Inhaltsverzeichnis
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1) Einleitung
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2) Krämer, Benjamin, Serres - Kommunikation?
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2.1) Von Engeln und Parasiten
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3) Crystal Frontiers Diasporic Optic
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3.1) Referenzen zu Babel
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3.2) Aspekte von Übersetzbarkeit
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3.3) Medien als Übersetzer
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3.4) Vom Motiv der Löcher und Kinder zu einem Verständigungsdilemma
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4) Der Film als Referenzinstrument und Schnittmenge sprachlicher Differenzen 19
4.1) Ohnmacht in Marokko
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4.2) Mexico is a dangerous place
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4.3) Chiekos Wüste Tokio
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5) Ausblick
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6) Bibliographie
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7) Filmographie
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1) Einleitung
Es ist vornehmlich das Fehlen einer sicheren Kommunikationsebene, was den Film Babel. Wer verstanden werden will... muss zuhören 1 für eine medien‐ sowie sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung interessant macht. Die grobe Haupthandlung vollzieht sich auf drei Kontinenten; mit den Schauplätzen Ma‐ rokko, Mexiko und Japan ist ein weltumspannendes Netz geknüpft, das in den einzelnen Episoden auf zahlreiche Methoden von Kommunikation, Verständi‐ gung, Übersetzung und Mitteilung verweist.
Neben einer literatur‐ und sprachwissenschaftlichen Annäherung im Hinblick auf die Thematiken von Kommunikation und Medium, soll vornehmlich die ex‐ emplarische Filmanalyse im Zentrum der Betrachtung stehen. Die Analyse wird nicht allein auf sprachliche Aspekte beschränkt werden, um eine einseitige Be‐ trachtung der Thematik ausschließen zu können, die hier explizit nicht gedacht ist. Daher wird auf zahlreiche Aspekte Bezug genommen, die im Folgenden so‐ wohl das technische Verständigungsmodell (postalisches Prinzip) sowie das per‐ sonale Verständigungsmodell (erotisches Prinzip) der Kommunikation betreffen. Ferner sollen die narrativen Aspekte der filmischen Episoden nicht nur auf die theoretischen Grundlagen Bezug nehmen, sondern auch auf den Ebenen von Inhalt in Verbindung zu Kommunikation und differenzierten Hintergründen ausbuchstabiert werden. Dadurch soll gewährleistet werden, dass die dem Me‐ dium Film inhärenten Strategien innerhalb ihrer Makro‐ und Mikroebenen auf‐ gezeigt werden können; und eben dies erfolgt explizit am Beispiel des Filmes sowie im Hinblick einer babylonischen Sprachthematik. Sebastian Thies konsta‐ tiert in diesem Zusammenhang, dass „[…] human understanding is shown to fail in a world shaped by postmodern mobility and the mediascapes of the information age, […]” und weiter: “The film’s fable depicts an increasingly interconnected world that nonetheless hinders the communication of human feelings.” 2 Gerade auf diesen Aspekt soll im Folgenden eingegangen und geklärt werden mit wel‐
1 Iñárritu 2006, Babel 2 Thies 2009, Crystal Frontiers, S.220 3
chen Strategien der Film, d.h. die filmische Narration sowie deren filmästheti‐ sche Umsetzung, in diesem Zusammenhang agiert.
2) Krämer, Benjamin, Serres - Kommunikation?
Der Begriff der Kommunikation berührt im Folgenden das, was unser gesell‐ schaftliches Verständnis von Übertragung und Verständigung betriff. Mithilfe dieses Wortes lässt sich nahezu alles strukturieren und beschreiben. Es gibt das kommunikative Handeln, welches ein rein instrumentelles Tun um ein verstän‐ digungsorientiertes Moment ergänzt, es existieren Kommunikationsprobleme und selbst die Kommunikation an sich ist nicht auf einen rein zwischenmensch‐ lichen Bereich beschränkt. Die MenschMaschineKommunikation wird zu einem Charakteristikum unserer gegenwärtigen Zivilisation. Die Kommunikation un‐ terliegt einer Vision von Globalisierung, in der sie dem Entwurf eines welt‐ umspannenden Netzwerkes unterworfen ist; in diesem Netz ist es schließlich und letztendlich nicht möglich nicht zu kommunizieren. 3 Um nun ein intensiveres Verständnis von Kommunikation zu gewährleisten wird und muss eine Differenzierung erfolgen; diese findet zwischen einem so‐ genannten technischen Übertragungsmodell sowie einem personalen Verständi gungsmodell statt. Das technische Übertragungsmodell verhandelt dabei die Technisierung von Informationsflüssen, von Nachrichtenübertragung sowie Datenverarbeitung und unterliegt einer informationstechnischen Ausgangs‐ problematik: der raum‐zeitlichen Entfernung zwischen Sender und Empfänger. Es handelt sich um eine lineare Kette, um eine Weiterleitung von Signalen und Informationen, schließlich um eine Übertragung von uninterpretierten Entitäten. Hierbei gilt eine Verbindung (technisches Übertragungsmodell) als erfolgreich, wenn das Grundproblem einer möglichen Störung ausgeschlossen werden kann, indem die lineare Übertragung vom Sender zum Empfänger von einer störenden dritten Instanz ferngehalten wird. Das personale Verständigungsmodell hinge‐ gen, welches an Jürgen Habermas‘ Kommunikationstheorie angelehnt ist, be‐
3 Vgl. Krämer 2008, Medium, Bote, Übertragung, S.12f 4
zieht sich auf die reine Interaktion zwischen Kommunikationspartnern. Kom‐ munikation respektive Verständigung sind hier an ein wechselseitiges Verste‐ hen gebunden, welches mit Hilfe von vor allem sprachlichen Zeichen (bedeu tungs und sinnhaltiger Art) entwickelt wird und die Verständigung zum Ziel von Dialogen macht. 4
„Kommunikation ist dann jener Basisvorgang, welcher koordiniertes Han deln eröffnet und Gemeinschaft stiftet. Sie wird als ein reziproker Prozess sozialer Interaktion konzipiert.“ 5
Gelingt dialogische Kommunikation so wird Vereinigung und Übereinstimmung bewirkt, deren übergeordnetes Ziel ist: Distanz und Differenz zu überwinden. In gewisser Weise findet ein Eins‐Werden zwischen den Kommunikationspartnern statt; sie teilen nun etwas miteinander oder sprechen gar wie mit einer Stimme. Folglich wird zwischen einer KommunikationalsVerständigung (symmetrischer und reziproker Vorgang) sowie einer KommunikationalsÜbertragung (asym metrischer und unidirektionaler Vorgang) differenziert. Als eine Erweiterung oder Zuspitzung dieser Kommunikationsmechanismen stellt Sybille Krämer die Unterscheidung zwischen einerseits dem postalischen Konzept von Kommunika tion und andererseits dem erotischen Konzept auf. Während das postalische Prinzip Verbindungen zwischen räumlich voneinander entfernten körperlichen Instanzen herstellt, sieht sich das dialogische Prinzip als eine Art von Vereinheit‐ lichung vormals individueller Divergenzen. Dabei gehen jedoch beide Konzepte von einem Abstand, einem qualitativen Unterschied, explizit von einer Distanz oder Differenz aus, die zu einer universellen Bedingung und Voraussetzung von Kommunikation avanciert. Das postalische Prinzip beruht, wie bereits erwähnt, auf einer raum‐zeitlichen Distanz zwischen Sender und Empfänger, wohingegen das erotische Prinzip auch auf eine Distanz hinweist, dabei jedoch viel subtiler auf Heterogenität und individuelle Innenwelten der Individuen verweist. 6
4 Vgl. Krämer 2008, Medium, Bote, Übertragung, S.13ff 5 ebd. S.14 6 Vgl. ebd. S.15f 5
„Das technische Kommunikationskonzept überbrückt die Distanz, annuliert sie aber nicht; es stabilisiert und bestärkt das voneinander EntferntSein gerade durch die und in der gelingenden Übertragung. Das personale Kommunikationskonzept zielt auf eine Überwindung und Aufhebung des Abstandes und der wechselseitigen Unzugänglichkeit, es setzt Differenz voraus, bestätigt und stabilisiert diese aber nicht, sondern tendiert zu deren Aufhebung in einem Identischen, welches von den Kom munizierenden tatsächlich geteilt und zu etwas ‚Gemeinschaftlichem‘ wird.“ 7
Welche Rolle spielen nun die Medien für die jeweiligen Kommunikationskon‐ zepte? Das Übertragungsmodell hebt die Medien in eine uneingeschränkte und unverzichtbare Stellung; unumgänglich sind sie das, was zwischen Sender und Empfänger zu Kommunikationszwecken zwischengeschaltet ist. Die Distanz wird nicht aufgehoben, es kommt zu keiner unmittelbaren Berührung der Ak‐ teure selbst und dennoch wird eine Verbindung trotz und in der Entfernung beider geschaffen. 8
„Für das Verständigungsmodell wiederum sind Medien randständig, ver nachlässigbare Vehikel, die - durchsichtigen Fensterscheiben gleich - einen ungestörten, unmittelbaren Zugriff auf etwas, das sie nicht selber sind, zu gewährleisten haben.“ 9
Eine dialogische Beziehung zielt auf die Aufhebung von Distanz und Differenz, ihre Unmittelbarkeit und wechselseitige Bezugnahme findet im zusammen‐ kommen der Individuen statt; folglich bleibt „in der Vereinigung durch Verstän digung kein Platz mehr für ein Mittleres, kein Zwischenraum mehr für ein Medi um.“ 10 Dies kann im Verlauf der Arbeit vielleicht bereits auf Chiekos Entblößung bis hin zur Nacktheit verweisen, durch welche das junge Mädchen versucht ihr Innerstes zu kommunizieren; ohne Mittler, ohne Medium.
„Während die Übertragungsmedien darauf gerichtet sind, Störungen ab zuwehren, bilden Medien in dialogischen Zusammenhängen eher selbst den ‚Störfall‘.“ 11
7 Krämer 2008, Medium, Bote, Übertragung, S.16 8 Vgl. ebd.16 9 ebd. S.16 10 ebd. S.17 11 ebd. S.17 6
Es findet also eine Konfrontation zwischen einem technisch‐postalischen und einem personal‐erotischen Ansatz von Kommunikation statt; diese werden auch im Film selbst innerhalb der einzelnen Episoden durch die Anwendung zahlrei‐ cher Methoden und Strategien sichtbar. Der philosophische Standpunkt propa‐ giert einen gehaltvollen Kommunikationsprozess allein auf der Grundlage dia‐ logischen Kommunizierens sowie der wechselseitigen Verständigung (Beispiel: Dialog) und nicht etwa durch die Übertragung und ein einseitiges Aussenden von Signalen und Daten (Beispiel: EMail). 12 Die Problematik des Filmes, respek‐ tive der Charaktere und figuralen Konstellationen ist ferner jedoch, dass trotz Dialog, keine Aussprache, keine Verständigung gewährleistet ist; es ist eine Sprache hinter der Sprache selbst, die dort zu Tage tritt.
„Die erotische Kommunikation im Sprechakt sich vereinigender Differentia lität ist […] eine Möglichkeit; sie als die ideale oder auch nur allgemeingül tige Form von Kommunikation zu deuten bedeutet jedoch eine Form von Romantizismus.“ 13
An dieser Stelle möchte ich den Weg der Rehabilitierung des postalischen Prin‐ zips, den Sybille Krämer einschlägt, verlassen, um mich der Differentialität der Konzepte auf filmanalytischer Ebene widmen zu können; denn „Medien machen lesbar, hörbar, sichtbar, wahrnehmbar, all das aber mit der Tendenz, sich selbst und ihre konstitutive Beteiligung an diesen Sinnlichkeiten zu löschen und also gleichsam unwahrnehmbar, anästhetisch zu werden.“ 14 Medien treten also, in‐ dem sie etwas zum Vorschein bringen, selbst dabei zurück, sie vergegenwärti‐ gen, indem sie unsichtbar bleiben und kommen umgekehrt erst selbst im Rau‐ schen, d.h. also in ihrer Dysfunktion und Störung zur Geltung. Denn wird Musik von einer CD, einer LP etc. abgespielt, so ist es die Musik als Botschaft, nicht das Medium, was wahrgenommen wird; und sobald der Film beginnt tritt die Kino‐ leinwand als Medium selbst zurück; erst wenn eine Störung auftritt wird auch wieder das Medium sicht‐ und wahrnehmbar.
12 Vgl. Krämer 2008, Medium, Bote, Übertragung, S.17f 13 ebd. S.18 14 Engell/Vogl 2000, Vorwort, S.10 7
Der Erfolg von Medien ist in ihrem Verschwinden besiegelt; das was bei der medialen Vermittlung zum Vorschein kommt soll unabdingbar als etwas Unmit‐ telbares in Erscheinung treten, nur so kann der mediale Wirkmechanismus auch gewährleistet werden. 15 „Im Diaphanen des Mediums kreuzen sich die Dinglich keit und das Transitorische; so entsteht ‚Transparenz‘ […].“ 16 Der Begriff des Di‐ aphanen deutet im Folgenden in gewisser Weise bereits auf den von Sebastian Thies geprägten Terminus der crystal frontier 17 hin oder kann in diesem Zu‐ sammenhang an Bedeutung gewinnen; darauf soll aber erst in einem weiteren Schritt näher eingegangen werden und schließlich explizit eine Bezugnahme auf den Film selbst erfolgen.
„Die Körperlichkeit, die dem Medium zukommt, sofern es als ein Drittes zwischen zwei Seiten platziert ist, deren Zwischenraum es füllt, ist eine ‚transitorische Körperlichkeit‘. Medien sind Körper, die sich ‚entkörpern‘ können; ihnen eignet eine Materialität, die sich im Gebrauch ‚immateriali siert‘.“ 18
Für Walter Benjamin ist Sprache ein Medium der Mitteilung; er unterscheidet zwischen dem Mitteilen, dem Medium und der Sprache. Diese drei Begriffe sind so angelegt, dass sich in ihrem Schnittpunkt das Übersetzen als die Kernaufgabe des Medialen herauskristallisiert. Laut Benjamin gibt es keinen Sprecher der Sprache 19 , sodass sich die Sprache mehr und mehr von ihrer Stellung als reine Wortsprache löst. Es existieren zwar die Sprachen der Technik, der Kunst, der Justiz und der Religion, allerdings geht es vielmehr um das, was in den betref‐ fenden Gegenständen selbst liegt; es existiert folglich eine Sprache der Dinge. Die Sprache selbst ist laut Benjamin kein reiner Zeichengebrauch und ferner auch nicht an Lautgebung gebunden; doch was kann eine Sprache in diesem Sinne bedeuten und bewirken? 20 Auch diesem Aspekt soll zu einem späteren Zeitpunkt der folgenden Filmanalyse nachgegangen werden.
15 Vgl. Krämer 2008, Medium, Bote, Übertragung, S.28 16 ebd. S.30
17 Thies 2009, Crystal Frontiers (Im Folgenden soll diese Wendung einen vielfachen Gebrauch erfahren, sodass diese Fußnote repräsentativ für alle folgenden Erwähnungen stehen soll, um eine enorme Reihung zu vermeiden) 18 Krämer 2008, Medium, Bote, Übertragung, S.32f 19 Benjamin 1977b, Über Sprache, S.142 20 Vgl. Krämer 2008, Medium, Bote, Übertragung, S.42ff 8
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Annemarie Binkowski, 2010, Iñárritu - Der Film Babel: Filmisch, literarisch, narrativ, München, GRIN Verlag GmbH
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