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Inhaltsverzeichnis
I. Über diese Arbeit 3
II. Der Sperber und die Märendichtung 4
III. Symbolik zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre 5
1. Die Nonne als Inbegriff der Naivität? 6
2. Der Sperber als Inbegriff der Sexualität? 9
IV. Die Minne - zwischen käuflicher Liebe und der Lust an der Verführung 12
IV. Die Komik als „genuines Ziel des Schwankerzählens“ 15
V. Schlussbetrachtung 18
VI. Literaturverzeichnis 20
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I. Über diese Arbeit
„Diz ist eine schoenez maere von einem sperweare“ 1 - was auf diese Überschrift folgt, ist auf den ersten Blick betrachtet alles andere als eine ‚schöne‘ Geschichte: Eine junge und in weltlichen Dingen nichts ahnende Nonne wird von einem Ritter verführt, indem er einen Sperber gegen die Jungfräulichkeit der Ordensschwester tauscht. Da jedoch deren Oberin von diesem Tausch nicht gerade begeistert ist, bittet die Nonne den Ritter, den Handel wieder rückgängig zu machen. Die verlorene Unschuld bekommt sie schließlich wieder, indem der listige Rittersmann den Geschlechtsakt wiederholt und den Vogel an sich nimmt. Was soll hieran ‚schön‘ sein?
Verführung, Erotik und Sexualität; Naivität, Wissen und Erfahrung - diese Schlagworte sind Gegenstand zahlreicher mittelalterlicher Texte und kennzeichnen gleichzeitig in besonderer Weise die vorliegende Kurzerzählung ‚Der Sperber‘. Die Geschichte um die Nonne und den Ritter scheint von ihrem knappen Inhalt her recht überschaubar; dennoch offenbaren sich beim genauen Lesen Unklarheiten und Brüche, welche die erste Deutung ins Wanken bringen. In der vorliegenden Untersuchung soll daher die Vielschichtigkeit der Kurzerzählung mit ihren Verweisen und unterschiedlichen Auslegungen aufgedeckt und die genannten Schlagworte mit Inhalt gefüllt werden. In welchem Verhältnis steht ‚Der Sperber‘ zur mittelalterlichen Literatur? Welche Beziehung haben die Welten von Nonne und Ritter und welche Zeichen und Symbole ergeben sich hieraus? Welche Vorstellung von Minne wird im Text übermittelt? Wie werden die Mittel des Schwanks eingesetzt? Um diese und weitere Fragen hinreichend beantworten zu können, wird in der folgenden Untersuchung die Analyse des Textes, aber auch Verweise, Anspielungen auf andere Werke und schließlich die Rahmenbedingungen der mittelalterliche Lebenswelt im Vordergrund der Betrachtung stehen.
Obwohl ‚Der Sperber‘ eine der am meisten überlieferten Kurzerzählungen ist, hält sich die Forschung mit Arbeiten über das literarische Werk eher zurück. Innerhalb der überschaubaren Fachliteratur sticht vor allem der Aufsatz „Wissen Naivität und
1 Text zitiert nach Grubmüller, Novellistik des Mittelalters, S. 568-589. Im Folgenden werden die Zitate als Versangaben direkt hinter den Textstellen angeführt.
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Begehren“ 2 von Monika Schausten hervor, der neben allgemeinen Überlegungen zum Wissensbegriff eine ausführliche Analyse des Textes im Hinblick auf die Zeichenhaftigkeit des Sperbers liefert. Neben grundlegenden Werken, wie die von Klaus Grubmüller 3 , sind bei der Bearbeitung des Themas auch die Aufsätze von Kurt Otto Seidel 4 und Hedda Ragotzky 5 zu nennen, die in ihren Ausführungen die Kurzerzählung mit anderen mittelalterlichen Werken in Vergleich setzen.
II. ‚Der Sperber‘ und die Märendichtung
Die Kurzerzählung ‚Der Sperber‘, deren Verfasser nicht überliefert wurde, wird gemeinhin der Gattung der Schwankmäre zugeordnet. Dieser Typus innerhalb der literarischen Kleinform des Märe ist nach Hanns Fischer in erster Linie durch seine Komik gekennzeichnet, die sich durch Handlung, Figuren Situationen oder Wortspiele ergibt: „Die Erweckung des Lachens und die damit verbundene Erheiterung, Entspannung und Unterhaltung der Zuhörerschaft ist das genuine Ziel alles Schwankerzählens.“ 6 Obwohl diese starre Einordnung der Märe nicht von allen Autoren vertreten wird 7 , soll diese Einteilung in der folgenden Untersuchung lediglich dazu dienen, bestimmte Grundmuster und Eigenheiten der vorliegenden Märe offen zu legen. Und in diesem Fall in erster Linie die Komik und Ironie des Schwankes. ‚Der Sperber‘, der nach Grubmüller mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Vorlage eines französischen Fabliau 8 zurückgeht, gehört zu einer Gruppe von Erzählungen, die das Motiv des Minnetausch bzw. Minnerücktausch gemeinsam haben. Dieses
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Schausten, Monika: Wissen, Naivität und Begehren : zur poetologischen Signifikanz der Tierfigur im
Märe vom „Sperber“, in: Mittelalterliche Novellistik im europäischen Kontext. Kulturwissenschaftliche
Perspektiven, hrsg. von Mark Chinca, Timo Reuvekamp-Felber und Christopher Young (Beihefte zur Zeitschrift für deutsche Philologie 13), Berlin 2006, S. 170-191.
3 Grubmüller, Klaus: Die Ordnung, der Witz und das Chaos. Eine Geschichte der europäischen Novellistik im Mittelalter: Fabliau - Märe - Novelle. Tübingen 2006
4 Seidel, Kurt Otto: Bücherwissen und Erfahrung im Märe. Die Auseinandersetzung mit Lebensformen hinter Mauern, in: Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters. Festschrift für Volker Mertens zum 65. Geburtstag, hrsg. von Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer, Tübingen 2002.
5 Ragotzky, Hedda: ‚Der Sperber‘ und ‚Das Häslein‘. Zum Gattungsbewusstsein im Märe Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhunderts, in: PBB 120 (1998), S. 36-52.
6 Fischer, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung, Tübingen 1983, S. 104.
7 Vgl. hierzu Heinzle, Joachim: Märenbegriff und Novellentheorie. Überlegungen zur Gattungsbestimmung der mittelhochdeutschen Kleinepik, in: ZfdA 107 (1978), S. 121-138
8 Grubmüller versteht unter Fabliau eine im 12. Jahrhundert entstandene Gattung, „die sich formal an die eben erst eingebürgerte Fabel anschließt, in ihrer Haltung aber die Freiheiten des klerikalen Witzes und kritische Distanz volkssprachlicher Satire aufzunehmen versteht“, siehe hierzu Grubmüller:
Die Ordnung, der Witz und das Chaos, S. 50.
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schwankhafte Grundmuster „der als Tauschhandel getarnten Verführung eines unschuldigen Mädchens und des angeblichen Rückkaufs der Unschuld durch Wiederholung“ 9 lässt sich in insgesamt fünf literarischen Zeugnissen wiederfinden. Schon Heinrich Niewöhner machte auf die zahlreichen literarischen Parallelen mit teilweisen wörtlichen Übereinstimmungen zu diesem Themenkomplex aufmerksam. 10 Neben dem ‚Häslein‘, das wohl dem ‚Sperber‘ am nächsten liegt, teilen vor allem das deutsche Märe ‚Dulciflorie‘ und die französischen Fabliaux ‚De la Grue‘ und ‚Du
Heron‘ die Grundstruktur dieser Verserzählung. 11
Der Text entstand vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts im nördlichen Alemannien und ist neben dem ‚Herzmaere‘ eines der am häufigsten überlieferten Märe überhaupt. 12 Unter dem Themenkreis „Verführung und erotische Naivität“ wird die vorliegende Kurzerzählung von Hanns Fischer in seiner grundlegenden Untersuchung zur deutschen Märendichtung eingeteilt. 13 Diese Einteilung scheint für diese Untersuchung insofern bedeutsam, als sie bereits eine Deutung der Erzählung beinhaltet, die von Naivität auf der einen Seite und Verführung auf der anderen Seite ausgeht. Ob sich diese Einschätzung am Text bestätigen lässt, wird im Folgenden zu zeigen sein.
III. Symbolik zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre
Das Märe von der Nonne und ihrem Verlust und ‚Rückkauf‘ der Unschuld ist gekennzeichnet von einer Symbolik, die aus heutiger Sicht nicht sofort zu erkennen ist. Die klösterliche Welt mit ihren eigenen Regeln und Prinzipien ist nicht nur durch die faktische Trennung der Klostermauern von der ‚Außenwelt‘ isoliert; auch Wissen und Erfahrung und damit die Symbolik, die bestimmte Dinge hervorrufen, werden von der jeweiligen Lebenswelt bestimmt und rufen daher unterschiedliche Assoziationen hervor. Die beiden Welten, die in dieser Erzählung aufeinandertreffen, stehen im Hinblick auf die Thematik von Liebesdingen in einem Kontrast, der größer nicht sein könnte. Bevor die eigentliche Handlung beginnt, wird dieser Kontrast bereits
9 Grubmüller: Die Ordnung, der Witz und das Chaos, S. 132.
10 Vgl. Niewöhner, Heinrich: Der Sperber und verwandte mittelhochdeutsche Novellen, Berlin 1913, S. 143-145.
11 Vgl. Grubmüller: Novellistik des Mittelalters, S. 1213.
12 Insgesamt existieren elf Überlieferungen, siehe hierzu: Grubmüller, Novellistik des Mittelalters, S. 1212.
13 Vgl. Fischer: Märendichtung, S. 97.
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thematisiert: der werelde üppigkeit (V. 71) wird der einvaltigkeit (V. 72), der Unschuld, aber auch der Unwissenheit, der Nonne gegenübergestellt und so ein Gegensatz aufgebaut, der die beiden in sich geschlossenen ‚Ordnungen‘kontrastiert. Die zwei sich ausschließenden Welten besitzen unterschiedliche Ordnungssysteme und Deutungshorizonte, die in der vorliegenden Kurzerzählung aufeinandertreffen und eine Verbindung eingehen, die nicht gerade alltäglich erscheint.
1. Die Nonne als Inbegriff der Naivität?
Nach kurzen einführenden Worten wird sogleich eine Welt beschrieben, die gekennzeichnet ist von einer geradezu typisierten Form klösterlichen Lebens: Es wird gebetet, gesungen, gelesen und geschrieben, die Schwestern erfüllen den Dienst an Gott und auch Handarbeiten wie nähen oder flechten werden erwähnt. Hingewiesen wird hier auf elementare Bildung und Tätigkeiten, die nichts außergewöhnliches am Leben innerhalb der Klostermauern darstellten. Was jedoch vom Verfasser besonders hervorgehoben wird, ist die Tatsache, dass kein Mann das Kloster betreten durfte:
nu was, als mir ist geseit,
ir reht und ir gewonheit, daz niemer dehein man in ir kloster torste gân durch deheine sache. (V. 27-31)
Dies scheint insofern auffallend, als dass es nicht ungewöhnlich für ein Frauenkloster war, sich nur innerhalb der Mauern zu bewegen und Männern den Eintritt zu verwehren. Das Klosterleben innerhalb der Frauenorden war unter anderem durch die völlige Abgeschiedenheit von der weltlichen Sphäre gekennzeichnet. Neben der ‚Klausur‘, also dem Ideal von der völligen Abtrennung des monastischen Lebens von der Welt, um „die Vereinigung mit Gott zu erreichen“, waren Keuschheit und Jungfräulichkeit Grundlage des klösterlichen Lebens. 14 „Demut, Gehorsam und Keuschheit“ sowie religiöse Formung waren die Grundpfeiler der Ordensregeln aller Frauengemeinschaften. So sollte die obligatorische Elementarbildung nicht etwa zum Erwerb intellektueller Fähigkeiten oder Wissen dienen, sondern vielmehr auf die
14 Vgl. Dubois, J.: Klausur, in: Lexikon des Mittelalters, Band 5, München-Zürich 1991, Sp. 1196f.
Arbeit zitieren:
Jochen Engelhorn, 2009, Der Sperber, München, GRIN Verlag GmbH
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