Inhalt
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1 Einleitung 1
1 1
2 Theoretische Grundlagen 4
2.1 Entwicklung des Begriffes Magischer Realismus 4
2.1.1 Entstehung des Begriffes im Zusammenhang mit europäischer Malerei 4
2.1.2 Übernahme und Weiterentwicklung des Begriffes in der Literatur 5
2.2 Arbeitsdefinition 10
2.3 Ist Magischer Realismus eine marginale Erscheinung? - Die Theorie der magical
margins 15
2.3.1 Magical margins als regionales Konstrukt 15
2.3.2 Magical margins als innergesellschaftliches Konstrukt 19
2.4 Verbindung des Magischen Realismus zu Postkolonialer Literaturtheorie 21
2.4 21
3 Midnightʹs Children von Salman Rushdie - „Reality is a question of
perspective “ 24
3.1 Hintergrundinformationen zu Autor und Werk 24
3.1.1 Salman Rushdie und der Magische Realismus 27
3.1.2 Inhaltsübersicht Midnightʹs Children 29
3.2 Elemente des Magischen Realismus in Midnightʹs Children 31
3.2.1 Das Phantastische als real 32
3.2.2 Die Produktion von Wissen 41
3.2.3 Das Reale als phantastisch 45
3.3 Fazit - Funktion des Magischen Realismus in Midnightʹs Children 48
3.3 48
3.3 48
ii
4 White Teeth von Zadie Smith - „It’s just like on TV “ 52
4.1 Hintergrundinformationen zu Autorin und Werk 52
4.1.1 Zadie Smith und der Magische Realismus 53
4.1.2 Inhaltsübersicht White Teeth 55
4.2 Elemente des Magischen Realismus in White Teeth 56
4.2.1 Das Phantastische als real 57
4.2.2 Die Produktion von Wissen 65
4.2.3 Das Reale als phantastisch 70
4.3 Fazit - Funktion des Magischen Realismus in White Teeth 73
4.3 73
5 Schluss 76
5 76
Literaturverzeichnis 82
iii
1 Einleitung
Magischer Realismus ist eher im Zusammenhang mit lateinamerikanischer Literatur bekannt. Gabriel García Márquez und sein Roman Hundert Jahre Einsamkeit, für den er 1982 den Literaturnobelpreis erhielt, wird damit ebenso in Verbindung gebracht wie Isabel Allendes Das Geisterhaus, das auch verfilmt wurde. Die Verwendung für englischsprachige Gegenwartsliteratur ist hingegen noch nicht sehr geläufig. In den letzten Jahren beschäftigt sich die Literaturkritik indes zunehmend mit dem Magischen Realismus in Literaturen außerhalb Lateinamerikas. 1 Auch international werden verstärkt Romane mit dem Label Magischer Realismus versehen. 2 Häufig wird das Konzept des Magischen Realismus mit denen der Postmoderne und der postkolonialen Literatur verbunden. Der Begriff findet also durchaus Eingang in den Literaturbetrieb der so genannten ‚alten Welt’. Viele Kritiker_innen 3 lehnen den Begriff allerdings wegen seiner Popularisierung ab. Ein präzises Fassen der Literatur des Magischen Realismus gestaltet sich aufgrund recht heterogener Definitionen mitunter schwierig. Teilweise werden Versuche unternommen, dieser Heterogenität beizukommen, indem prototypische Vertreter des Genres aufgezählt werden. Die Benennung solch prototypischer Romane kann meiner Ansicht nach jedoch nur eine vorübergehende Lösung sein.
Nicht abschließend geklärt bleibt häufig ebenso, ob der Magische Realismus als authentische Ausdrucksform ‚westlicher’ Autoren gelten kann: Mit Lateinamerika und vormals kolonisierten Ländern - insgesamt also peripheren Gebieten - in Verbindung gebracht, wird diese Schreibart mitunter als genuiner Ausdruck dieser Regionen betrach‐ tet. Die Frage, wer als Anderes, hier als Autor_in des Magischen Realismus, sprechen kann, ist umstritten. Der Magische Realismus vermag es jedoch, neue Interpre‐ tationsansätze und Blickwinkel auf Strategien der Verarbeitung neuer Realitäten weltweit - und nicht nur in Ländern, die in einem postkolonialen Kontext stehen - zu eröffnen.
1 Die einflussreiche Sammlung von Zamora und Faris eröffnet vor allem eine internationale Perspektive. Hegerfeldt beschäftigt sich explizit mit britischen magisch realistischen Werken.
2 Vgl. Hegerfeldt, Anne C., „Contentious Contributions: Magic Realism goes British,“ Janus Head 5.2 (2002): 62‐86, 62. Dies scheint durchaus auch durch Verkaufserfolge (lateinamerikanischer) Autoren motiviert zu sein.
3 Die Schreibweise mit dem Unterstrich vereint sowohl weibliche als auch männliche Ansprache und verweist darüber hinaus auf weitere Subjektpositionen jenseits von weiblichen und männlichen Zuweisungen. 1
Im Allgemeinen bezeichnet der Begriff des Magischen Realismus Literatur, die eine realistische Erzählung, die historisch und gesellschaftlich eingeordnet werden kann, mit phantastischen bzw. übernatürlichen Elementen verbindet. Zwei grundsätzlich verschiedene Ordnungs‐ und Repräsentationssysteme werden so jeweils hinterfragt und zu einem dritten, neuen Modus verwoben. 4 Es gelingt der Literatur des Magischen Realismus hierdurch, ontologische, politische oder geographische Grenzen und Grenzen zwischen Gattungen zu überwinden. 5 Ein Hauptthema des Magischen Realismus ist die Ergründung eines Lebenssinns und der eigenen Identität in einer zunehmend komplexer werdenden Welt auch unter Zuhilfenahme nicht rationaler Sichtweisen. Wissen und Identität werden als auf Akten der Konstruktion beruhend offenbart. 6 In der Staatsexamensarbeit möchte ich mich mit Elementen des Magischen Realismus in zwei Romanen der englischsprachigen Gegenwartsliteratur auseinandersetzen: Salman Rushdies 1981 erschienenem Roman Midnight’s Children und Zadie Smiths Debütroman White Teeth aus dem Jahr 2000. Rushdies Roman wird eindeutig als Werk eingestuft, das Elemente des Magischen Realismus enthält. Bei Smith ist dies bislang nicht der Fall - unter anderem auch deswegen, weil die Literaturkritik sich bislang insgesamt noch relativ wenig mit ihrem Werk beschäftigt hat. So wurde im Zusammenhang mit White Teeth zwar verschiedentlich erwähnt, dass der Roman Elemente des Magischen Realismus enthalte, 7 eingehendere Untersuchungen dieser Behauptung stehen aber bis jetzt noch aus. Diese Lücke zu schließen, soll in der vorliegenden Examensarbeit versucht werden.
Die Analyse der Romane Midnightʹs Children und White Teeth soll Antworten finden auf folgende Fragen: Nutzen Zadie Smith und Salman Rushdie in ihren Romanen Elemente des Magischen Realismus und sind diese vergleichbaren Kategorien
4 Vgl. „Magischer Realismus,“ Metzler Lexikon Literatur‐ und Kulturtheorie, 1998. 5 Zamora, Lois Parkinson und Wendy B. Faris, Introduction: Daiquiri Birds and Flaubertian Parrot(ie)s, Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 1‐11, 5f.
In der englischsprachigen Sekundärliteratur werden die Begriffe magic realism und magical realism synonym verwandt.
6 Vgl. Hegerfeldt, Anne C., Lies that Tell the Truth: Magic Realism Seen through Contemporary Fiction from Britain (Amsterdam: Rodopi, 2005) 7.
7 Vgl. Squires, Claire, Zadie Smith’s White Teeth: A Reader’s Guide (New York: Continuum, 2002) 17; 66. Vgl. Helyer, Ruth, „‚England as a Pure, White Palladian Mansion Set Upon a Hill above a Silver Winding River‘: Fiction’s Alternative Histories,“ Landscape and Englishness, Hgg. Robert Burden und Stephan Kohl (Amsterdam: Rodopi, 2006) 243‐260, 248. 2
zuzuordnen? Das Hauptaugenmerk der Untersuchung soll hierbei auf der Frage nach den Funktionen der Elemente des Magischen Realismus in den beiden Romanen liegen: Zu welchem Zweck setzten Smith und Rushdie den Magischen Realismus jeweils ein? Es soll ebenfalls eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob beide Romane als Werke des Magischen Realismus bezeichnet werden können oder vielleicht andere Begriffe bemüht werden müssen. Im Abschluss soll darauf eingegangen werden, ob die Behauptung, dass der Magische Realismus vor allem eine genuine Ausdrucksweise marginalisierter Kulturen und Individuen ist, in Midnightʹs Children und White Teeth unterstützt wird.
Die Arbeit ist so gegliedert, dass im ersten Kapitel zunächst die theoretischen Grundlagen erarbeitet werden. Es wird die historische Entwicklung des Begriffes des Magischen Realismus aufgezeigt und eine Arbeitsdefinition vorgestellt. Die Theorie der magical margins - also die Behauptung, dass der Magische Realismus vor allem peripheren Positionen zuzuordnen ist - wird hinterfragt und die Leistungen, die der Magische Realismus in postkolonialen Zusammenhängen erbringen kann, erörtert. Anschließend werden die Romane Midnightʹs Children und White Teeth in getrennten Kapiteln betrachtet. Dabei werden die Elemente des Magischen Realismus entsprechend der Arbeitsdefinition untersucht und auf ihre jeweiligen Funktionen hin analysiert. Es soll verdeutlicht werden, mit welcher Wirkabsicht der Magische Realismus Eingang in das Werk Salman Rushdies und Zadie Smiths findet.
Abschließend werden die Leitfragen der Examensarbeit erneut aufgegriffen und eine vergleichende Perspektive auf die beiden Romane eröffnet.
3
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Entwicklung des Begriffes Magischer Realismus
In diesem Abschnitt werde ich kurz darstellen, wie sich der Begriff des Magischen Realismus im Zusammenhang mit der europäischen Malerei entwickelt hat, wie er von dort in die lateinamerikanische Literatur übernommen, weiterentwickelt und abgewandelt wurde. Schließlich möchte ich zeigen, wie der Begriff auch weltweit Anwendung fand.
2.1.1 Entstehung des Begriffes im Zusammenhang mit europäischer Malerei
Franz Roh prägte 1925 den Begriff des Magischen Realismus in seiner Abhandlung über die europäische Malerei der 1920er Jahre. In der Malerei des Magischen Realismus „scheint der ganze phantastische Traum [durch den sich der Expressionismus auszeichne] zerstoben und in neuer morgendlicher Klarheit unsere eigene Welt wieder vors Auge zu treten.“ 8 Die vorherige Konzentration auf das Phantastische wird durch das Alltägliche abgelöst, eine Realitätsverbundenheit, die sich auch aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges 9 ergab. Häufige Motive der Malerei des Magischen Realismus waren Szenen des urbanen Lebens, überfüllte Straßen, schmutzige Städte, Arbeiter, Fabriken und Maschinen sowie der Mensch als das entfremdete Individuum, das sich in einer Welt wieder findet, die es nicht mehr deuten oder kontrollieren kann. 10 Die Malerei des Magischen Realismus stellt das Alltägliche als außergewöhnlich dar. Darin unterscheidet sie sich, wie im Folgenden gezeigt wird, deutlich von der Literatur des Magischen Realismus.
8 Roh, Franz, Nach‐Expressionismus, Magischer Realismus: Probleme der Neuesten Europäischen Malerei (Leipzig: Klinkhardt & Biermann, 1925) 24. Der von Roh genutzte Begriff des Nach‐Expressionismus bezieht sich vor allem auf die chronologische Abfolge. Den Begriff des Magischen Realismus hat Roh als Zusatz gewählt, um eine weitere Bedeutung anzudeuten.
9 Vgl. Guenther, Irene, „Magic Realism, New Objectivity, and the Arts during the Weimar Republic,“ Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 33‐73, 37. 10 Vgl. ebda. 43. 4
2.1.2 Übernahme und Weiterentwicklung des Begriffes in der Literatur
Rohs Begriff des Magischen Realismus erfuhr Verbreitung durch das Magazin 900 und die in Spanien erschienene Zeitschrift Revista de Occidente, in der sein Aufsatz 1927 veröffentlicht wurde. Auf diesem Wege wurde der Begriff rasch auch in Literaturzirkeln in Buenos Aires für die Bezeichnung europäischer Prosaliteratur übernommen. 11 Die Emigration einer großen Zahl europäischer Intellektueller und Künstler_innen nach Lateinamerika in den 1930er und 40er Jahren trug ebenfalls dazu bei, dass der Begriff des Magischen Realismus Eingang in die lateinamerikanische Literatur fand. 12 Ein weiterer Grund für die schnelle Übernahme des Begriffes waren die Verbindungen lateinamerikanischer Schriftsteller_innen zur europäischen Kunstszene. 13
Carpentiers Konzept des Lo Real Maravilloso und die lateinamerikanische Literatur des Magischen Realismus
Der kubanische Schriftsteller Alejo Carpentier, einer der Begründer der Theorie des Magischen Realismus in Lateinamerika, 14 lebte zwischen 1928 und 1939 in Paris. Er pflegte enge Kontakte zu den Surrealisten um André Breton, die mit ihrem Interesse am „Primitiven“ und „Irrationalen“ einen Grundstein für Carpentiers spätere Erklärungen zum Magischen Realismus in der lateinamerikanischen Literatur 15 legten. Dies äußerte sich zum Beispiel in einem verstärkten Interesse an nicht‐westlichen (unter anderem afrokaribischen) Elementen der eigenen Kultur. Der zweite Aspekt, der Eingang in Carpentiers Konzept des Magischen Realismus fand, entstand aus einem gesteigerten Nationalstolz und dem Anliegen, eine eigenständige Identität Lateinamerikas zu definieren und gegen den Westen zu behaupten. 16
Carpentier veröffentlichte im Vorwort zu seinem Roman El reino de este Mundo von 1949 sein Manifest zum Magischen Realismus in Lateinamerika. Er schuf den Begriff des
11 Vgl. Guenther 61. Vgl. Takolander, Maria, Catching Butterflies: Bringing Magical Realism to Ground (Bern: Peter Lang, 2007) 28f. 12 Vgl. Guenther 61. 13 Vgl. Takolander 93ff.
14 Daneben hatten auch der Argentinier Jorge Luis Borges und der Guatemalteke Miguel Ángel Asturias, die sich ebenfalls zu verschiedenen Zeiten in Europa aufhielten, Einfluss auf die Entwicklung des lateinamerikanischen Magischen Realismus. 15 Vgl. ebda. 117f. 16 Vgl. ebda. 121f. 5
lo real maravilloso - das wunderbar Wirkliche - und grenzte die Kunstrichtung deutlich gegen den europäischen Surrealismus ab. 17 Während die Surrealisten das Wunderbare erst auf monotone, vorhersehbare und unglaubwürdige Art produzieren müssen, existiere es in Lateinamerika bereits. Man könne ihm hier „auf Schritt und Tritt begegnen“. 18 Carpentier fährt fort:
Wegen der Unangetastetheit des Landes, unserer Ausbildung, unserer Ontologie, der faustischen Gegenwart des Indios und des Schwarzen, der Offenbarung, die seine erst kürzliche Entdeckung darstellte, der fruchtbaren Mischung der Rassen [der mestizaje], ist Amerika noch weit davon entfernt, seinen Reichtum an Mythologien aufzubrauchen. […] Was schließlich ist die Geschichte Amerikas, wenn nicht eine Chronik des real maravilloso? 19
Diese grundlegenden Aspekte des lo real maravilloso, des wunderbar Wirklichen, ergänzt Carpentier später um den Begriff des Barocken, 20 das sich überall dort zeige, wo es „Transformation, Mutation, Innovation“ gebe, woraus folge, dass „Amerika, der Kontinent der Symbiose, der Mutationen, der Mestizaje, schon immer barock war.“ 21 Genau diese Art der Symbiose, der Mischung von Völkern und Rassen und die „Bewusstheit darüber, etwas Anderes, etwas Neues, Symbiotisches zu sein“ 22 produziere das Barocke, durch das Lateinamerika sich auszeichne. Aber nicht nur die Besonderheit und „Hybridität“ der Bevölkerung kennzeichne Lateinamerika, in jedem Lebensbereich könne hier das Barocke gefunden werden:
17 Dabei nutzt Carpentier auch den Begriff des Magischen Realismus. Er verneint aber einen konzeptionellen Zusammenhang des lo real maravilloso mit Rohs Magischem Realismus. (Vgl. Carpentier, Alejo, „Lo Barroco y Lo Real Maravilloso,“ La Novela Latinoamericana en Vísperas de un nuevo siglo y Otros Ensayos, Hg. Alejo Carpentier (México: Siglo Veintiuno, 1981) 111‐135, 128ff.)
18 Vgl. Carpentier, Alejo, Prólogo, Dos Novelas: El Reino de Este Mundo, El Acoso, Alejo Carpentier (Habana: Editorial Arte y Literatura, 1976) 9‐15, 9f.; 13: „Lo maravilloso [europeo le parece] pobremente sugerido [...] obtenido con trucos de prestidigitación, reuniéndose objetos que para nada suelen encontrarse. [Los surrealistas] se hacen burócratas. Invocando […] un monótono baratillo de relojes amelcochados.“ und „[Por el contrario, en América Latina a] cada paso hallaba lo real maravilloso. [Dedujo que era] patrimonio de la América entera “ [diese und alle folgenden Übersetzungen von Carpentier: CM].
19 ebda. 14f.: „Y es que, por la virginidad del paisaje, por la formación, por la ontología, por la presencia fáustica del indio y del negro, por la Revelación que constituyó su reciente descubrimiento, por los fecundos mestizajes que propició, América está muy lejos de haber agotado su caudal de mitologías. […] ¿Pero qué es la historia de América toda sino una crónica de lo real maravilloso?“ 20 Auch Carpentier meint damit - analog zum älteren Begriff für Kunstformen, die nicht dem herrschenden Geschmack entsprachen - eine Andersartigkeit und Üppigkeit, die der klassischen Klarheit entgegensteht.
21 Carpentier, „Barroco“ 123: „El barroco […] se manifiesta donde hay transformación, mutación, innovación [...] América, continente de simbiosis, de mutaciones, de vibraciones, de mestizajes, fue barroca desde siempre.“
22 ebda. 126: „Toda simbiosis, todo mestizaje, engendra un barroquismo. El barroquismo americano se acrece con la [...] conciencia de ser otra cosa, de ser una cosa nueva, de ser una simbiosis, de ser un criollo.“ 6
Unsere Welt ist barock aufgrund ihrer Architektur, der Unbändigkeit und Komplexität ihrer Natur und Vegetation, der Buntheit der Umgebung. […] Unsere Natur ist ungezähmt, genauso wie unsere Geschichte, die die Geschichte des wunderbar Wirklichen und des Fremdartigen ist. 23
Insgesamt sei die Diversität Lateinamerikas Voraussetzung dafür, dass lo real maravilloso entstehen kann. All diese Elemente, die das Barocke auszeichnen, überkommen die etablierten Normen, und seien, zusammen mit allem, was fremdartig oder anders ist, wunderbar, omnipräsent und vor allem alltäglich 24 in Lateinamerika und nur hier anzutreffen.
Mit der letzten Behauptung schafft Carpentier die Grundlage für einen der häufig als essentiell wahrgenommenen, aber auch umkämpften Grundzüge der Literatur des Magischen Realismus: der Anspruch auf eine geographische und geopolitische, häufig sogar äquatoriale, Gebundenheit. 25 (In Abschnitt 2.3 wird die Theorie der magical margins eingehender diskutiert.)
In der Nachfolge von Carpentiers Konzept wurden eine Vielzahl von magisch realistischen Romanen veröffentlicht, die sich durch ähnliche Techniken und Themen auszeichnen. Zu den Repräsentant_innen des Lateinamerikanischen Magischen Realismus zählen zum Beispiel Miguel Ángel Asturias, Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa, Juan Rulfo und Gabriel García Márquez. Durch García Márquezs Roman Hundert Jahre Einsamkeit, veröffentlicht im Jahre 1967, und den anschließenden Boom der lateinamerikanischen Literatur erfuhr das Genre verstärkte internationale Aufmerksamkeit und wurde der Magische Realismus vor allem mit den Autor_innen dieser Region in Verbindung gebracht.
23 ebda. 131f: „Nuestro mundo es barroco por la arquitectura […] por el enrevesamiento y la complejidad de su naturaleza y su vegetación, por la policromía de cuanto nos circunda. [N]uestra naturaleza es indómita, como nuestra historia, que es historia de lo real maravilloso y de lo insólito en América.“ 24 Vgl. ebda. 127; 130: „[T]odo lo que sale de las normas establecidas es maravilloso.“ und „Aquí lo insólito es cotidiano, siempre fue cotidiano.“
25 Diese geographische Gebundenheit zeigt sich unter anderem an der Leichtigkeit, mit der Autor_innen aus Lateinamerika, Indien oder auch Afrika von der Literaturkritik dem Magischen Realismus zugeordnet werden, dies bei europäischen oder kanadischen Autoren aber eher vermieden wird und gesonderte Begriffe bemüht werden. Faris schlägt zum Beispiel vor, unter Beibehaltung des Überbegriffes Magischer Realismus eine tropische von einer kargeren nördlichen Variante, den akademischen vom mythisch‐ folklorischen und den epistemologischen (Wunder stammen aus Vision des Beobachters) vom ontologischen (Wunder rühren aus den örtlichen Bedingungen selbst her, wie in Carpentiers lo real maravilloso) Typus zu unterscheiden. (Vgl. Faris, Wendy B., „Scheherazade’s Children: Magical Realism and Postmodern Fiction,“ Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 163‐190, 165.) Ob eine solche Einteilung wünschenswert oder hilfreich ist, ist meiner Ansicht nach jedoch fraglich. 7
Die lateinamerikanischen Vertreter_innen des Magischen Realismus weisen einerseits die dominanten Wertmaßstäbe der Konzepte von ‚Rationalität’ und ‚Zivilisiertheit’, die als ideologische Hinterlassenschaft der Kolonialherrschaft betrachtet werden, zurück und deuten stattdessen das ‚Irrationale’ und ‚Primitive’ als gültige und grundlegende Charakteristika Lateinamerikas. 26 Sie preisen eine lateinamerikanische Alterität, die sich unter anderem aus den vormals wenig beachteten Mythen der nicht westlichen Kulturen speist. 27 Sie versuchen so, die propagierte Hierarchie zwischen Europa und Lateinamerika umzukehren. 28 Westliche Formen des Realismus werden als „a biased and hegemonic discourse and the Western world view it defends as partisan and oppressive“ 29 entlarvt. Die Autor_innen lehnen jedoch eine realistische, rationale Interpretation der Welt nicht völlig ab, 30 vielmehr mischen sie das Genre des Realismus mit einer „irrationalen“ nicht‐westlichen Auffassung von Realität, die sie als gültige Alternative zur „westlich‐rationalen“ Sicht präsentieren. 31
Die Autor_innen des Magischen Realismus in Lateinamerika nutzen die Schreibart, um teils befremdliche Ereignisse ihrer gegenwärtigen Geschichte zu dokumentieren und kommentieren. Die sozialistische Revolution in Kuba 1959, der US‐amerikanische Neoimperialismus, Revolutionen und Militärputsche in verschiedenen Ländern des Kontinents können sicherlich hierunter gezählt werden. 32 Faris betont, dass Werke des Magischen Realismus häufig im Kontext kultureller Krisen verfasst werden - „almost as if their magic is invoked when recourse to other, rational, methods have failed.“ 33 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Begriff des Magischen Realismus seinen Weg in die lateinamerikanische Literatur durch europäische Einflüsse fand, sich dort aber zu einem eigenständigen Konzept weiterentwickelte, das sich auch gegen außen streng abgrenzen wollte. Durch eine Technik der Mischung des realistischen Schreibens mit nicht realistischen oder phantastischen Elementen wird das Außergewöhnliche als alltäglich präsentiert. 26 Vgl. Takolander 71. 27 Vgl. ebda. 71.
28 Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 19. 29 Takolander 71.
30 Takolander verweist hierzu auch darauf, dass, täten sie dies, die Werke nicht mehr als dem Magischen Realismus zugehörig betrachtet werden könnten. (Vgl. ebda. 72.) 31 ebda. 72.
32 Diese Ereignisse könnten in ihrer Tragweite der gesellschaftlich‐politischen Veränderungen durchaus auch mit jenen verglichen werden, die auf die europäischen Maler des Magischen Realismus einwirkten. 33 Faris, Wendy B., Ordinary Enchantments: Magical Realism and the Remystification of Narrative (Nashville: Vanderbilt UP, 2004) 83. 8
Der Magische Realismus in den Literaturen außerhalb Lateinamerikas
Der kommerzielle Erfolg der Werke des lateinamerikanischen Magischen Realismus trug sicherlich ebenso zu einer weltweiten Steigerung der Aufmerksamkeit für magisch realistische Werke bei, wie der Umstand, dass das Genre von Autor_innen in besonderem Maße dazu genutzt werden kann, Kritik an bestehenden Systemen zu üben. Der Umstand, dass auch ältere Veröffentlichungen, so zum Beispiel von Rilke, Kafka, Woolf und Tolstoi, 34 ebenso mit dem Begriff des Magischen Realismus bezeichnet werden, deutet darauf hin, dass der lateinamerikanische Einfluss auf diese Literatur nicht der einzige war. Vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung einer kohärenten Theorie und grundlegender Vorarbeit zur Verbindung des Magischen Realismus mit postkolonialen Literaturen nahm Lateinamerika jedoch eine maßgebliche Vorreiterrolle ein.
International werden häufig Die Blechtrommel von Günther Grass, Patrick Süßkinds Das Parfum, Jack Hodgins The Invention of the World, Toni Morrisons Beloved und Ben Okris The Famished Road als Romane eingestuft, die Techniken des Magischen Realismus nutzen. 35 Als britische Werke des Magischen Realismus werden neben den Romanen Salman Rushdies unter anderem auch Angela Carters Nights at the Circus, Robert Nyes The Late Mr Shakespeare, Jeanette Wintersons The Passion, Marina Warners Indigo: or Mapping the Waters und Emma Tennants Wild Nights benannt. 36
34 Young, David P. und Keith Hollaman, Hgg., Magical Realist Fiction: An Anthology (New York: Longman, 1984) vf.
35 Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 42. Diese Auswahl will keinerlei Anspruch auf Repräsentativität erheben.
36 Auf diese britischen Romane des Magischen Realismus geht Hegerfeldt in ihren Analysen eingehender ein. (Vgl. Hegerfeldt, „Contentious Contributions“; Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth.) 9
2.2 Arbeitsdefinition
Der Magische Realismus kann also nicht länger nur als Genre Lateinamerikas betrachtet werden. Wie bereits erwähnt ergeben sich jedoch Probleme im Umgang mit dem Begriff. Diese bestehen zum Beispiel in der klaren Abgrenzung und Einordnung des Magischen Realismus 37 und haben ihren Ursprung unter anderem in den von einigen Kritiker_innen viel zu weit gefassten Definitionen. Young und Hollaman etwa nutzen in ihrer Anthologie schlicht das „merging of two realities“ 38 als einendes Kriterium. Wilson bemerkt, dass der Begriff grundsätzlich verwendet werden könnte „to describe virtually any literary text in which binary oppositions, or antinomies, can be discovered“. 39 Eine klare zeitliche Einschränkung scheint von einigen Kritiker_innen ebenfalls abgelehnt zu werden. 40 Auch der Umstand, dass Werke, die sich magisch realistischer Techniken bedienen, teilweise mit anderen Begriffen (wie „‚historiographic metatiction’, ‚fantastic histories’, ‚fantastic literature’, ‚postmodern gothic’ and ‚postmodern realism’“ 41 ) belegt wurden, macht einen Umgang mit ihnen nicht zwingend leichter. Darüber hinaus ist es wenig sinnvoll, eine ausschließliche Eingrenzung auf einen marginalen, regionalen oder postkolonialen Zusammenhang vorzunehmen.
Hegerfeldts Verweis auf die Prototypentheorie beziehungsweise die Theorie der Familienähnlichkeit erinnert jedoch daran, dass Grenzen zwischen Genres auch als „fuzzy“ wahrgenommen werden können. 42 Im Folgenden soll deshalb eine recht umfangreiche Definition des Magischen Realismus vorgestellt werden, die in der
37 Auf die Abgrenzung des Magischen Realismus von anderen Genres oder gar Epochen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Die Schwierigkeit, klare Abgrenzungen vorzunehmen, ist jedoch einer der Gründe, der Kritiker_innen mitunter für eine völlige Aufgabe des Begriffes plädieren lässt. (Vgl. Slemon, Steven, „Magic Realism as Postcolonial Discourse,“ Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 407‐426, 407). Leal nimmt eine Abgrenzung des Magischen Realismus gegen die Moderne, den Realismus, den Surrealismus, Fantasy‐ und Science‐Fiction‐Literatur vor (Vgl. Leal, Luis, „Magical Realism in Spanish American Literature,“ Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 119‐124, 121f.). Bei Hegerfeldt finden sich unter anderem Abgrenzungen zu den Genres Science‐Fiction und Märchen und Hinweise zur Ähnlichkeit mit dem tall tale (Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 54f., 74.). 38 Young und Hollaman 5.
39 Wilson, Rawdon, „The Metamorphoses of Fictional Space: Magical Realism,“ Magical Realism: Theory, Hist‐ ory, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 209‐233, 223. 40 Young und Hollaman würden auch Werke Poes, Ovids oder Homers unter dem Begriff fassen. (Vgl. Young und Hollaman 7.)
41 Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 40. 42 Vgl. ebda. 44. 10
vorliegenden Examensarbeit Anwendung findet. Sie basiert auf der Definition von Hegerfeldt, die im Zusammenhang mit postkolonialen magisch realistischen Werken belastbar ist. 43 Hegerfeldts Definition wird, wenn dies sinnvoll erscheint, um zusätzliche Aspekte ergänzt, die aus der Definition von Faris stammen. 44
Hegerfeldt benennt als erste prototypische Eigenschaft der Literatur des Magischen Realismus die Fusion von realistischen und phantastischen Elementen. 45 Dieses ist das hervorstechendste Merkmal magisch realistischer Literatur. Dem Leser wird eine fiktionale Welt präsentiert, die eindeutig als Widerspiegelung der extratextuellen Wirklichkeit zu erkennen ist. Der Bezug zu dieser Wirklichkeit wird unter anderem durch die Einbindung geschichtlicher Daten und Ereignisse hergestellt, die dazu dienen „[to tether] the balloon of magic“. 46
Phantastische, bzw. nicht realistische, Elemente kollidieren in der Erzählung mit den realistischen Elementen 47 und können nicht rekontextualisiert, also „wegerklärt“, 48 auf eine realistische Erklärung zurückgeführt, bzw. als Halluzination, Traum oder Lüge von Seiten der Erzählinstanz abgetan werden. Vielmehr sind die phantastischen Elemente Teil der fiktionalen Welt und geschehen dort ‚wirklich’. Die Literatur des Magischen Realismus tritt so bewusst in einen Dialog mit dem traditionell westlichen Realismus, eignet sich seine Konventionen an, unterläuft und hinterfragt sie. 49 Im Text kann es sogar zu einer Umkehrung der Einordnung ‚real’ vs. ‚phantastisch’ kommen und phantastische Elemente können naturalisiert 50 werden, indem sie als völlig normal also ganz und gar nicht außergewöhnlich dargestellt werden.
43 Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 50‐65. 44 Vgl. Faris, „Scheherazade’s Children“ 167‐74. 45 Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 50ff. 46 Faris, „Scheherazade’s Children“ 170.
47 Hier ist auf die Problematik der Bedeutung dessen was ‚realistisch’ ist zu verweisen. Zum einen, so Hegerfeldt, kann die Realitätsauffassung in Abhängigkeit der Zeit, der Kultur und des Wissens des Publikums variieren, implizit wird jedoch eine rational‐empirische westliche Weltsicht zugrunde gelegt, deren Berechtigung (vor allem in einem postkolonialen Zusammenhang) hinterfragt werden kann. (Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 52.) Diese Weltsicht wird jedoch durch den Bezug auf die Erzählweise des Realismus vorgegeben. Zum anderen, so Durix, könne es aber in literarischen Werken keine ‚objektive Realität’ geben. Stattdessen gilt als ‚real’ was der Leser oder die Leserin glaubt. (Vgl. Durix, Jean‐Pierre, Mimesis, Genres and Post‐Colonial Discourse: Deconstructing Magic Realism (Houndmills: Palgrave Macmillan, 1998) 45). 48 Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 51.
49 Wie in Bhabhas Konzept kolonialer Mimikry entsteht hier ein Status des „almost the same, but not quite“ - das Original (der Realismus) kann durch die Imitation (den Magischen Realismus) hindurch weiterhin erkannt werden und wird in Frage gestellt. (Vgl. Bhabha, Homi K., The Location of Culture (London: Routledge, 1994) 122, 126.) 50 Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 51. 11
Ein anderes Charakteristikum der Erzählungen des Magischen Realismus, das Heger‐ feldt zum Bereich der phantastischen Elemente zählt, ist eine Neigung zu Übertreibung und Überfluss, der Stil kann als barock oder karnevalesk bezeichnet werden. 51 Faris verweist schließlich darauf, dass die phantastischen Elemente im Magischen Realismus keinesfalls allgegenwärtig sein müssen. Vielmehr könnten diese Momente auch „small but powerful“ 52 sein. Faris fährt fort, dass das Spektrum des Magischen „ranges from events that are not impossible but so improbable as to be nearly magic to magical occurrences that are nearly real“. 53
Als Funktion dieses Verschmelzens gegensätzlicher Elemente benennt Faris die Präsentation alternativer Versionen der offiziellen Ereignisse. 54 Die dabei vom Magischen Realismus oft eingenommene „antibürokratische Haltung“ kann eingesetzt werden, um die etablierte soziale Ordnung zu hinterfragen. 55
Ein zweites Charakteristikum der Literatur des Magischen Realismus ist die nüchtern sachliche Darstellung der Ereignisse. 56 Innerhalb der Erzählung werden auch die phantas‐tischen Elemente nicht als unwahrscheinlich oder unmöglich wahrgenommen. Es handelt sich bei ihnen schlicht um Tatsachen, die weder völlig unvereinbar mit der Weltsicht der Figuren sind, noch ein bedrohliches Eindringen von Elementen aus einer anderen Welt darstellen. Deshalb können sie nüchtern und sachlich wiedergegeben werden. 57 Die Kon‐flikte der realen mit der fiktionalen Welt sind also auf der Ebene des Textes gelöst, bleiben jedoch für die Lesenden wahrnehmbar. Auch hier liegt wiederum eine Verletzung der Konventionen realistischen Erzählens vor. Die Protagonist_innen zweifeln für gewöhnlich nicht am Wahrheitsgehalt der nicht realistischen Ereignisse, 58 beim Leser oder der Leserin kann das jedoch der Fall sein. Als Funktion dieses Aspektes des Magischen Realismus kann der Verweis auf die Konstruiertheit des menschlichen Wissensschatzes in einer zu‐nehmend komplexen Welt und die Aufwertung alternativer Weltsichten benannt werden.
51 Vgl. ebda. 51. 52 Faris, Ordinary Enchantments 69. 53 ebda. 115f.
54 Vgl. Faris, „Scheherazade’s Children“ 170. 55 Vgl. ebda. 179.
56 Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 53ff.
57 In seiner Präsentation ähnelt der Magische Realismus dem nordamerikanischen tall tale. (Vgl. ebda. 55.) 58 Wenn dies doch der Fall sein sollte, dann häufig sogar bei solchen Ereignissen, deren Wahrheitsgehalt nach den Standards realistischen Erzählens nicht in Frage steht. (Vgl. ebda. 55.) 12
Besonderheiten im Erzählstil des Magischen Realismus benennt Hegerfeldt als drittes Charakteristikum. 59 Texte des Magischen Realismus haben eine ausgeprägte allegorische und metaphorische Qualität. Metaphern werden mitunter wörtlich genommen und können ‚wahr werden’ (wobei die figurative Bedeutungsebene jedoch immer erkennbar bleibt). So können Gedanken oder abstrakte Konzepte (wie Emotionen) mit physischen Eigenschaften versehen, berührt oder gerochen werden. Subjektive Eindrücke können als objektive Fakten präsentiert werden, linguistische oder konzeptuelle Grenzen (Gegensätze zwischen abstrakt/konkret, Vergangenheit/Gegenwart) werden übertreten. Eine gewisse Selbstreferentialität, die Thematisierung des Erzählaktes und zum Beispiel die recht häufige Nutzung von Techniken wie dem Mise en abyme begründen die metafiktionalen Züge des Magischen Realismus. 60 Eine weitere Besonderheit der Erzählweise des Magischen Realismus ist die Einsetzung von Wiederholung als narratives Prinzip. Durch das Zusammenwirken von Spiegelungen (zu denen Hegerfeldt auch Leitmotive, Symmetrien, zirkuläre Strukturen und analoge Erscheinungen zählt) auf symbolischer oder struktureller Ebene entstehe eine „magic of shifting references“. Zu diesem Prinzip können auch Umkehrungen, „plot‐mirroring“, zählen. 61 Durch diese Erzähltechniken erfahren wiederum alternative Konzepte und Ideen in ihrer Bedeutung für die individuelle Sinnbildung eine Aufwertung gegenüber der empirisch rationalen Weltsicht. Es können so herkömmliche Vorstellungen von Zeit, Raum und Identität in Frage gestellt werden. 62
Als viertes Merkmal nennt Hegerfeldt eine Darstellung des Realen als phantastisch. 63 Alltägliche, reale oder wissenschaftliche Sachverhalte können als verblüffend, wundersam oder phantastisch dargestellt werden. Im Gegensatz zu der oben beschriebenen Strategie der „naturalization“ werden hier gewöhnliche Ereignisse einer „supernaturalization“ 64 unterzogen. Durch diese Umkehrung entlarvt der Magische Realismus zum einen, dass beide Konzepte von Beginn an rhetorisch bedingt sind. Zum anderen können Autor_innen diese Technik auch nutzen, um auf die Erfahrung des
59 Vgl. ebda. 56. 60 Faris, „Scheherazade’s Children“ 175. 61 ebda. 177f. 62 ebda. 173.
63 Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 59ff.
In diesem Punkt gleichen sich die Literatur und die Malerei des Magischen Realismus. 64 Vgl. ebda. 60. 13
Lebens in der gegenwärtigen Welt, einer Welt die teilweise als „stranger than fiction“ 65 gesehen werden kann, zu referieren. Vor allem im Zusammenhang mit Gewalt, Kriegsgräueln, Rassismus oder Naturkatastrophen wird die Welt als chaotisch, gnadenlos und unmenschlich grausam präsentiert. Der Fakt, dass das eigentlich Undenkbare tatsächlich passiert, führt dazu, dass den Protagonist_innen eine Sinnbildung unmöglich wird. Die Darstellung solcher Ereignisse als jenseits des Glaubhaften, so Hegerfeldt, bedeute aber keinesfalls, dass ihre Realität nicht anerkannt wird. Vielmehr zeige sie eine fassungslose Ungläubigkeit und Verzweiflung über den Zustand der Welt.
Als fünftes Charakteristikum identifiziert Hegerfeldt eine überdurchschnittlich häufige Beschäftigung mit dem Thema der Wissensproduktion. 66 Wissen und seine Produktion werden im Magischen Realismus kritisch hinterfragt. Dies findet sowohl in Bezug auf die dominante Gruppe als auch die Gruppe der Anderen statt. Häufig wird die Rolle der Historiographie bei der kolonialen Begegnung thematisiert. Eine empirisch materialistische (westliche) Praxis wird ergänzt oder ersetzt durch Elemente, die ihren Ursprung entweder in älteren Glaubenssystemen, lokalen Bräuchen und Mythen haben; sie können jedoch genauso den „urban, ‚first world’, mass cultural analogues of the primitive belief systems“ 67 entstammen.
Durch das Anbieten alternativer Versionen wird verdeutlicht, wie Wissen keinesfalls aus objektiven, sachlichen, unvoreingenommenen und interesselosen Darstellungen produziert wird, sondern vielmehr immer lückenhaft ist und durch Interpretation und (Re‐)Konstruktion entsteht. Die alternativen Versionen werden in ihrer Bedeutung für das Verstehen einer Gesellschaft aufgewertet. Der Bedarf an Autorisierungsstrategien zum Zweck der Legitimierung von Wissen wird im Magischen Realismus parodiert, indem Augenzeugen, Hörensagen oder einzig die Autorität des Erzählers als Beweise angeführt werden. Auch dies rückt wieder die Konstruiertheit von Wissen in den Fokus. In der folgenden Analyse der Romane werden alle fünf von Hegerfeldt benannten Charakteristika betrachtet. Ich werde jedoch nur die Fusion realistischer und phantastischer Elemente, die Produktion von Wissen und die Darstellung des Realen als phantastisch getrennt untersuchen. Die beiden anderen Aspekte, die nüchtern sachliche
65 ebda. 60. 66 Vgl. ebda. 62ff.
67 Faris, „Scheherazade’s Children“ 183. Als Beispiel benennt Faris die Boulevardpresse. 14
Darstellung der Ereignisse und die Besonderheiten im Erzählstil, fließen meiner Ansicht nach auf vielfältige Weise in diese drei Punkte ein und werden also dort mit untersucht.
2.3 Ist Magischer Realismus eine marginale Erscheinung? - Die Theorie der
magical margins
Im Folgenden soll die kontroverse Diskussion der Theorie der magical margins 68 reflek‐ tiert werden. Einerseits wurde anhand dieser Theorie der Magische Realismus vorrangig Lateinamerika und der ‚Dritten Welt’ bzw. postkolonialen Ländern zugeordnet. 69 Andererseits wird behauptet, dass für Autor_innen des Magischen Realismus und für Figuren in magisch realistischen Werken eine marginale Position auszumachen ist. Diese beiden Facetten werden im Folgenden auf ihre Gültigkeit hin untersucht. 70
2.3.1 Magical margins als regionales Konstrukt
Die regionale Zuordnung der Schreibart des Magischen Realismus entstand nicht zuletzt häufig durch Vertreter_innen des Magischen Realismus selbst. Wie in Abschnitt 2.1.2 ausgeführt, war Carpentier einer der ersten, der der Möglichkeit einer Übertragung des Konzepts des lo real maravilloso, des wunderbar Wirklichen, auf andere Gebiete und Kulturen entgegen trat. Andere Autoren wie Gabriel García Márquez unterstützten diese Zuordnung der Magie zur (lateinamerikanischen) Peripherie. 71 Autor_innen, die nicht aus Lateinamerika stammen, übernahmen später die Argumentation, dass sie in ihrer Literatur die magische Natur ihrer marginalisierten Kulturen abbilden. Zu ihnen gehören unter anderem die afroamerikanische Autorin Toni
68 Vgl. Takolander 105ff. Chanady verwendet den Begriff der „territorialization“, um das gleiche Konzept zu beschreiben. (Vgl. Chanady, Amaryll, „The Territorialization of the Imagery in Latin America: Self‐ Affirmation and Resistance to Metropolitan Paradigms,“ Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 125‐144, 131.) 69 Vgl. Takolander 104.
70 Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 115f. 71 Vgl. Takolander 106f.
In der binären Struktur von Zentrum und Peripherie stehen sich ein koloniales Machtzentrum und dessen Randgebiete, in denen der Zugang zur Macht beschränkt ist, gegenüber. Eine automatisierte Zuordnung von Personen in den Randgebieten zu einer marginalisierten Position und vice versa ist jedoch höchst problematisch und muss ebenso hinterfragt werden, wie häufig mit den Begriffen verbundene Vorannahmen über den respektiven Entwicklungsstand von Zentrum und Peripherie (‚rückständig’, ‚primitiv’). (Vgl. „marginality,“ Key Concepts in Post‐colonial Studies, 1998.) 15
Arbeit zitieren:
Claudia Müller, 2009, Magischer Realismus in ausgewählten Werken von Zadie Smith und Salman Rushdie, München, GRIN Verlag GmbH
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