Einleitung
Das Verlangen nach Wasser ist eines der elementarsten Bedürfnisse des Menschen. Kein Organismus kommt ohne Flüssigkeit aus. Unser Durst hat seine Ursachen in der Geschichte der Evolution: Zeit unseres Lebens sind wir vom Wasser abhängig. Um dennoch auf dem Trockenen überleben zu können, haben die Lebensformen verschiedene Strategien entwickelt. Im Laufe der Menschwerdung haben wir uns biologisch auf Veränderungen eingestellt und uns den Gegebenheiten nach und nach angepasst. Wir haben schließlich Werkzeuge entwickelt, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Der zivilisierte Mensch hat sich seine eigene Umwelt geschaffen. Doch wir sind immer noch durstig. Der Urquell
Der Science-Fiction-Autor Douglas Adams schreibt in seinem Roman “Per Anhalter durch die Galaxis: “Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen.” Und weiter: “Viele kamen allmählich zu der Überzeugung, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie von den Bäumen heruntergekommen waren. Und einige sagten, schon die Bäume seien ein Holzweg gewesen, die Ozeane hätte man niemals verlassen dürfen.” 1
Was bei Douglas Adams sehr dramatisch klingt und eine gewisse Ironie durchblicken läßt, hat doch einen wahren Kern: Denn die Geschichte des Lebens beginnt im Wasser. Zwar ist es schon einige Millionen Jahre her, dass sich die Lebewesen aus den Tiefen der Ozeane auf die Landmassen emporwagten - doch die Entwicklung alles Lebendigen bleibt im Laufe der Erdgeschichte ans Wasser gebunden. Tatsächlich ist alles Leben auf der Erde in derartigem Maße von der ständigen Verfügbarkeit des Wassers abhängig, dass die evolutionäre Entwicklung ausserhalb der Ozeane gute Gründe zur Verwunderung bieten könnte. “Denn ob man nun ein Skorpion ist oder eine Gurke, eine Salmonelle oder ein Elefantenbulle, mit ein paar Beigaben ist Wasser buchstäblich der Lebenssaft für alles.” 2 Diese unumwunden festzustellende Tatsache gilt natürlich nicht zuletzt für den Menschen, um dessen Durst es im weiteren Sinne in den folgenden Aus- 1 Douglas Adams: Das Restaurant am Ende des Universums, Frankfurt a. M. 1985; und
Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis, Frankfurt a. M. 1984
2 Philip Ball: H2O - Biographie des Wassers, München 1999, S. 269
2
führungen gehen wird. Um jedoch zunächst zu einem Verständnis der Bedeutung des Wassers als Grundlage für den langen Lauf der Menschwerdung zu gelangen, scheint es ratsam, ganz von vorne anzufangen: Beim Ursprung des Lebens. Der Ursprung des Lebens 3
Die ersten Lebensformen entwickelten sich vor etwa 3, 6 Miliarden Jahren in einem Milieu, das in seiner Beschaffenheit mit dem heutigen Planeten kaum mehr vergleichbar ist. So bildete das Wasser lange Zeit das einzige Medium, in dem sich Leben entwickeln konnte. Denn das Wasser bildet die Grundlage für eine Vielzahl von elementaren Funktionen des lebenden Organismus. Es ist notwendig für die Arbeit der Zelle und Vorraussetzung für den Transport von Nährstoffen. Es ermöglicht chemische Reaktionen und befördert Abfallstoffe. So benötigt der Mensch täglich mindestens einen Liter Wasser, um sich eine dauerhafte Gesundheit zu erhalten. Einige Zellen sind zwar in der Lage, einen dauerhaften Wassermangel zu überstehen, jedoch wird die Zellfunktion dabei auf das Wesentliche beschränkt. Unser Körper besteht zu zwei Dritteln aus Wasser. Ein Teil der Flüssigkeit ist innerhalb der Zellen eingeschlossen, doch auch in den Gedärmen und den Adern wird ein Großteil des Wassers benötigt. Das Wasser befeuchtet die Augenlider und Gaumen und ermöglicht die reibungslose Funktion der Gelenke. Die ständige Verfügbarkeit von Wasser ist damit die unabdingbare Vorraussetzung für Leben und Überleben aller Organismen. Das Wasser ist das Medium des Lebens schlechthin. Das Medium des Lebens
Vor etwa 450 Millionen Jahren begannen die ersten Organismen, sich aus dem lebensspendenden Medium zu lösen - ihre Abhängigkeit vom Wasser jedoch haben sie bis heute nicht verloren. Die Entwicklung unserer einzelligen Vorfahren auf dem Trocken muss also tatsächlich verwundern, denn “im Überblick kann man die Tatsache, daß wir an Land leben, am besten als Anomalie betrachten, ja sogar als Verrücktheit - wenn auch mit einer guten evolutionären Rechtfertigung. Die Geschichte des Lebens auf der Erde ist, wenn wir den rechten Sinn für die Relation behalten, eine Geschichte des Lebens im Meer.” 4 Die genauen Umstän-
3 Folgende Abschnitte: vgl. Ball 1999
4 ebenda, S. 271
3
de, unter denen das Leben die Ozeane verließ, sind nicht bekannt. Die ersten Kundschafter des Lebens am Land könnten in warmen Tümpeln oder Lagunen entstanden sein, die immer wieder von den Gezeiten mit Wasser angefüllt wurden. Durch die Verdunstung des Wassers könnten sich die im Meer vorliegenden komplexen organischen Moleküle angereichert haben, bis sie miteinander in Wechselwirkung treten konnten. Unsere amphibischen Vorfahren werden jedoch nicht die ersten gewesen sein, die schließlich auf dem Trockenen saßen: “Kein Fisch hatte etwas zu gewinnen, wenn er auf kaum dafür geeigneten Flossen über den Schlamm kroch, solange dort kein Futter zu holen war. Bevor die Tiere das /DQGGEHVLHGHOQQNRQQWHQPXVVWHQQ]XHUVWWGLHH3ÀDQ]HQQGRUWKLQQNRPPHQ´ 5 Die ersten Kundschafter waren also aller Wahrscheinlichkeit nach zunächst Bakterien. Dann, vor mindestens 460 Millionen Jahren, besiedelten Farne und Moose das Festland - zunächst in den Sümpfen, die damals einen Großteil der tropischen Kontinente bedeckten - und saßen buchstäblich auf dem Trockenen.
Auf dem Trockenen
Das Festland ist zunächst für das Leben völlig ungeeignet. Denn eine ständige Versorgung mit Wasser muss gewährleistet sein, um ein Überleben zu sichern. Und selbst wenn die Wasserversorgung gesichert ist, muss die Flüssigkeit im Organismus bewahrt werden, um seine Funktionen erfüllen zu können. Zellmembranen sind jedoch wasserdurchläßig und trocknen daher durch die Verdunstung DQQGHUU/XIWWVFKQHOOODXV'RFKKJHJHQQGHQQ:DVVHUYHUOXVWWKDEHQQGLHHK|KHUHQQ3ÀDQzen eine Vielzahl von Maßnahmen entwickelt: Blätter und Stiele sind mit einer ZDVVHUGLFKWHQQ6FKLFKWWXPJHEHQDXFKKGLHH3ÀDQ]HQVSRUHQQVFKW]HQQVLFKKGXUFKK eine undurchlässige Hülle. Moose hingegen schützen sich gegen den Verlust, indem sie einfach absterben, bevor sie zuviel Wasser verlieren können. Innerhalb kurzer Lebenszyklen erreichen die Moose ihre Blüte zur geeignetsten Jahreszeit, um eine schnelle Verbreitung der Sporen und damit das Fortbestehen zu sichern. Die Sporen selbst können ein völliges Austrocknen überstehen, ohne dabei zu stark geschädigt zu werden. Auch die starken Temperaturunterschiede, die das Leben an Land mit sich bringt, sind ein schlechter Tausch gegenüber den gemäßigten Temperaturen im Wasser. Bedingt durch die hohe Wärmekapazität des Wassers erwärmt es sich langsamer und kühlt sich langsamer ab - die Ozeane sind kaum jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen. Darüber hinaus bietet
5 ebenda, S. 285
4
das Festland wenig Schutz gegen das Sonnenlicht. Neben der Wärme und dem VLFKWEDUHQQ /LFKWW VHW]WW GLHH 6RQQHH DXFKK 89 6WUDKOHQQ IUHL GLHH GDVV HPS¿QGOLFKHH organische Gewebe schädigen. Im Meerwasser hingegen schützen die Algen DQQGHUU:DVVHUREHUÀlFKHHGLHHZHLWHUUXQWHQQOHEHQGHQQ2UJDQLVPHQ'DVV/HEHQQDQQ Land ist der Strahlung schutzlos ausgeliefert. Doch im Laufe der Evolution entwickelte sich das Leben weiter - und passte sich den Gegebenheiten an. Die Anpassung
Man könnte also in Anbetracht der lebensfeindlichen Umstände auf dem Trockenen vermuten, das Leben habe sich nicht zum Land emporentwickelt, sondern sei dort schlicht gestrandet. Doch das Klima auf dem Planeten hatte sich ge-wandelt und durch die Veränderung des Meeresspiegels wurden Landmassen freigegeben. Das Festland bot also eine ökologische Nische, an deren Gege-EHQKHLWHQQVLFKKGDVV/HEHQQLPP/DXIHHGHUU=HLWWDQSDVVWH1DFKKGHPPDOVRRGLHH3ÀDQzen das Festland trotz aller Widrigkeiten besiedelt hatten, erschlossen auch un-VHUHHDPSKLELVFKHQQ9RUIDKUHQQGLHHWURFNHQHQQ*H¿OGH'LHH$PSKLELHQQKDWWHQQVLFKK aus der Gattung der Fische entwickelt, indem sie Gliedmaßen ausbildeten. So war es für sie möglich, sowohl im Wasser als auch an Land zu leben. Die sich dann entwickelnden Reptilien bildeten nach und nach verschiedene Strategien aus, um ihre Abhängigkeit vom Wasser zu vermindern: Eine zähe, geschuppte Haut mit einem wachsartigen Überzug wirkte einer allzu starken Verdunstung von Flüssigkeit aus dem Organismus entgegen. Ihre Nachkommen entließen die Reptilien in die wasserarme Welt, indem sie ihnen in den Eiern einen Vorrat an Flüssigkeit mit auf den ersten Lebensweg gaben: “Schalen, könnte man sagen, sind der Weg der Evolution, das Meer mitnehmen zu können.” 6 Manche Insekten, wie etwa Libellen und Stechmücken, müssen die ersten Tage ihres Lebens im Wasser verbringen - ein Umstand, der dem Ursprung des Lebens im Wasser geschuldet ist. Das Vermächtnis unserer Herkunft aus dem Wasser ist der Durst. Über den Durst 7
Der menschliche Organismus verliert ständig Wasser aus seinem Flüssigkeits-vorrat: Im Stoffwechselprozess entstandene Harnstoffe und Harnsäuren werden
6 ebenda, S. 287
7 Folgender Abschnitt: vgl. Lexikon der Biologie, Heidelberg 2000
5
über den Urin ausgeschieden. Urin wird in den Nieren produziert und schließlich durch die Harnleiter in die Blase geleitet, dort gesammelt und über die Harnröhre abgegeben.
Auch beim Schwitzen wird Wasser abgesondert. Die über Drüsen abgegebene )OVVLJNHLWW HU]HXJWW 9HUGXQVWXQJVNlOWHH DQQ GHUU +DXWREHUÀlFKHH XQGG GLHQWW VRR GHUU Kühlung des Organismus, insbesondere bei starker körperlicher Beanspruchung. Täglich werden vom menschlichen Körper etwa 300 bis 800 ml Schweiß über die Hautdrüsen abgesondert. Zusammensetzung und Menge des Schweißes sind aber stark von der Umgebungstemperatur, der persönlichen Konstitution, dem Akklimationszustand und der Arbeitsleistung abhängig. Im Kot ist ebenfalls Wasser enthalten, das über den Defäktionsvorgang ausgeschieden wird. Der Kot wird zunächst durch den Darm bewegt und schließlich im Enddarm vorübergehend gesammelt. Rezeptoren in der Darmwand stimulieren dann im Gehirn das Bedürfnis zur Ausscheidung.
Ein geringerer Teil an Flüssigkeit geht dem Organismus auch über die Atemluft verloren, die eine relative Luftfeuchtigkeit von etwa 95 % aufweist. Die Durstschwelle
Der Durst ist die physiologische Reaktion auf den Flüssigkeitsverlust. Der Körper reagiert auf einen Mangel an Flüssigkeit mit dem Bedürfnis, Wasser in den Körper aufzunehmen. Insbesondere bei hoher Hitzebelastung oder bedingt durch Erkrankungen wird das Bedürfnis nach Flüssigkeitsaufnahme erhöht. Eine Durstschwelle verhindert dabei, dass bei geringen Wasserverlusten ein ständiges Trinkbedürfnis entsteht. Beträgt der Wasserverlust jedoch mehr als 0,5 %, was im menschlichen Organismus etwa 350 ml entspricht, wird die Durstschwelle überschritten. Das Durstgefühl wird dabei von zwei verschiedenen physiologischen Systemen vermittelt: Zum einen löst eine geringfügige Zunahme des osmotischen Druckes, der besonders für den Flüssigkeitstransport und den Flüssigkeitshaushalt der Zellen sorgt, ein erhöhtes Trinkbedürfnis über die Osmoserezeptoren des Hypothalamus aus. Der Hypothalamus ist das wichtigste Steuerzentrum des vegetativen Nervensystems, das alle lebenswichtigen Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Verdauung und Stoffwechsel kontrolliert. Die Os-moserezeptoren reagieren mit der Freisetzung von Vasopressin, einem Durst-hormon, das in einem Kerngebiet des Zwischenhirns von Nervenzellen produziert wird. Das Hormon wird bei Bedarf direkt in das Blut abgegeben und erhöht die Wasserrückresorption in der Niere, um weitere Wasserverluste des Körpers
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zu verhindern. Des weiteren reagiert der Körper auf die beim Flüssigkeitsverlust auftretenden Veränderungen ausserhalb der Zellen: Rezeptoren, insbesondere Dehnungsrezeptoren in den Herznerven, registrieren den Flüssigkeitsverlust und bewirken ebenfalls eine Erhöhung der Vasopressinausschüttung. Zudem wird eine Verkettung verschiedener Hormone und Enzyme aktiviert, die im wesentlichen den Salz- und Wasserhaushalt des Körpers regulieren. Spürbar wird der Durst schließlich durch die Reduktion der Speichelproduktion in der Mundhöhle: ein Trockenheitsgefühl in Mund und Rachen tritt auf. Jedoch können die entsprechenden Rezeptoren durch Sprechen, Rauchen oder Mundatmung gereizt werden, auch ohne dass ein Flüssigkeitsmangel im Körper vor-handen ist. Dies führt zum Austrocknen des Rachenraums und dem Auftreten eines “falschen Durstes”. Es wird also ein Trinkbedürfnis erzeugt, obwohl eine vom Organismus ausgehende Notwendigkeit der Flüssigkeitsaufnahme nicht besteht. Das Durstgefühl wird ohne einen tatsächlichen Wassermangel ausgelöst. Andererseits führt die Beseitigung der Mundtrockenheit, trotz einer kurzfristigen Befriedigung des Trinkbedürfnisses, nicht zu einer dauerhaften Veränderung des Trinkbedürfnisses. Das Trinkbedürfnis
Die Regulation des Trinkbedürfnisses ist erstaunlich genau: Die beim Trinken aufgenommene Wassermenge entspricht der Menge an tatsächlich vom Organismus benötigtem Wasser. Zwischen dem Vorgang des Trinkens und der Aufnahme der Flüssigkeit durch das biologische System entsteht jedoch eine zeitliche Differenz. Die Flüssigkeitsaufnahme durch das Trinken muss also beendet werden, noch bevor der Wassermangel in den Geweben beseitigt ist. Dadurch wird eine übermäßige Aufnahme von Flüssigkeit verhindert. Die für diesen Vorgang verantwortlichen Rezeptoren und Mechanismen sind der Wissenschaft bis heute nicht genau bekannt. Es wird jedoch vermutet, dass die Steuerung des Mechanismus beim Vorgang des Trinkens vonstatten geht und über Dehnungs-rezeptoren im Magen reguliert wird.
Bei älteren Menschen ist das Durstgefühl oftmals deutlich abgeschwächt. Allgemeine Veränderungen der körperlichen Konstitution führen im Alter zu einer Verminderung der Reaktionfähigkeit der Niere. Die entsprechenden Hormone verlieren ihre Wirkung auf den Regulationsmechanismus des Wassergehaltes. Trotz des auftretenden Wassermangels wird daher die Ausscheidung von Flüssigkeit durch die Niere nicht reduziert. Dies kann schnell zu gesundheitlichen Problemen
7
führen, da der Mangel von den betroffenen Personen nicht bemerkt wird. Der alte Mensch hat weniger Durst, wenngleich sich seine Bedürftigkeit nach Wasser nicht geändert hat. Die Bedürftigkeit des Menschen
Hier zeigt sich am Beispiel des Durstes die Problematik der Bedürftigkeit: denn was der Mensch wirklich braucht, ist schwer auszumachen. Wasser bildet die Grundlage des Lebens - das Bedürfnis des Menschen nach Wasser ist also unumstritten. Und doch kann weder eine allgemeingültige Aussage über die Menge des benötigten Wassers getroffen werden, die schließlich von individuellen Fak-toren abhängig ist, noch kann behauptet werden, der Mensch wisse mit instinktiver Sicherheit selbst am besten, was er brauche. Sowohl der “falsche Durst” als auch das verminderte Durstgefühl im Alter bieten Hinweise auf die Schwierigkeit einer objektiven und universalen Beurteilung des Bedürfnisbegriffs. Die Diskussion um die Bedürfnisse des Menschen hat durch die Entwicklungspolitik in den 70er Jahren neue Bedeutung bekommen. Es ging hier um die Frage nach der elementaren Bedürftigkeit und um die Suche nach Lösungsansätzen für ein altes Problem. Denn was ein Mensch wirklich braucht, kann bestenfalls der Mensch selbst beantworten. Soll aber ein Maßstab angesetzt werden, der eine qualitative Beurteilung von Bedürftigkeit zulässt, stellt sich die Frage nach einer allgemeingültigen Kategorisierung. Hierzu wurden Strategien entwickelt und schließlich ein Index für die Lebensqualität in einzelnen Ländern erstellt. Dies sollte Aussagen ermöglichen zu den Minimalbedingungen der physischen Existenz. Die Bewertung des Bedarfs steht jedoch vor dem Problem der Pauschalisierung: So wurde beispielsweise der Mindestbedarf des Menschen an Eiweiß vor 30 Jahren deutlich höher angesetzt als heute. 8 Die neoliberale Wirtschaftslehre nach Adam Smith geht davon aus, dass sich ohnehin am Markt zeige, was der Mensch am dringensten brauche. Hier besteht allerdings die Gefahr HLQHUU 0DQLSXODWLRQ GLHH HLQHH VWDUNHH %HHLQÀXVVXQJJ GHUU .RQVXPHQWHQQ EHZLUNHQQ kann. Auch kann ein Konsument seine persönlichen Präferenzen nur dort in einer Kaufentscheidung zum Ausdruck bringen, wo das System von Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht ist. Ein Bedürfnis ist damit nur dann relevant, wenn es am Markt eine Nachfrage erzeugt. Die Nachfrage selbst taugt dabei wenig als Spiegel der tatsächlichen Wünsche der Verbraucher. Schließlich verfügt der
8 vgl. Erhard Eppler: Was braucht der Mensch? Frankfurt a. M. 2000
8
Wirtschaftsmechanismus über zahlreiche Werkzeuge, eine Nachfrage zu fördern oder gar künstlich zu erzeugen. Andererseits führen allzu klare Vorstellungen in der Bewertung von Bedürfnissen zu politischen Konzepten, die der individuellen Freiheit kaum mehr Rechnung tragen. Die Psychologie der Bedürftigkeit 9
'DVV'XUVWHPS¿QGHQQZLUGGEHUUGDVV1HUYHQV\VWHPPJHUHJHOW:LHHDOOHH%HGUIQLVVHH entsteht das Verlangen nach Flüssigkeit im Kopf. Der Wirtschaftswissenschaftler Tibor Scitovsky hat daher die ökonomische Verwertung des Bedürfnisbegriffs um eine psychologische Betrachtungsweise ergänzt. Für die ökonomische Praxis der freien Marktwirtschaft wurde bislang eine rationale Handlungsfähigkeit des Verbrauchers unterstellt. Es gilt der neoliberalistische Grundsatz: Was der Mensch braucht, zeigt er am Markt. Die Ökonomie setzt also voraus, dass der Konsument stets nach seinem individuellen Nutzen strebe und versucht sei, diesen mittels seiner Entscheidung am Markt zu optimieren. Das Verhalten des Konsumenten wäre damit als ein getreues Abbild seiner persönlichen Präferenzen anzusehen, die er über seine Kaufentscheidung am Markt offenbart. 10 Hier erscheint es jedoch fraglich, ob ohne weiteres von einer freien Entscheidungsfähigkeit des Menschen ausgegangen werden kann. Schließlich unterliegt der menschliche Organismus - das Beispiel des Durstes hat dies bereits gezeigt - einigen physiologischen Manipulationen, die eine uneingeschränkt objektive Entscheidungsfähigkeit des Menschen unmöglich machen. Die Psychologie und insbesondere GLHH1HXURORJLHHKDEHQQGLHH9RUJlQJHHHUIRUVFKWGLHHLPP*HKLUQQIUUGLHH(PS¿QGXQJJ von Bedürfnissen verantwortlich sind.
9 Folgender Abschnitt: vgl. Tibor Scitovsky: Psychologie des Wohlstands, Frankfurt a.
M., New York 1989
10 Scitovsky 1989, S. 9
9
Der Reiz der Erregung
Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Organismus nicht dem Bild eines passiven, allein von biologischen Mechanismen gesteuerten Systems entspricht. Die Handlungen des Menschen können kaum als die Summe von Trieben, Störungen, dem Verlangen nach Bedürfnisbefriedigung und Deprivation betrachtet werden.
Der Mensch, und mit ihm alle höher entwickelten Tiere, vollbringen komplexe Handlungen, ohne dass eine durch die Triebtheorie zu belegende Notwendigkeit dafür bestünde. Das Nervensystem ist dabei stets aktiv, wenngleich keine Stimulation des Organismus zu erkennen ist. Die Gehirnaktivität erzeugt durch elektrische Impulse Gehirnwellen, deren Frequenzen unterschiedlichen Erregungszuständen entsprechen. Der Grad der Erregung ist dabei abhängig von den an das zentrale Nervensystem gerichteten Reizen. Solange der Organsimus lebt, läßt sich auch eine Aktivität der Nervenzellen nachweisen. Ein Organismus galt lange als tot, wenn der Herzschalg entgültig aussetzte. Den Erkenntnissen der 1HXURORJLHHLVWWHVV]XXYHUGDQNHQGDVVVGHUUQHXXGH¿QLHUWHH7RGGVLFKKQXQQHLQVWHOOW wenn sich keine Gehirnaktivität mehr nachweisen läßt. Die über das Nerven-V\VWHPPHU]HXJWHHXQGGJHVWHXHUWHH(UUHJXQJJZLUGGLQQ(PS¿QGXQJHQQEHUVHW]W'LHH +LUQDNWLYLWlWWlXHUWWVLFKKLQQ6FKPHU]]RGHUU/XVWHPS¿QGXQJHQGLHHXQVHUU+DQGHOQQ motivieren. Der Mensch ist dabei in der Regel darauf bedacht, Schmerz zu vermeiden und Lust zu erzeugen. Die Funktionsweise des Nervensystem bietet damit die Grundlage zur Erklärung unseres Verhaltens. Denn ohne die Aktivität des Gehirns würde keine Reaktion auf die Reize erfolgen. Schmerz, Hunger oder Durst erhöhen die Erregung und motivieren Handlungen zur Befriedigung der Bedürfnisse und zur Beseitigung des Mangels. Einzelne Reize können dabei die Erregung verstärken. Dadurch ist es möglich, bestimmte Bedürfnisse durch Reize zu kompensieren. Es ist also in begrenztem Maße möglich, zum Beispiel Hunger durch Schlaf zu ersetzen und umgekehrt. Denn “da sowohl Hunger als auch ein Mangel an Schlaf die Erregung erhöhen, können wir GXUFKKKlX¿JHUHVV(VVHQQOlQJHUUZDFKKEOHLEHQQXQGGLPPDXVJHVFKODIHQHQQ=XVWDQGG Hunger besser ertragen.” 11
Zu viele oder zu starke Reize werden als unangenehm empfunden. Der Körper fordert damit die Befriedigung eines Bedürfnisses. Treten jedoch zu wenige oder gar keine Reize auf, kann dieser Mangel ebenfalls als sehr qualvoll emp-funden werden. So gehört sicherlich der Reizentzug einer Isolationshaft zu den
11 ebenda, S. 26
10
schlimmsten Torturen, die ein Gefangener erleiden kann. Entsprechende Experimente haben gezeigt, dass Reizentzug zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwin-GHOOIKUHQQNDQQ:RKOEH¿QGHQQZLUGGDOVRRQLFKWWHWZDDGXUFKKHLQHHXPIDQJUHLFKHHXQGG möglichst dauerhafte Befriedigung von Bedürfnissen erzeugt, sondern vielmehr durch ein optimales Maß an Reizen. Negative Abweichungen von diesem Optimum führen zu Unbehagen, das sich zu unerträglicher Langeweile steigern kann. Positive Abweichungen hingegen sind der Auslöser für Anspannung und Angst. Ein Organismus, dessen Bedürfnisse vollständig befriedigt sind, würde daher nicht etwa auf Grund mangelnder Motivation jegliche Aktivität einstellen. Der Zu-stand der Reizlosigkeit wird schnell als störend empfunden - der Organismus beginnt aktiv nach Reizen zu suchen. Handlungen können also nicht nur durch den Trieb zur Befriedigung von Bedürfnissen motiviert sein, sondern in ähnlichem Maße auch durch das Verlangen nach Erregung. Die Agitation des Menschen scheint sich also darauf zu richten, einerseits ein zu niedriges Erregungsniveau zu erhöhen, andererseits eine zu hohe Erregung zu senken. Das Unbehagen, das durch ein zu hohes Reizniveau durch den Mangel an Flüssigkeit entsteht, ist zielgerichtet und konkret: das Bedürfnis nach Flüssigkeit lässt sich durch den Akt des Trinkens befriedigen. Diese Handlung ist eindeutig motiviert, die Handlung unterliegt einer Art instinktiver Programmierung. Ein zu niedriges Reizniveau äußert sich allerdings sehr vage, das Beseitigen der Langeweile folgt keinem bestimmten Muster. Die aktive Suche nach Reizen ist nicht zielgerichtet und kann durch eine unbegrenzte Vielzahl von Aktivitäten erfolgen. Grundsätzlich gilt das Neue, das Unerwartete als erregend - wenn eine Verbindung zum bereits Bekannten vorhanden ist. Das gänzlich Neue erzeugt wiederum einen zu starken Reiz, der als beängstigend empfunden wird. Die Begierde nach dem Neuen ist damit eine wichtige Quelle der Bedürfnisbefriedigung. Doch der Zustand des Neuen hält nicht lange vor. Neuheit vergeht schnell und geht über zur Gewöhnlichkeit des Altbekannten. Gerade bei langlebigen Gebrauchsgütern ergibt sich daraus eine Problematik, der eine Massenproduktion schlecht begegnen kann. Nach dem ersten und unmittelbaren Genuss der Neuigkeit bietet der Gebrauchsgegenstand wenig Befriedigung. Die Erregung bleibt aus, der Gegenstand bleibt als leere und in seiner Zweckmäßigkeit innerhalb des Erregungskonzeptes nunmehr sinnlose Hülle zurück. Das Erregungskonzept bietet also nicht allein eine Erklärung für die Motivation des Menschen, es verweist DXFKKDXIIGLHH8UVDFKHQQHLQHUUhEHUÀXVVJHVHOOVFKDIWGHUHQQ1RWZHQGLJNHLWWVLFKKLPP Drang nach dem immer wieder Neuen verliert.
11
Das immer wieder Neue
Der Mensch benötigt Wasser, um überleben zu können. Selbstverständlich muss das Trinkwasser bestimmte Vorraussetzungen erfüllen, um genießbar zu sein: es darf keine gesundheitsgefährdenden Stoffe oder Krankheitserreger enthalten, auch eine zu hohe Konzentration von Mineralstoffen wie Chloriden, Sulfaten und Salzen sollte nicht auftreten. Ein Trinkwasser, das diese Anforderungen erfüllt, sollte also geeignet sein, den menschlichen Durst zu löschen. Der Wunsch nach GHPPHZLJJ1HXHQQVRUJWWMHGRFKKIUUHLQQXQHUVFK|SÀLFKHVV$QJHERWWDQQ*HWUlQNHQ deren Nachfrage mit dem Durst allein nicht zu erklären ist. Jedes Jahr bringen die Lebensmittelkonzerne zahlreiche neue Getränke auf den Markt - so kamen allein im Jahr 2003 allein in Deutschland 2505 neue alkoholfreie Getränke in die Regale. 12
Es scheint also zunächst sinnvoll, diejenigen Güter, die der Mensch zum Überleben dringend benötigt, von den Luxusgütern zu unterscheiden. Die lebensnotwendigen Güter befriedigen die Grundbedürfnisse, die Luxusgüter sollen den über das grundsätzlich Notwendige hinausgehenden Begierden zu Diensten sein. Die Abgrenzung ist dabei weniger eindeutig, als es zunächst den Anschein haben mag: so braucht ein starker Raucher die Zigaretten fast ebenso dringend, wie er auf die Nahrung angewiesen ist. Es fehlen Normen, die eine biologische Notwendigkeit bewerten könnten. Die Trennung ist daher stets subjektiv und abhängig von gesellschaftlichen Normen. Die Wirtschaftswissenschaft hat zur 8QWHUVFKHLGXQJJEHLGHUU.DWHJRULHQQHLQHHHLQOHXFKWHQGHH'H¿QLWLRQQJHIXQGHQ'HPnach werden Güter und Dienstleistungen als lebensnotwendig angesehen, deren Nachfrage im Falle einer Einkommenssteigerung innerhalb einer Gesellschaft nicht zunimmt. Die als luxuriös zu bezeichnenden Güter und Dienstleistungen ZHUGHQQ HQWVSUHFKHQGG LGHQWL¿]LHUW ZHQQQ GLHH 1DFKIUDJHH EHLL HUK|KWHUU .DXINUDIWW überproportional zum Einkommen steigt. Die Nachfrage der lebensnotwendigen Güter zeigt sich am Markt zunächst dringend, jedoch stark begrenzt. Der Bedarf an biologisch bedingten Gütern hat seine Sättigungsgrenze schnell erreicht. In der Psychologie richtet sich der Fokus nicht auf das Konsumverhalten der Verbraucher, sondern auf die Unterscheidung von Bedürfnissen in Hinblick auf ihre ELRORJLVFKHQQ)XQNWLRQHQ'LHHEHJULIÀLFKHH$EJUHQ]XQJJGHUU%HGUIQLVVHHVWLPPWWDOlerdings in Psychologie und Ökonomie überein. 13
12 Marcus Rohwetter: Was aus der Fabrik kommt, wird gegessen! In: Die Zeit, 29.01.2004
Nr. 6
13 Scitovsky, 1989
12
Massenproduktion und individuelle Bedürfnisse
Die Industrialisierung hat eine neue Problematik der Bedürftigkeit hervorgebracht. Eine Massenproduktion ist nicht darauf ausgerichtet, auf die Bedürfnisse von Individuen Bezug zu nehmen oder sich nach ihnen auszurichten. Durch die Arbeitsteilung wurde der Zusammenhang von Bedürfnis und Arbeit nachhaltig aufgelöst. Die Entstehung der Bedürfnisse ist in einer industrialisierten Gesellschaft nicht länger verknüpft mit der Produktion der Güter, mit denen die Bedürfnisse befriedigt werden sollen. 14 Eine autarke Einzelwirtschaft ist ohne weiteres in der Lage, sich auf die Bedürfnisse Einzelner einzustellen und die Güter individuell zu produ-]LHUHQ,QQHLQHUU0DVVHQSURGXNWLRQQ¿QGHWWGLHH1DFKIUDJHHHUVWWLQQGHUU.DXIHQWVFKHLdung des Konsumenten ihren Ausdruck, nicht aber schon in der Produktion des Gebrauchswertes. Erst durch die Trennung von Produzent und Konsument stellt sich überhaupt die Frage nach den Bedürfnissen des Menschen. Der Wirtschaft VWHOOWWVLFKKVRRGLHHDQVSUXFKVYROOHH$XIJDEHPKVDPPKHUDXV]X¿QGHQZHOFKHH*ter am ehesten der Nachfrage der Verbraucher entsprechen. Zu diesem Zweck werden Marktforschungsinstitute beauftragt, mittels repräsentativer Verbraucherbefragungen die Bedürfnisse der Konsumenten zu analysieren und auszuwerten. Der anspruchsvolle Konsument sucht seinerseits lange und oft vergeblich nach den Dingen, die seiner persönlichen Vorstellung von Brauchbarkeit nahe kommen. Der Produzent muss Dinge produzieren, die er selbst nicht braucht und der Konsument muss Dinge konsumieren, an deren Herstellung er nicht beteiligt ist. Doch die Investitionskosten einer Produktion sind hoch. Zeigt sich hinterher, dass ein Angebot keine Nachfrage erzeugt, ist guter Rat teuer. Die Werbewirtschaft verschlingt Summen, die einen nicht unbedeutenden Teil der Produktion ausmachen. Denn ein Produkt, dass niemand haben will, weil kein Konsument je danach verlangt hätte, kann sich eine Marktwirtschaft nicht leisten. Die Marktforschung bemüht sich darum, die Motive der Konsumenten zum Kauf einer Ware DXV¿QGLJJ ]XX PDFKHQ 'D]XX ZHUGHQQ ZLVVHQVFKDIWOLFKHH *HVFKW]HH DXIJHIDKUHQ die im Kampf um Marktanteile ihre Dienste tun. Denn “während man eine gesell-VFKDIWOLFKHH%HGUIQLVIRUVFKXQJJDXVVOLEHUDOLVWLVFKHUU6LFKWWIUUEHUÀVVLJJKlOWVWHKWW die unternehmerische Bedürfnisforschung in hoher Blüte.” 15
14 vgl. Günter Ropohl: Die “wahren” Bedürfnisse, In: Welche Dinge braucht der Mensch?,
Frankfurt a.M. 1995
15 ebenda, S. 87
13
Dem Mangel an sich ist dabei jedoch nicht beizukommen. Denn die Produkte erfüllen längst nicht mehr allein die Bedürfnisse der Verbraucher, sondern vielmehr die Bedürfnisse des Marktes. Denn wenn die Befriedigung des Trinkbedürfnisses der Zweck ist, so ist Trinkwasser das geeignete Mittel. Der Getränkemarkt bietet jedoch ein Angebot, dass mit der Befriedigung einfacher Bedürfnisse wenig zu tun haben kann. So haben die Adelholzer Alpenquellen ein mit Sauerstoff angereichertes Mineralwasser auf den Markt gebracht. “Das Unternehmen behauptet, die gesundheitsfördernde Wirkung solcher Wässer sei wissenschaftlich belegt. Andere widersprechen bereits dem Prinzip des Produktes, weil sich der natürliche Sauerstoffgehalt gar nicht steigern lasse”. 16 Wer ein solches Produkt kauft, löscht damit sicherlich nicht allein seinen Durst nach Wasser. Vielmehr sind es gesundheitliche Erwägungen, die zum Kauf des Produktes führen. Doch der Mehrwert des Wassers erfüllt sich hier allenfalls als Placebo, ein tatsächlicher Nutzen für den Verbraucher ist kaum auszumachen. Somit ist es weniger das Verlangen der Konsumenten, das hier eine Produktinnovation herbeiführt - sondern vielmehr der Durst der Unternehmen nach gesicherten Marktanteilen. Die Produktgestaltung
Es sind vor allem die Gesetze des Marktes, die technologische und ästhetische Innovationen erforderlich machen. Wer heute ein Produkt gestaltet, tut dies weniger für den Verbraucher und mehr für den Markt. Die Motivation für eine Konsumentscheidung als Offenbarung von Präferenzen des Konsumenten zu betrachten, ist ein Widerspruch, der im Namen der freien Marktwirtschaft hingenommen oder geleugnet wird. Die Produktgestaltung muss sich diesem Widerspruch stellen. Eine industrielle Produktgestaltung ist notwendig, wo vor allem ästhetische Innovation gefragt ist. Ästhetische Innovation wiederum ist vor allem dort gefragt, wo wirtschaftliches Wachstum die Grundlage für die Funktion des gesellschaftlichen Systems bildet. Kurzum steht das Produktdesign in erster Linie im Dienste des Wirtschaftswachstums und erst in zweiter Linie im Dienste des Verbrauchers. An diese Überlegung schließt sich die Frage an, in wie weit das wirtschaftliche Wachstum im Dienst der Allgemeinheit stehen kann und stehen muss. Hier stehen sich zwei Auffassungen gegenüber: zum einen der Glaube an den Fortschritt, der zu immer besseren Lebensbedingungen für immer mehr Menschen führt. 17 Zum
16 Rohwetter, Die Zeit, 29.01.2004 Nr. 6
17 vgl. Günter Rohpohl: Die unvollkommene Technik, Frankfurt a. M. 1985
14
anderen die Technikkritik und eine Ideologie der Selbstbegrenzung. 18 Am Beispiel des Durstes wird deutlich, wie schwer eine Diskussion über die Bedürfnisse objektiv zu führen ist. Denn die Bedürftigkeit des Menschen ist stets individuell und höchst subjektiv. Die zu seiner Befriedigung angebotenen Gegenstände und Dienstleistungen sind es in der Regel aber nicht. Die industrielle Produktion ist bislang nur sehr begrenzt in der Lange, auf individuelle Bedürfnisse, kulturelle Unterschiede und geschmackliche Vorlieben einzugehen. Einen Ausweg könnte die computergesteuerte Produktion bieten. Vielleicht wird es möglich sein, mittels CNC- Technologie den Gebrauchswert von Gegenständen individuell zu gestalten. Die Produktion würde sich nach dem Bedarf hin ausrichten und würde sich nicht länger selbst nötigen, die Nachfrage zu steuern und zu manipulieren. In einer wirklichen Just-In-Time- Produktion wird kein Überschuss erzeugt. Das Handwerk könnte auf einem neuen technologischen Niveau eine Renaissance erfahren. Eine dezentralisierte und individualisierte Produktion müsste jedoch auch durch eine Aufklärung der Konsumenten unterstützt werden: Denn nur wer seine eigenen Bedürfnisse studiert hat, kann eine wirklich sinnvolle Kaufentscheidung treffen. Konsum braucht Zeit. Und eine neue Wertschätzung der Dinge des täglichen Lebens. Vielleicht gelingt es so, Bedürfnisse zu befriedigen, ohne dabei über den Durst zu trinken.
18 vgl. Ivan Illich: Selbstbegrenzung, Reinbek 1975
15
Verwendete Literatur
Adams, Douglas: Das Restaurant am Ende des Universums, Frankfurt a. M. 1985
Adams, Douglas: Per Anhalter durch die Galaxis, Frankfurt a. M. 1984 Ball, Philip: H2O - Biographie des Wassers, München 1999 Eppler, Erhard: Was braucht der Mensch? Frankfurt a. M. 2000 Illich, Ivan: Selbstbegrenzung, Reinbek 1975
Ropohl, Günter: Die “wahren” Bedürfnisse, In: Welche Dinge braucht der Mensch?, Frankfurt a.M. 1998
Rohpohl, Günter: Die unvollkommene Technik, Frankfurt a. M. 1985 Scitovsky, Tibor: Psychologie des Wohlstands, Frankfurt a. M., New York 1989
16
Arbeit zitieren:
Dipl. Des. Christopher Doering, 2006, Über den Durst, München, GRIN Verlag GmbH
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