1. Vorwort
Zur Position des Bildes innerhalb des Gesamtwerkes des Künstlers - so lautet das Thema der hier vorliegenden Minifacharbeit zum Bild Der Abend von Philipp Otto Runge. Ich empfinde dies als ein besonders schönes Bild, das sich besonders durch seine Vielfältigkeit auszeichnet. Doch gerade bei dieser Vielfältigkeit fällt es mir schwer die Vorgabe von drei Seiten Ausarbeitung einzuhalten, und so habe ich auf fünf Seiten verlängern müssen, aber dennoch nur an der Oberfläche kratzen können. Die Aufgabenstellung verlangt eine Auseinandersetzung mit Philipp Otto Runges Gesamtwerk, doch bin ich der Überzeugung, dass dies nur geschehen kann, wenn man sich auch mit dem Einzelbild auseinandersetzt und so ist diese Ausarbeitung so aufgebaut, dass ich zunächst auf das Bild an sich eingehe und Informationen zum Bild geben werden und dann die Einordnung erfolgt.
2. Philipp Otto Runge Der Abend
2.1 Das Bild in äußerer Form
Der Abend ist ein Kupferstich aus dem Jahr 1805 als Teil des vierteiligen Zyklus‘ Die vier Tageszeiten. Die vier Teile entstanden 1803 als Vorlage und wurden 1807 erneut in veränderter und größerer Form herausgegeben. 1
Das Bild ist aufgeteilt in einen Rahmen und ein inneres Hauptbild. Die linke und die rechte Seite des Bildes sind symmetrisch; lediglich die im Bild auftauchenden Knaben zeigen Unterschiede. Der Rahmen zeigt mehrere Knaben. Der erste liegt am oberen Bildrand, seine Hand ergreift ein Lamm. Im Hintergrund dieser beiden befindet sich die Sonne und in den oberen Ecken jeweils ein Engel. Am unteren Bildrand sitzen zwei weitere Knaben, die Trompeten halten und sie „trauern […], hingewendet zum Passions- und Erlösungskelch Christi in der Mitte“ 2 . Auch an den unteren Ecken befinden sich Kelche, allerdings ohne die Initialen Jesu, INRI. Sie schweben oberhalb einer Aloe Vera Pflanze, auf dessen Blättern die trauernden Knaben sitzen. Auch an den linken und rechten Seitenrändern befindet sich noch jeweils ein Knabe. Sie stehen jeweils auf einer Blüte in der Mitte der Ränder. Unterhalb und oberhalb der Blüten zeigen sich die Stängel der Aloe Vera Blüten.
vgl. Rebel, 2010, S. 189 1 ebd. 2
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Das innere Hauptbild zeigt im oberen Bildteil eine Frau, die ein Tuch aufspannt, auf dem Sterne zu sehen sind. Innerhalb dieses Tuches steht sie hinter einer Mohnblume. Auf deren Stängeln liegen zwei Knaben innerhalb des Tuches und zwei außerhalb des Tuches mit Hörnern; dort geht das Tuch in Wolken über. Am unteren Bildrand sieht man die Rundung einer untergehenden Erdkugel, von der jeweils links und rechts eine Rose nach oben wächst. Auf diesen Rosen sitzen fast symmetrisch musizierende Knaben. In der Mitte stapeln sich von einer Lilie ausgehend neun Knaben, über denen sich ein Stern befindet.
2.2 Interpretation des Bildes
Das Leben von Philipp Otto Runge war stark vom protestantischen Glauben geprägt. Dies zeigt sich in vielen seiner Bilder, so auch in Der Abend. Darüberhinaus zeigt sich hier, dass Runge sich Gedanken macht, welche Rolle der Mensch innerhalb des Universums einnimmt. 3
Wenn man sich in diesem Bild auf die Suche nach kosmischen Attributen macht, fällt gleich die Erdkugel auf, die am unteren Rand des Hauptbildes unterzugehen scheint. An dieser Stelle, lässt sich vermuten, dass Runge die Auffassung vertrat, dass die Erde nur einen kleinen Platz im Universum einnimmt. Diese These wird zusätzlich von der Frau weiter oben gestützt. So identifizierte schon Hermann Nasse diese Person als „Venus, über der der Morgenstern aufgeht“. 4 Die Venus als Planet unseres Sonnensystems steht an dieser Stelle stellvertretend für den gesamten Kosmos und ihre Größe in diesem Bild zeigt das Verhältnis zwischen Erde und Universum.
Doch zeugt dieses Bild auch davon, dass für ihn der Himmel existent ist. So zeigen sich am Kopf des Bildes die zwei Engel und in der Mitte der Knabe mit dem Lamm. Das Lamm, das ein Zeichen für Jesus Christus ist, 5 nimmt somit eine Position oberhalb des Kosmischen ein. Es setzt den Himmel, wo Jesus dem christlichen Glauben entsprechend zur Rechten Gottes sitzt, über das Universum. Genauso bildet das Kreuz mit dem Passionskelch Christi am unteren Rand des Bildes das Fundament. Insgesamt ist zu sagen, dass Runge den Glauben als Rahmen um die reale, beweisba-vgl. Stadler, 1994, S. 220-222 3 Nasse, 1924, S. 54 4
5 vgl. Biedermann, 2004, S. 261
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re Kosmologie setzt und auch keinen Übergang, sondern zwei getrennte Welten schafft.
Doch Der Abend zeugt daneben von einer Auseinandersetzung mit menschlichen Gefühlen, die für die Entstehungszeit, die Romantik, sehr typisch war. Man romantisierte die Welt und dies wird auch im Hauptbild deutlich. So weist schon die Grundsituation, die Abenddämmerung, Gefühle wie Sehnsucht und Hoffnung auf. Sie ist ein „Sinnbild der Selbstreflexion“ 6 und läd ein zum Nachdenken über den vergangenen und gibt Hoffnung für den nächsten Tag. Neben dieser Grundsituation deuten auch die Knaben, die eigentlich Genien sind, 7 auf die Gefühlswelt hin. Ein Genius war ursprünglich ein Schutzgeist, der einen Menschen von der Geburt bis zum Tod begleitet 8 ; auch die Mohnpflanze, in der die Venus steht ist ein Symbol für den Tod. 9 Sogar die Venus selbst wird in Lexika als Personifikation des Vergänglichen ge-handhabt. 10 Das Bild gibt so Spielraum für Gefühle; in diesem Fall Gefühle, die mit dem Tod verbunden sind. Doch zeugen gleichzeitig Rose und Lilie, als wiederblühende Pflanzen, und die Sonne am Kopf des Rahmens von der Auferstehung und bieten ebenso Raum für die hoffnungsvollen Gedanken über ein Leben nach dem Tod.
Alles in allem ist zu sagen, dass Philipp Otto Runge ein romantisch, gefühlsgeprägtes Bild geschaffen hat. So regt er den Betrachter an, sich mit Gedanken und Gefühlen des vergänglichen Lebens auseinanderzusetzen, gibt aber selbst Zeugnis seines Glaubens ab, der ein Seelenheil und Leben nach dem Tod verspricht. Es wird deutlich, dass in Runges Leben der Glaube eine große Rolle spielte und so hat er seinen Glauben nicht unauffällig in das Bild integriert.
3. Philipp Otto Runge - eine Kurzbiographie
Philipp Otto Runge wurde am 23. Juli 1777 in Wolgast bei Greifswald geboren und starb am 2. Dezember 1810 im Hamburg. Sein Leben war, wie seine Erziehung, protestantisch gläubig geprägt. Er gilt als einer der bedeutendsten romantischen Maler Norddeutschlands, der versuchte den in Deutschland vorherrschenden Klassizismus
Zuffi, 2003, S. 66 f. 6 vgl. Rebel, 2010, S. 189 7
vgl. Biedermann, 2004, S. 162 f. 8 vgl. Jensen, 1977, S. 127 9
vgl. Biedermann, 2004, S. 459 f. 10
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zu vertreiben und so griff er in seinen Werken auf Mystik und Novalis‘ Dichtkunst zurück. Trotz seines Versuches eine neue Theorie zu verbreiten, hatte er nie Schüler. Im Gegenteil bildete sich Philipp Otto Runge selbst sein Leben lang weiter. So studierte er von 1799 bis 1801 in Kopenhagen, dann in Dresden und nahm ab 1803 in Hamburg Malunterricht, nachdem er zuvor in Hamburg eine Lehre zum Bankkaufmann absolviert hatte. 11
Er war ein beliebter Zeitgenosse, und so schreib auch schon Johann Wolfgang von Goethe kurz vor Runges Tod:
„‘Dass wir den Herrn Runge verlieren sollen, schmerzt mich sehr. Es ist ein Individuum, wie sie selten geboren werden. Sein vorzügliches Talent, sein wahres Wesen als Künstler und Mensch, erweckte schon längst Neigung und Anhänglichkeit bey mir.‘“ 12
4. Einordnung des Kupferstichs in das Gesamtwerk Philipp Otto
Runges
Runge lag es immer daran eine Einheit zwischen den zwei Welten innerhalb und außerhalb der menschlichen Seele zu zeugen und eine innere Naivität des Menschen wieder zu Tage fördern. Dabei spielte er oft auf Kinder an. 13 So heißt es, dass bei Kindern naives Verhalten als „unverfälscht und unvoreingenommen gedeutet“ 14 werden kann, also vollkommen natürlich. Sucht man nun nach dieser Allegorie, findet man in den meisten Bildern Runges irgendwo ein Kind. Auf seinem Bild Die Hülsenbeckschen Kinder sind drei Kinder als Protagonisten dargestellt und auf dem Bild Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten sieht man neben dem Jesuskind ein weiteres Kind auf dem Baum im Hintergrund.
Darüberhinaus übertrug er seinen starken Glauben in seine Bilder. So existieren tiefreligiöse Werke wie das schon eben erwähnte Bild Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten und Christus auf dem See Genezareth. 15 Diese beiden inhaltlichen Aspekte sind in allen Bildern der vier Tageszeiten zu finden. So ist auch Der Abend geprägt durch Genien in Knabengestalt, die eben diesen Rückbezug zum Kindsein herstellen.
vgl. Stadler, 1994, S. 220-222 11
Eine Zeitreise zu Philipp Otto Runge, in: Tagesblatt für den Kreis Steinfurt, S.3 12 vgl. Stadler, 1994, S. 220 13
14 http://ares29.plusserver.de/Wasser/PsychoTest/Naivit%C3%A4t/tabid/3755/Default.aspx, aufgerufen am 12. November 2010 vgl. Stadler, 1994, S. 222 15
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Genauso arbeitete er in alle vier Teile des Zyklus‘ den Rahmen ein, wie es bei Der Abend der Fall ist und greift so christliche Aspekte auf. Die Technik des Kupferstichs, die Runge für Der Abend verwendet hat, kann man dagegen nicht als typisch für diesen Künstler bezeichnen, wenn man sich sein gesamtes Lebenswerk anschaut. Im Gegenteil ist es sogar so, dass sich Runge auf keine spezifische Technik der Kunst fixiert hat. Er nutze vielfältige Techniken, wie Scherenschnitte 16 , Öl auf Leinwand und Karton oder einfach Tusche auf Papier und stellte kolorierte und nicht kolorierte Kupferstiche her. 17 Dennoch sind seine Kunsttheoretisch wichtigste Arbeit Die Farbenkugel 18 und auch seine Illustrationen zu Minnelieder aus dem schwäbischen Zeitalter von Ludwig Tieck Kupferstiche. 19 Seine wesentlichen Kupferstiche, Die Farbenkugel und Die vier Tageszeiten entstanden kurz vor seinem Tod. 20 Deshalb kann man diese Technik als eine für seine späte Schaffenszeit typische Technik benennen und so alles in allem sagen, dass Der Abend durchaus in sein gesamtkünstlerisches Schaffen passt, vor allem aber in thematischer Hinsicht.
5. Nachwort
Es wurde in dieser Ausarbeitung deutlich, dass Philipp Otto Runge ein Künstler war, der für seine Zeit typische Gedanken vertrat. Als Frühromantiker setzte er alles daran die Zustände der damaligen Zeit zumindest gefühlsmäßig positiv zu verändern. Ob er dies als religiösen Auftrag der Nächstenliebe sah oder aus einem Wunsch heraus, der tristen und antiken Klassik zu entfliehen, kann man heute nicht mehr sagen. Es ist jedoch deutlich, dass die Religion für ihn eine sehr große Rolle spielte, und er dies in seinen Werken zeigt, ganz besonders in Der Abend. Auch wenn dieser Kupferstich zu den weniger bekannten Teilen von Die vier Tageszeiten gehört, zeigt es dies, meiner Meinung nach, doch eindrucksvoll.
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Otto_Runge, aufgerufen am 12. November 2010 16
vgl. http://12koerbe.de/phosphoros/runge.htm, aufgerufen am 12. November 2010 17 ebd. 18
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Otto_Runge, aufgerufen am 12. November 2010 19 ebd. 20
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Literaturverzeichnis
A. Wissenschaftliche Standartwerke/ Fachliteratur Bazin, Germain, Kindlers Malerei Lexikon. Band 5, München, 1971 Biedermann, Prof. Dr. Hand, Knaurs Lexikon der Symbole, Köln, 2004 Jensen, Jens Christian, Philipp Otto Runge. Leben und Werk, Köln, 1977 Mann, Golo, Prophyläen Welt Geschichte. Das neunzehnte Jahrhundert, Berlin, 1960
Müller, Hans Hermann, DUDEN Abiturhilfen. Kunstgeschichte II, Mannheim, 1993
Nasse, Hermann, Deutsche Maler der Frühromantik, München, 1924 Rebel, Ernst, Meisterwerke der Druckgrafik, Stuttgart, 2010 Stadler, Wolf, Lexikon der Kunst. Band 10, Erlangen, 1994 Wimmer, Otto, Kennzeichen und Attribute der Heiligen, Innsbruck, 1975 Zuffi, Stefano, Bildlexikon der Kunst. Band 3. Symbole und Allegorien, Berlin, 2003
Zuffi, Stefano, Bildlexikon der Kunst. Band 7. Die Maler und ihre Symbole, Berlin, 2005
B. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel
„Eine Zeitreise zu Philipp Otto Runge“, in: Tageblatt für den Kreis Steinfurt, Ausgabe 253, 28.10.10, S. 3 C. Internetseiten
„Naivität - Was ist das eigentlich?“, Internetseite
http://ares29.plusserver.de/Wasser/PsychoTest/Naivit%C3%A4t/tabid/3755/Default.aspx , aufgerufen am 12. November 2010
„Philipp Otto Runge“, Internetseite http://12koerbe.de/phosphoros/runge.htm, aufgerufen am 12. November 2010
„Philipp Otto Runge“, Internetseite http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Otto_Runge, aufgerufen am 12. November 2010
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Arbeit zitieren:
Tim Fischer, 2010, Philipp Otto Runge "Der Abend", München, GRIN Verlag GmbH
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