Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Kulturkreise 3
3. Westen, westlich, Verwestlichung 6
4. Die veränderte Weltpolitische Lage 8
5. Die Bedrohung des westlichen Kulturkreises 10
5.1 Wirtschaftliche Prosperität aus Asien 10
5.2 Bedrohung Islam 11
6. Konflikte und Bruchlinienkriege 16
7. Perspektive 19
8. Fazit 22
9. Literaturverzeichnis 24
1
1. Einleitung
Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes wurden vermehrt Versuche unternommen, die diffus gewordene Welt geistig neu zu ordnen. Am 11. September 1990 sprach Georg H. W. Bush von einer neuen Weltordnung und Francis Fukuyama vertrat die These, dass sich die Prinzipien von Liberalismus, in Form von Demokratie und Marktwirtschaft, bald auch in der ganzen Welt durchsetzen würden. 1 Einen neuen Anstoß lieferte 1993 Samuel P. Huntingtons Aufsatz in der Zeitschrift Foreign Affairs, mit dem Titel „The Clash of Civilizations?“. 2
Bereits kurz nach dem Erscheinen des Artikels entwickelte sich eine rege Diskussion um die Thesen von Huntington und seiner Einschätzung der zukünftigen weltpolitischen Konflikte. Diesen Erfolg sieht der Soziologe Robert Picht schon im Titel begründet, der „zu bestätigen scheint, was man sich schon immer irgendwie gedacht hat“ 3
Drei Jahre später erschien Huntingtons Buch unter selbigem Titel, indes ohne Fragezeichen. 4
Huntington versteht seine Theorie als eine Art einfaches Konstrukt, welches mehr Raum für zukünftige weltpolitische Tendenzen zulässt. 5 Einfach bedeutet in dieser Hinsicht nicht, dass seine Thesen weniger komplex sind, sondern dass er unnütze Fragmentierung abstrahiert, um wesentliche Ereignisse zu kristallisieren. Dementsprechend entwirft der Politologe eine Weltkarte mit acht Kulturkreisen, die als Hauptbestandteil seiner Arbeit gelten. 6 Schon allein bei diesem sehr gewagten Akt, die ganze Welt in nur acht verschiedene Kulturen zu unterteilen, wird das Ausmaß seiner Komplexitätsreduzierung deutlich. Kultur, im Sinne von Abstammung, Herkunft, Wertesystem, Lebensweise und politische Denkrichtung, sind für Huntington der Schmelztiegel, der die Menschen mit gemeinsamen Attributen zusammenwachsen lässt. Waren es im 19. Jahrhundert die
1 Vgl. Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man, New York, 1992.
2 Vgl. Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations?, in: Foreign Affairs, 72, (1993) 3.
3 Robert Picht: Der Konflikt der Kulturen und die große Mutation, in: Zeitschrift für
Kulturaustausch, 44 (1994) 4, S. 438.
4 Vgl. Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations, New York 1996.
5 Vgl. Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.
Jahrhundert, deutsche Übersetzung von Holger Fliessbach, Hamburg 2006/7, S. 44.
6 Vgl. Huntington, S. 32f.
2
Staaten und Nationen, oder im 20. Jahrhundert gegensätzliche Ideologien, welche die Menschen zu Konflikten trieben, sind es im 21. Jahrhundert die Kulturen aus denen die neuen Kontroversen hervorgehen.
Dieser Kampf der Kulturen könnte schließlich zu einer der größten Katastrophe in der Gegenwart avancieren, die weltumfassend und vernichtend wäre. 7 Mit dieser ausformulierten These, die Huntington für unwahrscheinlich, aber dennoch nicht unmöglich hält, schließt sein Buch nachdem noch ein kurzes Kapitel über Gemeinsamkeiten der Kulturen angefügt wird. Hingegen wird dieses Kapitel von der Wissenschaft nicht ernst genommen. 8
Was aber steckt genau hinter seinen Ansichten? Stellt der Kampf der Kulturen einen Meilenstein in der wissenschaftlichen Debatte dar oder genügt es nur als populäre Methode, um kollektive Ängste zu schüren? Die selbstgesteckten Ziele des Buches sind hoch. Mit den Attributen wissenschaftlich und nutzbringend schmückt Huntington selbst seine Lektüre. 9 Können in dieser Hinsicht seine Kernthesen in der politischen Debatte bestehen oder nicht? Eine empirische Überprüfung der Thesen scheint schwer, da der Anspruch auf Vollständigkeit in der Frage zur Erklärung von Konflikten im 21. Jahrhundert selbst von Huntington verneint wird. 10 Diese Art von Immunisierung seiner Gegenwartsdiagnostik kommt auch dann zu Tage, wenn Huntington von der Gültigkeit seiner Thesen spricht, solange kein besserer Ansatz gefunden wurde.
Dazu sollen im Folgenden die Kernthesen diskutiert werden, um zu beurteilen inwieweit die Hypothesen von Huntington im wissenschaftlichen Kontext von Bedeutung sind oder nicht. Hierbei werden das Konzept des Kulturkreises, der westlichen Bedrohung und jener Perspektiven untersucht. Ausgangspunkt der Untersuchung ist der Foreign-Affairs Artikel und sein Buch vom Kampf der Kulturen.
7 Vgl. Huntington, S. 512ff.
8 Vgl. Dieter Senghaas: Die fixe Idee vom Kampf der Kulturen, in: Blätter für deutsche und inter-
nationale Politik, 42 (1997) 2, S. 221.
9 Vgl. Huntington, S. 12.
10 Vgl. Huntington, S. 12.
3
2. Kulturkreise
Huntington versucht zu erklären wie und in welcher Art und Weise die Welt von heute und morgen in Bezug auf Konflikte zu erklären sei. Dazu bedient er sich einer geografischen Karte, welche die Welt in sieben oder acht Kulturkreise einteilt. 11 Auffallend sind hierbei die unterschiedlichen Bezeichnungen die Huntington verwendet, um die Kulturkreise zu typologisieren. Er identifiziert die Kulturkreise mit dem Namen eines bestimmten Volkes (Japan), einigen Weltreligionen (islamische, hinduistische, orthodoxe 12 , konfuzianische/sinische 13 ), geografischen Gebieten (afrikanische, lateinamerikanische) und einer Himmelsrichtung (westliche).
Der Kulturkreis wird als die größte und allgemeinste Ebene betrachtet unter dessen Banner sich Menschen zugehörig fühlen. Huntington versucht damit zu erläutern, dass sich zwar die Kultur eines süditalienischen Dorfes von der eines norditalienischen unterscheidet, diese jedoch kulturelle Gemeinsamkeiten bilden. Wird dieser Sachverhalt eine Ebene höher, innerhalb der europäischen Gemeinschaften aus dem Fokus der Staaten betrachtet, sind laut Huntington auch gemeinsame Quellen kultureller Identität und Verbundenheit auszumachen. 14 Jedoch gibt es diese zwischen Arabern, Chinesen und Westlern nicht. Diese Ebene definiert sich durch gemeinsame Institutionen, Geschichte, Religion, Sprache und Sitten. Demzufolge stellt Huntington einen Kulturkreis unter folgende Prämisse:
Die einzelnen Kulturkreise besitzen keine klar umrissenen Grenzen, sie sind veränderbar und haben keinen Anfangs- und Endpunkt. 16 Weiterhin stellen sie keine politische, sondern eine kulturelle Größe dar und übernehmen nicht die Aufgabe von
11 Vgl. Huntington, S. 30, 32f. und 59-64.
12 Zu den interpretativen Merkwürdigkeiten des Buches gehört das Fehlen eines orthodoxen
Kulturkreises in der Aufzählung und Beschreibung jener. Im Aufsatz wird der orthodoxe
Kulturkreis genannt, im Buch bleibt sein verbleib nebulös, wobei er in der Karte von S. 32/33
als Markierung eingezeichnet ist. Außerdem ist Russland als Kernstaat ein kurzes Kapitel
gewidmet (Vgl. Huntington, S. 260-268).
13 Vgl. Huntington, S. 60. (In seinem Aufsatz in der Foreign Affairs wurde noch der Terminus
konfuzianischer Kulturkreis verwendet. Zutreffender, laut Huntington, ist jedoch der sinische
Kulturkreis.)
14 Vgl. Huntington, S. 54.
15 Huntington, S. 56.
16 Vgl. Huntington, S. 56.
4
Regierungen, wie etwa das Aushandeln von Verträgen oder die Erhebung von Steuern. 17 Eine Art Ordnungsfunktion fällt in dieser Angelegenheit dem so genannten Kernstaat eines Kulturkreises zu, welcher wiederum für andere Länder zum Magnet oder Kontrahent werden kann. 18
Bereits vorhandene Kernstaaten sieht Huntington in den USA (westliche), Russland (orthodoxe), China (sinisch), Indien (hinduistisch) und Japan (japanische). Im islamischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Kulturkreis gibt es derzeit keine Kernstaaten, sondern nur um die Führungsrolle ringende Mächte.
Die elementarste integrierende Funktion eines Kulturkreises sieht Huntington in der Religion. 19 Schon allein der Fakt, dass die großen Territorien der Weltreligionen als Kulturkreise definiert werden, gibt Aufschluss darüber.
Im Punkt des westlichen Kulturkreises bezieht sich Huntington auf das christliche Abendland, als Ausgangspunkt seiner Entstehung. 20 Abermals spielt hier die Religion eine vorherrschende Größe. Die Beziehung zwischen Kulturkreis und Religion sind demnach offenkundig.
Empirisch werden seine Ausführungen oft durch den Jugoslawienkrieg in den 90er Jahren belegt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen dort die religiösen Kampflinien auf dem Balkan zu Tage. Deutschland förderte das katholische Kroatien, Russland die orthodoxen Serben und die Muslime verschiedener Länder unterstützten die bosnische Regierung, so Huntington. 21 Religiöse Nähe ist somit der Schlüssel für die Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen Kulturkreis.
Diese impliziert aber, dass Kultur fast ausschließlich auf das Bekenntnis zur Religion zurückgreift und andere Werte vernachlässigt. Eine Definition von Kultur hingegen, dessen Trägermedium fast ausschließlich auf Religion beruht, bleibt weit hinter der aktuellen kulturwissenschaftlichen Forschung zurück. 22 Mir A. Ferdowsi vom
17 Vgl. Huntington, S. 58.
18 Vgl. Huntington, S. 246.
19 Vgl. Huntington, S. 63.
20 Vgl. Huntington, S. 62.
21 Vgl. Huntington, S. 196.
22 Vgl. Peter Stachel: „Um Gottes Willen, ich sage nicht, daß es so kommt.“, in: Monika Mokre
(Hrsg.): Imaginierte Kulturen - reale Kämpfe. Annotationen zu Huntingtons „Kampf der
Kulturen“, Baden-Baden 2000, S. 50.
5
Geschwister-Scholl-Institut, geht dabei sogar soweit zu behaupten, dass Huntington Kultur mit Religion gleichsetze. 23
Dieser Vorwurf wird auch dann sichtbar, wenn Huntington versucht die Kulturkreise Afrika und Lateinamerika zu beschreiben. Da er keine umfassende Trägerkultur in Form einer umfassenden Religion vorfindet, fällt die genaue Identifikation des Kulturkreises schwer.
Im Fall Lateinamerikas ist sich Huntington nicht sicher, ob diese Region mehrheitlich zum Westen gezählt werden sollte (etwa als eine Art Subkultur) oder aber einen eigenen Kulturkreis bildet. 24 Seine Tendenz zum eigenständigen Kulturkreis, lässt sich hingegen nur durch die eingefügte Zusatzthese einer Indigenisierung der lateinamerikanischen Bevölkerung aufrechterhalten. 25 Für Jeane J. Kirkpatrick hingegen ist die Abgrenzung von Lateinamerika unbegründet, wenn man wie Huntington Kultur durch Sprache, Geschichte und Religion definiert. 26 Da Israel zum islamischen und Südkorea zum sinischen Kulturkreis gezählt werden, was besonders im Fall des Judentums nicht nachzuvollziehen ist, stellt der amerikanische Politologe Tony Smith die Frage zu welchem Kulturkreis diese Länder, wie auch Lateinamerika und Japan gehören, wenn nicht zum westlichen? 27
Afrika als Kulturkreis zu beschreiben ist eine ungemeine Herausforderung und derzeit nur als Zukunftsperspektive möglich, auch Huntington erkennt dies an. Dennoch diagnostiziert er eine gewisse afrikanische Identität, die sich unterhalb der Sahara entwickeln könnte. 28
Als Kernstaat hätte möglicherweise Südafrika, so Huntington, das Potenzial. In Bezug auf seine Bevölkerungsstruktur und den 11 verschiedenen offiziellen Sprachen wiederspricht sich Huntington jedoch selbst, wenn auf der einen Seite gemeinsame Sprache und Religion als Mittel zur Konzentration der Kulturkreise aufgeführt werden, Südafrika jedoch andererseits besonders in diesen zwei Punkten
23 Vgl. Mir A. Ferdowsi: Islamischer Fundamentalismus - Im Kampf der Kulturen oder die Krise
der Entwicklung?, in: Journal für Entwicklungspolitik, 9 (1995) 4, S. 494.
24 Vgl. Huntington, S. 61.
25 Vgl. Peter Stachel, S. 52.
26 Vgl. Jeane J. Kirckpatrick et. al.: The Modernizing Imperative. Tradition and Change
(Response to Samuel P. Huntington´s “The Clash of Civilizations?) in: Foreign Affairs, 72
(1993) 4, S. 22.
27 Vgl. Tony Smith: Dangerous Conjecture (The West: Precious, Not Unique. Response), in:
Foreign Affairs, 76 (1997) 2, S. 164.
28 Vgl. Huntington, S. 63.
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Norman Giolbas, 2010, Der Kampf der Kulturen - Zwischen Wissenschaft und Populismus, München, GRIN Verlag GmbH
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