Danksagung
Die vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 2003 als Diplomarbeit im Studiengang „Betriebswirtschaft“ an der Fachhochschule Regensburg eingereicht.
Mein Dank gilt an dieser Stelle meinem Betreuer, Prof. Dr. Gerald Mißlbeck, für die unkomplizierte Übernahme der Betreuung und den großen Freiraum, den er mir bei der Ausarbeitung meines Themas ließ.
Herrn Prof. Dr. Mühlbradt danke ich für die Übernahme der Zweitkorrektur. Die Tatsache, dass mir durch ihn an der Fachhochschule Regensburg zwei einsemestrige Lehrveranstaltungen als Tutor im Fach Buchführung und Bilanzierung möglich geworden sind, bleibt unvergesslich. Seine kritischen Fragen haben mir die Augen für eine ganz spezielle Sicht der Dinge geöffnet und mir so manchen Vortrag an der Akademie Bayerischer Genossenschaften erleichtert.
Zu besonderem Dank verpflichtet bin ich den Verantwortlichen der Akademie Bayerischer Genossenschaften, die mir während der Studienzeit Vorträge vor ca. 2000 Teilnehmern ermöglicht haben. Gerade in der Anfang 2002 für mich schwierigen Zeit haben ausnahmslos alle Projektverantwortlichen zu mir gestanden. Der Dank gilt natürlich auch den Teilnehmern, die im kritischen Dialog keine flapsige und oberflächliche Argumentation zugelassen haben.
Immer bei mir war auch mein Vater, der mir durch den kritischen Dialog das Denken von Vorständen und Verantwortlichen in Banken übermittelt hat. Zusammen mit meiner Mutter hat er eine familiäre Arbeitsteilung geschaffen, auf die ich gerade in Stresssituationen gerne zurückgegriffen habe. Der Dank gilt vor allem auch meinen Großeltern, die immer zur Stelle waren, wenn es studentische Grundbedürfnisse zu befriedigen galt.
Speziellen Dank verdienen Martin Schelauske, Markus Mair und Michael Resch. Die studentische Zusammenarbeit mit Herrn Martin Schelauske hat mir viele Freiräume eröffnet, in denen ich meinen Seminaren nachgehen konnte. Herr Markus Mair wird sich sicherlich an die unzähligen Stunden erinnern, in denen wir durch den kritischen fachlichen Dialog so manches Lokal räumten. Herrn Michael Resch danke ich für die zahlreichen Saunaaufgüsse, die unsere Köpfe von diversen Problemen befreit haben.
Leider ist die Entstehung dieser Arbeit vom Krieg im Irak überschattet worden. Die Bilder des halb verbrannten irakischen Jungen werden mir immer in schrecklicher Erinnerung bleiben.
Hauzenberg, im Mai 2003 Michael Steinmüller
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abbildungsverzeichnis III
Abk ürzungsverzeichnis V
1 Einleitung 1
1.1 Problemstellung und Zielsetzung. 2
1.2 Vorgehensweise 2
2 Deutscher Mittelstand 3
2.1 Qualitative Merkmale. 3
2.2 Quantitative Merkmale. 4
2.3 Bedeutung und derzeitige wirtschaftliche Situation des Mittelstandes. 9
2.4 Wirtschaftliche Situation des Mittelstandes aus dem Blickwinkel
von Kreditinstituten 13
3 Rating 18
3.1 Definition Rating 18
3.2 Ratingarten und Varianten. 22
3.3 Bedeutung von Ratingsymbolen. 26
3.4 Trennfähigkeit von Ratingsystemen 28
4 Entstehung eines Ratingurteils am Beispiel des
BVR -II Ratings 37
4.1 Architektur des BVR-II Ratings 37
4.2 Zusammensetzung der einzelnen Teilscores 44
5 Auswirkung des Ratingurteils auf die Kreditkonditionen 52
5.1 Komponenten der Kreditkondition 52
5.2 Standardrisikokosten in Abhängigkeit vom Rating. 58
5.3 Eigenkapitalkosten in Abhängigkeit vom Rating 65
6 Unmittelbare Auswirkung der neuen Eigenkapital-
vereinbarung (Basel II) auf den Deutschen Mittelstand 68
6.1 Status Quo der alten bzw. Ziel der neuen Eigenkapitalvereinbarung 68
6.2 Berechnung der Mindestkapitalanforderungen für das Kreditrisiko 74
6.3 Meilensteine bis zur Umsetzung von Basel II 81
7 Fazit und Ausblick. 84
I
Anhang 1: Prozess der gesamtbankorientierten Risikosteuerung ........................Seite 85 Anhang 2: Systematisierung der Ansätze zur Kreditrisikosteuerung.....................Seite 86 Anhang 3: Bezeichnung der lang- bzw. kurzfristigen Emmissionsratings
der Big Three .......................................................................................Seite 87 Anhang 4: Zusammenhang zwischen Ratingklassen und Fleischteilen................Seite 88 Anhang 5: Power-Curve und Accuracy Ratios von Moody`s ................................Seite 89 Anhang 6: Score-Intervalle und BVR-Masterskala ...............................................Seite 90 Anhang 7: Qualitative Fragen des BVR-II Ratings "Mittelstand" und "Oberer Mittelstand" Seite 91
Anhang 8: Gewichtung der relevanten Fragen im Teilscore QU.........................Seite 100 Anhang 9: Screenshot BVR-II-Rating, Qualitativer Fragenkatalog .....................Seite 101 Anhang 10: Konsequenzen der Eigenkapitalabitrage durch Sekurisation ............Seite 102 Anhang 11: Formeln zur Berechnung der Risikogewichte ....................................Seite 104 Literaturverzeichnis…………………………………………………………Seite 105
II
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Bedeutung des Mittelstandes
Abbildung 2: Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen.
Abbildung 3: Strukturdaten deutscher Kreditinstitute
Abbildung 4: Kehrtwende
Abbildung 5: Bivariate Diskriminierung nach Umsatzrendite und
Eigenkapitalquote.
Abbildung 6: Optimaler Trennwert, α-und β-Fehler bei dichotomischen
Kreditnehmerklassifikationen auf Basis der MDA.
Abbildung 7: Fehlerkurve des Ratings der Bank Deutschland
Abbildung 8: Power-Curve zur Beurteilung der Trennfähigkeit
eines Ratingsystems
Abbildung 9: Aufklärungsprofil des Ratingsystems der Bank Deutschland
Abbildung 10: Musterkreditprozess und Musterratingprozess.
Abbildung 11: Architektur des BVR-II Ratings.
Abbildung 12: Gewichtung der Teilscores bei der Berechnung des
Gesamtscores
Abbildung 13: Abstimmung Mittelstandssegmente im Übergangsbereich.
Abbildung 14: Trennschärfe von Merkmalen.
Abbildung 15: EDF-Transformation und Logistischer Fit
Abbildung 16: Bottom-Up Kalkulation des Kreditzinses
Abbildung 17: Kreditprozesse und Standardstückkosten
Abbildung 18: Zusammenhang zwischen Standardstückkosten und Rating
Abbildung 19: Wahrscheinlichkeitsverteilung potentieller Kreditverluste.
Abbildung 20: Kalkulation von Standardrisikokosten und KFZ-
Versicherungsprämien
Abbildung 21: EAD und LGD als Komponenten des erwarteten Verlustes
Abbildung 22: Bonitätsstruktur typischer Mittelstandsportfolios.
Abbildung 23: Zusammenhang zwischen Standardrisikokosten, Rating und
Sicherheiten
III
Abbildung 24: Zusammenfassendes Beispiel zum erwarteten Verlust.
Abbildung 25: Adverse Selektion
Abbildung 26: Ermittlung des Renditeanspruchs deutscher Banken
nach dem CAPM
Abbildung 27: Geplante Eigenmittelunterlegung vor und nach Basel II.
Abbildung 28: Die Neue Eigenkapitalvereinbarung
Abbildung 29: Alternative Ansätze zur Messung des Kreditrisikos
nach Basel II.
Abbildung 30: Finanzierungssegmente und Zuordnungsvoraussetzungen.
Abbildung 31: Berechnung der Eigenkapitalanforderungen für
Unternehmen im IRB- Basisansatz
Abbildung 32: Eigenkapitalanforderungen in Abhängigkeit von der
Unternehmensgr öße
Abbildung 33: Zeitplan für die Umsetzung der
neuen Eigenkapitalvorschriften
IV
Abkürzungsverzeichnis:
BaFin BIZ BMWi c. p. ceteris paribus CAPM-Modell
EAD
ECAI
ECOFIN Economic and Financial Minister EDF
EL EVA EWB
gem. IfM IRB JA jew.
kfr. KFW KMU kleine und mittelständische Unternehmen KWG
LGD M MAK Moody`s MS NPO OMS PD PMCP PV QU RORAC RW RWA S&P s. b. Aufwand sonstiger betrieblicher Aufwand SEV
SME UEL USP ZEB V
1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
Ist Basel II der Tod des Deutschen Mittelstandes? Kann Basel II als Schreckgespenst oder Chance verstanden werden? 1 Erzwingt Basel II einen Mentalitätswechsel im Mittelstand? 2 Bedeutet Basel II die stille Revolution in der Finanzierung? 3 Bringt Basel II Entlastung für Mittelstandskredite 4 und somit vor allem den Mittelstand voran? 5 Profitiert also die Mehrzahl von Basel II? 6 Was versteht man überhaupt unter Basel II? Wer oder was ist der Mittelstand? Braucht Deutschland wirklich den Mittelstand? 7 Warum steht Basel II in Zusammenhang mit den Finanzierungsmöglichkeiten des Mittelstandes? 8 Warum zwingt die Ertragskrise Banken zu einer veränderten Kreditvergabe? 9 Ist ein Credit Crunch für den Mittelstand vermeidbar? 10 Warum trägt der deutsche Bankensektor überall die rote Laterne? Warum sind gerade im Kreditgeschäft die Margen „zum Gotterbarmen“ 11 . Müssen sich denn Kredite neuerdings lohnen? 12 Was hat der Mittelstand mit der Blutspur in den Bankbilanzen zu tun? Oder sind die Neuen Eigenkapitalvorschriften die Ursache für die Pleitenwelle, von der die Banken neuerdings überrollt werden? „Das wird (bestimmt) brutal“ 13 , wenn Geldinstitute bei Mittelständlern extrem vorsichtig werden 14 . Oder sind die Probleme bei Basel II fast gelöst? 15 Warum baut sich gegen Basel II neuerdings wieder Widerstand auf? 16
1 Vgl. Mendel, M., Kreditkulturwandel, 2002, S.5
2 Vgl. Müller, W., Basel II, 2002., S.5
3 Vgl. Lohneiß, H., Stille Revolution, 2002, S.25
4 Vgl. o.V., Basel II, 2003, S.23
5 Vgl. Marsarvah, A., Meister, 2003, S.2
6 Vgl. o.V., Mehrzahl, 2003, S.11
7 Vgl. Jeske, J., Deutschland, 2002, S.10
8 Vgl. Meister, E, Auswirkungen von Basel II, 2002, S.11
9 Vgl. o.V., Ertragskrise, 2002, S. 9
10 Vgl. Reich, H., Credit Crunch, 2002, S.11
11 Sanio, J., Ertragslage, 2003, S.1
12 Frühauf, M., Kredite, 2002, S.11
13 Kaufmann, S., Wolff, S., Das wird brutal, 2002, S.7
14 Vgl. Afhüppe, S., Burmaier., S, u.a., Geldinstitute, 2003, S.1
15 Vgl. McDonough, Probleme bei Basel II, 2002, S. 10
16 Vgl. Walter, N., Basel II, 2002, S.10
Seite 1
Wer will aufgrund dieser Widersprüchlichkeiten noch den Überblick behalten? Der Entwurf der neuen Baseler Eigenkapitalvereinbarung (Basel II oder der Neue Baseler Akkord) hat in Deutschland eine Diskussion um Ratings und deren Auswirkungen auf den Mittelstand entfacht, die weltweit ihresgleichen sucht.
Da die Argumente teilweise sehr von Emotionalität geprägt sind, ist das Ziel dieser Arbeit durch sachliche Argumentation den Ausgleich zwischen Bank- und Mittelstandsinteressen zu ermöglichen. Hierbei ist es notwendig für den Unternehmer die Details/Grundlagen der risikoadjustierten Kreditpolitik zu lüften bevor auf mögliche Kreditzinsveränderungen aufgrund der neuen Baseler Beschlüsse eingegangen wird.
Die Verantwortlichen in Banken sollen beim Studieren dieser Arbeit an die Wichtigkeit des Mittelstandes für die deutsche Wirtschaft erinnert werden, damit jeder Unternehmensstrategie, die darauf ausgerichtet ist auf die Übernahme von Kreditrisiken gänzlich zu verzichten, bereits bei ihrer Entstehung der Nährboden entzogen wird.
1.2 Vorgehensweise
Um dieser Zielsetzung gerecht zu werden, wird dabei der Deutsche Mittelstand zunächst anhand von qualitativen und quantitativen Merkmalen abgegrenzt und dann seine Bedeutung und derzeitige wirtschaftliche Situation dargestellt. Da die derzeitige wirtschaftliche Situation des Mittelstandes in den letzten Jahren seine Spuren in den Büchern von Kreditinstituten hinterlassen hat, wird anschließend auf die Grundlagen und die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit von Ratingsystemen eingegangen. Darauf aufbauend erfolgt eine Analyse des von den deutschen Volks- und Raiffeisenbanken bundesweit eingesetzten BVR-II-Ratings. Dem Mittelständler sollen hier erste Ansatzpunkte zur Verbesserung seines Ratingurteils gegeben werden. Ausgehend von den Ergebnissen eines Ratings werden dann die Auswirkungen des Ratingurteils auf die Kreditkonditionen untersucht. In einem letzten Schritt wird der Zusammenhang zwischen Rating und den Baseler Empfehlungen hergestellt um dann die unmittelbaren Auswirkungen der neuen Eigenkapitalvereinbarung (Basel II) auf den Deutschen Mittelstand zu untersuchen. Demjenigen Unternehmer, der von den mittelbaren und unmittelbaren Auswirkungen betroffen ist, wird abschließend ein Zeitrahmen für die Umsetzung der neuen Eigenkapitalvereinbarung mit auf den Weg gegeben. Es liegt dann am Unternehmer selbst mögliche Veränderungen hinzunehmen oder durch gezieltes unternehmerisches Vorgehen etwaige Chancen der neuen Eigenkapitalvereinbarung zu nutzen.
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2 Deutscher Mittelstand
„Die herausragende Bedeutung des Mittelstandes für die Volkswirtschaft wird immer wieder betont“ 17 . Deshalb überrascht es, dass es für den Mittelstand - auch unter der Bezeichnung KMU (kleine und mittelständische Unternehmen) oder SME (small and medium sized enterprises) bekannt - keine gesetzliche oder allgemein gültige Definition 18 gibt. Böse Zungen bezeichnen den Begriff Mittelstand sogar als „weasel word“ 19 der deutschen Wirtschaftspolitik. Da jedoch kaum ein Schlagwort in der aktuellen Debatte um Basel II so häufig verwendet wird, ist es wichtig zu fragen, was eigentlich die Besonderheit von kleinen und mittleren Unternehmen gegenüber Großunternehmen ist 20 , und wie sie voneinander abgegrenzt werden können 21 . Die erforderlichen Maßstäbe zur Begriffsdefinition und- abgrenzung der kleinen und mittleren Unternehmen sowie der mittelständischen Unternehmen 22 von Großunternehmen können „sowohl eindimensionaler als auch mehrdimensionaler Gestalt“ sein, in dem Sinne, dass „sowohl quantitative als auch qualitative Abgrenzungsmerkmale“ 23 herangezogen werden.
2.1 Qualitative Merkmale
Die qualitativen Abgrenzungsmerkmale beschreiben Besonderheiten von mittelständischen Unternehmen, die sie vom Wesen her von anderen Unternehmensgrößen differenzieren sollen 24 . Dabei zielt die qualitative Abgrenzung mittelständischer Unternehmen nicht auf eine quantitative Betriebsgröße,
17 Wallau, F., Mittelstandsfinanzierung, 2001, S.18
18 Vgl. IHK Osnabrück- Emsland, Mittelstand, 2002, S.1
19 Umschrieben wird damit ein Wort, dessen inhaltliche Bedeutung jedermann zu kennen glaubt, das im Grunde aber inhaltsleer ist. Friedrich von Hayek hat diesen Begriff einst in die Diskussion in Zusammenhang mit der Vokabel „sozial“ eingeführt.
20 Vgl. Paul, S. / Stein, S.: Rating, 2002, S.7
21 Vgl. IHK Osnabrück-Emsland, a. a. O., S.1
22 Die Begriffe Klein- und Mittelunternehmen und mittelständische Unternehmen werden nachfolgend synonym verwendet. Im Kontext dieser Arbeit wird auch auf eine Unterscheidung zwischen Unternehmen, Unternehmung und Betrieb verzichtet.
23 Vgl. Theile, K., Management, 1996, S.16
24 Vgl. Held, H., Außenwirtschaftsförderung, 2000, S.8
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(Vgl. 2.2) sondern auf „den ganz besonderen Betriebstyp“ 25 des mittelständischen Unternehmens ab. „Mitunter haben die qualitativen Kriterien ein so starkes Gewicht, dass rein quantitative Aspekte zu kurz greifen“ 26 .
In der Literatur werden im Sinne einer mehrdimensionalen Abgrenzung mit Hilfe von Merkmalskatalogen insbesondere folgende Merkmale in Zusammenhang mit mittelständischen Unternehmen angeführt.
Inhabergeführtes Unternehmen mit dem Hauptziel:
Erhaltung der Selbstständigkeit 27
Identität von Eigentümer und verantwortlichem Management 28 Dominanz der persönlichen Kontakte zu Kunden, Lieferanten und der für das mittelständische Unternehmen relevanten Öffentlichkeit Geringer Formalisierungsgrad
Erbringung einer individualisierten und differenzierten Leistung Besonderes Engagement für die regionale Wirtschaft Eingeschränkte Möglichkeit der externen Kapitalbeschaffung
Obwohl der oben genannte Merkmalskatalog dazu beitragen soll, Abgrenzungen zwischen großen und mittleren Unternehmen vorzunehmen, wird in der Literatur keine eindeutige Aussage darüber getroffen, wie viele Kriterien letztendlich einzeln bzw. additiv zutreffen müssen, um ein Unternehmen dem Mittelstand zuordnen zu können.
Bei der qualitativen Mittelstandsabgrenzung stellt sich somit vor allem das Problem der „Erfassung und Operationalisierung“ der angesprochenen qualitativen Definitionsbedingungen in der Unternehmensrealität 29 .
25 Fell, M., Kreditwürdigkeitsprüfung, 1993, S.10
26 Wallau, F., a. a. O., S. 20
27 Vgl. Lichtblau K. / Utzig S., Finanzierungs- und Kostenstrukturen, 2002, S.326-331
28 Vgl. KFW / DTA u.a., Mittelstandsmonitor, 2003, S.3
29 Wittmann, W. / Werner K. (Hrsg.) u.a., Enzyklopädie der Betriebswirtschaftslehre, 1993, S.2891
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2.2 Quantitative Merkmale
Weder für EU-Europa insgesamt noch für die einzelnen Länder gibt es eine „allgemein verbindliche“ quantitative Abgrenzung für mittelständische Unternehmen 30 . Jedoch ist national wie international „der Rückgriff auf die Zahl der Beschäftigten oder die Umsätze bei eindimensionalen Begriffsabgrenzungen üblich geworden“ 31 , wobei hierbei die Zahl der vorgenommenen Kategorisierungen nahezu der Zahl ihrer Urheber gleicht 32 . Die Folge daraus ist ein breites Spektrum von Größendefinitionen zu kleinen und mittleren Unternehmen, die parallel zueinander bestehen.
Die zwei am häufigsten verwendeten Definitionen stammen dabei vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn und von der EU-Kommission. Die EU hat 1996 eine Empfehlung für eine Definition kleiner und mittlerer Unternehmen ausgesprochen, die als Proxy 33 für den Begriff Mittelstand angesehen werden kann. Der Begriff wirtschaftlicher Mittelstand ist ausschließlich in Deutschland gebräuchlich, während man in allen übrigen Ländern von kleinen und mittleren Unternehmen spricht 34 . Auch das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn verwendet für seinen quantitativen Mittelstandsbegriff die Bezeichnung kleine, mittlere und große Unternehmen und stützt seine pragmatische Abgrenzung 35 auf die Kriterien durchschnittlicher Jahresumsatz und Anzahl der Beschäftigten.
Kleine Unternehmen sind nach der neuen Abgrenzung des IfM solche mit bis zu neun Beschäftigten und einem Jahresumsatz von höchstens 1 Million Euro 36 . Mittlere Unternehmen haben zehn bis 499 Mitarbeiter und generieren jährlich zwischen einer und 50 Millionen Euro Umsatz. Große Unternehmen haben demnach 500 oder mehr Mitarbeiter und erwirtschaften einen durchschnittlichen Jahresumsatz von 50 Millionen Euro und mehr 37 .
30 Vgl. Mugler, J., Betriebswirtschaftslehre, 1998, S.30
31 Wittmann, W. / Werner K. (Hrsg.) u.a., a.a.O., S.2893
32 Vgl. Theile, K., a.a.O, S.17
33 Vgl. Grunert, J. / Kleff V., u.a., Mittelstand und Basel II, 2002, S.1045-1064
34 Vgl. Günterberg, B. / Walter H.J., Mittelstand in der Gesamtwirtschaft, 2002, S.1
35 Vgl. ebenda, S.2
36 Bis zur Euroumstellung zum 01.01.2001 wurden die Umsatzgrenzen bei kleineren Unternehmen bis unter 1 Million DM, bei mittleren bis unter 100 Millionen DM und bei großen Unternehmen ab 100 Millionen DM festgesetzt. Bei den Beschäftigtenzahlen ergab sich keine Veränderung.
37 Vgl. Wallau, F., a. a. O., S. 18
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Als Konsequenz der Einführung des Euro und der Umstellung der amtlichen Statistik hat sich das IfM Bonn entschlossen, bei der Ermittlung der Anteilswerte des Mittelstandes auf die früher zusätzlich verwendeten wirtschaftsbereichsbezogenen Definitionen ab 2000 verzichten 38 .
Neben Umsatzgröße und Mitarbeiterzahl ist auch der Verflechtungsgrad der Wirtschaft von zunehmender Bedeutung. So führen Abspaltungen, Übernahmen, Kauf oder Verkauf von Unternehmen oder Unternehmenseinheiten zu Unternehmen, die als nicht identifizierbarer Teil unter der einheitlichen Leitung eines Konzerns stehen. Die Europäische Union hat dies berücksichtigt und die Kriterien Bilanzsumme sowie Ausmaß des Verbundes zwischen Unternehmen in ihre Definition aufgenommen 39 . Nach der von der EU gewählten Abgrenzung sind kleine Unternehmen Betriebe, die eine Bilanzsumme von höchstens 5 Millionen Euro, einen Jahresumsatz von höchstens 7 Millionen Euro und weniger als 50 Beschäftigte aufweisen. Kleinstunternehmen sind, nach der Abgrenzung der EU, Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten. Mittlere Unternehmen haben maximal eine Bilanzsumme von 27 Millionen Euro einen Jahresumsatz von höchstens 40 Millionen Euro und weniger als 250 Beschäftigte 40 . Außerdem dürfen sich die Unternehmen nicht zu 25 % oder mehr im Besitz eines oder mehrerer anderer Unternehmen, die nicht unter die KMU-Definition fallen, befinden 41 . Eine Gegenüberstellung der dargestellten Definitionen für kleine und mittlere Unternehmen liefert nachfolgende Tabelle.
38 Unternehmen der Branchen Energie- und Wasserversorgung, Bergbau, verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe, sowie Großhandel zählten vor 2000 zum Mittelstand, sofern ihr durchschnittlicher Jahresumsatz 100 Millionen Euro nicht überstieg. Für Unternehmen der Branchen Einzelhandel, Handelsvermittlung, Verkehr- und Nachrichtenübermittlung sowie Dienstleistungen und freie Berufe wurde vor 2000 eine Jahresumsatzgrenze von 25 Millionen DM zugrundegelegt.
39 Europäische Union, Definition, 2002
40 Der im Jahre 2001 verfasste Entwurf zur Änderung der Empfehlung von 1996 befasst sich nur mit der Änderung der Schwellenwerte für Jahresumsatz und Jahresbilanzsumme bei Beibehaltung der derzeitigen Beschäftigungsobergrenzen. Dabei soll die Grenze bei kleinen bzw. mittleren Unternehmen beim durchschnittlichen Jahresumsatz auf 9 bzw. 50 Millionen Euro und bei der Bilanzsumme auf 10 bzw. 43 Millionen Euro angehoben werden.
41 Vgl. auch Empfehlung der Kommission vom 03.04.1996 (Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Nr. L 107/4 vom 30.04.1996) i.V.m. Verordnung (EG) Nr. 1103/97 des Rates vom 17.06.1997
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Tabelle 1: Mittelstandsabgrenzung nach quantitativen Merkmalen
Neben diesen zwei am häufigsten vorkommenden quantitativen Definitionen für kleine und mittlere Unternehmen gibt es eine Reihe weiterer Abgrenzungen auf nationaler und europäischer Ebene.
Die Deutsche Bundesbank definiert z.B. in der später in dieser Arbeit verwendeten statistischen Sonderveröffentlichung „Verhältniszahlen aus Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen von 1998 bis 2000“ 43 kleine Unternehmen als Betriebe mit einem Jahresumsatz von weniger als 2,5 Mio. € und mittlere Unternehmen mit einem Umsatz von 2,5 Mio. € bis unter 50 Mio. €.
Außerdem sind Abgrenzungen nach Umsatz und Beschäftigtenzahl noch für diverse Förderprogramme wichtig 44 . Die Anzahl der unterschiedlichen Größenklassifikationen
42 Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie
43 Deutsche Bundesbank, Verhältniszahlen aus Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen von 1998 bis 2000, statistische Sonderveröffentlichung 6, Frankfurt am Main 2003
44 Diese Förderprogramme definieren ihren Adressatenkreis oft nach der Betriebsgröße. Ausgewählte
Beispiele sind dabei die die ERP (European Recovery Program)-Förderung und die Forschungs- und Entwicklungsförderung des BMWi mit dem Programm „Innovationskompetenz mittelständischer Unternehmen (Pro Inno)“, diverse Programme der Deutschen Ausgleichsbank (z.B. DtA-Startgeld), Programme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und die Beratungsförderung des Bundes.
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sowie die Tatsache, dass letztgenannte Abgrenzungen für den weiteren Verlauf der Arbeit irrelevant sind, rechtfertigen es daher nicht näher darauf einzugehen 45/46 .
Nicht gerechtfertigt wäre es jedoch, wegzulassen, dass die Umsatzhöhe bzw. Bilanzsumme mittelbare Auswirkungen auf Detailbestimmungen im Regelwerk zur Berechnung der neuen Eigenkapitalanforderungen nach Basel II haben. Ohne bereits an dieser Stelle näher darauf einzugehen, ist zu erwähnen, dass sich für Kredite an Unternehmen, mit einen Jahresumsatz von 5 Mio. Euro bis zu 50 Millionen Euro umsatzabhängige Erleichterungen bei der Höhe der Eigenkapitalanforderungen ergeben können 47/48 . An dieser Stelle genügt folgende Tendenzaussage: Beginnend mit einem jährlichen Umsatz in Höhe von 50 Mio. € nimmt c.p. bei sinkendem Umsatz die Höhe der Eigenkapitalanforderungen ab. Je kleiner demnach das Unternehmen, gemessen am Umsatz, desto niedriger die Eigenkapitalanforderungen. Die maximale Entlastung liegt dabei bei einem Umsatz von 5 Mio. €. Ab einem jährlichen Umsatz größer 50 Mio. Euro entfällt die umsatzabhängige Entlastung bei der Berechnung der Eigenkapital-anforderungen.
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass die Höhe des durchschnittlichen Jahresumsatzes auch entscheidend für die Zuordnung zu einem spezifischen Ratingsegment bei einer Bank sein kann. So wird bei den Volks- und Raiffeisenbanken bundesweit zwischen acht Kundengruppen bzw. Ratingsegmenten (mit umsatzgrößenabhängigen Untersegmenten) unterschieden. Nähere Informationen dazu erfolgen bei den Ausführungen zum Rating, nachdem zunächst die wirtschaftliche Situation und Bedeutung des Mittelstandes dargestellt wird.
45 Für den interessierten Leser (Mittelständler) halten die Volks- und Raiffeisenbanken mit dem Programm Geno-Star eine interessante Möglichkeit zum Vergleich der verschiedenen Anspruchsvoraussetzungen und Auswahl der optimalen Fördermittelkombination vor.
46 Im Internet kann auch unter http://www.kfw.de/DE/Service/Frderberat.jsp ein interaktiver Förderberater gestartet werden.
47 Vgl. Basel Committee on Banking Supervision, QIS III, 2002, TZ 236 48 Vgl. Wilkens M. / Baule R. u.a., Basel II, 2002, S. 1198-1201
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2.3 Bedeutung und derzeitige wirtschaftliche Situation des Mittelstandes
Nach der neuen Definition des IfM in Bonn existierten in Deutschland im Jahr 2000 rund 3,3 49 Millionen Unternehmen, von denen bei einer Abgrenzung nach Umsatzgrößenklassen 89,38 50 % den kleinen, 10,35 % den mittleren und die restlichen 0,27 % den großen Unternehmen zuzurechnen waren. 99,7 % aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen waren demnach im Jahre 2000 klein- bzw. mittelständisch. Sie erwirtschaften 43,2 % 51 aller umsatzsteuerpflichtigen Umsätze. Vergleicht man den Anteil der Bruttowertschöpfung 48,8 % 52 aller Unternehmen im Jahr 2000 mit Vorjahresangaben (fast 60 %), so könnte man auf eine gesunkene Bedeutung der mittelständischen Wirtschaft schließen. Diese Beobachtung ist jedoch vielmehr in der Privatisierung großer Staatsunternehmen, wie der Deutschen Bahn und der Telekom begründet. Beide Unternehmen werden nicht mehr dem staatlichen Sektor, sondern stattdessen den Großunternehmen zugerechnet. Ein entsprechender Zuwachs auf Seiten des Mittelstandes blieb aus.
Mittelständische Unternehmen tätigen 46,0 % 53 aller Bruttoinvestitionen. Schließlich und nicht zuletzt ist der Mittelstand mit insgesamt „mehr als 20 Millionen Beschäftigten die tragende Säule des deutschen Arbeitsmarktes“ 54 . Dabei wird die mittelständische Wirtschaft von Kleinunternehmen dominiert. 80,38 % 55 , das sind 1.714.307 Betriebe, haben weniger als 10 Beschäftigte. Bei kleinen und mittleren Unternehmen stehen insgesamt 78,25 % 56 , das sind 21.767.087 Beschäftigte in Lohn und Brot.
49 Vgl. Wallau, F., KMU-Finanzierung, 2001, S.2
50 Vgl. Günterberg, B., Wolter H.J., Unternehmensgrößenstruktur, 2002, S.55
51 Vgl. ebenda
52 Vgl. Günterberg, B., Wolter H.J., Mittelstand in der Gesamtwirtschaft, 2002, S.22
53 Vgl. Wallau, F., KMU-Finanzierung, 2001, S.3
54 Impulse, Dresdner Bank, IfM, Mind 02, 2002, S.10
55 Vgl. Günterberg, B., Wolter H.J., Beschäftigung, 2002, S.160
56 Vgl. ebenda
Seite 9
Abbildung 1: Bedeutung des Mittelstandes
Insgesamt kann durchaus behauptet werden, dass die wirtschaftliche Prosperität in Deutschland in entscheidendem Maße von den mittelständischen Unternehmen abhängt. Der Mittelstand ist es also, der als Garant für Aufschwung und Beschäftigung - gerade in den derzeit wirtschaftlichen schwierigen Zeiten - „als Rückrad der deutschen Volkswirtschaft bezeichnet wird“ 57 und dessen Betriebe mit den klassischen Unternehmertugenden Mut, Fleiß, Umsicht und ohne viel Aufsehens als sogenannte „hidden champions“ 58 oft weltweit Marktführer geworden sind. Wenn also kleine und mittlere Unternehmen so enorm wichtig für die Deutsche Volkswirtschaft sind, wenn sich der Mittelstand zurzeit in einem umfassenden Strukturwandel befindet und schwierigen Zeiten entgegenblickt, wenn sich deutsche Mittelstandsunternehmen zu einem wesentlichen Teil über Bankkredite finanzieren 59 , dann sollten sich
57 Kayser, G., Mind 02, 2001, S.7
58 Vgl. Harbou, J, Mind 02, 2001, S.6
59 Vgl. Priewasser P., Kleinbrod A., Zinsempfindlichkeit, 2002, S.465-473
Seite 10
gerade Kreditinstitute aufgrund der in ihren Büchern stehenden Kreditrisiken folgende Frage stellen: “Wie steht es um die mittelständischen Unternehmen in Deutschland wirklich ?“ 60
Betrachtet man die Insolvenzzahlen in Deutschland, so kann festgestellt werden, dass es „gegen Ende der letzten Dekade [..] zunächst ausgesehen (hat), als würden die Insolvenzzahlen stagnieren“ 61 und ihren seit 1991 ungebrochenen Aufwärtstrend verlassen. „Die Unternehmensinsolvenzen haben in Deutschland (von 2000 auf 2001 und von 2001 auf 2002) so stark wie seit 1995 nicht mehr zugenommen“ 62 . Von 2000 auf 2001 stieg die Zahl der Insolvenzanträge für Unternehmen in Gesamtdeutschland 63 von 27.930 auf 32.390 Fälle. Das sind satte 15,97 %.
Leider haben sich auch die Prognosen für 2002 bestätigt. Von 2001 auf 2002 stiegen die Unternehmenspleiten nochmals um 16,39 % auf 37.700 64 Fälle. „Für 2003 sind die Aussichten noch düsterer: Die Zahl der insolventen Unternehmen könnte sich auf 44.000 erhöhen, nochmals ein Plus von 13 %“. 65/66
Dabei ist die hohe Insolvenzbetroffenheit von kleinen und mittleren Betrieben besonders auffällig. Gemessen an der Mitarbeiterzahl entfallen auf die kleinen Unternehmen (bis 10 Mitarbeiter) Westdeutschlands im Jahr 2002 rund 79 % der Insolvenzanträge. Wie in der nachfolgenden Grafik ersichtlich ergibt sich für den Anteil der Insolvenzanträge ein ähnliches Bild bei einer Abgrenzung nach Umsatzgrößenklassen.
60 Lichtblau K., Utzig S., a.a.O.
61 Creditreform, Insolvenzen, 2001, S.1
62 ebenda, S.3
63 Westdeutschland von 18120 (2000) auf 22500 (2001) (24,17 %); Ostdeutschland von 9810 (2000) auf 9900 (2001) (0,92 %)
64 Creditreform, Insolvenzen, 2002, S.5 65 HERMES Kreditversicherungs-AG, Insolvenzprognose, 2003, S.6
66 Die Zahlen der HERMES Kreditversicherungs-AG weichen dabei geringfügig von den obig verwendeten Daten der Creditreform ab.
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2.4 Wirtschaftliche Situation des Mittelstandes aus dem Blickwinkel von Kreditinstituten
„Eine höhere Zahl von Insolvenzen zieht auch größere Schäden nach sich“ 67 , „nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für die Gläubiger und die Volkswirtschaft“ 68 . Der „Marktexitus“ bedeutet, dass im Jahr 2002 590.000 69 Arbeitsplätze, das entspricht einer Steigerung um 17,3 %, negativ von insolventen Betrieben betroffen waren. Die Tatsache, dass Zyniker argumentieren, Insolvenzen seien ein integraler Bestandteil einer Volkswirtschaft und damit unabdingbar, mag 26,6 Mrd. Euro private bzw. 11,8 Mrd. Euro öffentliche Schäden vielleicht rechtfertigen. Nichts desto trotz zeichnen Kreditversicherer und nicht zuletzt Banken seit Jahren die Insolvenzentwicklung mit ihren Verlusten nach und versuchen die deutlichen Spuren in ihren Schadensbilanzen 70 bzw. die jährlich ansteigende Risikovorsorge 71 durch betriebswirtschaftliches Handeln in den Griff zu bekommen. So stieg für die Gruppe der HERMES-Kreditversicherungs AG - nach eigenen Angaben „Deutschlands führender Kreditversicherer“ 72 - die Brutto- Schadensquote 73 , bezogen auf die vereinnahmten Beiträge in der Sparte Delkredereversicherungen, von 65,0 % im Jahre 2000 auf 111,7 % in 2001 74 .
Ein ähnliches Bild ergab sich 2001 für Kreditinstitute 75 , bei denen der überwiegende Teil des Bewertungsaufwandes im inländischen Kreditgeschäft mit einer
67 Creditreform, Insolvenzen, 2001, S.8
68 Creditreform, Insolvenzen, 2002, S.7
69 ebenda, S.16
70 Vgl. HERMES Kreditversicherungs- AG, Geschäftsbericht 2001, S.13
71 Vgl. Deutsche Bundesbank, Ertragslage der Kreditinstitute 2001, S.32
72 Vgl. Hermes Kreditversicherungs- AG, Online im Internet: http://www.hermes.de/indexdt.html [Stand:07.04.2003]
73 „Die Schadensquote ist das Verhältnis der Aufwendungen für Versicherungsfälle (inklusive Regulierungsaufwendungen), der Aufwendungen für Beitragsrückerstattung, für Rückkäufe und Rückgewährbeträge und der Veränderung der Deckungsrückstellung zu den verdienten Beiträgen des Geschäftsjahres.“ Schierenbeck H., Hölscher R., BankAssurance, 1998, S.882
74 Vgl. Hermes Kreditversicherungs- AG, Geschäftsbericht 2001, S.15
75 Die Begriff Kreditinstitute und Banken werden hier synonym verwendet; der Begriff des Kreditinstituts ist in § 1 (1) S. 1 KWG definiert; Institute im § 1 (1b) S.1 KWG. Institute umfassen Kreditinstitute und Finanzdienstleistungsinstitute; letztere sind im § 1 (1a) S. 1 KWG definiert.
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Verzehrquote 76 / 77 in Höhe von 84,85 % „in erster Linie [durch] die gestiegenen Unternehmensinsolvenzen“ 78 zu Buche schlug. Das schlimmste an obiger Erkenntnis ist, dass sie entgegen dem Denken vieler Zweckoptimisten weder als institutsspezifisch noch als einmalig angesehen werden kann und dass zusätzlich eine ungünstige Erlös- und Kostenstruktur bei vielen Instituten mittlerweile das Fass zum Überlaufen bringt.
So leidet das zinsabhängige Kreditgeschäft, dessen Anteil am Gesamtgeschäft mit 78,3 % (2001) bei den Kreditgenossenschaften und 80,8 % (2001) bei den Sparkassen seit Jahren überproportional hoch ist, schier unaufhaltsam unter einem „dramatische[n] Margenverfall“ 79 . Dies zeigt sich daran, dass sich über alle Bankengruppen hinweg die Bruttozinsspanne von 1995 bis 2001 um über ein Drittel (-36,36 %) verringert 80 hat und 2001 auf „eine(m) neuen (historischen) Tiefstand von 1,12 %“ 81 lag. Einerseits hat dies sicherlich mit der seit Jahren immer flacher werdenden Zinsstruktur zu tun, die dazu führt, dass das ursprünglichste aller Bankgeschäfte, die Fristentransformation (vgl. 5.1) für viele Banken immer schwieriger und damit unbedeutender wird. So schätzen nach der neuesten „Priewasserprognose zum Firmenkundengeschäft“ 82 lediglich 20,5 % aller befragten Kreditinstitute die Fristentransformation bis 2005 als stark steigend ein. Andererseits besteht die Bruttozinsspanne jedoch nicht nur aus der Strukturmarge, sondern auch aus der für viele Banken wichtigeren Konditionsmarge. Der Spread über/unter der risikolosen Verzinsung des Geld- bzw. Kapitalmarktes - im Fachchargon auch als Konditionsmarge bezeichnet (vgl. 5.1) - wird zunehmend schwieriger, da Konditionsgespräche im klassischen Firmenkundengeschäft oft nichts anderes mehr sind als Preisgespräche. Die Ausgestaltung und Produktion von Krediten ist
76 Unter der Verzehrquote versteht man den Anteil des Bewertungsergebnisses am Teilbetriebsergebnis. Das Teilbetriebsergebnis ist die Differenz zwischen Bruttoerträgen (Zinsüberschuss: Spalte 1 Bundesbankschema + Provisionsüberschuss Spalte 4 Bundesbankschema) und allgemeinen Verwaltungsaufwendungen (Personalaufwand: Spalte 8 Bundesbankschema + andere Verwaltungsaufwendungen: Spalte 9 Bundesbankschema). Die Verzehrquote ist keine klassische Kennzahl im betriebswirtschaftlichen Sinne. Sie wird jedoch oft von angesehenen Betriebswirten in Seminaren und Praxisvorträgen verwendet und ist somit anerkannt.
77 Vgl. Pleister, C., Kreditrisikosteuerung, 2001, S. 161
78 Deutsche Bundesbank, Ertragslage der Kreditinstitute 2001, S.32
79 Schüller, S., Strukturwandel, 2001, S.65
80 bei den Sparkassen und Kreditgenossenschaften waren es nur - 24,83 % bzw. -20,72 % -
81 DeutscheBundesbank, a. a. O., S.21
82 Vgl. Priewasser, E, Lippmann, Priewasserprognose, S.38
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weitgehend mit den Mitbewerbern vergleichbar und somit substituierbar. Kredite sind zu „Commodities“ 83 geworden. Es gibt kaum Ansatzpunkte sich vom Konkurrenten zu differenzieren und einen individuellen Produktnutzen (Zusatznutzen, Erbauungsnutzen) herauszustellen. Schafft man es also nicht, durch den Aufbau von Präferenzen, den individuellen Erbauungsnutzen, die „Unique Selling Proposition (USP)“ 84 , herauszustellen, so leiden darunter zweifelsohne die Konditionsmargen und in Anlehnung an Gleißner 85 wird eine alte Marketingweisheit für viele Kreditinstitute aktueller denn je: „In stagnierenden Märkten führen austauschbare Leistungen zu negativen Renditen“. Einen Überblick über obig geschilderte Tendenzen liefern nachfolgende Schaubilder.
83 Vgl. Rolfes, B., Firmenkundengeschäft, 2002, S.141
84 Vgl. Meffert, H., Marketing, 1998, S. 691 Grundlagen marktorientierter Unternehmensführung, 8., vollständig neu bearbeitete + erw. Aufl., Wiesbaden 1998
85 Gleißner, W., Weissman, A., Unternehmensführung, S.83 ff 2001 Kursbuch Unternehmensführung, Offenbach 2001
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Michael Steinmüller, 2003, Basel II - Grundlagen und Auswirkungen auf den Deutschen Mittelstand, München, GRIN Verlag GmbH
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