Inhaltsverzeichnis
10 Aspekte Veränderter Kindheit 2 1
10 Kinder und Medien 2 1 1
12 Die Bewegungs und Erfahrungsräume 2 1 2
18 Zusammenfassung 2 3
19 Bewegung 3
19 Begriffsbestimmung 3 1
Entwicklung
3.3.2 Bedeutung der Bewegung für die motorische Entwicklung 26
von Kindern
Kindern
3.7.1 Allgemeine Statistik 42
3.7.4 Organleistungsschwächen 48
3.8 Zusammenfassung 49
Bewegte Schule 4 51
51 Bedeutung der Bewegung für das Gehirn und das Lernen 4 1
51 Bewegung und das Gehirn 4 1 1
4.3 Funktionen der Bewegten Schule 57
4.4 Aufgaben und Ziele der Bewegten Schule 58
4.5 Konzepte der Bewegten Schule 59
Bewegte Pause 4 7 3 71
Pausenhofgestaltung 4 7 3 1 72
4.7.5 Sport und Bewegungsunterricht 76
4.7.6 Außerunterrichtliche Bewegungsangebote 77
4.8 Zusammenfassung 78
schwächen
5.3.2 Konzentration und Entspannung 83
5.3.3 Konzentration und Bewegung 85
Inhaltsverzeichnis 6
5.4 Konzentration und Aufmerksamkeit bei Maria Montessori 86
5.5 5.5.1 5.5.2 5.5.2.1 5.5.2.2 5.5.2.3 5.5.2.4 5.5.2.5 5.5.2.6 5.6
6. Abschließende Betrachtung
7. Literaturverzeichnis 109
8. Abbildungsverzeichnis 119
Einleitung 7
1. Einleitung
Meiner Examensarbeit liegt das Thema Bewegung und Konzentrationsför- derung durch Bewegung bei Kindern im Grundschulalter zu Grunde. Gerade der Bewegung muss heutzutage eine große Beachtung geschenkt werden. Durch veränderte Lebensbedingungen weisen bereits Grund- schulkinder enorme körperliche Mängel auf.
Erschreckend in meiner Ausbildung zur Sportförderlehrerin war für mich die Tatsache, Kinder zu sehen und zu erleben, die nicht auf einem Bein stehen konnten und deren Motorik auf erhebliche Defizite in der kindlichen Entwicklung zurückzuführen war. Bewegung ist aber für eine ganzheitliche Entwicklung von Kindern unerlässlich.
Leider sind aber die heutigen Lebensumstände der Kinder auf ein Mini- mum an Bewegung reduziert, wodurch ihnen die Chance verwehrt bleibt sich durch Bewegung aktiv-handelnd mit ihrer Umwelt auseinander zu setzen und sich diese folglich zu erschließen. Dadurch wird der kindliche Bewegungsdrang enorm eingeschränkt. Kinder wollen und müssen sich aber bewegen!
Die Kinder kommen in die Schule und verbringen dort einen großen Teil ihres Lebens. Viele Lehrer beklagen, dass Kinder ihr unterdrücktes Bewe- gungsbedürfnis im Unterricht zum Ausdruck bringen und mit erheblicher motorischer Unruhe reagieren. Diese Kinder können sich nicht richtig kon- zentrieren und dem Unterricht folgen.
Diese Arbeit soll die Bedeutsamkeit der Bewegung darstellen und Mög- lichkeiten aufzeigen, den Kindern Chancen zu eröffnen ihren Bewegungs- drang gemäß einer gesunden Entwicklung auszuleben. Des weiteren soll aufgezeigt werden, dass Konzentration durch Bewegung gesteigert wer- den kann.
Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit veränderten Lebensbedingungen und stellt die Auswirkungen für die heutige Kindheit dar. Dadurch soll ge-
Einleitung 8
zeigt werden, wie erschreckend die heutige Zeit auf das Bedingungsgefü- ge von Bewegung und Entwicklung wirken kann.
Im dritten Kapitel werde ich folglich auf die wichtige Bedeutung von Bewe- gung eingehen und den erheblichen Einfluss der Bewegung für die kindli- che Entwicklung aufzeigen. Dabei sollen auch die Negativauswirkungen einen Platz einnehmen, die durch Bewegungsmangel entstehen können.
Das vierte Kapitel wird ein Konzept für die Schule darstellen, auf die he u- tigen Umweltbedingungen zu reagieren und schildert daher Maßnahmen, wie mehr Bewegung in die Schule gebracht werden kann.
Ziel soll die zweckmäßige Integration von Bewegung in den Unterricht und das Schulleben sein, das sich meines Erachtens am geeignetsten durch das Konzept der Bewegten Schule lösen lässt. Die Schüler sollen durch Bewegung zum Lernen angeleitet werden; ein ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen soll angestrebt werden.
Im fünften Kapitel werde ich einen Überblick über das Themengebiet der Konzentration geben und praktische Beispiele dafür anbringen, wie die Konzentration in der Schule nachhaltig durch Bewegung gefördert werden kann.
Veränderte Kindheit 9
2. Veränderte Kindheit
Das Schlagwort „Veränderte Kindheit“ beschreibt die Lebensumstände heutiger Kinder aufgrund einer neu strukturierten Lebenswelt. Während Kinder früher auf den Straßen spielten und genügend Bewe- gungsfreiraum hatten, sind Spiel- und Sportstätten heute eher rar ange- siedelt. Natürliche Spielstätten in Form von Grünflächen müssen der i m- mer stärker verdichteten Bebauung weichen.
Dadurch findet kaum noch spontanes Spielen im öffentlichen Raum statt. Kinder suchen eher zu Hause nach Spielmöglichkeiten. Doch die meisten Kinderzimmer sind viel zu klein und entsprechen nicht dem kindlichen Be- wegungsdrang. Daraus – und auch vielleicht oft aus Rücksicht vor Mitbe- wohnern – resultieren bewegungs- und geräuscharme Spielgewohnheiten. Hinzu kommt noch der von den Erziehungsberechtigten zugelassene Ein- fluss der Medien, die verstärkt auf die kindliche Lebens- und Bewegungs- welt einwirken und Kinder in ihren Bann ziehen.
Bewegungsarmut kennzeichnet den Alltag vieler Kinder.
Merkmale heutiger Kindheit sind daher nach Renate ZIMMER:
1. „der Rückgang der Straßenspielkultur und die zunehmende
Verhäuslichung des Kinderspiels (vgl. Zinnecker 1979);
2. der Verlust natürlicher Spiel- und Bewegungsgelegenheiten
und der Ersatz durch künstlich geschaffene Plätze zum Spie-
3. die Ausgliederung der Bewegungsspiele aus dem Kinderall-
tag in den institutionalisierten, organisierten Sport;
4. die Verinselung kindlicher Lebensräume, indem Kinder von
Veränderte Kindheit
5. die Entdeckung der Kinder als Zielgruppe für die Konsumgü-
terindustrie, die selbst vor der Pädagogisierung des Spiel-
6. die Monofunktionalität des Spielmaterials, das meist nur für
bestimmte Zwecke vorgesehen ist und den Kindern nur we- nig Raum läßt für Veränderungen;
7. die Zunahme des Medienkonsums und die damit einherge-
Im Folgenden werden im Hinblick auf das Thema diejenigen Aspekte ver- änderter Kindheit dargestellt, die unmittelbare Auswirkungen auf die Be- wegungserfahrungen und auf die Konzentrationsfähigkeit der Kinder ha- ben.
2.1 Aspekte veränderter Kindheit
Die in diesem Kapitel speziell ausgewählten Betrachtungen sollen deutlich machen, wie heutige Kinder aufwachsen und wie wenig Bewegung viele erfahren. Kapitel 2.1.1 stellt daher den Einfluss der Medien für die kindl i- che Lebenswelt dar, Kapitel 2.1.2 die Bewegungs- und Erfahrungsräume heutiger Kinder, und Kapitel 2.1.3 gibt Einblick in deren Freizeitverhalten.
2.1.1 Kinder und Medien
Medien verändern die Welt und haben enormen Einfluss auf Kinder in der heutigen Zeit.
Nach FÖLLING-ALBERS ist die enorme Ausbreitung der Medien der sinn- fälligste Ausdruck der Veränderten Kindheit. Audio-visuelle Medien sind
Veränderte Kindheit
fester Bestandteil des kindlichen Alltags geworden, zu denen die Kinder z.T. unbeschränkten Zugang bekommen. Neben Kassettenrecorder, Walkman, CD-Player und Radio erreichen auch Videorecorder, Fernseher und Computer bereits in jungen Jahren die kindliche Lebenswelt (vgl. Föl- ling-Albers 1992, S.55f.).
In fast allen Haushalten befindet sich mindestens ein Fernsehgerät und schon jedes 3. Kind im Alter von 8 Jahren besitzt sein eigenes. Dem Fern- sehgerät kommt demzufolge eine große Bedeutung zu.
Selbst der Computer im Kinderzimmer ist keine Seltenheit mehr. Kinder sind so fasziniert von Computerspielen, dass diese einen hohen Stelle n- wert einnehmen. Durch das Spielen am Computer gehen den Kindern j e- doch eigene Ideen verloren. Die Kreativität der Kinder, eigene Spielideen zu entwerfen, wird unterdrückt, weil sie dem Drang nachgeben, ein Com- puterspiel möglichst über alle Schwierigkeitsgrade bis zum Ende zu spie- len. Sie sitzen daher stundenlang am Computer, wodurch das Bedürfnis sich zu bewegen unterdrückt wird.
„Kinder können also, auch wenn sie auf sich allein gestellt sind oder Lan- geweile haben, sich mit Hilfe der Medien ohne eigene Anstrengung fast uneingeschränkte Unterhaltung und Abwechslung verschaffen. Sie sind auf Spielpartner oder auf eigene Spielinitiativen nicht mehr angewiesen“ (Fölling-Albers 1995, S.13).
Medien bieten zwar Abwechslung und Unterhaltung, können aber im Ex- tremfall zur Bedrohung werden, wenn die Nutzung aufgrund einer Ein- schränkung von Eigenaktivität erfolgt.
„Die Zeit, die heutige Kinder mit Fernsehen verbringen, nimmt im Gesamt- umfang der Freizeitaktivitäten den größten Teil ein“ (Rollf; Zimmermann 1997, S.78).
Kinder entwickeln durch den hohen Medienkonsum eine gewisse Passivi- tät, die zur Bewegungsarmut führen kann. Informationen erhalten sie aus zweiter Hand, wodurch das Erleben eigener Erfahrungen verloren geht Erfahrungslosigkeit ist also das Resultat verlorener Selbsttätigkeit, bedingt durch die Reizüberflutung medialer Möglichkeiten.
Veränderte Kindheit
2.1.2 Die Bewegungs- und Erfahrungsräume
Durch veränderte räumliche Lebensbedingungen (Bebauung, große Ver- kehrsdichte, anregungsarme Wohnumgebungen, öffentliche für Kinder unattraktive Spielplätze, medienparkähnliche Kinderzimmer) werden die Bewegungs- und Erfahrungsräume heutiger Kinder enorm eingeschränkt. Da es in den 50er Jahren keine ausgegrenzten Spielräume für Kinder gab, erfolgte das Zusammenleben der Kinder geringer verplant als heute (siehe Kap. 2.3). Kinder trafen sich auf der Straße in Großgruppen, die wesent- lich alters- und geschlechtsheterogener als heutzutage waren. Durch die Bewegungsvielfa lt fanden sie eigene Spielideen, die sie in unterschiedli- chen Umgebungen umsetzen konnten. Dadurch wurden soziale Kontakte aller Art geknüpft. Kinder konnten sich bewegen, toben und sich ihre Be- wegungsumwelt durch Nutzung verschiedener Lebensräume aneignen (vgl. Schmidt 1998, S.86f.).
„Je nach Alter, Geschlecht, Geschicklichkeit und `Bewegungskönnen` wuchsen die Kinder wie von selbst in eine Spiel-, Regelspiel- und Sport- spiel-Kultur hinein“ (ebd., S.117).
Die folgende Abbildung soll beispielhaft verdeutlichen, welch abwechs- lungsreiche Bewegungsangebote den Kindern in den 50er und 60er Jah- ren zur Verfügung standen.
Abb. 1: Lern- und Spielort in den 50er und 60er Jahren
Veränderte Kindheit
Die Gestaltungsspiele der Kleinkinder (Spielort 1) bestanden aus Lege- und Bauspielen mit einfachem Holzmaterial. Durch das Knickern draußen wurde der Gedanke des einfachen Wettkampfs vermittelt.
Fang- und Versteckspiele in den Straßennischen ermöglichte Spielort 2. Spielort 3 kennzeichnet den Bürgersteig, auf dem einfache Spiele zu zweit oder Hüpf- und Geschicklichkeitsspiele in größeren Gruppen stattfanden. Die Straße als Spielort 4 war den einfachen Regelspielen wie z.B. Völker- ball oder Fußball vorbehalten. Das Rollschuhlaufen fand auf asphaltierten Straßen statt.
Auf dem Hinterhof waren Teppichstangen, die als Markierung von Kopf- ballspielen dienten (Spielort 5).
Spielort 6 und 7 (Trümmergrundstück) wurden häufig als Ballspielplatz für Wettkämpfe der Straßenmannschaften hergerichtet.
Torschuss- und Kopfballspiele konnten im Sandkasten des öffentlichen Spielplatzes organisiert werden (Spielort 8).
Im Stadtgarten bot sich im Winter die Möglichkeit des Rodelns, Schlitt- schuhlaufens oder des einfachen Eishockeyspielens.
Der Schulweg in die Innenstadt hatte eine Länge von 7,1km. Auf dem Nachhauseweg bot sich die Möglichkeit an, die Räume der Innenstadt so- wie den Kloster- oder Stadtgarten zu erkunden.
Durch alle diese Spielorte waren Gelegenheiten geboten, den wohnnahen Raum eigenständig zu erschließen. Dieses ist heute durch die große Be- bauungsdichte und den enormen Straßenverkehr kaum noch möglich (vgl. ebd., S.116f.).
In den 70er Jahren entstanden neue Hochhaus- und Plattenbausiedlun- gen. Immer mehr Reihen-, Doppel- und Einfamilienhäuser wurden gebaut. Die Gebiete wurden für Kinder anregungsarm. Im Sinne des „schöner Wohnens“ wurden Regeln zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sau- berkeit erhoben, die explizit für die Nutzung von Grünflächen galten (vgl. ebd., S.87).
Das Kinderspiel sollte nun auf öffentliche Spielplätze verlagert werden. „Die qualitativen Kinderspielplatz-Studien der 70er Jahre ergeben jedoch, dass diese Räume lediglich für Kleinstkinder relativ attraktiv sind, während
Veränderte Kindheit
die Verweildauer sich im mittleren Kindesalter (9-12 Jahre) auf ca. fünf Mi- nuten reduziert und Handlungssequenzen des Erkennens, Probierens, Verwerfens, Änderns und des Neubeginnens dadurch verloren gehen“ (ebd., S.88).
Dadurch fehlte den Kindern die Möglichkeit sich ihre Umwelt anzueignen, die als wichtige Voraussetzung zum Erwerb von Handlungskompetenz angesehen wird.
In den 80er und 90er Jahren setzen neue Prozesse ein. Straßen werden beruhigter und Nahräume sollen durch Bürgerinitiativen etc. wiederbelebt werden.
Die Kinderdichte ist wesentlich geringer gegenüber den 50er Jahren. Man kann sich nicht einfach auf „offener Straße“ treffen. Die Wohnräume liegen unter Umständen weit voneinander entfernt, so dass man sich zum Spie- len verabreden muss.
Die Gestalt der Umwelt ist gekennzeichnet durch künstlich geschaffene Spielstätten. Die Umwelt ist somit etwas Fertiges: Das Umfeld bietet sich zwar zur Benutzung an, jedoch sind Handlungen kaum eigenständig ge- staltbar, sondern nur wählbar. Damit sind Kinder in ihrem Tun einge- schränkt, soziale Kontakte werden weniger.
SCHMIDT spricht von einem verinselten Lebensraum.
Abb. 2: Verinselter Lebensraum
Veränderte Kindheit
Funktionsentflechtung und Raumspezialisierung sind Grundbausteine die- ses verinselten Lebensraumes (vgl. ebd., S.88ff.).
Durch die Verinselung des Lebensraumes sind den einzelnen Räumen bestimmte Funktionen zugeschrieben. Wohn-, Arbeits-, Spiel- und Schu- lort sind getrennt, wodurch die Kinder ihre Umwelt nicht mehr als Ganzes wahrnehmen und ihre Handlungsspielräume zunehmend eingeschränkt werden.
Eine Folge besteht darin, dass Kinder Zusammenhä nge aus der Umwelt nicht mehr konkret wahrnehmen können, denn Kinder erforschen mit zu- nehmenden Alter ihr Umfeld in konzentrischen Kreisen, wodurch sich erst die Erfahrungen über den individuellen Lebensraum erweitern (vgl. Knauf; Politzky 2000, S.12ff.).
„Der Verlust der Bewegungsräume beinhaltet aber noch ein weiteres Problem: die natürlichen, sinnlichen Erfahrungen, die lebensnahen Eindrücke, die ein Kind während des Spielens, Bewegens, Handelns in seinem Nahraum macht, finden keinen adäquaten Ersatz“ (ebd., S.14).
2.1.3 Das Freizeitverhalten
„Kinder haben heute weniger Zeit, zumindest weniger frei verfügbare Zeit. Sie benötigen jetzt eine Uhr, um die vielfältigen Anforderungen ihres Ter- minplanes koordinieren zu können“ (Rolff; Zimmermann 1997, S.136). Während die Kinder früher unbeaufsichtigt auf dem Hof oder auf der Stra- ße spielten, ist der heutige Nachmittag vieler Kinder durch feste Termine verplant. So hat fast die Hälfte aller Kinder drei oder mehr feste Termine (vgl. Schmidt 1998, S.94).
Durch die immer dünnere Besiedlung lassen sich kaum noch gleichaltrige Spielpartner in der Umgebung finden. So ergeben sich Freundschaften meist nur innerhalb der Schulklasse.
Das Spielen früher erfolgte draußen, wo man sich in großen heterogenen Kindergruppen traf. Heutzutage werden per Telefonanruf Verabredungen getätigt, die meist nur auf ein Kind reduziert werden.
Veränderte Kindheit
Demzufolge können sich „vielfältige“ soziale Kontakte nicht mehr entfalten, da gemeinsame Unternehmungen zu zweit oder maximal zu dritt unter- nommen werden.
Außerdem fehlen Außenräume wie Bürgersteige, Garagen oder Höfe, die zum freien Spielen einladen. Fangspiele bzw. Spiele in größeren Gruppen entfallen und werden nun abgelöst durch betreute Spiele mit festen Re- geln. Dadurch geht vielen Kindern die Eigenständigkeit zu spielen verlo- ren. Es findet kein spontanes, selbstgeregeltes, uneingegrenztes Moment des Spielens mehr statt, sondern das Spielen heutzutage ist gekenn- zeichnet durch ein Spielen unter Aufsicht.
ZINNECKER spricht von einer Verhäuslichung des Kinderspiels! Folglich
werden die Handlungsräume der Kinder sowohl quantitativ als auch quali- tativ verlagert und eingeschränkt (vgl. Zinnecker 1990, S.142ff.). Es findet eine zunehmende Verschiebung der Freizeitgestaltung von außen nach innen statt.
2.2 Grundschüler heute – aus der Sicht ihrer LehrerInnen
Anhand einer Lehrerbefragung wurde untersucht, inwieweit die Veränderte Kindheit Einfluss auf den Unterricht oder das Schulleben genommen hat (vgl. Fölling-Albers 1997, S.131).
So ergaben sich signifikante Aussagen von LehrerInnen, die das Lern- und Arbeitsverhalten von Grundschülern beschrieben.
• 87% der Kinder seien heute erheblich konzentrations- schwach
• 84% der Grundschüler seien unruhig oder sehr unruhig
• 75% der Befragten waren der Meinung die Kinder seien he u-
Die mangelnde Konzentrationsfähigkeit drücke sich in einer großen Ab- lenkungsbereitschaft aus.
Veränderte Kindheit Das „Nicht-zuhören-können“ (ebd., S.23) sei ebenfalls ein sinnfälliger Ausdruck für das Unkonzentriertsein. Kindern fiele es heute sehr schwer, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Beim Vorlesen beispielsweise seien nur wenige Kinder in der Lage sich aufs Zuhören zu beschränken. Viele Kinder würden anderen Tätigkeiten dabei nachgehen, wie z.B. ma- len etc. (vgl. ebd., S.23).
Vermehrte Unruhe drücke sich durch ein „Nicht-still-sitzen-Können, Ham- peln, Fummeln, Zupfen etc. aus“ (Fölling -Albers 1992, S.58).
Bezüglich der Veränderungen des Sozialverhaltens sagten viele Lehrer aus, dass die heutigen Kinder eher ich-bezogen, erwachsenenzentriert und weniger rücksichtsvoll seien.
Die Umfrage ergibt:
• 2/3 der Befragten sehen heutige Kinder als sehr ich-bezogen
• 61% beschreiben ihre Schüler als weniger rücksichtsvoll (vgl. Fölling -Albers zit. nach Schmidt 1998, S.109)
41% der befragten LehrerInnen stellten fest, dass die Leistungsorientie- rung angestiegen sei. Erheblich mehr Kinder seien heute wesentlich leis- tungsorientierter als früher.
Andere sahen keinen Unterschied zu früheren Erfahrungen und 18% stell- ten fest, dass heutige Kinder weniger leistungsorientiert seien (vgl. Fölling- Albers 1995, S.25).
Was die Variable Selbständigkeit anbelangt, so wurden vielfältige Antwor- ten gegeben:
• 46,7% sahen keinen Unterschied zu früher
• 28% der Befragten sind der Meinung, dass erheblich mehr Kinder sehr selbstständig seien
• 24% behaupteten heutige Kinder seien wesentlich unselbst- ständiger (vgl. ebd., S.39)
Veränderte Kindheit
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Abweichungen im Lern- und Arbeitsverhalten im Gegensatz zu früher sehr stark überwiegen. Die Schule sollte dort ansetzen und Kompensationsmöglichkeiten finden, mangelnde Konzentration und Unruhe bei den dafür anfälligen Kindern auszugleichen. „Die erhöhte Ablenkungsbereitschaft und die größere Un- ruhe bei vielen Kindern machen aufwendigere Unterrichtsmaßnahmen er- forderlich [...]“ (ebd., S.24), d.h. dass in der Schule ein Konzept gefunden werden muss, Übungen und Arbeitsweisen zu integrieren, die diese Auf- fälligkeiten wettmachen.
Außerdem muss heutzutage sehr differenziert auf Schüler eingegangen werden. „95,9% aller LehrerInnen sagten aus, daß heute die einzelnen Kinder stärker denn je individuelle Beachtung anforderten und mehr indi- viduelle Zuwendung und Berücksichtigung benötigen“ (Schmidt 1998, S.111).
2.3 Zusammenfassung
In diesem Kapitel wurde aufgezeigt, dass die heutigen Lebensumstände enormen Einfluss auf das Freizeitverhalten von Kindern nehmen. Man- gelnde Bewegungsangebote sind die Regel, so dass Kinder sich mit ande- ren Dingen beschäftigen müssen. Der Medienkonsum steigt demnach als Folge unzureichender Angebote für Kinder und wird zum täglichen Zeitver- treib.
Durch das Verschwinden von freien Spielflächen für Kinder muss das Spiel nach drinnen verschoben werden. Etliche Wohnungen sind zu kl ein, Kinder können sich nur ungenügend bewegen. Bewegungsarmut steht an der Tagesordnung. Sie wirkt sich negativ auf die kindliche Entwicklung aus.
Im nächsten Kapitel soll deshalb das Augenmerk auf das Themengebiet der Bewegung gelegt werden und u.a. herausgestellt werden wie bedeu- tend diese für die kindliche Entwicklung ist.
Bewegung
3. Bewegung
In Kapitel 2 wurde bereits dargelegt, dass die veränderte Lebensumwelt großen Einfluss auf die Bewegungsmöglichkeiten der Kinder nimmt und diese auch teilweise enorm einschränkt.
Im folgenden Kapitel erscheint es mir nun wichtig – in Bezug auf das Thema dieser Arbeit – die Bedeutsamkeit der Bewegung herauszustellen. Kapitel 3.1 soll daher eine kurze Definition über Bewegung geben. Des weiteren soll in Kapitel 3.2 die Bedeutung von Bewegungserfahrungen dargestellt werden, während Kapitel 3.3 den Zusammenhang von Bewe- gung und kindlicher Entwicklung beleuchtet. Bewegungsmangel und Fol- geerkrankungen stelle ich in Kapitel 3.6 und 3.7 dar.
3.1 Begriffsbestimmung
„Bewegung, [...], ist die äußere, umweltbezogene Komponente der menschlichen Tätigkeit, die in Ortsveränderungen des menschlichen Kör- pers beziehungsweise seiner Teile und der Wechselwirkung mechani- scher Kräfte zwischen Organismus und Umwelt zum Ausdruck kommt“ (Meinel 1998, S.33).
Nach ZIMMER ist Bewegung ein Grundphänomen menschlichen Lebens, auf das der Mensch angewiesen ist. „Die Bewegungsentwicklung beginnt bereits im Mutterleib, und erst mit dem Tod hört jede Bewegung auf“ (Zimmer 1993, S.13).
Bewegung umfasst viele unterschiedlichen Dinge. Darunter zählen z.B. laufen, essen, malen, Fußballspielen oder Schreibmaschine schreiben. Bezüglich der Begriffsbestimmung darf aber auch nicht außer Acht gelas- sen werden, dass wir Gefühle als sog. „innere Bewegung“ verstehen. Damit sind also zwei Komponenten zu sehen. Bewegung bezieht sich also nicht nur auf die körperliche Betätigung, sondern ist zugleich Ausdruck menschlicher Gefühle (vgl. ebd., S.13).
Bewegung
von den Körpererfahrungen, die es in den ersten Lebensjahren macht“ (Zimmer 1989, S.18).
BALSTER sieht in und durch Bewegung eine Auseinandersetzung mit
• Sich selbst
• Mit der personalen Mit-/ Umwelt
• Mit der räumlichen Mit-/ Umwelt
• Mit der materialen Mit-/ Umwelt.
Durch Erkenntnisse, Eindrücke und Erlebnisse in und durch Bewegung in ihrer Mit-/ Umwelt gewinnen die Kinder neue Erfahrungen. Diese Erfah- rungen tragen dazu bei, dass sich die Persönlichkeit des Kindes entfalten kann. Sie erlangen durch Bewegung mehr Sicherheit, Selbstständigkeit und Selbstvertrauen, was als Voraussetzung zum Erwerb vielfältiger Kompetenzen angesehen wird.
BALSTER führt folgende prägnante Punkte, die durch Bewegung ermög-
licht werden, auf:
1. Erweiterung vielfältiger senso-motorischer 1 Erfahrungen
Durch das Erfahren und Erleben des eigenen Köpers, das Erleben verschiedener Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Spielräume und durch den Umgang mit verschiedenen Materialien wird die Erweite- rung senso-motorischer Erfahrungen gesichert.
2. Gefühlsmäßiges Erleben
Erfolgserlebnisse steigern das Selbstvertrauen und erhalten die Be- wegungsfreude der Kinder durch das Bereitstellen kindgerechter Handlungsmöglichkeiten.
3. Förderung sozialen Handelns
Das soziale Handeln wird gefördert durch das Erfahren von Hilfsbe- reitschaft und Rücksichtsnahme, durch das Schließen sozialer Kon-
1 Unter Sensomotorik wird die enge Koppelung zwischen Wahrnehmung und Bewegung
verstanden. Beide Komponenten stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander.
Bewegung 22
takte, die Auseinandersetzung mit anderen Personen, Erkennen ei- gener Bedürfnisse sowie durch das Erleben von Gemeinschaft.
4. Förderung und Unterstützung geistiger Prozesse
Durch Speichern senso-motorischer Erfahrungen wird das Vorstel- lungsvermögen ausgebaut, das Bewegungsgedächtnis entwickelt.
5. Ökologische Erfahrungen
Durch das Spielen im Freien erfahren Kinder wichtige klimatische Reize. Sie lernen ihre Umwelt bei Aktivitäten in natürlichen Räumen wie beim Klettern im Wald, wandern etc. kennen und werden für die Natur sensibilisiert, indem sie ein Bewusstsein für Tiere und Pflanzen entwickeln (vgl. Balster 1998, S.4ff.).
Zweifelsohne kann man hier sehen, welch hohen Stellenwert Bewegungs- erfahrungen haben und wie wichtig diese Erfahrungen für die Entwicklung von Kindern sind. BALSTER manifestiert: „Eine eingeschränkte Bewe- gungserfahrung behindert körperliches Wohlbefinden und Gesundheit, so- ziale Integration, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und geistige Erkennt- nisgewinnung“ (Balster 1998, S.9). 2
Auch KLUPSCH-SAHLMANN hält an diesem Gedanken über die Wichtig- keit von Bewegungserfahrungen fest: „Ein umfassendes, breites Spektrum vielschichtiger Bewegungserfahrungen ist entscheidend für eine gesunde, ganzheitliche Entwicklung von Kindern“ (Klupsch-Sahlmann 1992, S.6). Er schreibt der Bedeutung von Bewegung sechs Funktionen zu, die ich erst nennen und im Folgenden anhand eines Schemas darstellen werde. Demzufolge kommt der Bewegung innerhalb der kindlichen Entwicklung eine wirksame Bedeutung zu, wenn sie
2 Wenn ich an meine Ausbildung zur Sportförderlehrerin denke kann ich diesem Gedan- ken von BALSTER nur zustimmen. Ich habe sehr unsichere Kinder unterrichtet und ken- nen gelernt, deren mangelndes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl durch Ein- schränkungen im Bewegungsleben entstanden sind und die sich aufgrund von motori- schen Defiziten unwohl und anderen Kindern gegenüber unterlegen fühlen.
Bewegung 23
1) eine explorative Funktion
2) eine produktive Funktion
3) eine kommunikative Funktion
4) eine komparative Funktion
5) eine expressive / impressive Funktion
6) eine adaptive Funktion besitzt.
Abb. 3: Funktionen von Bewegung
Ich denke, dass durch die in diesem Kapitel angeführten Beispiele deutlich geworden ist, wie wichtig Bewegungserfahrungen für die kindliche Ent- wicklung sind. Meine Absicht ist es nun, im nächsten Kapitel, den Zusam- menhang von Bewegung und Entwicklung darzustellen.
Bewegung 24
3.3 Der Zusammenhang von Bewegung und Entwicklung
In diesem Kapitel wird dargestellt, wie unerlässlich Bewegung für die Ent- wicklung des Kindes ist. Aus diesem Grunde erscheint es mir wichtig auf die kognitive, motorische und soziale Entwicklung einzugehen sowie die Entwicklung des Selbst zu etikettieren. Es soll gezeigt werden, welchen Einfluss die Bewegung darauf nimmt und wie unentbehrlich sie für die kindliche Entwicklung ist.
3.3.1 Bedeutung der Bewegung für die kognitive Entwicklung von
Kindern
Entwicklung und Lernen erfolgen zusammen. Viele Dinge, die wir als grundlegend ansehen und die für uns selbstverständlich sind, lernen Kin- der im Laufe ihrer Entwicklung durch Bewegung, indem sie sich aktiv ha n- delnd mit ihrer Umwelt auseinandersetzen.
Die geistige Entwicklung des Kindes beruht in den ersten Lebensjahren vor allem auf Bewegungs- und Wahrnehmungsvorgängen. Es eignet sie sich überwiegend über seine Sinne, seine unmittelbaren Handlungen, sei- nen Körper an (vgl. Zimmer 1993, S.38).
„Der Motor jeder Entwicklung ist die kindliche Neugier, sie ist die Energie, die Kinder zum Lernen antreibt. Kinder möchten die sie interessierenden Sachen anfassen, sie wollen zu ihnen hingehen, sie beobachten, sie aus- probieren und erkunden“ (Zimmer 2002, S.17).
Durch Ausprobieren und Experimentieren lernen Kinder ihre Umwelt ken- nen. Indem sie sich bewegen nehmen Kinder Eindrücke aus der Umwelt auf, nehmen diese wahr und verarbeiten sie. Die geistige Entwicklung der Kinder in den ersten Lebensjahren beruht also hauptsächlich aus Bewe- gungs- und Wahrnehmungsvorgängen hervor.
Nach PIAGET kann sich die Intelligenz des Kindes nur dann entwickeln, wenn es sich handelnd mit Objekten aus seiner Umwelt auseinandersetzt, denn Denken vollzieht sich demzufolge erst in der Form aktiven Handelns (vgl. Zimmer 1996, S.15).
Quote paper:
Ines Konietzka, 2003, Bewegung und Konzentrationsförderung durch Bewegung bei Kindern im Grundschulalter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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