Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Europa 1800-1813
2. Staaten als rationale Akteure mit einheitlichem Interesse.
3. Das Sicherheitsdilemma
3.1. Relativer Gewinn von Sicherheit und Macht 16
3.2. Das Informationsproblem8
4. poleonischen Zeitalter
Fazit. 25
Literatur - und Quellenverzeichnis.26
4
Einleitung
Nach wie vor ist der Neorealismus eine der populärsten strukturellen Theorien zur Erklärung von internationaler Politik und Krieg. Seit dem ersten Erscheinen der Theorie in den 1940er Jahren wurde der Realismus kontinuierlich verbessert und ausgefeilt. 1 Heute sehen wir im Neorealismus eine Theorie, die den Anspruch erhebt, aufgrund grundlegender Kernannahmen (Anarchie, Staat als einheitlicher rationaler Akteur, Sicherheitsstreben/-Dilemma, Streben nach Macht/Hegemonie, Informationsmangel, Bildung von Allianzen) und deren Dauerhaftigkeit, Staatsverhalten im Konfliktfall erklären und vorhersagen zu können. 2 Aufgrund der Behauptung, dass diese Kernannahmen ein dauerhafter Zustand und verantwortlich für das Staatsverhalten sind, liegt dem Neorealismus eine gewisse Zeitlosigkeit 3 Das bedeutet, dass es im Neorealismus nicht darum geht,
Kriege aus epochalen und individuellen, eben historischen Gegebenheiten und Details zu
Demzufolge entstehen Kriege gemäß dem Prinzip, dass Staaten sich in einer bestimmten Situation gar nicht anders verhalten können. Das Internationale System erlaubt schlicht kein anderes Verhalten. Neorealisten begründen und demonstrieren diese Zeitlosigkeit gerne anhand historischer Beispiele. Sie zeigen, dass Großmächte, die sich durch ihr Streben nach
anderer Staaten, d.h. am System und damit immer auf dieselbe Weise scheiterten. 4 Als Historiker muss ich allerdings den Einwand einbringen, dass Geschichte dadurch einen zyklischen Charakter erhält. Geschich sie sich mit
dem Aufstieg und Fall der Großmächte stets wiederholen würde und bloß die Akteure ausgetauscht werden. 5 Geschichte jedoch und genau das will die Geschichtswissenschaft demonstrieren ist kein zyklischer Prozess. Obwohl es phänotypische Ähnlichkeiten in der Weltgeschichte bestimmt gibt, so ist es doch unser Ziel, aufzuzeigen, dass jede Aktion, jeder Konflikt und damit jeder Krieg einzigartig in seiner Entstehung ist. Wenn ich im Folgenden also versuchen möchte, den Neorealismus genauer auf seinen Wahrheitsgehalt anhand
Washington D.C. 2006, S. 126f.
2 Ebd., S. 126f. ; Buzan, Berry, The Logic of Anarchy. Neorealism to structural realism, New York 1993, S. 102-
114 ; Mearsheimer, John, The Tragedy of Great Power Politics, New York/London 2003, S.30f. ; Waltz,
Kenneth N., Realism and International Politics, New York 2008, S. 58.
3 Schroeder, Paul W., Why Realism does not work well for International History, in: John A. Vasquez/Colin
Elman (Hg.), Realism and the Balancing of Power. A New Debate, New Jersey 2003, S. 118.
4 Ebd., S. 115; Waltz, Realism and International Politics, S. 63.
5 Buzan, The Logic of Anarchy, S. 105; Schroeder, Why Realism does not work well for International History,
S. 124f.
5
konkreter Beispiele zu analysieren, so tue ich das nicht nur mit dem typischen Ruf der Historiker nach mehr Detailtreue, sondern gerade weil ich glaube, grundlegende Schwachstellen in einigen Kernannahmen des Neorealismus entdeckt zu haben. Diese Schwachstellen können meines Erachtens nach, nur durch eine genauere individuelle-innerstaatliche-historische Betrachtung von Kriegsentstehung entdeckt werden. Kurz gesagt: Ich will im Folgenden also die Kernannahmen des Neorealismus einzeln betrachten und anhand einer historischen Epoche ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Ich möchte damit aufzeigen, wo sich die Grenzen neorealistischer Betrachtungen der internationalen Politik befinden und warum eine individuell-historische Betrachtung von Kriegen mindestens ebenso wichtig ist.
Als historische Epoche, anhand der ich den Neorealismus kritisieren will, wähle ich das Napoleonische Zeitalter bis einschließlich 1813. Diese Epoche ist neben der Tatsache, dass sie meinen Forschungsschwerpunkt bildet, insofern geeignet, als dass sie ein typisches Beispiel der Neorealisten ist, um die Dominanz der Struktur vor dem historischen Detail zu demonstrieren. 6 Dem will ich hier, soweit es sinnvoll ist, entgegentreten. Meine Untersuchung werde ich in fünf Schritte aufteilen. Zum Beginn eines jeden Schrittes werde ich in Kurzform die genaue Annahme des Neorealismus vorstellen, um anschließend anhand historischer Situationen des Napoleonischen Zeitalters ihren Wahrheitsgehalt nachzuweisen. Um allerdings auch dem nicht-historischen Leser meine historischen Argumente nahebringen zu können, wird es mein erster Schritt sein, einen groben Überblick und kurze Einleitung über und in den Zeitraum von 1800 bis 1813 zu geben. Im zweiten Schritt beschäftige ich mich dann mit der ersten Kernannahme des Neorealismus: Staaten haben ein einheitliches nationales Interesse und sind rationale Akteure. Dieser Schritt wird auch meinen Hauptkritikpunkt beinhalten, auf dem ich dann aufbauen werde. Im dritten Schritt folgt meine Analyse des berühmten Sicherheitsdilemmas. Zunächst werde ich auf das relative Streben nach Macht und Sicherheit eingehen und darauf, ob gemäß der Systemstruktur wirklich alle Staaten gleich aggressiv sind. Anschließend behandle ich in einem vierten Schritt den Informationsmangel und die Überschätzung der eigenen Kapazitäten als Ursache für Krieg. Mein fünfter und letzter Schritt beschäftigt sich mit der neorealistischen Annahme, dass das System automatisch dazu tendiert, ausbalanciert zu sein. Dieser Schritt wird sich nicht mit der Frage danach, ob entweder das bipolare oder multipolare System friedlicher ist, beschäftigen, sondern damit,
6 Levy, Jack S., Balances and Balancing. Concepts, Propositions and Research Design, in: John A.
Vasquez/Colin Elman (Hg.), Realism and the Balancing of Power. A New Debate, New Jersey 2003, S. 142f.
6
auftritt. Einzig die Internationale Anarchie werde ich als fünfte Kernannahme unangetastet lassen, weil sie in meinen Augen unumstößlich ist.
Ich hoffe mit dieser Untersuchung einen Beitrag zur weiterhin lebendigen Debatte um Möglichkeiten und Grenzen struktureller Annahmen, d.h. hier dem Neorealismus, zu leisten. Ich möchte neorealistischen Theorie den
Bedarf einer größeren historischen Tiefe rechtfertigen, die ich nur in der Betrachtung der individuellen-innerstaatlichen Unterschiede sehe.
7
1. Europa 1800-1813
Das Europa, dessen internationales System und dessen Staaten ich genauer betrachten will, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein labiles multipolares System. Es existierten im Wesentlichen fünf souveräne Großmächte: Frankreich, Großbritannien, Preußen, Österreich und Russland. Obwohl es andere riesige Staatsgebilde gab, wie das Osmanische Reich, das Heilige Römische Reich deutscher Nation, sowie Spanien und Portugal, vereinten doch die fünf o.g. Großmächte die wesentliche militärische und ökonomische Macht in Europa. Der Absolutismus bzw. der aufgeklärte Absolutismus war das vorherrschende Herrschaftssystem im 19. Jahrhundert. Dennoch sah nicht jedes Herrschaftssystem bzw. jede Herrschaftsstruktur gleich aus. Um eine genauere Betrachtung Internationaler Politik, d.h. des Internationalen Systems zu ermöglichen und die Kernelemente des Neorealismus in dieser Epoche zu überprüfen, werde ich im Folgenden kurz auf die Herrschaftsformen jeder der fünf Großmächte eingehen und deren wesentliche innerstaatlichen und internationalen Akteure vorstellen. Diese Betrachtung verdeutlicht also vorab, wie unterschiedlich Interessen
Kapitel.
Frankreich: Nahezu zeitgleich mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts war in Frankreich ein Mann an die Macht gekommen, dessen Taten- und Geltungsdrang ganz Europa für die nächsten Jahrzehnte prägen sollte: Napoleon Bonaparte. Durch einen Militärputsch an die Macht gelangt und anschließend durch Plebiszite bestätigt, hatte er zwischen 1800 und 1804 ein frühtotalitäres System in Frankreich ausgebildet. Obwohl es neben dem Interesse des Kaisers natürlich andere Interessensgruppen gab, wie die Armeelieferanten, der neuen Adel, sowie der großen Volksmasse, so zählte doch bis 1813 ausschließlich der Wille Napoleons, um Entscheidungen umzusetzen. 7 Ich will das Herrschaftssystem in Frankreich daher nicht gleichsetzen mit dem der anderen absoluten Monarchien. Napoleon herrschte in Frankreich totaler, schneller und effektiver als alle anderen Monarchen seiner Zeit (selbst Ludwig XIV. hatte nicht so weitreichende Kompetenzen wie der Erste Konsul Bonaparte und späterer Kaiser Napoleon I.). Grundlage seiner Macht war die Verfassung, die Volkssouveränität, seine selbstgegründeten Institutionen (z.B. ), sowie sein riesiger Militär- und Polizeiapparat. 8 Es ist äußerst wichtig festzuhalten, dass Napoleon im Gegensatz zu allen
war und blieb er Zeit seines Lebens ein Soldat, der in jeder Hinsicht militärisch dachte und
7 -1815, London 2007, S. 113.
8 Ebd., S. 123.
8
nach immer neuen Siegen trachtete, weil er ihnen persönlich bedurfte. 9 Die französische Armee selbst war zwischen 1800 und 1813 die ausgezeichnetste und umfangreichste Armee weltweit. Bis 1808/09 blieb sie zu Lande ungeschlagen und bildete das Herzstück des Grand Empire. 10 Napoleon selbst sah in ihr das eigentliche französische Volk. 11 Die breite Masse verabscheute er als , manipulierte diese aber durch das beste Propagandasystem seit der römischen Antike und zwang dieser auch das umfangreichste Einberufungssystem der Zeit auf. 12
Großbritannien: Die frühkapitalistische und -industrielle Inselmonarchie stand unter der Herrschaft Georges III. Dieser war jedoch im Gegensatz zu seinen kontinentalen Kollegen auf eine starke Zusammenarbeit mit dem britischen Parlament angewiesen. Die britische Politik war v.a. geprägt durch einen rigorosen Handelsdrang mit Europa und der Kolonialwelt, sowie durch die anhaltende Rivalität mit Frankreich auf den Weltmeeren. Dementsprechend lag das militärische Hauptgewicht (und seit Trafalgar auch das Unangefochtene) auf dem Meer. Großbritannien war ein maritimer Hegemon, der jedoch im Gegensatz zu Frankreich keine territoriale Expansion anstrebte. Das britische Verhältnis mit Frankreich war jedoch ein überaus Wechselhaftes. Wiederholt gab es Versuche der beiden Staaten, miteinander auszukommen und Frieden zu schließen (1802/03; 1807/08), der aber immer wieder aufgrund der Sturheit beider Seiten scheitern sollte.
Preußen: Der stark militarisierte Neuling unter den Großmächten war von dem extrem pazifistischen und zögerlichen Friedrich Wilhelm III. regiert. Dieser wurde aber stark von seiner kriegslustigen und willensstarken Gemahlin Luise sowie der militärischen Hofkamarilla beeinflusst. Das politische Leben in Preußen war seit der Zeit Friedrichs des Großen stark durch das Militär geprägt. So glanzvoll das Bild Friedrich des Großen auf die Welt noch wirkte, die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Strukturen Preußens hatten sich seither nicht weiterentwickelt. Politische Kultur und Partizipation wurde in dieser absolutistischen Monarchie nahezu gleichgesetzt mit soldatischer Pflichterfüllung und Gehorsam bzw. um den Berliner Stadtkommandanten mit seinen berühmten Worten zu zitieren mit als Preußen sollte nach seinen weitgehenden Reformen zwischen 1807-1813 jedoch eine Keimzelle der liberalen Massenbewegung werden, die in den Befreiungskriegen ihren Ausdruck fand.
9 and the birth of modern warfare, London 2007, S. 233;
-130, 207.
10 Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics, S. 273; Rothenburg, Gunther, Die Napoleonischen
Kriege, Berlin 2000, S. 67-77.
11 rs, S. 219.
12 Ebd., S. 123-125.
9
Arbeit zitieren:
Tim Altpeter, 2009, Neorealismus und Napoleon, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Politik - Politische Systeme - Historisches: Neorealismus und Napoleon ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Politologie / Politik: neuer Titel erschienen: Neorealismus und Napoleon
Tim Altpeter hat einen neuen Text hochgeladen
The Political and Historical Works of Louis Napoleon Bonaparte: Volume...
Louis Napoleon Bonaparte
The Political and Historical Works of Louis Napoleon Bonaparte: Volume...
Louis Napoleon Bonaparte
The Confidential Correspondence of Napoleon Bonaparte with His Brother...
Emperor Of the French Napoleon I.
0 Kommentare