Im Folgenden werde ich mich mit dem Wertewandel von 1900 bis zur Gegenwart beschäftigen und dann eine Zukunftsprognose bis 2050 skizzieren. Hierbei habe ich mich auf einen bestimmten Themenbereich beschränkt, da es viele Wertebereiche gibt, die man in diesem Umfang nicht alle berücksichtigen kann. Deswegen habe ich den Fokus auf Wertewandel in Partnerschaften und Familien gelegt, da ich der Meinung bin, dass es gerade auf diesem Gebiet viele Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten gab.
Ich werde mich in dieser Ausarbeitung mit der Frage beschäftigen, ob Beziehungen heutzutage immer schwieriger zu realisieren sind, da der feste Ablauf einer Partnerschaft, wie er früher einmal war, nicht mehr gegeben ist und andere Lebensbereiche in den Mittelpunkt gerückt sind.
Meine These ist also, dass den Menschen dadurch die Orientierung fehlt, und niemand mehr weiß, welche Möglichkeit für einen selbst die Richtige ist, was Partnerschaften heutzutage zu einer richtigen Herausforderung macht. Um aber die heutigen Normen verstehen zu können, muss man sich erst einmal bewusst machen, wie es zum Wertewandel kam.
Der Urspung ist beim Übergang von der Modernisierung zur Postmodernisierung zu finden.
Die Modernisierung beschränkte sich größtenteils auf Ökonomie, also auf Industrialisierung.
Das Ziel der Familien war es, den Wohlstand zu steigern, so dass das tägliche Überleben gesichert war. Es ging nicht um persönliche Vorlieben und Zuneigung, sondern Familien waren eine wirtschaftliche Gemeinschaft. (Inglehart 1998: S.448f.). Beim Übergang zur Postmodernisierung rückten dann der individuelle Lebensstil und die Lebensqualität in den Vordergrund, da die Hauptaufgabe der Akteure nicht mehr darin bestand, ihr Überleben zu sichern.
Dieses Gefühl von Sicherheit und der Selbstverständlichkeit des Überlebens führte dazu, dass das subjektive Wohlempfinden nicht mehr von genügend Nahrung und einem Dach über dem Kopf abhing, sondern von anderen Werten, man fokusierte sich auf postmaterialistische Werte.
Auf diesen Wandel von unsicherem zu sicherem Überleben ist also der Wandel von Modernisierung zu Postmodernisierung und der Übergang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten zurückzuführen, denn plötzlich wird über den Sinn und die Bedeutung des Lebens nachgedacht, was die Gedanken über die persönliche
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Existenzsicherung ablöst (ebd. S.450-454).
Während wirtschaftliche Konflikte in der Vergangenheit noch unglaublich dominant waren, verlieren sie immer mehr an Bedeutung und werden von postmodernen Themen abgelöst wie beispielsweise Umweltschutz, ethnische Konflikte, Abtreibung etc. (ebd. S.457).
Natürlich vollzog sich genau dieser Wandel auch in Partnerschaften. Ein Indikator für Beziehungen sind Haushaltsgrößen. Schon vor 11 Jahren waren in Großstädten knapp die Hälfte aller Haushalte Ein-Personen-Haushalte. Das ist eine große Veränderung, wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Haushaltsgröße um die Jahrhundertwende bei 4,5 Personen lag (Heiderich/Rohr 1999: S. 23f). Eine Erklärung für dieses Phänomen geben Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim in ihrem Buch „Das ganz normale Chaos der Liebe“ (1990). Sie beleuchten die Funktion einer Ehe um 1900. Damals gab es keine Ehen im heutigen Sinne, sondern viel eher die schon erwähnten Wirtschaftsgemeinschaften. Außerdem teilte sich nicht ein Ehepaar eine Wohnung, sondern ein solches ökonomisches Arrangement zeichnete sich aus durch viele Generationen in einem Haushalt und die Sicherung der weiteren Generationenabfolge. Als die Existenzsicherung dann nicht mehr im Mittelpunkt stand und sich der Übergang zur postmodernen Gesellschaft vollzog, veränderte sich diese Form der Ehe immer mehr zu einer Gefühlsgemeinschaft. Es ging nicht mehr um das tägliche Überleben, sondern um persönliche Neigungen und Intimität (Beck/Beck-Gernsheim 1990: S. 68 f).
Diese neue Form von Familie gewann immer mehr an Bedeutung, und zwar die der „bürgerlichen Familie“, welcher ich mich jetzt zuwenden werde. Diese zeichnete sich natürlich auch durch Ehe und Kinder aus. Allerdings kam nun auch eine „Akzeptanz der Kinder als Persönlichkeiten“ hinzu (Huinink/Schröder 2008: S. 90). Das bedeutet, das Kinder nicht mehr als Arbeitskräfte und Altersvorsorge angesehen wurden, sondern sie wurden als eigenständige Individuen angesehen. Das führte dazu, dass die Eltern zu ihren Kindern eine intimere Bindung aufbauen und sie individuell fördern konnten. Außerdem zeichnete sich die bürgerliche Familie durch eine klare Rollenteilung aus. Die Frau kümmerte sich um den Haushalt und zog die Kinder groß, während der Mann außerhalb des Haushaltes arbeiten ging und für das nötige Geld sorgte. Diese Familienform fand ihr Ende in den 50er Jahren. In den 60er Jahren gab es dann einen erneuten Wandel. Plötzlich wurde Sex
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unabhängig von Ehe vollzogen und Ehe war auch keine Voraussetzung mehr für das Kinderkriegen. Auch die Zahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften nahm immer mehr zu. Das Durchschnittsalter für das Kinderkriegen stieg an auf 27 Jahre und die Kinderzahlen fielen unter das Reproduktionsniveau. Sogar das Heiraten wurde immer weiter nach hinten verschoben. Außerdem konnte man einen starken Rückgang der klaren Rollenteilung beobachten. Da auch die Frauen die Möglichkeit bekamen, berufstätig zu sein und Karriere zu machen, gab es plötzlich auch Formen des Zusammenlebens, in denen die Frau arbeiten ging und der Mann für Kinder und Haushalt zuständig war (ebd. S. 89ff).
Diese Möglichkeit, die Rollen in einer Partnerschaft frei einzuteilen brachte natürlich auch einen Verlust an innerer Stabilität mit sich:
Durch die Modernisierung wird der Akteur von den traditionellen Gegebenheiten entwurzelt, was die ersten Schritte der Individualisierung einleitet. Das bedeutet, dass die Menschen nun in der Lage sind, ein eigenes Leben, jenseits von Gruppenzugehörigkeiten, aufzubauen. Zwar beinhaltet das eine Befreiung von äußeren Zwängen, aber auch eine plötzlich auftretende Haltlosigkeit, den Menschen fehlt plötzlich die Orientierung (ebd. S. 66f).
Die Tatsache, dass Beziehungsbücher mittlerweile fast einen Bestsellerstatus erreichen, beweist, dass Menschen noch nie so verloren im Umgang mit ihren Lebenspartnern (oder wie man heute sagt: „Lebensabschnittspartner“) waren als heute (Dean C. Delis/Cassandra Phillips 2009: S.18).
Durch die unzähligen Möglichkeiten, eine Beziehung zu führen, wird Überforderung immer deutlicher spürbar. Wahrscheinlich wird man in kaum einem anderem Lebensaspekt mit so vielen Entscheidungen konfrontiert. Man kann offene und geschlossene Beziehungen führen, heiraten oder in „wilder Ehe“ leben, Kinder kriegen oder eben kinderlos bleiben. Gemeinsame Entscheidungen treffen muss man schon beim Urlaubsziel oder bei der gemeinsamen Wohnungseinrichtung. Das Streitpotential in einer Partnerschaft steigt also mit der Komplexität der Entscheidungsfelder (Beck/Beck-Gernsheim 1990: S. 73f). Da muss berechtigterweise die Frage gestellt werden, ob in Zeiten der Individualisierung noch Platz für so viele gemeinsame Entscheidungen ist, oder ob ein Partner nicht zum Störfaktor wird, der die eigene Selbstverwirklichung verzögert oder sogar verhindert, wodurch die Individualisierung zum Kampf um persönliche Freiräume führt.
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Arbeit zitieren:
Sandra Eichhorn, 2010, Wertewandel in Beziehungen, München, GRIN Verlag GmbH
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