In einem zweiten Teil soll dann darauf aufbauend das politische Potential von Gegenkommunikation erörtert werden und schließlich in die Frage münden, ob das Internet letztlich die ultimative Form eines kommunikativen Forums darstellt? Die Beantwortung dieser Frage wird sich daran zu bemessen haben, in welcher Breite das Internet die Möglichkeiten der politischen Partizipation und des kommunikativen Meinungsaustausches im historischen Vergleich auf sich vereinen kann.
Die Bedeutung des Neins
Die Entstehung der ersten Gesellschaften bis hin zu den modernen Demokratien der Gegenwart war immer schon eng an Kommunikation gebunden. Seit sich die ersten Menschen zu Klein- und Kleinstgruppen zusammengeschlossen haben, also erste gesellschaftliche Strukturen schufen, nahm Kommunikation in dieser Entwicklung eine tragende Rolle ein. Man denke nur an die Gemeinschaften der Jäger und Sammler. Wie nur hätte die Jagd von Erfolg gekrönt sein können, wenn man sich nicht einig über die zu jagende Beute gewesen wäre? Mit der Bildung dieser ersten kleinen Gruppierungen beginnt nun auch eine Entwicklung in der Kommunikation, die an die Probleme der jeweiligen Zeit angepasst ist. Vermutlich reichten damals ein paar Laute in Verbindung mit Körpersprache aus, um die eigene Absicht seinen Mitmenschen mitzuteilen. Mit zunehmenden Bevölkerungszahlen steigt aber dann auch die Komplexität der sozialen Interaktionen. 2 Die ursprünglich schriftlosen Gesellschaften benötigten nun neue Möglichkeiten, oder genauer: neue Foren, um weiterhin jedes Mitglied kommunikativ erreichen zu können. Das erfordert eine Veränderung in der Kommunikation. Dabei bildeten Speicher- und Orientierungsfunktion anfänglich die wesentlichsten Veränderungen. Da Veränderungen in der Gesellschaft immer im Zusammenhang mit den kommunizierenden Menschen stehen - egal ob auf politischer Ebene oder auf Stammtischebene - und da Kommunikation als „anthropologische Konstante“ 3 betrachtet werden kann (also als eine typisch menschliche Eigenschaft), ist das Zurückführen von Veränderungen in der Gesellschaft auf Veränderungen in der Kommunikation nicht von der Hand zu weisen. Wie eingangs schemenhaft skizziert, ist die Bedeutung von Sprache bei der Bildung der ersten Gruppierungen ganz wesentlich. Doch weit wichtiger als die Tatsache, dass Menschen immer schon gesprochen haben, ist die Möglichkeit, nein zu sagen. Eine Möglichkeit, die beispielsweise Tiere nicht besitzen. Können doch mit dieser Möglichkeit der Ablehnung von einem Vorschlag neue Alternativen gefunden werden, die sich letztlich für alle Beteiligten vorteilhafter auswirken. Man kann sich das ungefähr folgendermaßen vorstellen: Paul und Tom sind zwei Freunde. Oft unternehmen sie gemeinsam etwas, gehen ins Kino, fahren gemeinsam auf Urlaub, gehen in die Disco, was eben junge Leute so machen. Doch die Rollen sind nicht ganz gleich verteilt: Paul, immer schon einen halben Kopf größer als Tom und auch etwas kräftiger, fühlt sich seinem Freund überlegen. In den meisten Fällen enden Diskussionen damit, dass Paul seinen Kopf durchsetzt, denn Tom lässt sich immer wieder einschüchtern. Doch irgendwann beginnt Tom regelmäßig Kampfsport zu trainieren und ins Fitnesscenter geht er obendrein. Und so kommt es, dass
Tom nach und nach den vermeintlichen Nachteil der fehlenden Körpergröße mit anderen Mitteln kompensieren kann. Auch Paul merkt, dass sein Freund immer stärker wird. Und mit jedem Trainingstag, den Tom mehr hat, wird er selbstbewusster. Bald schon lässt er sich von Paul nichts mehr sagen. Ganz im Gegenteil sagt er immer öfter nein und so werden die Diskussionen immer gleichberechtigter. Und so passiert es dann auch, dass die beiden Freunde mal das machen, was Tom will, und mal das, was Paul will.
Genau so, wie bei Paul und Tom das Nein die Kommunikation gerechter macht, genau so läuft die Kommunikation in der Politik ab. Wenn ein Machthaber nie mit Ablehnung konfrontiert wird, so wird er denken, dass seine Entscheidungen ohnehin richtig und gut sind. Sobald er aber im beherrschten Volk merkt, dass da manche seiner Entscheidungen angezweifelt werden, sollte er versuchen, etwas zu ändern. Ist er ein dominanter Herrscher, der sein Volk einschüchtern kann, wird er allerdings nichts ändern. Ist das Volk hingegen organisiert und kann eigene Botschaften wirkungsvoll in einem Forum vermitteln, dann wird der Herrscher einen Kompromiss eingehen müssen.
Von Anfang an haben Menschen versucht, nein zu sagen. Doch waren sie nicht immer schon so stark, dass die herrschende Elite auf sie eingegangen wäre. In jeder Epoche hat es andere Möglichkeiten gegeben, Kommunikation auszuüben. Einerseits Kommunikation von den Herrschern an die Beherrschten. Und andererseits die Gegenkommunikation, von den Beherrschten an die Machthaber. In modernen, demokratischen Gesellschaften stellt dieser Mechanismus ablehnender Kommunikation die zentrale Komponente dar. Hierbei sorgt er im parlamentarischen Betrieb für (gewollte) Konflikte und wird so „zu einer treibenden Kraft zur weiteren Demokratisierung“ 4 .
Frühzeitliche Gesellschaftsformen - Der Beginn von Politik
Unsere Geschichte beginnt 9000 v.Chr. in einer Zeit, in der die Menschen beginnen sesshaft zu werden und sich zu kleinen Einheiten von maximal 100-150 Menschen zusammenschließen, um so in einer Gemeinschaft zu leben. Diese Gesellschaften zeichnen sich durch eine besondere Form des zwischenmenschlichen Umgangs aus, also die Form der Kommunikation unter den Menschen. Die einzelnen Einheiten können ihre Konflikte selbst lösen. Sie brauchen also keine Entscheidung eines Außenstehenden. Die Gesellschaft orientiert sich nur an der eigenen Einheit, alles andere - die beobachtbare Umwelt - liegt außerhalb und ist somit zweitrangig. Aufgrund dieser Struktur, die einen Zusammenschluss der einzelnen Einheiten zu einem allgemeinen Gesellschaftsverbund (eine Gesellschaft, so wie wir sie heute kennen) verhindert, fehlt auch eine zentralisierte politische Instanz wie beispielsweise ein Monarch oder ein Präsident. Kommunikationen verlaufen innerhalb der Menschen von einer Einheit, und hier vor allem wieder innerhalb von Verwandtschaftsstrukturen. Konflikte werden kommunikativ durch alle oder einen möglichen Ältestenrat gelöst. 5 Ein gemeinsames Konfliktlösungsmanagement ist für diese Gesellschaftsform typisch. Ein zentraler Ort,
an dem sich alle gemeinsam versammeln ist zugleich das zentrale Forum, um Konflikte besprechen zu können.
Saluk, ein junger Krieger von der Einheit der „hungrigen Wölfe“ trommelt seine Leute zusammen. Der Grund: Bei der Jagd wurde der junge Krieger von Kriegern einer benachbarten Einheit angegriffen und am Arm verletzt. Sofort versammeln sich die „hungrigen Wölfe“ am zentralen Feuerplatz um über diesen Vorfall zu kommunizieren. Die Krieger der benachbarten Einheit sind keine Unbekannten. Öfters schon kam es zu Auseinandersetzungen, öfter aber auch zu einem friedlichen Tauschhandel. Die „hungrigen Wölfe“ diskutieren, jeder bringt seine Erfahrungen mit den anderen Kriegern ein. Bis spät in die Nacht wird diskutiert. Das Feuer droht längst wieder zu erlöschen und man ist sich immer noch nicht einig geworden, wie man denn jetzt weiter vorgehen soll. Krieg oder Frieden? Da es in dieser Einheit keinen Ältestenrat gibt und somit alle gleichberechtigt sind, kommt man zu keinem Ergebnis. Letzten Endes gehen Saluk und die anderen „hungrigen Wölfe“ ohne Ergebnis schlafen. Ein nicht selten zu beobachtender Zustand beim Finden von Lösungen in der Einheit der „hungrigen Wölfe“.
Einige Kilometer entfernt, in der Einheit der „starken Löwen“, finden sich Krieger zusammen um ein ähnliches Problem zu diskutieren. Hier jedoch gibt es eine Art Führungskrieger, der allein durch sein Charisma die anderen Krieger beeinflussen kann. Diesmal ist die Entscheidung klar: Krieg! Schnell wird die verfeindete Einheit unterworfen. Und bald darauf noch weitere. So verschmelzen mehrere Einheiten zu einem größeren Ganzen mit schließlich nur einer Führungspersönlichkeit. Schnell merkt dieser Führer, dass bestimmte Umstände Macht bedeuten. Herrschaft entsteht und legitimiert sich folglich aufgrund günstiger Umstände durch Redistribution 6 , Monopol auf Fernhandel und auch durch Religion. Vor allem religiöse Vorstellungen und Überlieferungen bedeuten Macht im weiteren Verlauf.
Zogan, der charismatische Führer der „starken Löwen“ versteht es gut, sich als Vermittler zwischen den Welten in Szene zu setzen. Glaubhaft vermittelt er seinen Kriegern, er sei dazu berufen, die Einheit als alleiniger Herrscher zu führen. Er ist - wenn man so will - die Urform eines modernen Politikers. „Politik“ ist dann die Durchführung von Opferritualen und Ahnenkult, oder mit anderen Worten: Archaischer Aktionismus.
Die Vermittlung von Macht erfolgt über Menschen, die sich nach und nach zu den ersten Medien der Geschichte überhaupt entwickeln. 7 Da es damals weder Zeitung noch Post, geschweige denn Computer und Handy gab, mussten also andere Formen der Übermittlung von Nachrichten und Botschaften gefunden werden. Es mussten erst Foren erfunden werden, um sich mitteilen zu können. Und so war dann nichts nahe liegender, sich als Mensch selbst zum Medium zu machen. Diese Menschen haben dann beispielsweise so getan, als ob ihnen ein höheres Wesen erschienen sei und einen Auftrag erteilt hat, bestimmte Botschaften und auch Vorschriften an die anderen Menschen zu übermitteln. Dieses höhere Wesen könnte nach unserem heutigen Verständnis eine Art Gott gewesen sein. Das kann auch als der Beginn der Religion 8 gedeutet werden. Gott ist als allmächtiges, übermenschliches Wesen nicht anzweifelbar und seine Botschaften sind das somit auch nicht. Dieser
Arbeit zitieren:
Magister Klaus Hofmann , 2010, Internet als Chance für die Demokratie, München, GRIN Verlag GmbH
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