Feofan Grek und Gehilfen
31. Januar 2010
Inhaltsverzeichnis
I Prolog 3
II Hauptteil. 4
1. Forschungsgeschichte. 4
1.1 Heutiger Stand der Forschungen. 4
1.2 Chroniken 4
1.3 Der Brief 5
2. Deësis. 6
2.1 Vorikonographische Betrachtung. 7
2.2 Ikonographie 7
2.3 Ikonologie. 8
3. Einflüsse 9
3.1 Malschulen 9
3.2 Kunstverständnis und Kultur 10
3.3 Politische Situation. 11
4. Aufschlüsselung der Deësis. 12
III Epilog. 16
I................................................................................. 17
V Literaturverzeichnis. 21
VI Abbildungsverzeichnis 22
VII Abbildungen. 24
VIII Anhang 30
Seite 2
I Prolog
Die sich in der Mariä-Verkündigungskathedrale (Abb. 1) 1 im Moskauer Kreml (Abb. 2) befindende Ikonostase 2 enthält einen Deësis 3 -Rang (Abb. 3), der nach dem heutigen Forschungs-stand drei verschiedenen Malern zugeordnet werden kann. Die stärksten Einflüsse wurden dem Metropoliten Feofan Grek 4 zugeschrieben, jedoch ist bis heute nicht klar, wie weit diese reichen.
In dieser Arbeit wird nun versucht, das Werk anhand literarischer Quellen sowie der Bildanalyse aufzuschlüsseln, und sich der genaueren Zuweisung der verschiedenen Künstler anzunähern.
1 Die Kathedrale befindet sich im Moskauer Kreml neben einigen anderen Kathedralen und Kirchen.
2
3
von Johannes dem Täufer flankiert wird. Sie ist das Kernstück der Ikonostase, und kann abhängig von deren Grösse weitere Figuren enthalten.
4 u-
figerunter der zweitgenannten Bezeichnung bekannt.
II Hauptteil
1. Forschungsgeschichte
Die Erforschung der russischen Ikonen 5 ist ein relativ neues Gebiet der Kunstgeschichte, das erst im 19. Jahrhundert durch D.A. Rowinski, F.I. Buslajew u.a. Beachtung fand. Zu dieser Zeit stand die Analyse der späten Moskauer Werke im Zentrum des Interesses, die aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammten. Erst Anfang 20. Jahrhundert ermöglichten neue Restaurationstechniken 6 die Aufarbeitung der altrussischen Ikonenmalerei. Allerdings wurden aufgrund subjektiver Handhabung der Thematik alle erhaltenen Werke der Nowgoroder Malkunst 7 zugeschrieben. 8
1.1 Heutiger Stand der Forschungen
In den 1920er Jahren wurde der Grundstein für die Forschungen über die Moskauer Kunstgeschichte gelegt. 9 Die Materie wurde mehrmals überarbeitet und liegt nun in renommierten Werken von neuzeitlichen Kunsthistorikern 10 vor, die die Ikonen nebst Analyse auch in Zusammenhang mit zeitgenössischen Quellen 11 setzen. 12
Leider sind im Laufe der Geschichte sehr viele Ikonen verloren gegangen oder haben sich nur mangelhaft erhalten. Folglich ist das als gesichert geltende Wissen nicht absolut, da aufgrund grosser Wissenslücken keine schlüssigen Vergleiche gemacht werden können.
1.2 Chroniken
Die im frühen Mittelalter eher spärlich ausgefallenen Chroniken 13 enthalten ab dem 15. Jahr-
vorallem durch die transparenten, viellagigen Farbschichten auszeichnet. Die Herstellung des Rahmens, der Farben und der Komposition beschäftigt einen einzigen Künstler, der die langwierige Arbeit als Meditation wahrnimmt.
6 Ikonen konnten nun bis auf den angenäherten Originalzustand rekonstruiert werden, indem man sie von neueren Schichten freilegte. Dazu gehören nicht selten mehrere Schichten Übermalungen und nachgedunkelter Patina. Letztere wurde in früheren Jahrhunderten aus ästhetischen Gründen bewusst dem Alterungsprozess überlassen, oft sogar noch zusätzliche Schichten aufgetragen.
7 Vor allem von P.P. Muratow vertretene Meinung.
8 Smirnowa 1989, S.5
9 Erste objektive Einschätzungen der Kunst von M.W. Alpatrow, N.I. Brunow, G.W. Shidkow und A.I. Nekrassow. Werke von I.E. Grabar, der Restaurationen wichtiger moskauer Werke - u. A. von Andrej Rubljev - leitete, sind auch heute noch aktuell.
10 V.N. Lazarev, N.J. Mnjowa, N.A. Demina und W.I. Antonowa, u.a.
11 Als gängige historische Quellen gelten Briefe und Chroniken.
12 Smirnowa 1989, S. 5
13 Frühe Chroniken enthalten vor Allem politische oder wirtschaftliche Einträge. Oft wurden nur das Jahr, das Ereignis und selten der Urheber dokumentiert. Wenn zum Beispiel eine Kirche mit Kunstgegenständen ausgestattet wurde, findet man nur die Namen des örtlichen Fürsten und die Kirche. Die Künstler wurden erst in späteren Chroniken beim Namen genannt. Dies rührt daher, dass die Künstler in
hundert genug Informationen, um Rückschlüsse auf Künstler als Einzelpersonen zuzulassen. In einer Abschrift der Troica-Chronik 14 findet sich folgender Artikel über die Verkündigungskathedrale aus dem Jahre 6913 15 (1405):
heiligen Verkündigung am
Hofe des Grossfürsten auszumalen 16 17 und die Meister
waren der Ikonenmaler Feofan der Grieche und der Starec Prochor aus Gorodec und der Mönch Andrej Rubljev, und im selben Sommer beendeten sie die A 18
Diesen Auftrag erhielt Feofan in den 90ern des 14. Jahrhunderts; er zog durch seine Virtuosität die Aufmerksamkeit des Grossfürsten Vasilij in Moskau auf sich. Letzterer hatte im Jahre 1397 die Verkündigungskathedrale auf seinem Hof im Moskauer Kreml errichtet und wollte diese mit Fresken und Ikonen ausschmücken lassen. Man nimmt an, dass für die Fresken die selben Künstler beauftragt waren wie für die Ikonen 19 .
Feofan Grek gilt als der älteste und berufenste der drei Künstler, da sein Name in Aufzählungen von Chronisten immer zuerst genannt wird. Es folgt Starec Prochor aus Gorodec, der um die Zeit als die Deësis gemalt wurde ungefähr 55 Jahre alt war. 20 Als letzter wird der Mönch Andrej Rubljev genannt, der als ein Schüler Feofans galt und wahrscheinlich der Jüngste dieser drei war. 21
1.3 Der Brief Epiphanijs
Eine wichtige historische Quelle ist der Brief Epiphanijs 22 an Kirill von Tver 23 um 1415. 24
der feudal geprägten Gesellschaft einen niederen Rang hatten, und erst mit aufkommendem Interesse wahrgenommen wurden.
14 Das Original wurde beim Brand von Moskau im Jahre 1812 vernichtet. Glücklicherweise existiert eine Abschrift von N.M. Karamzin, die bis ins Jahr 1409 reicht.
entspricht dem Jahr nach heutiger Zeitrechnung.
16 ar definierter und in der Kunstgeschichte gängiger Beg-
riff. Damit ist nicht nur die Ausmalung der Kirche selbst also Fresken zu verstehen, sondern auch die Herstellung der Ikonen für die Ikonostase.
17 Smirnowa vermutet, dass die gesamte Ausschmückung der Kathedrale im Jahr 1547 einem Brand zum Opfer fiel.
18 Lazarev 1968, S. 10-11
19 Epiphanij erwähnt in seinem Brief die Fresken Wurzel Jesse und Apokalypse von Feofan Grek. Da die Kirche zwischen 1484 und 1489 bis auf den Grund abgetragen wurde, sind alle Wandmalereien zugrunde gegangen. Die Kirche wurde jedoch an der gleichen Stelle wieder errichtet, wo die Ikonen heute noch hängen.
20 Lazarev 1997, S. 81
21 Lazarev 1968, S. 96
22 Epiphanij war wahrscheinlich ein Mönch des Dreieinigkeitsklosters und lebte um die Jahrhundertwen-
Kirill entdeckte eine Darstellung Feofans 25 in einem von Epiphanijs Büchern. Sechs Jahre später meldet sich Kirill wieder bei seinem Freund, und möchte über die Herkunft des Bildes in-formiert werden. Die Antwort ist der bis heute erhaltene Brief .
Er enthält eine plastische, lebendige Charakterisierung Feofans und seines Schaffens, verzeichnet aber auch Daten von anderen Werken und Kirchen. Letztere stimmen widerspruchslos mit den erhaltenen Chroniken überein. Der Brief gilt somit als glaubwürdige Quelle, trotz den charakteristischen Übertreibungen und der stark stilisierten Schreibweise 26 . Im Brief wird vor allem die Kraft von Feofans Intellekt hervorgehoben: Seine spekulativen Fähigkeiten und seine freie, von Fantasie geleitete Malgewohnheit müssen Epiphanij sehr beeindruckt haben, als er zu Gast in einer der Kirchen war: 27
nd der Malerei nicht auf Vorlagen; er ging ungezwungen hin
und her und unterhielt sich mit allen Besuchern. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, Erhabenes und Weises in seinem Sinn zu bedenken und mit seinem gefühlvollen und klugen Auge die verständige Gü 28
Seine Erscheinung als Künstler muss stark, aber nicht aufdringlich gewesen sein. Feofan strahlte trotz offenbar höherem Intellekt eine gewisse Bodenständigkeit aus, durch die zusätzlich seine grosse Erfahrung 29 schimmerte. Dies zeichnet sich auch in seinen Werken ab, die von grossem psychologischen Verständnis zeugen.
2. Deësis
Die Deësis ist als Kern der Ikonostase zu betrachten, die bei grösserem Umfang als den drei Kernfiguren oft in mehrere Ikonen zerfällt. Diejenige der Verkündigungskathedrale wird in das Jahr 1405 datiert, und gilt als frühstes Werk dieser Art. Sie thematisiert den zum jüngsten Ge-
23 Nichtan Kirill Belozerskij, wie früher angenommen, sondern an Kirill den Igumen vom Erlöser-Athanasius-Kloster in Tver. Dieser gewährte Epiphanij Zuflucht, als das Dreieinigkeitskloster während des Feldzuges von Jedigei gegen Moskau 1408-1409 gebrandschatzt wurde. 24 Lazarev 1968, S. 7
25 Eine Miniatur der berühmten Sophienkirche von Konstantinopel. Feofans künstlerische Haupttätigkeit war wahrscheinlich die Freskenmalerei, er war aber auch in der Ikonenmalerei und der Buchmalerei sehr angesehen.
26 e- schreibungender Heiligen und in der erzählenden Literatur verwendet.
27 Lazarev 1968, S. 13
28 Lichatschew 1994, S. 227
29 Laut Epiphanij hatte Feofan vor seiner Ankunft in Nowgorod im Jahre 1378 bereits über 40 Steinkir- s- senlässt. Es wird angenommen dass Feofan schon ein ausgebildeter Künstler ungefähr 35-40 Jahre alt war als er Russland erreichte. Vorher arbeitete er in Konstantinopel, der Hauptstadt des byzantinischen Reichs, und in deren Nachbarstädten Chalkedon und Galata.
richt sitzenden Jesus, dargestellt als Pantokrator (Abb. 4) 30 , als zentrale Figur. Diese wird durch zwei weitere Figuren flankiert; Maria (Abb. 5) an ihrer linken Seite, Johannes der Täufer (Abb. 6) zur Rechten. Abhängig von der Grösse des Deësis-Rangs können an den Seiten symmetrisch weitere Figuren angeordnet werden, wobei die äusseren Figuren weniger zur Aussage der Deësis beitragen als zu deren ästhetischer Qualität. 31
2.1 Vorikonographische Betrachtung
Die Ikonostase der Verkündigungskathedrale des Moskauer Kremls fasst eine Deësis, die aus elf einzelnen Ikonen besteht. 32 Trotz moderner Restaurationsverfahren sind die randständigen Ikonen beider Seiten schlechter erhalten als die zentralen, was an Qualitätsunterschieden bei der Herstellung liegen kann. Jede der Ikonen ist zwischen 2,1 und 2,11 Meter hoch und über einen Meter breit, nur die zentrale Ikone misst in der Breite über 1,4 Meter. 33 Durch ihre Grösse und Platzierung sind die Motive entsprechend angepasst, so dass der Betrachter die Deësis von unten aus der Ferne am besten erfasst. 34
Auch wenn der Deësis-Rang der Verkündigungskathedrale heute durch Säulen geteilt wird, sind die Ikonen immer noch als ein zusammenhängendes Werk zu betrachten.
2.2 Ikonographie 35
Erst eine ausführliche Bildbetrachtung enthüllt die besonderen Eigenheiten dieser Deësis. Sobald man sie als Ganzes überblickt hat, fällt die Körperhaltung der einzelnen Figuren auf, die sich oberflächlich der rhythmischen Komposition unterzuordnen scheint. 36 Die Ikonen sind paarweise an die Zentralikone angeordnet, und jedes Paar verhält sich vertikal achsensymmetrisch zur Zentralikone. Jede Figur zeigt schlussendlich eine eigene Körperhaltung, ein eigenes Gewand und einen individuellen Gesichtsausdruck. 37 Sie können aufgrund des Motivs und ihrer Attribute bestimmt und benannt werden. Abgebildet sind, von links nach rechts: der Heilige Für die Ausmalung der Figuren wurden ausschliesslich kräftige, klare Farben verwendet. 38 Anzumerken ist, dass die vier dem Pantokrator am nächsten stehenden Figuren tiefer gebeugt
31 Lazarev 1968, S. 97-98
32 In einigen Quellen werden 13 Ikonen genannt. Die überzähligen zwei Werke beziehen sich jedoch auf zwei Styliten, die in der Mitte des 16. Jahrhunderts der Deësis hinzugefügt wurden. Die linke Stylitis zeigt Simeon, den Säulensteher, die rechte Stylitis bildet Daniel, den Säulensteher, ab.
33 Lazarev 1968, S. 98
34 Smirnowa 1989, S. 10
35 Eine ausführliche ikonographische Beschreibung ist aus Platzgründen im Anhang zu finden.
36 Lazarev 1968, S. 98
37 Lazarev 1968, S. 99
38 Die Farben sind jedoch etwas heller als die des byzantinischen Stils.
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Lena Papailiou, 2010, Feofan Grek und Gehilfen, München, GRIN Verlag GmbH
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