Arbeit mit Gewaltstraftätern Dr. Kathrin Kiss-Elder
1.1 Die männliche Sozialisation anhand der Gefühlswahrnehmung
Wichtig bei der Frage nach männlicher Sozialisation ist der Begriff des Gendering, d.h. „jene Prozesse, durch die unterschiedliche Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit sozial konstruiert werden.“ (Süfke, 2008: 34) Diese Konstruktionen beziehen sich bei Jungen etwa auf 10 Fragen der Arbeitsteilung und des Arbeitsstils - wie teilen sich die Eltern die Arbeiten auf, was scheint „Frauensache“, was „Männersache“ zu sein, und, wo es erfahrbar ist: Wie sprechen beide von ihrer Arbeit? Wie sprechen sie ggf. zu Mitarbeitern bzw. Chefs? Was ist ihnen wichtiger - Beziehung oder Hierarchie? Wie interagieren Männer und Frauen? Darf der Lehrer monologisieren, und keiner sagt was? Als er einmal weint, spricht dagegen noch Tage später die ganze Schule davon. Die selbstbewusste Gemüsefrau gilt als der Schrecken des Marktes, aber die zarte und immer liebevoll-freundliche Blumenfrau dagegen als „Engel“.
Da viele Jungen in einem ausgesprochen männerarmen Umfeld aufwachsen, erlernen sie den Umgang mit Gefühlen eher durch eine „Identitätslüge“ 11 , „ex negativo“, indem sie versuchen, NICHT so zu werden wie ihre Mütter und Lehrerinnen, da sie doch in ein anderen Leben hingehören 12 . Und sie „erlernen“ Männerbilder medial. Doch sind die Helden oder Antihelden aus Werbung und Filmen nicht gerade eine gute Sozialisationshilfe, u.a. weil ein ganz wichtiger Punkt einer adäquaten Gefühlswahrnehmung die Spiegelung ist - das Gegenüber, das uns unsere eigenen Gefühle zeigt und zu deuten lernt 13 . Dazu sind mediale Männerbilder schlicht nicht realisierbar 14 . Wir Fachleute mögen da ja noch dahinter schauen - es ist evident, dass viele Verhaltensstile und Stile der Gefühlswahrnehmung sozialisiert sind. Kindern erscheinen sie als naturgegeben, als unveränderbare Realität 15 , deren werden 16 . Abweichungen mehr oder minder streng sanktioniert
Geschlechterrollenstereotypien werden von Jungen desto ernster genommen und wirken desto dysfunktionaler, umso kontrollierender und inkonsistenter der Erziehungsstil ist 17 . Wenn diese Stereotypien bewusst werden, verlieren sie einen Großteil ihrer Macht 18 .
Süfke konstatiert, dass Männern in Kindheit und Jugend systematisch der Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen abtrainiert wurde 19 . Dadurch entwickeln Jungen nur einen mangelhaften Bezug zu ihrer eigenen Innenwelt. Erschwerend kommt hinzu, dass viele relevanten männlichen Bezugspersonen von Jungen ebenfalls gefühlsmäßig nicht anwesend sind, dies behindert die Emanzipation des Sohnes von seinen „Spiegeln“, behindert, dass
10 Vgl. Süfke, 2008: 34
11 Vgl. Süfke, 2008: 73
12 Vgl. Oelemann, Lempert: 2001: 90, Süfke, 2008: 38ff
13 eine prägnante Schilderung, wie Gefühle gut gespiegelt werden, findet sich bei Gandhi in Rosenberg, 2007: 9
14 Vgl. Oelemann, Lempert: 2001: 83
15 Vgl. Süfke, 2008: 35
16 Vgl. Süfke, 2008: 35
17 Vgl. Kassis, 2003: 223
18 Vgl. Süfke, 2008: 73
19 Vgl. Süfke, 2008: 13
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er ein autonomes Gefühlsleben aufbaut 20 : „Es ist leichter, sich an personifizierte Eigenschaften zu orientieren als an idealen abstrakten Eigenschaften.“ (Oelemann, Lempert: 2001: 84)
Unterstützt wird dieser erschwerte Zugang dadurch, dass viele angenehmen Gefühle sichtbar sind, „es braucht keinen Wegweiser und keinen Reiseführer, um sie zu finden und mit ihnen zurechtzukommen.“ (Süfke, 2008: 18) Die unangenehmen Gefühle aber werden schneller verdrängt und brauchen oft spezielle Unterstützung oder ein spezielles Setting, um wahrgenommen zu werden 21 . Diese Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, muss nicht als Schwäche eines Einzelnen einzeln problematisiert werden. Es ist ein gesellschaftliches Problem, was Süfke als Grundproblem „der“ männlichen Identität an sich charakterisiert 22 . Gefühle wahrzunehmen setzt den Wahrnehmenden dabei oft in einen Zwiespalt: Einerseits will man von Gefühlen nicht überschwemmt werden, dadurch nicht hilflos und handlungsunfähig werden, andererseits soll und will man sie ja auch wahrnehmen 23 . Dies wird umso wichtiger, als der Kontakt zu seinen inneren Impulsen, seiner inneren Dynamik als wichtiger Faktor der psychischen Gesundheit gilt 24 .
Studien weisen darauf hin, dass Gefühle schon kleiner Jungen nicht in dem Maße authentisch gespiegelt werden wie das bei Mädchen der Fall ist. So scheinen Mütter dazu zu neigen, negative Gefühle gewissermaßen „gefälscht“ zurückzuspiegeln - eine Weingrimasse als Lachgrimasse, ein Schrei nach Nähe als „der ist bloß überreizt“ oder „dem ist nur ein bisschen langweilig“ etc. Kleine Kinder, die so dringend auf den Spiegel ihrer Bezugspersonen angewiesen sind, erlernen so schon früh, ihre eigenen Gefühle zu missdeuten 25 , zu rationalisieren und zu externalisieren 26 : „Der emotionalen Lebendigkeit und Bedürftigkeit steht eine geradezu professionelle Gefühlsabwehr gegenüber.“ (Süfke, 2008: 48) Selbstbehauptung vor Beziehungserhaltung - dieses Muster trainieren schon kleine Jungen ein, auch wenn die Selbstbehauptung von mangelnden Strategien der
Beziehungserhaltung teilweise unterminiert werden 27 . Wer jedoch seine eigenen Gefühle nicht wahrzunehmen vermag, vermag auch nicht eigene Bedürfnisse wahrzunehmen - entlang der vier psychologischen Grundbedürfnisse Bindung, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Lustgewinn 28 .
Ich schildere hier die Rolle der Sozialisation der männlichen Gefühlswahrnehmung als weitgehend dysfunktional, doch dem muss nicht so sein - rationale Strategien können „an der richtigen Stelle“ Männern auch helfen, einen Zugang zu den eigenen Gefühlen (auch längerfristig) zu
20 Vgl. Süfke, 2008: 41ff
21 Vgl. Süfke, 2008: 18
22 Vgl. Süfke, 2008: 22, 54
23 Vgl. Süfke, 2008: 54
24 Vgl. Süfke, 2008: 26
25 Vgl. Süfke, 2008: 36ff
26 Vgl. Süfke, 2008: 46
27 Vgl. Süfke, 2008: 125
28 Vgl. Süfke, 2008: 23
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erhalten 29 . Männer sollen und können als Männer glücklich werden, ihr Leben muss nicht zur Dauerkrise mutieren.
1.2 Beziehung als Zentrales Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung
Die gestörte Beziehung zu sich selbst, ein mangelnder Zugang zu den eigenen Tiefenschichten gilt als einer der wichtigsten Prädiktoren für spätere Gewalthandlungen 30 . Die Beziehungen (oder fehlenden Beziehungen) stehen nicht nur zu Beginn des Lebens, sondern später immer wieder an zentralen Punkten der Persönlichkeitsentwicklung. Wir alle haben ein Bedürfnis nach Beziehungen und danach, in Beziehung zu stehen 31 . Diese Beziehungen werden auch deshalb wichtig, weil Männer für Kinder oft eher als Funktionsträger denn als Beziehungswesen sichtbar werden 32 . Eine der möglichen Beziehungen ist das Therapeut-Patient-Verhältnis. Immer wieder wird darüber nachgedacht, welche Qualitäten dieses haben sollte und wie ggf. günstige Qualitäten und Situationsfaktoren zu replizieren und curricular zu fördern seien. Rogers meint hier sehr entschieden, dass es weder die guten Institute, der gute Ausbilder, sondern vor allem die beziehungsschaffenden Qualitäten des Therapeuten sind 33 . Die zwischenmenschliche Beziehung gibt den Ausschlag, nicht die Methode. Der Therapeut muss sich als Mensch ins Spiel bringen und halten - 34 hier liegt das wesentliche Erfolgskriterium für eine Therapie oder Beratung verborgen - dies legen auch empirische Befunde nahe 35 .
Grundsätzlich sehen viele Experten eine emphatische Beziehung als zentrales, auch therapeutisches Mittel der Persönlichkeitsentwicklung. Es gelingt den Therapeuten mittels dieser Einfühlung, die persönliche, innere Welt des Klienten auch an den Stellen zu erspüren, an denen der Patient möglicherweise noch blind ist oder denen er sich noch nicht zu stellen wagt 36 . Diese Empathie ist nicht „einfach so da“, auch Therapeuten müssen sich diese immer wieder hart erarbeiten. Auch sie scheuen oft vor einem annehmenden Verstehen zurück, weil dies eben auch ihre Welt verändern kann, und diese Veränderungen Angst machen können 37 . Dabei zeigt sich, dass die therapeutische Beziehung nicht für sich steht, sondern ein Ausschnitt aus einer Beziehungskette mit vielen Gliedern ist.
Wozu Empathie? Zentrales Ziel ist die „Entwicklung gefühlsorientierter Lebensbewältigungsstrategien“ (Süfke, 2008: 147). Dazu brauchen wir andere. Auch die Gefühle des Therapeuten sind erlaubt. Wenn er in Beziehung treten will bzw. Beziehungsangebote machen will, darf er nicht nur - er muss zu seinen Gefühlen kongruent sein. Er begibt sich damit in eine „unmittelbare
29 Vgl. Süfke, 2008: 126
30 Vgl. Kassis, 2003: 229
31 Vgl. Süfke, der sich hier auf Rogers beruft, 2008: 55
32 Vgl. Oelemann, Lempert: 2001: 75
33 Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 97, 107
34 Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 119, Schulz von Thun, 1994: 256ff
35 Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 97
36 Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 100
37 Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 101
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persönliche Begegnung mit seinem Klienten“ (Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 98). Kongruenz stellt damit nach Rogers eine wesentliche Bedingung für eine fruchtbare Therapeut-Patient-Begegnung dar. Positive Wertschätzung für den Klienten ist das Ergebnis dieser Beziehungsarbeit und gleichzeitig einer der Bedingungen dafür - dabei ist sich Rogers selbst nicht im Klaren darüber, ob „bedingungslose Wertschätzung“ einer der möglichen wünschenswerten Ziele oder Steigerungsformen dieser Arbeit ist 38 .
Eines macht dabei Rogers klar: Wer als Therapeut keinen Respekt vor einem bestimmten Klienten empfinden und ausdrücken kann, wird als Therapeut keine gute Arbeit leisten können 39 . Dass dieser Respekt bei Gewalttätern immer wieder schwer fällt, liegt auf der Hand.
1.3 Kommunikation: Kurze Einleitung ins Unterkapitel
Wir können nicht nicht kommunizieren, wie ein so oft zitiertes Bonmot von Watzlawick besagt. Das ist schade, weil man auch so viel falsch machen kann. Verbale Gewalt gilt als wichtige Vorhandlung für körperliche Gewalt, die körperliche Gewalt ist dabei sozusagen nur die Spitze des Eisbergs erfahrener verbaler Gewalt 40 .
Kommunikation ist ein Feld von oft waghalsig erscheinenden Interpretationen, aber wie Lempert und Oelemann kategorisch betonen: „„Es gibt keine Fehlinterpretationen, es gibt nur Interpretationen.“ (Oelemann, Lempert: 2001: 22) Aber gibt es vielleicht doch ein paar, die zumindest funktionaler, wenn auch nicht wahrer sind?
Einer der Konzepte, die sich unter einer Flut von theoretischen, praktischen und theoretisch-praktischen Ausführungen durchsetzen konnte, was das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation von Rosenberg:
1.3.1 Gewaltfreie Kommunikation
Gewaltfreie Kommunikation (im Folgenden GFK) bezeichnet nach Rosenberg (2001) eine Art des Umgangs, „die den Informationsfluss erleichtert, der im Austausch von Informationen und im friedlichen Lösen von Konflikten notwendig ist.“ (Rosenberg, 2001: o.P.) Dabei ist GFK nicht zu verwechseln mit aggressionsfreier Kommunikation - ich werde im Punkt 1.5. noch darauf zurückkommen.
Der Beginn der GFK liegt in der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, dies hilft die Aufmerksamkeit auf das zu fokussieren, was wir wirklich wollen und wirklich brauchen 41 . Die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse hilft gleichzeitig,
38 Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 102
39 Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 117
40 Vgl. Gandhi in Rosenberg, 2001: 10
41 Vgl. Rosenberg, 2001: 23
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Arbeit zitieren:
Dr. phil. Kathrin Kiss-Elder, 2010, Beziehungsgestaltung als zentrale Kompetenz in der Arbeit mit Gewaltstraftätern (18-25j.), München, GRIN Verlag GmbH
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