1. Das Drama „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard: Anklage gegen Österreich -Kritik an der Kontinuität des Nazismus in Österreich
Das Theaterstück Heldenplatz von Thomas Bernhard kritisiert die politischen Verhältnisse Österreichs, vor allem dem dort noch immer herrschenden Antisemitismus. Das Stück umfasst insgesamt drei Szenen.
Der Selbstmord des Mathematikprofessors Josef Schuster ist das zentrale Ereignis, das vor dem Beginn des Dramas stattgefunden hatte, und die folgenden Szenen hinsichtlich der Dialoge und Handlungen bestimmt. Festzustellen ist, dass dieses Drama erstaunlich handlungsarm ist. Der Selbstmord Josef Schusters liegt als Ereignis außerhalb des Dramas. Die erste Szene spielt in der Wohnung des Verstorbenen und seiner Frau Hedwig Schuster. In der zweiten Szene findet die Beerdigung statt und der anschließende Leichenschmaus in der dritten Szene. Dies sind die einzigen Ereignisse. Die Akteure handeln dabei kaum, vielmehr ergehen sie sich in hauptsächlich in quasi monologisch gehaltenen Erinnerungen und Beschimpfungen.
1.1 Erinnern, Nicht-Erinnern-Wollen und Nicht Erinnern-Können als zentrale Themen
des Dramas
Die Wohnung des verstorbenen Professors Josef Schuster liegt am Heldenplatz, dem Ort, an dem Hitler 1938 den Anschluß Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland verkündete. Paradoxerweise hatte sich J. Schuster zusammen mit seiner Frau ausgerechnet dort eine Wohnung genommen. Das ist paradox, da er als Jude eigentlich an diesen Aspekt der Vergangenheit Österreichs und Deutschlands nicht permanent erinnert werden wollen müsste. Auf ein solches kontinuierliches Erinnertwerden jedoch läuft die Wahl der Wohnung hinaus.
Erinnern, Nicht-Erinnern-Wollen und Nicht-Vergessen-Können sind zentrale Themen dieses Bernhardschen Dramas. Hier wird exemplarisch verdeutlicht, dass einer der Aspekte, der den Menschen zum Menschen macht, darin besteht, dass er die Fähigkeit zur Erinnerung hat, sowie er eben auch die Fähigkeit des Sich-Nicht-Erinnern-Wollens besitzt und zuweilen dem Problem des Nicht-Vergessen-Könnens ausgeliefert ist. Auf diese entscheidenden Inhalte des Stücks verweist auch die Reaktion Hedwig Schusters, die seit dem Einzug in die gemeinsame Wohnung am Heldenplatz chronisch seelisch erkrankt ist 1 - diese Erkrankung manifestiert
1 Die Kranken, sowohl körperlich als auch seelisch erkrankte Personen, spielen eine herausragende Rolle im gesamten Bernhardschen Oeuvre, wie sich auch im Drama „Heldenplatz“ zeigt. Josef Schuster muß seelisch traumatisiert gewesen sein, andernfalls hätte er wohl kaum Selbstmord begangen. Seine Frau Hedwig ist psychotisch und sieht nicht zufällig besonders klar: „Dank seiner geschärften Sensibilität und mangelnden
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sich in auditiven Halluzinationen. Sie hört Tag für Tag und Nacht für Nacht das Geschrei der Massen zur Hitler-Rede am Heldenplatz, obwohl diese Ereignisse vergangen sind. Hier handelt es sich um eine Form des Nicht-Vergessen-Könnens, die sich in einer psychotischen Reaktionsweise manifestiert. Gleichzeitig lassen sich diese Anfälle Hedwig Schusters aber auch als Offenbarung oder Zukunftsvision lesen: Sie hört gegenwärtig das, was in Österreich schon einmal da war, als wenn sie sagen wollte, die Geschichte werde sich wiederholen.
Der in der Wohnung stattfindende Dialog zwischen Frau Zittel, der Wirtschafterin und Herta, dem Dienstmädchen, dient der Charakterisierung des jüdischen Professors Josef Schuster, der Suizid beging, weil er den immer weiter zunehmenden Nazismus in Österreich nicht mehr ertrug.
Genaugenommen handelt es sich hier um einen Monolog 2 der Frau Zittel, denn ihre Rede weist ein viel größeres Volumen auf als Hertas Beiträge und sie zeigt auch keinerlei Interesse an den Einwürfen Hertas. Dies ist insgesamt ein zentrales Charakteristikum der Figurenrede, wie sie sich in Bernhards Heldenplatz darstellt. Die redenden Protagonisten erreichen ihre (potentiellen) Dialogpartner nicht. Auffallend ist hier, dass sie dies nicht einmal zu wollen scheinen. Aber auch diejenigen Personen, die meist schweigen, wie Herta, Olga und Frau Hedwig Schuster, sagen damit gleichzeitig etwas aus. Sie sind aus Sicht der redenden Personen notwendig, denn diese brauchen das Schweigen ihrer Dialogpartnerinnen, so dass ihre Redegewalt daneben umso deutlicher aber auch absurder wirkt. Jede der Figuren scheint
Verdrängungsfähigkeit sieht der Wahnsinnige mehr als die dickfelligen robusten Gesunden. Gerade der Kranke erkennt das Krankhafte in der Welt der scheinbar Gesunden.“ Renate Langer: Bilder aus dem beschädigten Leben. Krankheit bei Thomas Bernhard. In: Thomas Bernhard - Die Zurichtung des Menschen; Hrsg. von Alexander Honold und Markus Joch. Würzburg, 1999, S.185.
2 Rein formal betrachtet handelt es sich hier nicht um einen Monolog, da Herta als Ansprechpartnerin anwesend ist, und gelegentlich auch Einwürfe macht. Daher wäre eigentlich richtiger von einem „nicht idealtypischen Dialog“ zu sprechen (Vgl. Eun-Soo Jang: Die Ohn-Machtspiele des Alternarren. Untersuchungen zum dramatischen Schaffen Thomas Bernhards, Frankfurt a.M., 1993). Dafür diesen nicht idealtypischen Dialog aber als Monolog zu bezeichnen, spricht allerdings, dass das Redevolumen der Frau Zittel so beträchtlich ist, wohingegen Hertas Redevolumen so gering ist, dass man nicht mehr von einem Dialog sprechen kann, denn dieser Begriff setzt eine gewisse Gleichgewichtigkeit der Redebeiträge voraus. Abgesehen davon, erhält man aufgrund der Rede von Frau Zittel den Eindruck, dass ihr überhaupt nicht im Geringsten daran gelegen ist, mit Herta in einen Dialog, also ein Gespräch, einzutreten. Wie sich auch anhand der Beziehung von Josef und Hedwig Schuster zeigt, sind die Beziehungen der Protagonisten von Macht durchtränkt: Hedwig wird als Frau von Josef unterdrückt (er setzt seinen Wunsch nach Wien zurückzugehen gegen ihren Widerstand durch, sie ziehen in eine Wohnung am Heldenplatz, auch das ist alleine seine Entscheidung, obwohl es ja eine gemeinsame Wohnung ist). Hier hat die Frau also die unterdrückte Position im Verhältnis zum Mann, obwohl sie sogar beträchtlich zum Familieneinkommen beiträgt, da sie im Besitz zweier gutgehender Fabriken ist(- also höchstwahrscheinlich mehr Einkommen hat, als ihr Mann als Professor). Es scheint also, dass sie in einem Maße von ihrem Mann emotional abhängig ist, wie er es eben nicht ist, so dass es überhaupt zu so einer Situation kommen konnte, in der sie sich auch unterdrücken lässt. Ebenso ist Herta der Knecht von Frau Zittel, denn sie ist abhängig von Frau Zittel gewesen- in diesem Fall aber in existentieller Hinsicht- , und Frau Zittel spielt ihre höhere Position gnadenlos aus, indem sie Herta immer wieder vorhält, was sie für sie getan hat, und ihr zugleich einredet, sie sei doch im Grunde nichts wert und zu nichts befähigt.
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nur um sich selbst zu kreisen, um ihr Ich - dies lässt sich als eine Darstellung der gestörten Kommunikationsstrukturen lesen, die charakteristisch für die moderne Gesellschaft sind. Die Strukturen der Kommunikation fast aller Figuren (mit Ausnahme von Lukas, da dieser kaum in Erscheinung tritt), sind durch Macht gekennzeichnet, zumindest ist die Kommunikation innerhalb des Stücks stark asymmetrisch. Sogar die Kommunikationsstrukturen zwischen den Schwestern Anna und Olga sind von der Machtfrage durchtränkt: Anna kritisiert, wie die österreichische Gesellschaft ist (nämlich immer noch nazistisch) und definiert damit als stärkere Kommunikationspartnerin zugleich die Wirklichkeit. Im Gegensatz dazu schweigt Olga. Auch Robert Schuster nutzt seine Redegewalt dazu, seine Kommunikationspartner zum Schweigen zu bringen. Das heißt, er macht aus einer ursprünglich gleichberechtigten (symmetrischen), eine komplementäre Kommunikationssituation - so z.B. als er in der zweiten Szene seinen Monolog über die Dummheit, den Katholizismus und die immer noch währende nationalsozialistische Einstellung der Österreicher hält: „Österreich selbst ist nichts als eine Bühne/[…] sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige/ die ununterbrochen aus vollem Halse nach einem Regisseur schreien/ der Regisseur wird kommen/ und sie endgültig in den Abgrund hinunterstoßen.“ 3 Hier spricht Robert nicht mit Anna und Olga, sondern er hält einen Monolog - was im übrigen auch in der dritten Szene der Fall ist. Diese Strategie der Monologisierung, die er anwendet, führt dazu, dass er letztlich die Definitionsgewalt hinsichtlich aller angesprochenen Fragen und Themen behält - denn die anderen Figuren gehen in seiner Redegewalt quasi unter. Zwar hätten sie die Möglichkeit ihm zu widersprechen, aber auch das würde nichts nützen, da sie dann mit einem weiteren Monolog von seiten Robert Schusters zu rechnen hätten.
Olga versucht an einer einzigen Stelle des Stücks ihren Onkel verbal zu entmachten, nämlich indem sie die Kommunikation selbst thematisiert, also auf eine Metaebene bringt: „Onkel Robert du übertreibst.“ 4 Aber dies mißlingt, da er seinen Monolog ohne Rücksicht auf ihren Einwand fortführt.
Neben der Kritik an Österreichs politischen Verhältnissen- vorallem an dem noch immer ausgeprägten Antisemitismus- stellt das Stück also auch eine Kritik der oben beschriebenen modernen Kommunikationsstrukturen dar.
Den Gegenstand des Monologs von Frau Zittel bildet der Selbstmord Josef Schusters und die Klärung ihres Verhältnisses zu ihm. Umgebracht hatte er sich, weil er den erstarkenden Neo- 3 ThomasBernhard: Heldenplatz, S. 89.
4 Ebd., S.112.
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Nazismus innerhalb der österreichischen Gesellschaft nicht mehr ertragen konnte - und das im Jahr 1988, also genau 50 Jahre nach der Verkündigung des Anschlusses Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Interessanterweise verliert weder Frau Zittel noch Herta ein Wort des Mitleids oder gar der Trauer über den Selbstmord Schusters. Dies ist bezeichnend, denn Frau Zittel war bis zu seinem Selbstmord insgesamt 40 Jahre bei ihm angestellt und in dieser Zeit zu einer Art Ersatz-Ehefrau für ihn geworden, zumindest auf der geistig-seelischen Ebene.
Statt Trauer zu zeigen, spielt Frau Zittel den Anlass des Selbstmordes eher herunter. Indem sie sagt: „Der Selbstmord ist immer eine Kurzschlußhandlung“, behauptet sie gleichzeitig, dass der Suizid keine überlegte Reaktion auf die politischen Verhältnisse Österreichs gewesen sein kann. Verantwortlich für den Selbstmord Josef Schusters sind nach Frau Zittel weder die österreichische Gesellschaft, noch die österreichische Politik noch auch die nationalsozialistische Vergangenheit, sondern die Familie Josef Schusters. Der Selbstmord erfährt, indem er gänzlich ins Private gezogen wird, eine Entpolitisierung. Daraus folgt, dass Frau Zittel das wahrscheinlichste Motiv des Suizids Josef Schusters, nämlich dessen Traumatisierung angesichts der österreichischen Verhältnisse, d.h. angesichts des weiterhin bestehenden und sogar zunehmenden Judenhasses in Österreich, ausschließt. Das sprachliche Handeln der Frau Zittel dient der Provokation des Publikums und soll zum Nachdenken bewegen. 5 Man hat den Eindruck, als solle hier im Individuellen verdeutlicht werden, was im Kollektiven bezüglich der Verarbeitung des Nationalsozialismus in Österreich schiefgelaufen ist, da nämlich eine solche Verarbeitung kaum stattgefunden hatte. Notwendige Bedingungen der Verarbeitung eines Unrechts, wie die Nazi-Herrschaft es darstellte, sind Anteilnahme mit den Opfern und Trauer. Der Selbstmord und sein Motiv verwehren gewissermaßen eine Historisierung der Geschehnisse, an denen Österreich mit dem Anschluss an Nazi-Deutschland beteiligt war. Durch eine solche Aktualisierung wird auch auf das Nicht-Erinnern-Wollen an die Geschehnisse als Problem verwiesen. Sofern man den Aussagen Frau Zittels Glauben schenken darf, zeichnete sich der Charakter Josef Schusters durch einen nicht unerheblichen Anteil von Arroganz aus: nicht einmal meine Frau darf auf mein
5 Vgl. Regine Meyer-Arlt : Nach dem Ende. Posthistoire und die Dramen Bernhards, Hildesheim [u.a.], 1993, S.70-71.
Da das Bernhardsche Stück auf die Provokation des Publikums angelegt ist, lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass er sein österreichisches Publikum nicht für ganz so dumm hält, wie die in dem Stück vorhandenen Beschimpfungen der Österreicher (v.a. durch Robert Schuster) vielleicht vermuten lassen. Die Provokation hätte sonst gar keinen Sinn.
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Arbeit zitieren:
Caroline Boller, 2010, Thomas Bernhards "Heldenplatz" - eine Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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