Die Morphologie beschäftigt sich mit dem inneren Aufbau von Wörtern, damit, wie die einzelnen Bestandteile in einem Wort strukturiert sind. Grob gesagt geht es ihr darum, Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, durch die sich alle Wörter nach gewissen Mustern beschreiben lassen. Die Morphologie macht es sich demnach zur Aufgabe, Regelmäßigkeiten in der Wortstruktur zu erkennen, anhand derer eine strukturelle Beschreibung des Aufbaus von Wörtern ermöglicht wird. Auf diese Weise versucht man, eine regelmäßige Beschreibung der Bildung von Wörtern zu konstruieren.
Man unterscheidet in der Morphologie zwei Teilbereiche: die Formenlehre (Flexionslehre) und die Wortbildungslehre. Die Formenlehre beschreibt die Bildung verschiedener Formen desselben lexikalischen Wortes (Lexems), so z.B. petit, petite, petites. Die Wortbildungslehre hingegen beschreibt den Vorgang, wie man von einem gegebenen Wort ausgehend ein neues bildet, z.B. anhand von Derivationsprozessen wie der Suffigierung (simple → simplifier) oder der Präfigierung (donner → redonner). 1
In folgendem Essay wird nun vor allem die Wortbildungslehre eine Rolle spielen, denn Gegenstand dieser Erörterung wird die Analyse eines Streitfalls der Morphologie sein, nämlich die Annahmen eines umstrittenen Wortbildungsverfahren, der sogenannten Parasynthese. Was die Parasynthese ist und ob es Sinn macht, Parasynthetika zur Beschreibung bestimmter Wörter zu postulieren, gilt es im Verlauf dieser wissenschaftlichen Arbeit zu klären. Zur Diskussion werden dabei ausschließlich verbale Parasynthetika des Französischen herangezogen.
Wie oben bereits angesprochen entstehen neue Wortbildungen oftmals durch Suffigierung oder aber durch Präfigierung. Die Suffigierung meint das Anfügen eines Suffixes an eine sprachliche Form. Man unterscheidet dabei drei unterschiedliche Arten von Suffixen: Derivations-, Stammerweiterungs- und Flexionssuffixe. Die Konstituentenstruktur von „simplifier“ (← simple) soll den Vorgang der Suffigierung veranschaulichen:
An die Derivationsbasis, hier das Adjektiv „simple“, tritt das Derivationsaffix (Suffix) „ifi“. Diese beiden Konstituenten bilden zusammen den Verbstamm, an den wiederum die Flexionsendung angefügt wird, hier die Infinitivendung „er“, die das Verb komplettiert.
1 Schpak-Dolt, Nikolaus. Einführung in die französische Morphologie. Tübingen: Niemeyer ²2006., S. 1 f.
2 A = Adjektiv; DAf = Derivationsaffix; FE = Flexionsendung; VSt = Verbstamm; V = Verb.
Bei der Präfigierung hingegen wird ein Präfix an einen Wortstamm angefügt, d.h. das Präfix
wird ihm vorangestellt: re -donn -- er
Hier ist gut erkennbar, dass auch bei der Präfigierung das Derivationsaffix (Präfix) im ersten Schritt an die Derivationsbasis (donn-) angefügt wird und erst dann, nachdem wir einen neuen Verbstamm erhalten haben, die Flexionsendung hinzu tritt, um das Verb zu vervollständigen. Sowohl bei der Suffigierung wie auch bei der Präfigierung leitet man die Struktur von Wörtern also immer binär her. Das bedeutet, dass jeweils zwei Konstituenten zu einer hierarchisch höheren zusammengefasst werden, um den Aufbau und das Zustandekommen des Wortes sinnvoll beschreiben zu können.
Bei der Präfigierung eines Verbs entsteht stets ein neues Verb, d.h. der Vorgang der Anfügung eines Präfixes ist immer wortarterhaltend, denn wenn man das Präfix „re-“ an den Verbstamm „donn-“ anfügt, so erhält man erneut einen Verbstamm, nämlich „redonn-“. Auch die Suffigierung kann wortarterhaltend sein (z.B.: siffler → siffloter), jedoch hat sie im Gegensatz zur Präfigierung vor allem die Fähigkeit, wortartverändernd aufzutreten (alcool → alcooliser oder mobile → mobiliser). 3
Nun sind die Rollen klar verteilt. Man spricht von Präfigierung, wenn ein Präfix angefügt wird und von Suffigierung, wenn es sich um einen Suffix handelt und man leitet dementsprechend ab, indem man nämlich jeweils zunächst das Derivationsaffix an die Derivationsbasis anfügt. Was geschieht nun aber, wenn man auf ein Verb stößt, das sowohl Präfix als auch Suffix enthält, dem jedoch scheinbar weder ein Präfigierungs-, noch ein Suffigierungsprozess zugrunde liegt, da die präfigierten wie auch suffigierten Zwischenstufen nicht existieren. Wie soll der Prozess der Derivation dann aussehen? Als ein solches Beispiel führt Schpak-Dolt das Verb „dénicotiniser“ an. 4 Hierbei muss „nicotin(e)“ der Stamm sein, die Morphe „dé-“ und „-is“ müssten dementsprechend Präfix bzw. Suffix sein. Doch haben Präfigierung und Suffigierung hier überhaupt stattgefunden? Wenn man die hypothetischen Zwischenstufen betrachtet, so erscheint hier ein herkömmlicher Vorgang, bei dem zuerst präfigiert und dann suffigiert wurde oder eben umgekehrt, wenig sinnvoll. Denn weder die hypothetische Zwischenstufe „dénicotine“, noch „nicotiniser“ existiert. Eine Präfix- oder Suffixbildung erscheint als Zwischenstufe also unmöglich. Wie
3 Vgl. Schpak-Dolt, 2006, S. 87.
4 Ebd., S. 129.
lassen sich demzufolge Verben, die zwar Präfix und Suffix aufweisen, jedoch nach dem Binaritätsprinzip keine sinnvollen Zwischenstufe zulassen, dennoch als Derivate auffassen? An dieser Stelle postulieren die meisten Sprachwissenschaftler neben Präfigierung und Suffigierung einen weiteren Derivationsprozess, nämlich die Parasynthese. Die klassische Konzeption der Parasynthese löst das Problem der nicht existenten Zwischenstufen wie folgt: Sie besagt, dass bei der Derivation Präfix und Suffix gleichzeitig angefügt werden, folglich gibt es bei der Parasynthese keine Zwischenstufen. Es wird also eine dreigliedrige (ternäre) Struktur angenommen, bestehend aus der Derivationsbasis, die von Präfix und Suffix umschlossen wird, ohne dass die Basis zu einem der beiden Affixe einen engeren Bezug als zum anderen hätte:
5
dé - nicotin -
DAf
An diesem Beispiel von Schpak-Dolt sieht man gut, dass „dé-“ und „-is“ gleichzeitig an den Stamm „nicotin-“ herantreten und somit in nur einem Schritt den Verbstamm „dénicotinis-“ ergeben. Als weitere Begründung der Parasynthese gelten solche Verben, bei denen zwar eine der möglichen Zwischenstufen existiert, diese jedoch aus semantischen Gründen verwerflich ist, da sie unplausibel erscheint. Das Verb „embarquer“ ist ein Beispiel für eine parasynthetische Derivation aus semantischen Gründen. Der Stamm „barque“ ist nominal und bedeutet so viel wie Boot oder auch Kahn. Das Verb embarquer hingegen trägt zumeist die Bedeutung von „etw. einladen“ oder auch „etw. verladen“. Das zeigt deutlich, dass die semantische Beziehung von „embarquer“ zu „barque“ immer mehr verloren gegangen sein muss und heute kaum noch besteht. Die klassische Parasynthesekonzeption würde also auch hier eine ternäre Struktur von embarquer vertreten, weil das Präfix „em-“ keine engere Verbindung mehr zu barque besitzt:
em -
DAf
Um nämlich nicht existente Zwischenstufen wie „embarque“ oder „barquer“ zu vermeiden, nimmt man eine diskontinuierliche Konstituente an, die aus Präfix und Suffix besteht, die als ganzes, d.h. gleichzeitig an den Stamm angefügt wird. 7
5 Schpak-Dolt, 2006, S. 129.
6 N = Nomen.
7 Thiele, Johannes. Wortbildung der französischen Gegenwartssprache. Leipzig: Langenscheidt ³1993, S. 143f.
Arbeit zitieren:
Erik Gerhard, 2010, Die Parasynthese - ein Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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