Einführung
Zuerst sollte dieses Thema nur ein mehr oder weniger unfreiwilliges Referat werden - ich konnte nicht erahnen, wie sehr mich dieses Thema zur Frauenästhetik in der Kunst persönlich als Frau interessieren könnte. Doch das tat es immer stärker; je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso motivierter wurde ich, daraus eine Seminararbeit zu schreiben. Denn erst jetzt wurde deutlich, wie problematisch diese Unterscheidung zwischen femininer und maskuliner Ästhetik tatsächlich ist. So ist es eigentlich nur die männliche Sichtweise, die in der Philosophie zum Thema Ästhetik dargestellt wird. Es fehlen schlichtweg die Frauen in der Philosophie (und nicht nur dort), folglich gibt es auch keine weibliche Sichtweise in den Ästhetiktheorien. Außerdem sprechen die Philosophen in der Zeit bis ungefähr Mitte 20.Jahrhundert den Frauen die Fähigkeit des ästhetischen Empfindens und Gestaltens grundsätzlich ab. Gelten also die Ästhetiktheorien der Philosophen allgemein, ohne Unterschiede zu machen zwischen Frauen und Männern? Oder ist die feminine Ästhetik doch ein wenig anders als die maskuline Ästhetik? Mit dieser Arbeit sollten sich diese Fragen beantworten lassen und der Bereich der Frauenästhetik klarer werden.
Gibt es Unterschiede zwischen maskuliner und femininer Ästhetik? Bis vor ein paar Jahrzehnten wurden von männlichen Philosophen entwickelte Theorien zur Ästhetik und zur Kunst als allgemein gültig dargestellt, entweder ohne zwischen männlich und weiblich als Kunstproduzent oder Kunstrezipient zu unterscheiden, oder den Frauen die Fähigkeit dazu abzusprechen. Jedoch muss im Zuge der Gleichberechtigung und Gleichberücksichtigung, oder aus wissenschaftlichem Interesse überprüft werden, ob beide Geschlechter in Bezug auf Ästhetik Gemeinsamkeiten haben, oder ob sich nicht doch Unterschiede zeigen. Wissenschaftliche Studien zu geschlechtsspezifischen Unterschieden gibt es bereits in vielen Bereichen; im Bereich der Ästhetik ist die Studie von Johnson und Knapp aufschlussreich.
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Studie von O. Johnson und R. Knapp zu geschlechtsspezifischen Unterschieden Die Sozialpsychologen Olof Johnson und Robert H. Knapp führten Studien zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei ästhetischen Vorlieben durch, die sie 1963 unter dem Titel „Sex Differences in Aesthetic Preferences“ veröffentlichten. Versuchspersonen wurden eine Reihe von verschiedenen Kunstobjekten unterschiedlicher Kunstrichtungen gezeigt. Diese sollten sie nach ihren geschmacklichen Präferenzen, nach Gefallen oder Nichtgefallen beurteilen. Die Ergebnisse zeigen, dass es signifikante Unterschiede zwischen den ästhetischen Vorlieben der Frauen und denen der Männer gibt. Inhaltlich ziehen Frauen dem Apersonalen das Personale vor, das Intime dem Großen und das Sinnliche dem Abstrakten. Bezogen auf die Form bevorzugen Frauen das Weniger-Kraftvolle sowie das Gebundene und Kontrollierte in Hinblick auf Dynamik, Intensität und Kontrast. In Sachen Farbe neigen Frauen eher zum Weicheren, Modulierteren und Kontrollierten als zum Ausdrucksvolleren. Das Konventionelle liegt den Frauen näher als das Innovatorische (vgl. Johnson 1963:299f).
Diese allgemeinen Begriffe werden konkret vorstellbar, wenn man sich Bildbeispiele aus dieser Studie aus dem Bereich der Bildenden Kunst ansieht. Insgesamt wurden 25 Bilder gezeigt, die alle als repräsentativ aus der damals zeitgenössischen Kunst ausgewählt worden waren. Um nicht allzu sehr vom Inhaltlichen beeinflusst zu werden, wurden abstraktere Werke für die Beurteilung durch die Probanden ausgesucht (vgl. Johnson 1963:285f).
Aus den 25 Bildern traten bei der Auswertung 9 Bilder besonders hervor, da sich bei diesen die größten geschlechtsspezifischen Unterschiede zeigten. So bevorzugten Männer beispielsweise die Bilder „Composition“ von Fernand Léger von 1919 (Abbildung folgende Seite links, aus Kosinsky 1994:131) und „Composition #2“ von Piet Mondrian von 1922 (Abbildung folgende Seite rechts, aus http://www.abcgallery.com/M/mondrian/mondrian76.html) (vgl. Johnson 1963:288).
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Die bevorzugten Bilder der Frauen waren zum Beispiel „For M“ von Philip Guston von 1955 (Abbildung links, aus http://www.flickr.com/photos/strombe/3029572326/) und „Autumn Rhythm“ von Jackson Pollock von 1950 (Abbildung rechts, aus http://www.earlham.edu/~vanbma/20th%20century/images/daytwentyfour04.htm) (vgl. Johnson1963:288).
Bei der Betrachtung dieser Bilder wird klar, dass Frauen im Gegensatz zu den Männern das weniger Streng-Geometrische bevorzugen und eher zu sinnlichimpulsiven Linien und Formen geschmacklich tendieren. In Hinblick auf die Farbgebung wählen Männer eher die Bilder mit kräftigen, ausdrucksvollen Farben und bei den Formen die klaren, exakten Linienführungen. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist die Erkenntnis, dass die Geschlechtszugehörigkeit für die ästhetischen Präferenzen nicht so ausschlaggebend ist wie die Altersgruppe, die soziale Klasse, die spezielle Sehschulung und der Beruf. So sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau bei der ästhetischen Beurteilung doch nicht so schwerwiegend wie die Unterschiede zwischen anderen Gruppen (vgl. Johnson 1963:299f).
Außerdem stellt sich die Frage, wie sehr dieses Ergebnis des Geschlechtsunterschieds bei der Ästhetik durch den Einfluss von Umwelt und Sozialisation und durch Erbanlagen bestimmt wird. Meyer ist hier der Meinung, dass genetische Dispositionen und gesellschaftliche Prägungen wohl ineinander greifen (vgl. Meyer 1990:199). Welche große Rolle die Gesellschaft in Sachen Ästhetik spielt, zeigt sich nun im nächsten Abschnitt.
Die Schwierigkeit des Herausfilterns von Frauenästhetik aus einer
patriarchalisch überformten Kultur
Es ist gar nicht so einfach zu beurteilen, was Frauen ästhetisch finden. Das Problem liegt darin, dass die westliche Kultur zum größten Teil von Männern geprägt wird. Dies zeigt sich in allen erdenklichen Bereichen wie zum Beispiel der Geschichtsschreibung, der Philosophie, der Kunst, der Politik usw. Den Frauen waren lange Zeit viele Bereiche sogar verschlossen; so öffneten sich beispielsweise
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die staatlichen Kunstakademien den Frauen erst im frühen 20. Jahrhundert. Begründet war dies durch die angeblich fehlende Fähigkeit der Frauen, Künstler zu sein. Zwei Zitate sollen hierfür die Meinung der Männer zu dieser Zeit veranschaulichen, das erste von Paul J. Möbius, einem Psychologen, von 1907 und das zweite von Karl Scheffler, einem Kunsthistoriker, von 1908: Jedoch sieht man ohne Schwierigkeit, dass die große Mehrzahl der weiblichen Maler der schöpferischen Phantasie ganz entbehrt und über eine mittelmäßige Technik nicht hinauskommt: Blumen, Stillleben, Portraits. … Der Mangel an Vermögen zu kombinieren, d. h. in der Kunst der Mangel an Phantasie, macht die weibliche Kunstübung im Großen und Ganzen wertlos.
(Stein 1984:229)
Da die Frau also original nicht sein kann, so bleibt ihr nur, sich der Männerkunst anzuschließen. Sie ist die Imitatorin par Exellence, die Anempfinderin, die die männliche Kunstform sentimentalisiert und verkleinert, die nach Goethes Wort ›keiner Idee fähig ist‹, und das Wissen und die Erfahrung des Mannes als ein fertiges nimmt und sich damit schmückt - sie ist die geborene Dilettantin.
(Scheffler 1908:61)
Folglich ist der größte Teil unserer Kultur ein von Männern geschaffener. Und daran ändert sich trotz Frauenbewegung und Emanzipation seit ein paar Jahrzehnten so schnell nicht besonders viel. Was Frauen als ästhetisch ansehen, kann also gar nicht als reine Frauenästhetik bezeichnet werden. Durch die Erziehung wurden jahrhundertelang Werte und Anschauungen vermittelt, die als allgemeingültig angenommen werden, obwohl diese Denkmuster hauptsächlich von Männern stammen. Die Kunstdidaktikerin Helga Kämpf-Jansen zeigt beispielhaft auf, was an ästhetischen Ausdeutungen einer Weiblichkeitsrolle auch heute noch in den Köpfen der Menschen steckt:
Die Frau hat offiziell noch immer ihren Platz in der Privatheit des gesellschaftlichen Lebens, während der Platz des Mannes in der beruflichen Öffentlichkeit liegt. So ist die Frau zuständig für das Glück, die Gemütlichkeit, Geborgenheit und Harmonie des häuslichen Lebens - von der Hochzeit und der Geburt des ersten Kindes an bis zum Tod des Gatten. ›Schmücke dein Heim‹, ›Liebe Mann und Kind‹, und ›übe deinen Körper in Anmuth und Grazie‹ waren historisch und sind auch aktuell die Eckpunkte, in die ein weibliches Leben eingeschrieben ist. Längst bevor wir als Frauen aktiv eigene Bilder von uns
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entwerfen konnten, haben fremde Bilder uns bereits definiert. Es sind die Bilder von weiblicher Schönheit, von erfüllter bzw. sehnsuchtsvoll unerfüllter Liebe, einem glücklichen Leben als Ehefrau und Mutter sowie einem schönen Heim.
(Kämpf-Jansen 1991b:187)
Dass zum Beispiel das Motiv und Klischee der Hochzeit von Frauen teilweise anders gesehen wird als von Männern, wird in den folgenden zwei Abbildungen auf der nächsten Seite ersichtlich (Abbildung links aus Kämpf-Jansen 1993:90, Abbildung rechts aus http://artnews.org/gallery.php?i=858&exi=5701): Die Abbildung links ist eine typische, weit verbreitete verklärte und romantisierte Darstellung von Kindern, die ein Hochzeitspaar darstellen. Dieses Glanzbild ist von 1976. Helga Kämpf-Jansen beschreibt die Situation als „ ‚Hochzeit - der schönste Augenblick im Leben einer Frau’ - von klein auf leben wir mit den trivialen Märchenbildern und ihrem großen Versprechen: … bis dass der Tod euch scheidet“ (Kämpf-Jansen 1993:90). Im Gegensatz dazu steht die Abbildung rechts, „Die Braut“, von Hanna Höch, von 1927. Die Künstlerin betrachtet das Thema Hochzeit wohl mit etwas anderen Augen, kritisch. Die Braut hat in ihrem Gemälde einen ängstlichen, sorgenvollen Blick. Jedenfalls symbolisiert Höchs Darstellung der Hochzeit nicht das gängige Klischee vom schönsten Tag im Leben einer Frau. Selbst Frauen, die beruflich Karriere gemacht haben oder politisch engagiert sind und nicht unbedingt den gängigen Rollenklischees der Frau entsprechen, verfallen in Tagträumen den romantischen Vorstellungen und Sehnsüchten (vgl. Kämpf-Jansen 1991b:187f). Und weil diese Anschauungen und Rollenklischees so tief in einem selbst drin stecken, kommt man oft gar nicht erst auf die Idee, sie in Frage zu stellen. Ein Beispiel ist die Rollenverteilung von Mann und Frau bei der Hausarbeit und der Berufstätigkeit. Die Künstlerin Christa Näher gestaltete eine Grafik, die 1984 als Postkarte der Edition Staeck herausgegeben wurde: (Abbildung aus Below 1993:202)
Gezeigt wird eine Frau beim Putzen, nur das Putztuch fehlt offensichtlich. Die Künstlerin thematisiert hier eine der Rollenaufgaben der Frau, nämlich die Hausarbeit, als Aufgabe, vor der sich die Frau nicht drücken darf, auch wenn sie so
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Arbeit zitieren:
Stefanie Rapp, 2009, Frauenästhetik - anders als Männerästhetik, München, GRIN Verlag GmbH
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