Imperialismus als eine eigene Entwicklungsstufe des Kapitalismus zu betrachten. 3
Wolfgang J. Mommsen hielt in seinem Buch „Imperialismus. Seine geistigen, politischen und wirtschaftliche Grundlagen“ von 1977 ein bis dato neues Konzept der Imperialismustheorien fest, das es im Folgenden zusammenzufassen gilt, um es danach mit aktuellen, heutigen Theorien zu vergleichen.
Zunächst macht Mommsen klar, dass das landläufige Verständnis des Imperialismus als Streben nach Weltmacht nur für die Staaten des Hochimperialismus gelten kann und in den Kriegszielen von 1914 seinen Kulminationspunkt erreichte. Der Begriff ‚Hochimperialismus’ bezeichnet die Phase von 1881-1918, in der im Besonderen die europäischen Industriestaaten eine formelle „territoriale Herrschaft in abhängigen Territorien in Übersee“ errichteten und den „Aufbau bzw. Ausbau von Kolonialreichen“ betrieben. 4 Nun sei, laut Mommsen, mit dem Begriff des Imperialismus „die Schlußphase des großen Ausbreitungsprozesses der Gesellschaftssysteme der westlichen Welt über die unterentwickelten Regionen des Erdballs“ 5 zu bezeichnen, wobei es keine eindeutige Abgrenzung zu den älteren Kolonisationsbewegungen, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen, und den Zuständen der Abhängigkeit der Entwicklungsländer zu den Industriestaaten nach den beiden Weltkriegen und der abgeschlossenen ‚Dekolonisation’ gebe.
Mommsen bezeichnet mit dem Begriff des Imperialismus also nicht nur die formelle territoriale Kontrolle, sondern auch Formen indirekter Herrschaft, wie „handelspolitischer Nutzung überseeischer Territorien, […] Handelsaustausch und wirtschaftliche Durchdringung unter Aufrechterhaltung formell selbstständiger, indigener Herrschaftsstrukturen“. 6 Denn auch der Aufbau einer informellen Struktur in der Peripherie zwang die Industriestaaten zu politischem und militärischem Engagement, wenn die indigenen Kollaborationsregime, z.B. durch nationalistische Bewegungen, in
3 Bertelsmann, S. 344.
4 Mommsen, S. 20
5 Mommsen, S. 19.
6 Mommsen, S. 20.
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Gefahr gerieten. Denn die Machterhaltung der kollaborierenden Regierungen war für die ökonomische, kulturelle und sonstige Vorrechte haltenden Metropolen von entscheidender Bedeutung, da ansonsten die Begehrlichkeiten anderer Industriestaaten in einem neuen innenpolitischen Status in der Peripherie geweckt würden. 7 Diese Rivalität zwischen den Kolonialmächten ist der zweite Faktor, der den Typen der informellen Herrschaft über die Peripherie als Konzept des Imperialismus als zulässig erscheinen lässt. Die Streitfragen um Territorien in Übersee konnten nicht lange nur in der Peripherie ausgetragen werden, wie es Bismarck noch zum Teil gelang, sondern schlugen sich immer mehr seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts in die politischen Strukturen der europäischen Mächte zurück. „Im Spannungsfeld von sich rasch verändernden gesellschaftlichen Verhältnissen [verschmolzen] traditionelle Nationalismen und imperialistische Begehrlichkeiten immer stärker miteinander“. 8 Durch diese Faktoren, sowie die eigenmächtig durch europäische Siedler, Militärs und Kaufleute betriebene imperialistische Expansion der Territorien, die ein Beleg für die „technologische und ökonomische und natürlich auch machtpolitische Überlegenheit der Industriestaaten gegenüber den traditionalistischen Gesellschaften der Dritten Welt“ 9 sind, wurden die europäischen Staaten in zunehmendem Maße zur Errichtung formeller territorialer Herrschaft gezwungen. 10 Dieses führte zum Zusammenbruch der indigenen Herrschaftsstrukturen in der Peripherie, vor allem dem Stammessystem, welche noch in der Phase der Kollaboration und der informellen Herrschaft Bestand hatten. 11
Die von den Industriestaaten übernommene politische und militärische Verpflichtung rentierte sich indes nicht, denn die Ausgaben hierfür konnten durch die wirtschaftlichen Erträge aus der Peripherie nicht aufgewogen werden. Zumal nicht selten ein großer Teil des Handels durch Kaufleute und Firmen anderer Nationalitäten betrieben wurde. Dennoch wurde ein Entwicklungsprozess in der Peripherie eingeleitet bei dem unter vergleichsweise geringem Aufwand die Gesellschaftsstruktur kulturell, wirtschaftlich und politisch revolutioniert werden
7 Mommsen, S. 21
8 Mommsen S. 21
9 Mommsen, S. 20
10 Mommsen S.21
11 Mommsen, S.22
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konnte. 12 Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Ende des Hochimperialismus, das durch eine Gesellschaft, die eine offene imperialistische Herrschaft nicht länger tolerierte resultierte, begann der Prozess der ‚Dekolonisation’. Das faschistische Italien mit den Absichten eines neuen Kolonialreiches, das Dritte Reich, mit einer nie konkret gewordenen Planung, bildeten kurzfristige, das China über 25 Jahre haltende Japan eine längere Ausnahme dieser Entwicklung.
Der Prozess des vollständigen Zurückziehens der europäischen Mächte aus den ehemaligen Kolonien dauerte noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg an und bedeutete in dieser Phase noch immer eine starke ökonomische Abhängigkeit für die unterentwickelten Völker - erst danach konnte dem klassischen Imperialismus eine definitive Grenze gesetzt werden. 13 Der Aufbau formeller Herrschaft über unterentwickelte Territorien mit dem Ziel den Status eines Kolonialreiches zu erhalten ist zumeist das Verständnis von Imperialismus. Die Ausdehnung des Wirtschaftsraumes, durch „die Einbeziehung der überseeischen Regionen in das Wirtschaftssystem des Westens“ wurde indes als positiv bewertet und zuweilen durch die liberale Freihandelstheorie des 19. Jahrhunderts als antiimperialistisch bezeichnet. Diese indirekte Form von Imperialismus wurde als ‚Freihandelsimperialismus’ aufgedeckt und lässt laut Mommsen „das Feld imperialistischer Phänomene prinzipiell bis ins Unabgrenzbare erweitern“. 14 Neben der formellen territorialen Herrschaft über abhängige Gebiete seien die informellen Formen von Imperialismus, wie der Freihandelsimperialismus, der Finanzimperialismus und der Hegemonialimperialismus demnach als Typen imperialistischer Herrschaft anzuerkennen, auch wenn keine direkte politische Machtausübung von den Metropolen ausgehe. 15
Diese Theorie vom ‚informellen’ Imperialismus, neben dem klassischen ‚formellen’ Imperialismus ist als das entscheidend neue in Mommsens Imperialismustheorie anzusehen.
12 Mommsen, S.23.
13 Mommsen, S. 24.
14 Mommsen, S. 25.
15 Mommsen, S. 25
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Arbeit zitieren:
Julian Mester, 2008, Zu „Eine Begriffsbestimmung des Imperialismus“, München, GRIN Verlag GmbH
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