1. Einleitung
Die Wiedervereinigungspolitik Konrad Adenauers ist in der Fachwissenschaft ein umstrittenes Thema. Seine Kritiker, vor allem gleich nach dem Ende seiner Regierungszeit, betonen oft, wie auch der eher konservative Publizist Rüdiger Altmann, Adenauers angebliche Wiedervereinigungspolitik sei gescheitert, sein Erbe müsse als höchst problematisch angesehen werden und seine Politik habe somit keinen Neuanfang dargestellt. 1 Oder Klaus Bölling, den gemäßigten Linken zuzurechnen, der 1963 Adenauers Deutschlandkonzept von der Magnettheorie als unrealistisch kritisiert, denn Adenauers Wiedervereinigungspolitik hätte eine fahrlässig ungenaue Einschätzung der Kraft der Sowjetunion zugrunde gelegen. Seine Politik der Westintegration sei zwar richtig gewesen, aber die Schuld des Regierungschefs hätte darin gelegen, dass er sich nicht viel früher offen dazu bekannte, dass sich die Wiedervereinigung mit dem von ihm für richtig gehaltenen Politikkurs nicht vereinbaren lasse. 2 Man muss natürlich beachten, dass diese Meinungen aus ihrer Zeit heraus entstanden sind, einer Zeit, in der die Wiedervereinigung in weite Ferne gerückt schien und Adenauer somit eher als Spalter Deutschlands denn als Grundleger der späteren nationalen Einheit wahrgenommen wurde.
In der neueren Forschung stehen sich die beiden kontroversen Lager gegenüber. Auf der einen Seite diejenigen, die wie Klaus Gotto, Adenauer als „Realisten und Visionär“ sehen. Denn nach Gotto war die Westintegration die einzig realistische Politik der 50er Jahre, die dann auch die Grundlage für die letztlich erfüllte Vision der deutschen Einheit war. 3 Dem entgegengesetzt äußerte sich Ludolf Herbst 1989, dass Adenauer gar keine Wiedervereinigungspolitik betrieben habe, sondern ausschließlich eine einseitige Westintegration. 4
Doch es wird auch betont, wie von Kurt Sontheimer, dass man nicht länger Aufrecht erhalten könne, Adenauer sei nicht an einer Wiedervereinigung interessiert gewesen. „Doch sein politischer Realismus und sein starkes Interesse an der festen Verankerung der Bundesrepublik im Westen bewahrten ihn vor einer falschen Einschätzung der deutschen
1 vgl. Altmann, Rüdiger: Das Erbe Adenauers. Eine Bilanz, München 1963.
2 vgl. Bölling, Klaus: Die Zweite Republik, Köln 1963.
3 vgl. Gotto, Klaus: Der Realist als Visionär. Die Wiedervereinigungspolitik Konrad Adenauers, in: Die politische Meinung, Nr. 35, 1990.
4 vgl. Herbst, Ludolf: Option für den Westen. Vom Marshallplan bis zum deutsch-französischen Vertrag, München 1989, S.25.
2
Möglichkeiten, die Wiedervereinigung herbeizuführen.“ 5 Auch Eckart Conze betont, dass man nicht behaupten dürfe, dass Adenauer die Wiedervereinigung nicht wollte, er betrieb nur keine operative Wiedervereinigungspolitik. 6
Mit dieser Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit Konrad Adenauers Wiedervereinigungspolitik überhaupt das Ziel eines wiedervereinigten Deutschlands beabsichtigte. Welche Priorität hatte die Wiedervereinigung in seinem politischen Handeln. Benutzte er das Offenhalten der Deutschen Frage vielmehr, um seine eigentlichen Ziele, die Erringung der Souveränität der Bundesrepublik und die Eingliederung in den Westen zu erreichen? Oder war seine umstrittene Politik der Westbindung der einzige Weg sein Ziel die Souveränität zu erreichen und glaubte er wirklich, dass nur durch Erringung der Freiheit eine anschließende Wiedervereinigung überhaupt möglich war. War es also die einzig richtige Möglichkeit, die Adenauer wählen konnte?
Zuerst möchte ich mich mit den praktischen Schritten von Adenauers Politik seit seinem Amtsantritt in Sachen Wiedervereinigung contra Westbindung beschäftigen. Im Mittelpunkt stehen dabei die abgeschlossenen Verträge und Schritte in die westliche Gemeinschaft. Anschließend geht es darum, Adenauers Einstellung zur Wiedervereinigung näher zu untersuchen, hat er Versuche unternommen, sie herbeizuführen oder zielten nicht alle seine Vorgehen auf eine Vertiefung der Teilung ab? Welche Theorien und Motive lagen seinem Handeln zugrunde? Am Ende folgt ein Fazit, in dem die Leitfragen „Wollte Konrad Adenauer die Spaltung Deutschlands?“ und „Wie wichtig war ihm die Wiedervereinigung?“ beantwortet werden.
Für meine Arbeit nutzte ich, unter anderem, verschiedene Biographien Adenauers, wie die von Klaus Sontheimer, „Die Adenauer-Ära“, welche einen sehr genauen und informativen Überblick über Adenauers Politik, aber auch über seine Weggefährten und Kontrahenten bietet. 7 Außerdem die Veröffentlichungen von Hans-Peter Schwartz, von seiner Biographie „Adenauer. Der Staatsmann.“ 8 über die „Rhöndorfer Gespräche“, die einen interessanten Überblick über mögliche Motive Adenauers bieten, die ihn in seiner Politik im Umgang mit der Deutschen Frage leiteten. 9 Desweiteren den Sammelband von Josef Foschepoth
5 Sontheimer, Kurt: Die Adenauer-Ära. Grundlegung der Bundesrepublik, München 1991, S.196.
6 vgl. Conze, Eckart: Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009.
7 vgl. Sontheimer, Kurt: Die Adenauer-Ära. Grundlegung der Bundesrepublik, München 1991.
8 Schwartz, Hans-Peter: Adenauer, Bd. 2, Der Staatsmann. 1952-1967, Stuttgart 1991.
9 vgl. Schwarz, Hans-Peter (Hrsg.): Rhöndorfer Gespräche, Band 2: Entspannung und Wiedervereinigung, Deutschlandpolitische Vorstellungen Konrad Adenauers 1955-1958, Stuttgart 1979. 3
„Adenauer und die Deutsche Frage“, der unter vielen verschiedenen Fragestellungen und Gesichtspunkten die Einstellung Adenauers zur Deutschen Frage untersucht und auch sein Handeln in der Regierungszeit genau beschreibt. 10 Darin enthalten ist auch der Aufsatz von Wilfried Loth über „Adenauers Ort in der deutschen Geschichte“, in dem er nochmal seine großen Verdienste für die Entwicklung der Bundesrepublik erwähnt, allerdings auch die unerfüllten Versprechungen seiner Deutschlandpolitik. 11 Desweiteren untersuchte ich meine Fragestellung mit Hilfe von Rolf Steiningers „Deutsche Geschichte 1945-1961“, die neben der chronologischen Darstellung und Bewertung der politischen Geschehnisse stets die Dokumente mitanführt. 12 Ebenso findet man bei Wolfgang Benz 13 einen kurzen Überblick und eine Reihe der wichtigen Dokumente jener Zeit. Außerdem den Aufsatz von Eckart Conze zur Sicherheitsfrage: „Die Suche nach Sicherheit“, der Adenauers starke
Westintegration und seine Motivation dafür stets in Verbindung mit der angestrebten Sicherheit inmitten der Fronten des Kalten Krieges stellt. 14 Außerdem bietet die Arbeit von Bernd Stöver, „Die Bundesrepublik Deutschland“, einen sehr guten Überblick über die verschiedenen Meinungen und Kontroversen um Adenauers Handeln in Bezug auf die Lösung der Deutschen Frage. 15
Für den historischen Überblick benutzte ich die Überblicksdarstellungen von Manfred Görtemaker „Kleine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ 16 , Rudolf Morsey „Die Bundesrepublik Deutschland“ 17 und Horst Pötzsch „Deutsche Geschichte von 1945 bis zur Gegenwart“. 18
10 vgl. Foschepoth, Josef (Hrsg.): Adenauer und die Deutsche Frage, Göttingen 1988.
11 vgl. Loth, Wilfried: Adenauers Ort in der deutschen Geschichte, in: Foschepoth, Josef (Hrsg.): Adenauer und die Deutsche Frage, Göttingen 1988.
12 vgl. Steiniger, Rolf: Deutsche Geschichte 1945-1961. Darstellung und Dokumente in zwei Bänden. Band 2, Frankfurt/Main 1983.
13 vgl. Wolfgang, Benz: Die Gründung der Bundesrepublik. Von der Bizone zum souveränen Staat, München 1984.
14 vgl. Conze, Eckart: Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009.
15 vgl. Stöver, Bernd: Die Bundesrepublik Deutschland, Kontroversen um die Geschichte, herausgegeben von: Bauerkämper, Arnd, Steinbach, Peter, Wolfrum, Edgar, Darmstadt 2002.
16 vgl. Görtemaker, Manfred: Kleine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 2005.
17 vgl. Morsey, Rudolf: Die Bundesrepublik Deutschland, Entstehung und Entwicklung bis 1969, Gall, Lothar (Hrsg.): Oldenburg Grundriss der Geschichte, München 2007.
18 vgl. Pötzsch, Horst: Deutsche Geschichte von 1945 bis zur Gegenwart. Die Entwicklung der beiden deutschen Staaten und das vereinte Deutschland, München 2006. 4
2. Westpolitik als Sicherheitspolitik
„Das Paradoxe an unserer Lage ist ja, dass, obgleich die auswärtigen Angelegenheiten von der Alliierten Hohen Kommission wahrgenommen werden, jede Tätigkeit der Bundesregierung oder des Bundespräsidenten auch in inneren Angelegenheiten Deutschlands irgendwie eine ausländische Beziehung in sich schließt…“ 19 Mit diesen Worten bekräftigte Konrad Adenauer 1949 seine Auffassung von der künftigen Innenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Für ihn stand fest, dass alle Entscheidungen, die Deutschland im Innern betreffen, sogleich eine außenpolitische Wirkung haben. Er stellte zur Gründung der Bundespublik am 23. Mai 1949 die Teilung Deutschlands als bestehende Realität fest und sah die Zukunft zum Wiederaufbau zunächst nur in einer Stabilisierung der BRD. Dies stellte Konrad Adenauer auch in einer Erklärung vor dem Deutschen Bundestag am 21. Oktober 1949 heraus: „Die jüngsten Vorgänge in der Ostzone und in Berlin sind kennzeichnend für den tragischen Weg des deutschen Volkes seit 1933. Sie unterstreichen mit aller Klarheit und Deutlichkeit noch einmal die Zerreißung des deutschen Gebiets in zwei Teile, in einen östlichen Teil, bewohnt von rund 18 Millionen Deutscher, die in der Unfreiheit sowjetischer Satellitenstaaten dahinleben, und einen westlichen Teil mit 45 Millionen Einwohnern, der sich zwar noch nicht im vollen Besitz der Freiheit befindet, in dem aber die Souveränitätsrechte eines demokratischen Staates immer mehr in deutsche Hände gelegt werden und in dem- ich heben das aufs nachdrücklichste hervor- die Menschen sich der persönlichen Freiheit und Sicherheit erfreuen, ohne die ein menschenwürdiges Dasein für uns nicht denkbar ist.“ 20
Seine Ziele bestanden darin, für die Bundesrepublik die volle Souveränität zu erlangen und sie als gleichberechtigtes Mitglied in die europäische Völkerfamilie zurückzuführen. Außerdem äußerte er die Wiedervereinigung Deutschlands als eines seiner vorrangigen Ziele, ebenso wie die Sicherheit, „präziser die äußere Sicherheit. Konrad Adenauer zollte damit der prekären Lage der Bundesrepublik an der Frontlinie des kalten Krieges in unmittelbarer Nachbarschaft zum Herrschaftsbereich der Sowjetunion Tribut.“ 21
19 Regierungserklärung Konrad Adenauer, in: Verhandlungen des Deutschen Bundestages, 1. Wahlperiode, 20.09.1949, S.21.
20 Niehuss, Merith, Lindner, Ulrike (Hrsg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung. Band 10. Besatzungszeit, Bundesrepublik und DDR 1945-1969, Stuttgart 2003, S.202.
21 Conze, Eckart: Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009, S.56. 5
Es gab zur damaligen Zeit drei kontroverse Möglichkeiten, wie die Deutsche Frage zu lösen wäre: Die eine sah vor, dass man die deutsche- und außenpolitische Entscheidungsgewalt allein bei den Alliierten belässt, aber dann hätte die Gefahr bestanden, dass Deutschland als Spielball zwischen den Supermächten fungiert und die deutschen Interessen eventuell nicht genug berücksichtigt werden.
Die zweite Möglichkeit wäre gewesen, dass man erst versuchte, die Wiedervereinigung Deutschlands herzustellen und erst anschließend eine Anlehnung an den Westen oder eine Eingliederung in den Westen anstrebte. In diesem Vorschlag wurde der gesamtdeutsche Rahmen viel stärker herausgehoben und die Westintegration als vermeintliche Barriere zur Wiedervereinigung abgelehnt. 22 Diesen Weg verfolgte und unterstützte vor allem die SPD mit ihrem Vorsitzenden Kurt Schumacher. Die Folgen wären allerdings möglicherweise gewesen, dass die Westalliierten ihre Sicherheitsgarantien an die Bundesrepublik Deutschland zurückgezogen hätten und sie so unter Umständen in den Machtbereich der Sowjetunion eingegliedert worden wäre. Die dritte Möglichkeit bestand darin die Bundesrepublik Deutschland konsequent in den Westen zu integrieren, so die Souveränität zu erlangen und damit die außenpolitischen Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen. Nur auf diesem Weg wäre auch die Unterstützung der Westmächte für die westdeutsche Deutschlandpolitik gegeben. Ein Nachteil lag dabei aber in der Festigung der Teilung.
Der Weg, den der erste Kanzler Konrad Adenauer gehen würde, war für ihn klar festgelegt. Und bereits in seiner Regierungserklärung am 20. September 1949 äußerte er seine Pläne: „Der Weg zur Freiheit ist der, dass wir im Einvernehmen mit der hohen Alliierten Kommission unsere Freiheit und unsere Zuständigkeiten Stück für Stück zu erweitern versuchen.“ Adenauer endete mit den Worten: „Wir hoffen- das ist unser Ziel-, dass es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärts zu führen und beizutragen zum Frieden in Europa und in der Welt.“ 23
Denn durch die zunehmende Entzweiung der Alliierten und durch die immer mehr zutage tretenden Differenzen der beiden Großmächte USA und Sowjetunion, bot sich die Chance zur Parteinahme. Durch ein klares Bekenntnis der BRD zum Westen hoffte Adenauer sein oberstes politisches Ziel zu erreichen, nämlich die Souveränität der Bundesrepublik. Für ihn kam kein anderer Weg als der über die Stationen Frieden, Freiheit und schließlich Einheit in Frage. „Er wollte die Bundesrepublik eng an den Westen binden, um so Sicherheit vor der
22 Stöver, Bernd: Die Bundesrepublik Deutschland, Kontroversen um die Geschichte, herausgegeben von: Bauerkämper, Arnd, Steinbach, Peter, Wolfrum, Edgar, Darmstadt 2002, S.108.
23 Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917-1967, S.153. 6
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Lisa Brill, 2009, Die Wiedervereinigungspolitik Konrad Adenauers , München, GRIN Verlag GmbH
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