Ebene aktiv werden, scheut auch vor Gewalt nicht zurück. Hyperion hingegen will die Welt durch Liebe und Geist verändern. Seine Vorstellungen sind vergleichbar mit Novalis Streben nach dem „Goldenen Zeitalter“: Die Griechen waren in der Antike ein mit den Göttern verbundenes Volk. In ihrer jetzigen Situation müssen sie dulden und leiden und haben keinen Blick mehr für das Schöne, Göttliche das durch die sie umgebende Natur in sie gelegt wird. Wenn ihnen nur die Augen geöffnet mittels Begeisterung 2 werden könnten, erlangen sie schließlich den perfekten Zustand auch schon im Diesseits. Dafür muss das bestehende Griechenland untergehen. Diese Meinungsverschiedenheit führt zum Bruch zwischen den Beiden, Hyperion wird erneut einsam, auch krank. „[Die Welt] lief unverschönert vorüber an [ihm].“ (Balmes 2008: 348) Endlich werden Hyperions Lebensgeister wieder erweckt, wenn ihn ein Bekannter nach Kalaurea einlädt. Dort lernt er nicht nur den Kreis seiner neuen Freunde kennen, sondern auch das „Beste und Schönste“ (Balmes 2008: 356), Diotima. Die Beschreibung, die Hyperion von ihr gibt, steht in enger Verbindung zu Platons Diotima, „wo sie als Lehrerin Sokrates zitiert wird, die ihm das Wesen des Eros als `Liebe und Trieb zum Schönen` beschreibt, als Suche nach dem Göttlichen, Wahren und Ewigen (von Borries 1993: 112). Diese Funktion übernimmt sie auch für Hyperion. Diotima ist ein Idealbild von einer „ganz in sich ruhenden, aus der Sicherheit ihrer Natur handelnden Frau, die den unruhig suchenden Mann heilen, ihn zu seiner Mitte führen kann“ (ebd.). Die durch Diotima initiierte Veränderung in Hyperions Bewusstsein bringt er deutlich zum Ausdruck:
Was ist alles, was in Jahrtausenden die Menschen taten und dachten, gegen einen Augenblick der Liebe? Es ist aber auch das Gelungenste, Göttlichschönste in der Natur! dahin führen alle Stufen auf der Schwelle des Lebens. Daher kommen wir, dahin gehen wir (Balmes 2008: 360) In ihr das „Göttlichschönste“ gefunden zu haben, bedeutet auch, dass Hyperion ruhiger wird. Seine Liebe zu Diotima bleibt nicht einseitig und die beiden empfinden sich als in sich eins, wollen heiraten, bis Diotima den durch sie verursachten Stillstand in Hyperions Leben erkennt und ihn ermutigt eine Studienreise durch Europa zu unternehmen, um sich zu bilden und „Erzieher unseres Volkes, [...] ein großer Mensch [zu] sein“ (Balmes 2008: 392). Denn sie hat Hyperions bedingungslose Liebe zur Menschheit erkannt aber auch, dass ein besserer Zustand nur durch die „völlige Umkehr der Gesinnungen, des Denkens und des Handelns zu schaffen wäre“ (von Borries 1993: 115). Der Entschluss ist gefasst, wird aber durch einen Brief Alabandas zerstört, denn dieser will sich am Krieg beteiligen und fordert Hyperion auf, ihn zu begleiten. Diotima steht, wie seine Freunde, hinter Hyperion, auch wenn sie ihn warnt, dass er seine Jugend und Unschuld dabei verlieren wird und die ersehnte Umgestaltung sich nicht durch Krieg erzwingen lässt, sondern besser durch den vorher gefassten Plan einer dichterischen Umerziehung in den Köpfen der Menschen stattfindet. Schließlich ist es auch so. Hyperion aber verlangt es nach Taten, die alte Unruhe wird durch Alabanda wieder entfacht. Im Krieg erlebt Hyperion dann die Enttäuschung: Nach anfänglichen Erfolgen und freudigen Zukunftsvisionen verlieren die Griechen nicht nur immer mehr Schlachten, sondern auch ihre hoffnungsfrohe Gesinnung, die Hyperion ihnen auch durch Reden zwischen den Gefechten stärkte. Sie lassen sich zu Plünderungen und Morden verleiten. Die Parallele zur Französischen Revolution ist nicht übersehbar. Hölderlin, der ein Anhänger Napoleons war und sich von der Revolution großes versprochen hatte, musste ebenso wie Hyperion feststellen, das sich die Eigendynamik („Die Revolution frisst ihre Kinder.“) eines Gewaltaktes nicht mit philosophischen Idealen verbinden lies. Als der Krieg für die Griechen soweit verloren ist, dass es keine weitere Verwendung mehr für sie
2 Für Hölderlin ist der Begriff Begeisterung aufgeladen mit einer meditativen Kraft, durch die der Mensch wahre Schönheit erfahren kann. Vgl. Diotima (Lange tot und tief verschlossen...): „O Begeisterung, so finden/ Wir in dir ein selig Grab/ Tief in deine Wogen schwinden/
Still frohlockend, wir hinab/ Bis der Hore Ruf wir hören/ Und, mit neuem Stolz erwacht/ Wie die Sterne wieder kehren/ In des Lebens kurze
Nacht. (Projekt Gutenberg http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1208&kapitel=38&cHash=9cc2f68e362#gb_found)
Arbeit zitieren:
Ulrike Löbel, 2011, Friedrich Hölderlins "Hyperion oder Der Eremit in Griechenland" und Möglichkeiten, ihn in der Romantik zu verorten, München, GRIN Verlag GmbH
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