschau die Macht zu übernehmen, was aber vereitelt wurde 54 .
Danach hatte der revolutionäre Schwung seine Kraft verloren. Auch Papst Pius X.
50 Vgl. Hoensch, Jörg K., S. 223.
51 Vgl. Kappeler, Andreas, S. 268.
52 Vgl. Hoensch, Jörg K., S. 224.
53 Vgl. Ebd. Der Positivist Świętochowski und die Nationaldemokraten unter Dmowski hatten gemeinsam eine Forderung nach Autonomie erhoben. Vgl. Rhode, Gotthold, Geschichte…, S. 410.
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forderte in einer Enzyklika vom 3. Dezember eindringlich die Rückkehr zu Ruhe und Ordnung 55 . Der Einfluss der Sozialisten hatte seinen Höhepunkt am Beginn der
Aufstände. Die polnischen Nationaldemokraten bekamen zunehmend während der revolutionären Ereignisse Zulauf von den Arbeitern. Die Nationaldemokraten fanden sich mit der Hoffnung ab, mehr für die polnische Sache durch konstruktive Arbeit in den neuen Gremien auf Gemeindeebene und in der russischen Duma zu erreichen. Aus Enttäuschung über die kaum veränderte Situation kam es in einigen Städten zu Pogromen gegenüber Juden und zu Kämpfen zwischen Sozialisten und Nationaldemokraten in den Jahren 1906/07. 56 Unter dem Einfluss Piłsudskis wurden
kleine illegale Kampfgruppen (Organizacja Bojowa) aufgebaut, die vor allem im Jahre 1906 Attentate auf russische Beamte und Aktionen gegen Militär, Polizei, Banken und Posttransporte verübten. 57 Als Resultat der Revolution wurden 10.000 Arbeiter in ihre
Geburtsorte oder nach Sibirien verbannt und jede dritte Hinrichtung des russischen Reichs fand im Königreich Polen statt.
Durch die zaristischen Reformen kam es zum Abbruch der
Russifizierungsmaßnahmen. Polnisch wurde Unterrichtssprache in Schulen. Auch in der Kommunalverwaltung war nun der Gebrauch der polnischen Sprache gestattet. Die Koalitionsfreiheit führte zu einer starken Vereinsbildung, und das zaristische Toleranzpatent erlaubte die Rückkehr von 200.000 Unierten 58 , die zwangsweise der
russisch-orthodoxen Kirche angeschlossen worden waren.
54 Vgl. Hoensch, Jörg K., S. 225.
55 Vgl. Ebd.
56 Vor allem im Oktober 1906 kommt es zu Barrikadenkämpfen in Łódź zwischen Anhängern der PPS und dem „Narodowy Związek Robotniczy“ (Nationaler Arbeiterbund), der der Nationaldemokratie nahe steht. Vgl. Alexander, Manfred, S. 256, Hoensch, Jörg K., S. 225 oder Rhode, Gotthold, Geschichte…, S. 432.
57 Der Höhepunkt der Kampfverbände lag im Sommer und Herbst 1906, als die 2000 Mann starken Verbände 678 Attentate verüben, bei denen 336 russische Soldaten und Beamte getötet und 253 verwundet wurden. Der 15. August ging als der „blutige Mittwoch“ in die Geschichte der PPS ein, da an diesem Tag über 100 Überfälle auf russisches Militär organisiert wurden. In der Folge spaltete sich dann im November 1906 der linke Flügel (PPS-Lewica) der PPS ab und näherte sich der SDKPiL an. Vgl. Schmidt-Rösler, S. 98 und Rhode, Gotthold, Geschichte…, S. 432.
58 Vgl. Hoensch, Jörg K., S. 224. Gleichzeitig traten etwa 100.000 ehemalige Unierte von der russisch- orthodoxen Kirche zur römisch-katholischen über. Vgl. Rhode, Gotthold, Geschichte…, S. 403.
Polen waren neben Ukrainern, Weißrussen, Deutschen, Juden, Litauern, Letten, Esten, Finnen, Rumänen, Armeniern, verschiedenen türkischen und mongolischen Stämmen eine Minderheit Russlands. Sie bildeten mit 7,9 Millionen Angehörigen 6,31 Prozent der Bevölkerung Russlands und stellten damit nach Russen und Ukrainern die drittstärkste Nationalität innerhalb des Zarenreiches. 60 Nicht alle Polen lebten im
Königreich Polen, Beispiele sind größere polnische Städte außerhalb Kongresspolens, wie Białystock, Grodno, Wilno oder der polnische Adel in Litauen, Wolhynien und Podolien. Andererseits war die ethnische Unterschiedlichkeit in den Städten Kongresspolens hoch. 61 Als Minderheiten machten Litauer, Ukrainer und Juden im
Königreich Polen jeweils zwischen 5 bis 10 Prozent aus. Ferner gab es nennenswerte deutsche Minderheiten im Raum Łódź und in der Chełmer Gegend.
Eine bewusste Russifizierungspolitik begann nach dem 3. Polnischen Aufstand von 1863. Die russische Politik war seitdem darauf gerichtet, potentielle Revolutionszentren und Dissidentengruppen zu zerschlagen. Das Ziel, den Polen russische Denkweise und Sprache aufzuzwingen, wurde primär durch eine Russifizierung des Schulwesens verfolgt. Polnisch wurde in Schulen in allen Fächern durch Russisch ersetzt, auch im katholischen Religionsunterricht. Polnische Lehrer mussten unter Androhung der Entlassung polnische Kinder auf Russisch unterrichten. 62 Auch polnischer
Privatunterricht war strafbar. Der Gebrauch der polnischen Sprache in Behörden und öffentlichen Einrichtungen war verboten. 63 Auch die katholische Kirche, von Russland
als Hort der Aufständischen betrachtet, wurde harten Repressionen unterworfen. Die meisten Klöster sowie die geistliche Akademie in Warschau wurden aufgelöst und
59 Brief von George Bernard Shaw an Henryk Sienkiewicz, Zitatsammlung Wikiquote, Henryk Sienkiewicz, http://de.wikiquote.org/wiki/Henryk_Sienkiewicz, Zugriff: 12. März 2006.
60 Vgl. Kappeler, Andreas, S. 327.
61 Bspw. lebten 1897 in Warschau 61,7 Prozent Polen und Łódź 46,4 Prozent. Vgl. Ebd.
62 Davies, Norman beschriebt dies sehr nachdrücklich an den Erlebnissen der jungen Maria Skłodowska 1878 in ihrem Warschauer Klassenzimmer. Vgl. Davies, Norman, S. 265f.
63 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, Darmstadt 1965, S. 402.
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beschlagnahmt. Die katholische Kirche war zeitweise von Rom getrennt worden und einem römisch-katholischen Konsistorium in St. Petersburg unterstellt. 64
Daher war der Widerstand nach der der Niederschlagung des 3. Polnischen Aufstandes von 1863 eher passiv. Das Prinzip der „Organischen Arbeit“ (praca organiczna) 65 sah
den Aufbau einer gesunden, modernen Gesellschaft, die aller Romantik entsagt und die großen wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzt, vor dem Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Die Nation sollte sich nicht unterwerfen, sondern anpassen und sozial und wirtschaftlich stärken und dadurch eine nicht zu übersehende Macht werden 66 . Das
Ziel war die kulturelle und wirtschaftliche Hebung aller Schichten und die Weckung eines Nationalgefühls bei den Bauern, welche sich nicht am Aufstand von 1863 beteiligt hatten. 67 Die staatliche Unabhängigkeit wurde zum Fernziel und stand hinter einer gewissen Loyalität zu den einzelnen Teilungsmächten (trójlojalizm 68 oder trójlojalność)
zurück. Trost und Hoffnung wurde in der Hinwendung zur Geschichte und Literatur der eigenen Nation und der privaten, nationalen Erziehungsarbeit gesehen. Beispiele dafür sind die geheime Schüler- und Studentenorganisation „Związek Młodzieży Polskiej“ (Verband der polnischen Jugend, Zet), die die polnische Sprache, Geschichte und Geografie verbreitete. Zudem förderte die katholische Kirche den Kampf um die nationale Selbstbehauptung, bspw. wurde das Kirchenlied „Boże coś Polskę“ (Gott schütze Polen) zur heimlichen Nationalhymne. 69
Während der Ereignisse des Jahres 1905 gab es einen siebenmonatigen Schulstreik, der im September zur Erlaubnis von polnischen Privatschulen führte. Ein polnisches
64 Zwischen 1866 und 1894. Vgl. Schmidt-Rösler, S. 92f. und Rhode, Gotthold, Geschichte…, S. 409.
65 Die Bezeichnung “Organische Arbeit“ geht auf den Positivisten Aleksander Świętochowski zurück, der in seiner Zeitschrift „Prawda“ (Wahrheit) 1872 in dem Artikel „Abstenteizm“ die von Herbert Spencer entlehnte Parole aufgriff. Vgl. Davies, Norman, S. 206.
66 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine…, S. 406.
67 Der Appell an die Bauern hatte in Litauen und der Ukraine aber auch die Folge, dass die dortige ländliche Bevölkerung ihr eigenes Nationalgefühl entwickelte und nicht so sehr die russische Staatsgewalt, sondern die polnische Oberschicht als ihren Gegner anzusehen begann. Die alte historische und kulturelle Gemeinsamkeit zwischen Polen, Litauern und Ukrainern löste sich auf. Der Begriff „Polen“ verengte sich auf die polnische Sprache. Vgl. Meyer, Enno, S. 68.
68 Davies, Norman weißt darauf hin das „trójlojalizm“ (dreifache Loyalität) nicht nur als Begriff für das polnische Volk und deren Loyalität gegenüber den Teilungsmächten Deutschland, Russland und Österreich verwendet werdet kann, sondern auch für die drei Loyalitäten des Individuums (Kirche, polnische Nationalität, Teilungsmacht). Ferner führt er die Ambivalenz zwischen katholischer Kirche und Kampf für die polnische Nation aus. Vgl. Davies, Norman, S. 274ff.
69 Vgl. Schmidt-Rösler, S. 112.
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Privatschulsystem wurde mit Hilfe des neu gebildeten Schulvereins „Polska Macierz Szkolna“ rasch aufgebaut. 70
Nachdem die PPS mit ihrer Losung „Durch Unabhängigkeit zum Sozialismus“ 71 bei
der Machtübernahme 1905 scheiterte, errang die Nationaldemokratie eine führende Rolle im Kampf für die polnischen Interessen. Dies äußerte sich bei den russischen Duma-Wahlen im Mai 1906 und im Februar 1907, an denen sich die Linke nicht beteiligte, als die polnische Nationaldemokratie 34 von 37 Sitzen in den „Weichselgouvernements“ und weitere 19 Sitze außerhalb Kongresspolens erreichte. 72 Die Nationaldemokratie unterstützte bis 1909 die Regierung Stolypin 73 , mit der
Argumentation, dass nur eine Stärkung Russlands den Polen die Freiheit vor der Bedrohung durch das Deutschen Reich gewähren kann. Sie waren überzeugt, dass der Zar freiwillig Polen die Autonomie und später die Unabhängigkeit einräumen würde. 74 Allerdings scheiterte ein in die Duma eingebrachter Autonomieplan im April 1907. 75
Ferner ließ Stolypin die Polska Macierz Szkolna verbieten und die Wahlreform verringerte die polnische Vertretung in der Duma. 76 Von den einst 37
kongresspolnischen Abgeordneten waren nur noch 11 übrig geblieben. Zu dieser Zeit verstärkte sich der Wunsch nach Eigenstaatlichkeit wieder. Im Jahre 1908 intensivierte Piłsudski seine Bemühungen mit einer eignen polnischen Streitmacht wieder die internationale Szene zu betreten und gründete, durch einen Postraub in Litauen finanziert, eine paramilitärische Organisation, den „Verband für den aktiven Kampf“ (ZWC). 77
70 Polska Macierz Szkolna eröffnete bald rund 800 Grundschulen und hatte mehr als 100.000 Mitglieder. Vgl. Schmidt-Rösler, S. 98.
71 Vgl. Hoensch, Jörg K., S. 223.
72 Vgl. Ebd., S. 225.
73 1909 ließ Zar Nikolaus II. das Gebiet um Chełm aus den Gouvernements Lublin und Siedlce vom Königreich Polen abtrennen und es zu einem russischen Gouvernement machen (1912 verwirklicht) und Dmowski legte aus Protest sein Duma-Mandat nieder. Vgl. Schmidt-Rösler, S. 99, Hoensch, Jörg K., S. 226 und Rhode, Gotthold, Geschichte…, S 435.
74 1908 dargelegt von Dmowski in seinem Buch „Niemcy, Rosja i kwestia polska“ (Deutschland, Russland und die polnische Frage).
75 Der Autonomieplan sah vor das Kongresspolen eine eigene Verwaltung, einen Sejm und eine eigene Regierung erhält. Außenpolitik und Militär sollten russisch bleiben. Die russischen Parteien sprachen sich dagegen aus und Stolypin reagierte noch nicht einmal auf den polnischen Vorstoß.
76 Nach dem Wahlgesetz von 1907 vertrat ein Abgeordneter der russischen Gebiete 200.000 Bürger, in den polnischen Gebieten hingegen 750.000. Vgl. Schmidt-Rösler, S. 99.
77 Der Kern bestand 1913 aus 10.000 Mann, die von Galizien aus gegen Russland zu operieren bereit waren. Vgl. Alexander, Manfred, S. 257. Die österreichischen Behörden standen ihnen, da sie sich gegen Russland richteten, mindestens bis zum Statthalterwechsel 1913 wohlwollend gegenüber. Vgl. Fuhrmann, Rainer, S. 101f. oder Rhode, Gotthold, Geschichte…, S. 431ff.
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Der polnische Nationalismus vor dem Ersten Weltkrieg war ein biologischer Nationalismus, eines heiligen nationaler Egoismus mit Tendenz zum Antisemitismus. 78 Deutsche und Juden wurden als gefährlichste Widersache gesehen. 79 Die Ziele
unterschieden sich: Während Piłsudski eine Förderation der Polen, Ukrainer, Weißrussen und Litauer anstrebte, die noch über die polnischen Grenzen von 1772 hinausging („jagiellonische“ 80 Lösung), vertrat die Nationaldemokratie die Gründung eines „piastischen“ 81 Polens. D.h. der unabhängige, polnische Staat sollte sich im
Westen und Süden auf Kosten Deutschlands und Österreichs ausdehnen und im Osten, im Interesse eines guten Verhältnisses zu Russland, einen Ausgleich finden.
78 Vgl. Hoensch, Jörg K., S. 223.
79 Vgl. Meyer, Enno, S. 69.
80 Unter dem polnischem Herrschergeschlecht der Jagiellonen fand die Ostexpansion des polnischlitauischen Staates statt.
81 Benannt nach dem polnischen Herrschergeschlecht des Hochmittelalters, da die territoriale Konzeption dieser Zeit entsprach.
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6. Kultur und Zeitgeist
6.1. Literatur
„Die Erkenntnis, dass die innenpolitische Entwicklung in Polen und nicht ein vorbestimmtes göttliches Schicksal die Teilungen mitverschuldet hatte, prägte […] die Literatur.“ 82 Vor allem in Warschau entwickelte sich eine besondere Variante der
europäischen Literaturströmungen des Realismus und Naturalismus: der Positivismus (der Name geht auf die philosophische Schule von Auguste Comte zurück). Die Positivisten um den Publizisten und Schriftsteller Aleksander Świętochowski, vertraten die Idee der „Organischen Arbeit“. Die Literatur erhielt eine didaktische, realistische Funktion, verbunden mit einer Absage an die romantische Fiktion. Soziale Parolen wurden verbunden mit einer Kritik am Adel, der an der Feudalstruktur festhielt (z.B. in Bolesław Prus Gesellschaftsroman „Die Puppe“, 1887-89). In die Prosa erhielten neue Themen Einzug, wie Landleben, Frauen-, Bauern-, und Judenemanzipation, Industrie und Stadtleben (bspw. in Eliza Orzeszkowas „Meir Ezofowicz“ 1878, oder bei Henryk Sienkiewicz). 83 Aufgrund der Zensur wurden offene politische Themen vermieden.
Dafür waren historische Themen beliebt, die als Metaphern für die Gegenwart aufgearbeitet wurden. Beispiele sind Sienkiewiczs „Quo Vadis?“ (1896), der 1905 den Literaturnobelpreis erhielt, Sienkiewiczs „Krzyżacy“ (Kreuzritter, 1897-1900) und Bolesław Prus Roman „Faraon“ (Der Pharao, 1895/96), der eine Darstellung der Machtpolitik im alten Ägypten ist - voller Anspielungen auf das Zaristische Russland. Obwohl Władysław Reymont stark naturalistische Tendenzen zeigt, blieb er doch dem realistischen Stil verhaftet und erhielt für seinen Roman „Chłopi“ (Die Bauern, 1904-1909) 1924 den Literaturnobelpreis.
Um die Jahrhundertwende 84 erlebte eine Gegenbewegung ihre Blüte, die an die Romantik anknüpfte, „Das Junge Polen“ (Młoda Polska) 85 . Unter dem Einfluss des
französischen Symbolismus und des Psychologismus lehnten sich die Vertreter gegen
82 Schmidt-Rösler, S. 114.
83 Vgl. Ebd., S. 115.
84 Die Ansicht über den genauen Zeitpunkt des Übergangs vom Positivismus zum Jungen Polen variiert zwischen der Wiederaufnahme der patriotischen Demonstrationen am 3. Mai 1891, der Gründung der PPS im Jahr 1892 oder der Nationaldemokraten im Jahr 1897 und dem Ausbruch revolutionäre Gewalt in Warschau auf dem Grzybowski-Platz am 13. November 1904. Vgl. Davies, Norman, S. 212.
85 Die Bezeichnung Młoda Polska prägte Artur Górski 1898 in der Krakauer Zeitschrift „Życie“ (Leben). Vgl. Dedecius, Karl, Das Junge Polen. Literatur der Jahrhundertwende - Ein Lesebuch, Frankfurt am
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den herrschenden Rationalismus der Positivisten auf. Im Gegensatz zur Romantik wurde jedoch nun die nationale Aufgabe der Literatur weitgehend geleugnet. „The movement was born of the feeling, since progress was an illusion an reform a charade, that the creative artist could still justify his existence by the boldness of his symbols and the bravura of his style. In this respect, Polish Modernism echoed the Art Nouveau, Art for Art`s sake, and Secessionist movement at points further west.” 86 Die von Krakau
ausgehende Strömung hatte ihren bedeutendsten Vertreter in Stanisław Wyspiański. In seinem Werk „Noc listopadowy“ (Novembernacht, 1904) verband er seine symbolhafte Darstellung psychologischer und gesellschaftlicher Zustände mit der dramatischen Darstellung des Novemberaufstands von 1830. In seinem bedeutendsten Drama „Wesele“ (Die Hochzeit, 1901) zeigte sich in der Hochzeit eines Krakauer Intellektuellen mit einem Bauernmädchen die Volkstümelei der Intellektuellen des Jungen Polens in der Verklärung des Landlebens. 87 Wyspiański revolutionierte in seinen
Theaterstücken die Aufführungspraxis und gilt damit als Begründer des modernen polnischen Theaters. Auch die Lyrik erlebte einen neuen Höhepunkt. Sie wurde stark von der Landschaft und dem Charakter der Tatra, der polnischen Westkarpaten, beeinflusst. „Typisch […] sind Landschaftsbilder, Melancholie, Extase, Sinnlichkeit, Hoffnungslosigkeit und Pessimismus - Elemente, die auch im übrigen Europa die Finde-siècle-Kunst kennzeichnen.“ 88 Bedeutendste Vertreter der Tatra-Lyrik sind Jan
Kasprowcicz und Kazimierz Przerwa-Tetmajer. Vertreter des Jungen Polen in Kongresspolen waren Publizisten und Schriftsteller wie Wacław Nałkowski und der von sozialen Themen besessene Stefan Żeromski. Seine Romane waren durch seine naturalistisch-symbolische Darstellungsart gekennzeichnet. 89 „In der polnischen
Literatur zerschlugen die visionären nationalen Traditionen schon früh das Streben nach Harmonisierung der Strukturen. Die polnische Literaturwissenschaft spricht daher mit Recht von den vielen expressionistischen Erscheinungen, die schon im Schoß des Jungen Polen entstanden seien.“ 90
Main 1982, S. 7.
86 Davies, Norman, S. 174.
87 Vgl. Dedecius, Karl, S. 7.
88 Schmidt-Rösler, S. 116.
89 Vgl. Dedecius, Karl, S. 282.
90 Hinterhäuser, Hans u.a., Jahrhundertende - Jahrhundertwende (II. Teil), Wiesbaden 1976, S. 418.
Die polnische Malerei erlebte ihren Höhepunkt nach dem 3. Polnischen Aufstand von 1863. Bevorzugtes Genre ist die Historienmalerei, in der nationale Themen im Vordergrund standen. Bedeutendester Vertreter ist Jan Matejko, der „Illustrator der polnischen Geschichte“ 91 . Der langjährige Direktor der Akademie der schönen Künste
in Krakau malte vor allem großflächige Historienbilder, in denen er kritische oder glorreiche Stunden der polnischen Geschichte verherrlicht, bspw. in „Kościuszko bei Racławice“ (1885) den Sieg über die Russen von 1794 oder in die „Konstitution des 3. Mai 1791“ (1891) die erste freiheitliche Verfassung Polens. Ebenso wie Matejko stand auch Juliusz Kossak noch im Zeichen der Romantik, der in seinen Aquarellen die polnische Adelsrepublik verherrlichte. Am bekanntesten wurden seine Reiterbilder und Illustrationen zu Werken Adam Mickiewiczs und Henryk Sienkiewiczs. Ähnlich bekannt ist auch Arthur Grogger. Stanisław Wyspiański ist nicht nur als Schriftsteller und Theatermacher bekannt, auch wurden seine Bühnenbilder und Malereien berühmt. Bekannt ist seine Tafelmalerei, mit den Themen Kindheit, Landschaft und Blumen, und die Dekorationsmalerei des Schülers Matejkos.
„Mit dieser Phase national-patriotischer Historienmalerei fällt die polnische Kunst aus dem europäischen Rahmen.“ 92 Unter dem Einfluss des Impressionismus,
Postimpressionismus und der Sezession wirkten u.a. Józef Pankiewicz, Olga Boznańska, Aleksander Gierymski und Jacek Malczewski, sie konnten allerdings keine vergleichbare Bedeutung erreichen. Erst nach der Jahrhundertwende konnten sich auch in Polen allmählich die Kunstströmungen des Realismus, Symbolismus und Expressionismus durchsetzen.
6.3. Musik
Die Zeit der Romantik, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die große Zeit der polnischen Musik. Namen wie Stanisław Moniuszko, der so genannte „Vater der polnischen Oper“ oder Fryderyk Chopin, welcher die polnische Volksmusik mit der europäischen Klaviermusik verband 93 , sprechen für diese Zeit. Die größten polnischen
91 Häufig benutzte Bezeichnung für Jan Matejko, nach Schmidt-Rösler, S. 116.
92 Ebd., S. 117.
93 Vgl. Ebd.
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Komponisten um die Jahrhundertwende reflektierten vor allem die Vorbilder Richard Wagner und Pjotr Iljitsch Tschaikowski und fanden in Karol Maciej Szymanowski den begabtesten und originellsten Vertreter. 94 Szymanowski, der in der damaligen Zeit in
Wien lebte, war ein nationaler Komponist Polens, der etliche Lieder und polnische Texte und Volksmelodien schrieb und sich mit seinen Wurzeln schöpferisch auseinandersetzte. Sein Hauptwerk besteht aus zwei Opern, Ballettmusik, vier Sinfonien, zwei Violinkonzerten, Liedern und Kammermusik. Weiterhin von großer Bedeutung waren Mieczysław Karłowicz, Moritz Moszkowski und Ignacy Jan Paderewski. Karłowicz, Komponist und Violinist, gründete 1903 in Warschau ein Streicherorchester und starb im Alter von 32 Jahren bei einem Lawinenunglück in der Hohen Tatra. Der in Berlin und Paris lebende Moszkowski galt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als einer der herausragendsten Komponisten Europas, so wurde er 1899 Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Zu seinem kompositorischen Schaffen zählen Opern, Kammermusik, Ballettmusiken, Balladen, Tänze, Serenaden und Instrumentalkompositionen sowie Sinfonien. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg begann auch der Aufstieg des Pianisten Arthur Rubinsteins. Der als siebtes Kind einer jüdischen Handweberfamilie in Łódź am 28. Januar 1887 geborene Musiker, hatte bei Ausbruch des Weltkrieges erste Auftritte in Berlin und Warschau hinter sich, auch die erste Tournee in den USA 1906 war bereits absolviert und er verkehrte in den Pariser Salons. Dennoch hatte er seine größte Zeit noch vor sich.
94 Vgl. Alexander, Manfred, S. 260.
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7. Resümee
Die europäische Perspektive vor dem Ersten Weltkrieg für Kongresspolen anzuwenden ist nicht einfach. Aufgrund der eher nationalen Geschichtsschreibung beschränken sich die Vergleiche häufig nur auf angrenzende Staaten oder Gebiete. In der Parteientwicklung findet zwar eine der westeuropäischen vergleichenden Entwicklung in der Gründung sozialistischer und bürgerlicher Parteien statt, dennoch ist es der Fremdherrschaft und dem fehlenden Parlamentarismus geschuldet, dass die Unabhängigkeitsbewegung und die Charakterisierung des Nationalismus im Vordergrund stehen. Auch eine dem Liberalismus vergleichbare Strömung entsteht durch diese Umstände im Königreich Polen nicht. Im Gegensatz zu Italien und Deutschland hatte Polen die Möglichkeit zur Gründung eines modernen Nationalstaates noch nicht im 19. Jahrhundert bekommen. Dadurch blieb die politische Entwicklung hinter einer westeuropäischen zurück. In der Wirtschaft haben dagegen die Reformen zuungunsten des polnischen Adels und die Integration in den großen russischen Markt, eine Modernisierung der Landwirtschaft und damit verbunden auch einer Industrialisierung den Weg bereitet, wie sie in einem unabhängigen Polen, für die Gebiet Kongresspolens, nicht in gleicher Weise möglich gewesen wäre. Die Literatur kann durchaus mit westeuropäischen Entwicklungen verglichen werden, auch wenn in ihr die nationale Funktion nicht zu übersehen ist, im Gegensatz zur Malerei die in der Romantik verhaftet bleibt. Hauptaugenmerk des Zeitgeistes in Polen zur Jahrhundertwende war die Erhaltung der geistigen Einheit der drei polnischen Teilgebiete in Deutschland, Russland und Österreich über die Grenzen hinweg, die sich in der gemeinsamen Rezeption von Ideen und der grenzübergreifenden politischen Zusammenarbeit in Form von Parteien und Aktivitäten darstellte. Dies geschah trotz der unterschiedlichen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung, so dass ein gesamtpolnisches Bewusstsein gewahrt blieb. Aufgrund der beschriebenen Umstände ist zu erklären, warum sich Kongresspolen wirtschaftlich rasch erneuerte, während Galizien aufgrund geringerer Zensur und fehlender nationaler Assimilierungsversuche Österreichs eher den Weg geistig-kultureller Entwicklung bestritt.
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Zitatsammlung Wikiquote, Henryk Sienkiewicz,
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