1. Einleitung
In der folgenden Arbeit geht es um mögliche Ursachen, Folgen und Verantwortliche des Phänomens Armut in der Dritten Welt. Am Beispiel einer Favela in Brasilien leite ich das Thema ein.
Die Landschaft Brasiliens besteht hauptsächlich aus zwei Großlandschaften: den ausgedehnten Regenwäldern des Amazonas-Tieflands im Norden und dem brasilianischen Bergland im Süden. Während die landwirtschaftliche Basis des Landes in den Savannengebieten des Mittelwestens liegt, lebt der Großteil der Bevölkerung in der Nähe der Atlantikküste, wo sich auch fast alle Großstädte befinden. Eine dieser Großstädte ist die 2,2 Millionen Einwohner fassende Stadt Brasília. Brasília ist seit 1960 anstelle von Rio de Janeiro die Bundeshauptstadt Brasiliens. Die Stadt wurde hochmodern geplant und ab 1957 im zentralen Hochland gebaut, um die Erschließung Innerbrasiliens anzuregen.
Am östlichen Rand von Brasília, zwischen den letzten Hochhäusern und mehreren in den Himmel ragenden Bergen von Unrat der stadtzugehörigen Mülldeponie, liegt ein Hüttenviertel, worin etwa 20.000 Familien zusammengepfercht auf engstem Raum leben. In den Gassen laufen viele fröhliche, aber sichtlich unterernährte Kinder umher. Mütter tragen ihre Säuglinge, deren Mund, Nase und Augen von dicken violetten Fliegen bedeckt sind, welche noch vor wenigen Augenblicken auf den überall herumliegenden Exkrementen gesessen haben. Die Menschen klettern halb nackt auf den riesigen Müllbergen, Ratten in der Größe von Katzen schlängeln sich durch die Beine und konkurrieren um das wenig Nutzbare. Das ganze Viertel lebt vom Lixo, vom Abfall, den in der angrenzenden Großstadt niemand mehr haben will. Alles was brauchbar scheint, wird für sehr wenig, aber besser als nichts, an die Zwischenhändler, die hinter den Schranken warten, verkauft. Die Lebensmittelabfälle, das Obst, das Gemüse und die tierischen Abfälle werden zu Mahlzeiten verarbeitet und das, was selbst die Ärmsten der Armen nicht mehr wollen, wird an die Schweine verfüttert. Die einfachen Behausungen der Bewohner bestehen aus Pappkartons, aus Wellblechen, aus Holzbrettern, aus Pflanzenteilen oder ähnliche nutzbare Materialien, die zusammengebaut so etwas wie ein zu Hause bieten. Die Menschen, die dort leben, sind Hungerflüchtlinge, Opfer des Latifundiums und Opfer der Lebensmittelkonzerne, die
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den fruchtbaren Boden monopolisieren und die Pächter und deren Familien verjagten (vgl. Ziegler 2005a, S.106ff).
Dieses Viertel in Brasília ist allerdings kein Einzelfall. An den Rändern der brasilianischen Großstädte befinden sich viele solcher Elendsviertel, in denen bis zu 250.000 Menschen leben. Diese Viertel in den Randlagen der großen brasilianischen Städte heißen “Favela” (vgl. ebd.). Der Begriff stammt von der gleichnamigen brasilianischen Kletterpflanze, denn ähnlich wie die Pflanze siedeln sich die Armenviertel an den Bergen an und “klettern diese hoch”. Leben in einer Favela bedeutet ein Leben am untersten Existenzminimum, Unterernährung, Vitaminmangel und Aussichtslosigkeit. Aber diese Menschen haben Bedürfnisse, sie haben Würde, sie haben Scham. Die einheimische Soziologin Maria do Carmo Soares de Freitas und ihre Mitarbeiter an der Bundesuniversität Bahia in Brasilien führten eine Studie in einem Viertel in Salvador durch, um zu begreifen, wie diese Menschen selbst ihre Lage erleben. Laut ihrem noch nicht veröffentlichten Buch “Os textos dos famintos” verbergen diese unterernährten Menschen ihre Scham mit Sätzen wie “A fome vem de fora do corpo.” (“Der Hunger kommt von außerhalb des Körpers”). Die, die nicht anders können, als sich von Abfällen anderer zu ernähren, die sie in den Mülltonnen finden, sagen: “Preciso tirar a vergonha de catar no lixo, porque pior e roubar.” (“Ich muss meine Scham überwinden, in den Abfällen zu wühlen, weil das Stehlen schlimmer wäre”). Sie nennen den Hunger “a coisa” (“das Ding”), ”a coisa bater na porta.” (“Das Ding klopft an meine Tür”)(vgl. Ziegler 2005a, S.110f). Es gibt Menschen in Deutschland, die Scham empfinden, wenn sie Sozialleistungen vom Staat entgegennehmen, um ihre Existenz zu sichern. Eine Scham, welche verständlich und nachempfindbar ist, denn die Würde eines Menschen konkurriert u.a. mit der Inanspruchnahme der Hilfe anderer Menschen oder Institutionen. Die Menschen in den armen Regionen unserer Erde, die auf Müllkippen herumkriechen, um das Allernötigste zu haben, was sie zum Überleben brauchen, bekommen keine Sozialleistungen und haben keine Existenzsicherung. Kein Platz für Würde, kein Platz für Scham. Im ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Wird das Arbeitslosengeld II auch als noch so wenig empfunden,
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ist es auch noch so umstritten, sind diese Leistungen auch noch so unangenehm, seiner Pflicht des 1.Artikels im Grundgesetz ist der Staat in diesem Sinne nachgekommen. Niemand in Deutschland muss sich so erniedrigen wie die Menschen in den Favelas in Brasília, Sao Paulo oder Rio de Janeiro, in den Calampas in Lima oder in den dreckigen Slums der Smoky Mountains in Manila, um dem Trieb zu folgen, denen fast jeder von den mehr als 6 Milliarden menschlichen Bewohnern unseres Planeten nachgeht: Dem Trieb zu überleben.
Im Jahr 2006, also neun Jahre vor dem geplanten Erreichen der Millenniumsziele (den Hunger auf der Welt zu halbieren, den Basisunterricht für alle Kinder dieser Welt u.a.), sieht es auf der Südhalbkugel unserer Erde ganz anders aus. Nach Angaben der Welthungerhilfe stieg die Zahl der Hungernden innerhalb eines Jahres von 848 Millionen auf 923 Millionen Menschen weltweit. Der größte Teil, nämlich 907 Millionen, lebt in Entwicklungsländern (vgl. von Grebmer 2008, S.5). Nachdem die Zahl der Hungernden seit 1990 um jährlich 1% sank, nahm sie 2007 um etwa 75 Millionen zu. Für das Jahr 2008 wird aufgrund der gestiegenen Lebensmittelpreise ein weiterer Zuwachs von mindestens 75 Millionen Menschen erwartet. Etwa 969 Millionen Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag, 17% von ihnen haben nicht einmal 50 Cent zur Verfügung (vgl. von Grebmer 2008,S.18). Der Preis für Reis ist derzeit (2008) viermal so hoch wie 2003. Mais und Butter kosten mehr als dreimal so viel wie 2003 (vgl. von Grebmer 2008,S.23).
Was sind die Ursachen des Entwicklungsdefizits zwischen den Industriestaaten, die überwiegend im nördlichen Teil der Erde liegen und den Ländern der Dritten Welt, die überwiegend in der südlichen Hemisphäre zu finden sind? Welche Folgen ergeben sich aus diesen Ursachen für die dort lebenden Menschen? Auf diese Fragen möchte ich im weiteren Verlauf dieses Textes eingehen. Ich habe mich bei meiner Recherche auf Bücher, Zeitschriften, Daten, Fakten usw. verschiedener Organisationen, Institutionen und Autoren berufen. Meine Aussagen werde ich an plausiblen und teilweise erschreckenden Beispielen verdeutlichen. Mein Ziel ist es auf die ungerechten und teilweise unmenschlichen Bedingungen, unter denen die arme Bevölkerung der Dritten Welt zu leiden hat, aufmerksam zu machen und so, auch wenn es nur ein kleiner ist, meinen Beitrag zu leisten. Ich bitte um Verständnis, wenn ich aus Gründen der
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Übersichtlichkeit auf die Bezeichnung beider Geschlechter verzichte. Ich mache aber deutlich, dass sich die Bezeichnung, sofern es sich nicht speziell um eines der beiden Geschlechter handelt, auf weibliche als auch auf männliche Personen bezieht. Dies bedeutet aber keineswegs eine Abwertung oder Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, sondern dient der Übersichtlichkeit und dem vorrangigen Inhalt meines Textes.
2. Begriffsdefinitionen
Um über die Ursachen, die Folgen oder die Verantwortlichen des Phänomens Armut schreiben oder sprechen zu können, sollten einige Begriffe geklärt sein, die direkt oder indirekt mit der existentiellen Bedrohung vieler Menschen weltweit zu tun haben und seit einiger Zeit auch in diesem Zusammenhang in aller Öffentlichkeit debattiert werden. Zum einen der Begriff Armut, der nicht so einfach zu erläutern ist, da viele unterschiedliche Faktoren zu berücksichtigen sind. Und zum anderen der Begriff Globalisierung.
2.1 Armut
Der ehemalige Präsident der Weltbank Robert Strange McNamara definierte den Begriff Armut in einer wegweisenden Rede 1973 in Nairobi so: “Absolute A.(...) ist durch einen Zustand solch entwürdigender Lebensbedingungen wie Krankheit, Analphabetentum, Unterernährung und Verwahrlosung charakterisiert, daß (!) die Opfer dieser Armut nicht einmal die grundlegendsten menschlichen Existenzbedürfnisse befriedigen können” (Nohlen 2000, S.62).
Grundsätzlich kann man sagen, dass Arme ein Leben ohne Grundfreiheiten wie Handlungs- und Entscheidungsfreiheit führen. Häufig mangelt es an angemessener Nahrung, Obdach, Bildung und oder Gesundheit. Außerdem werden Arme oft Opfer der Willkür staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen, und haben nicht die Macht, wichtige Entscheidungen, welche sich auf ihr Leben auswirken, zu beeinflussen (vgl. Weltentwicklungsbericht 2001,S.1). Armut ist die Folge wirtschaftlicher, politischer
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und sozialer Prozesse, die miteinander im Verhältnis stehen und sich oft gegeneinander verstärken, so dass der Mangel der Armen verschärft wird. Laut einer Zusammenfassung des Weltentwicklungsberichts der Weltbank (2001, S.3) leben 2,8 Mrd. Menschen von weniger als 2 US-Dollar am Tag. 1,2 Mrd. Menschen leben sogar von weniger als 1 US-Dollar pro Tag. 44% von diesen Menschen leben in Südasien (vgl.ebd.). Der prozentuale Anteil in den afrikanischen Ländern, vor allem südlich der Sahara, ist allerdings wesentlich höher. 220 Mio. Menschen leben dort von weniger als 1 US-Dollar in lokaler Kaufkraft pro Tag. Das sind etwa 40% der afrikanischen Bevölkerung (vgl. Achinger 2007,S.180). Die Maßstäbe für diese Standards und die Vorstellungen über die Ursachen von Armut sind allerdings örtlich und zeitlich sehr verschieden. Der Begriff Armut entzieht sich wegen seiner Vielschichtigkeit einer allgemeingültigen Definition. Wenn in wohlhabenden Ländern wie in Deutschland von Armut gesprochen wird, dann ist dies nicht das Gleiche wie die Armut in Äthiopien oder Swasiland, denn eine Grundsicherung an Essen, Obdach oder Kleidung ist für alle Menschen in Deutschland möglich. Daher ist zwischen absoluter und relativer Armut zu unterscheiden. “Die Weltbank bezeichnet Armut als den Mangel an Chancen, ein Leben zu führen, das gewissen Minimalstandards entspricht. Menschen gelten als absolut oder extrem arm, wenn sie weniger als 1 US - Dollar pro Tag zur Verfügung haben” (Achinger 2007,S.180). Dies trifft überwiegend für Länder der Dritten Welt zu. In Wohlstandsgesellschaften wird Armut häufig als relative Armut definiert. Als relativ arm wird eine Person bezeichnet, deren Einkommen weniger als einen bestimmten Prozentsatz (meistens 50% oder 60%) des Durchschnittseinkommens seines Landes beträgt. So wird seit 2001 in den Mitgliedsländern der EU derjenige als relativ arm bezeichnet, der weniger als 60% des Nettoäquivalenzeinkommens hat (2. Armut- und Reichtumsbericht 2003,S.19). Das Pro-Kopf-Äquivalenzeinkommen wird ermittelt, indem das Haushaltseinkommen durch die Zahl der im Haushalt lebenden Personen dividiert wird. Jedoch wird hier eine Gewichtung der Personen vorgenommen (z.B. nach der OECD-Äquivalenz-Skala: Erster Erwachsener: 1; jede weitere Person über 14 Jahren: 0,5; Kinder unter 14: 0,3). Die relative Armut kann objektiver Natur sein, also unabhängig davon, ob sie vom Betroffenen als solche empfunden wird. Von subjektiver relativer Armut spricht wird gesprochen, wenn der Betroffene sich arm fühlt,
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unabhängig von der objektiven Feststellung. Hauptursache von relativer Armut sind Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, stark ungleiche Einkommensverteilung und Bildungsmangel. Eine hohe Kinderzahl scheint auch ein Risikofaktor zu sein. In Deutschland lebten im Januar 2003 13,5% der Bevölkerung nach dieser Definition in relativer Armut (vgl. Armut- und Reichtumsbericht 2003,S.19f). Wird die Armutsgrenze auf weniger als 40% des Durchschnittseinkommens des jeweiligen Landes berechnet, läge der prozentuale Anteil der Bevölkerung in Deutschland, die als relativ arm gelte, bei unter 2% (vgl. ebd.).
2.2 Globalisierung
Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann auf der anderen Seite des Erdballs einen Wirbelsturm auslösen. Auf der Erde ist alles (Tiere, Menschen, Pflanzen, Klima, Ozeane usw.) in einen komplizierten und empfindlichen Gleichgewicht miteinander verbunden. Ereignisse können Auswirkungen haben, die räumlich Tausende Kilometer entfernt liegen. Wenn das Netz, das man sich um die Erde herum vorstellen kann, an einer Ecke bewegt wird, setzen sich die Bewegungen in Wellen über die ganze Fläche fort. Die Folgen können positiv sein, denn der Wirbelsturm kann einen ersehnten Regen bringen. Sie können aber auch negativ sein, denn das Unwetter kann Menschen töten und Existenzen rauben. Die unzähligen Verkettungen und Vernetzungen in der Natur gibt es bereits seit Jahrmillionen und immer wieder haben Ereignisse das Gleichgewicht verändert. Heute gibt es jedoch, von uns Menschen gemacht, noch eine ganz andere Art von Verbindungen rund um unseren Globus. Für dieses moderne Netz wird das Wort “Globalisierung” verwendet. 1961 tauchte der Begriff “Globalisierung” zum ersten Mal in einem englischsprachigen Lexikon auf. Er wurde zunächst durch die Sozialwissenschaften geprägt. Theodore Levitt nutzte den Begriff 1983 erstmals wirtschaftspolitisch in dem Artikel “The Globalization of Markets”. Globalisierung ist laut Levitt die zunehmende wirtschaftliche, kulturelle, und soziale Verflechtung, welche die heutige Welt bestimmt. Diese machen sich in den immer stärker werdenden Austausch von Gütern, Kapital, Wissen und Arbeitskräften zwischen den Ländern bemerkbar (vgl. Schneider 2008, S.6f). Dieser Austausch ist aber nichts Neues. Warentausch unter den Ländern gibt es schon seit Hunderten von Jahren, Migration gibt
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es ebenso lange. Neu ist die Beschleunigung, welche diese Entwicklung in den vergangen Jahren erfahren hat. Dafür ein Beispiel: 1948 lag der Gesamtumfang des Welthandels mit Waren bei 59 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2006 waren es 11783 Milliarden US-Dollar, also etwa das 200 fache von 1948 (vgl. Kruber 2008, S. 6). Bei der Globalisierung sind es keine Schmetterlingsflügel, sondern Börsenkrisen die weltweite Wirbelstürme auslösen können. Kauft jemand in den USA ein Haus mit geliehenem Geld, kann das in Europa zu einem Finanzkrach führen, gibt es Probleme mit den Gasleitungen in Russland, kann es sein, dass Menschen in Westeuropa frieren. Gibt es in China oder in Indien ein Wirtschaftswachstum und damit verbunden eine Einkommenssteigerung, verändern sich dort die Ernährungsgewohnheiten, welches für mehr Hungersnot in Afrika sorgen kann. Alle Menschen auf dieser Welt sind in dieses Netz der Globalisierung eingebunden und alle Menschen müssen sich mit den positiven, sowie den negativen Auswirkungen, den Gesetzen und den anderen Ländern arrangieren.
Globalisierung ist nicht statisch, sondern ein Prozess, der ständig weitergeht und immer schneller wird. Es wird behauptet, die Globalisierung hätte Wohlstand für viele Menschen gebracht. Das möchte ich keineswegs bestreiten. Es ist sogar richtig, trifft allerdings fast überwiegend nur für die Menschen in den Industriestaaten zu. Bis auf wenige Länder wie China, Indien oder die vier ostasiatischen “Tiger” (Südkorea, Hongkong, Taiwan und Singapur), die durch die Globalisierung an der Schwelle zu einem Industriestaat stehen, hat die Globalisierung den armen Ländern südlich des Äquators kaum geholfen. Der ökonomische Vorteil der Globalisierung ging an vielen Menschen in den Schwellenländern allerdings vorbei und viele von ihnen versanken noch tiefer im Elend. 57,3% der Waren, die 2006 über den Weltmarkt vermarktet wurden, entfielen auf die Industriestaaten. Die Welthandelsorganisation (WTO) unterscheidet 7 Regionen, die nach Anteilen am globalen Warenhandel eingeteilt sind. Das sind Europa (2006 noch EU25) mit 38,5%, Asien/Pazifik mit 27,8%, Nordamerika mit 14,2%, Nahost mit 5,5%, Süd- und Mittelamerika mit 3,6%, GUS/Russland mit 3,6% und Afrika mit 3,1% (vgl. Kruber 2008, S.6). Hauptsächlich wird der Begriff “Globalisierung” von der wirtschaftlichen Seite betrachtet, denn vor seinem Auftauchen in den 1990er Jahren wurde Globalisierung noch mit dem Trend der
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Internationalisierung der Wirtschaft gleichgesetzt. Inzwischen ist die Welt zu einem großen Markt zusammengewachsen, unsere Volkswirtschaften sind bis in alle Ecken miteinander vernetzt. Das Schlagwort der Globalisierung lautet deshalb “Global Village” - die ganze Welt ist ein Dorf” (Jäger 2004, S.49f).
3. Ursachen für Armut
Es gibt viele mögliche Ursachen, welche das Defizit in der Entwicklung zwischen den Ländern der Dritten Welt und den Industriestaaten deutlich machen. Ich möchte einige Ursachen benennen und kurz erläutern. Meinen Schwerpunkt, den ich persönlich für entscheidend halte, werde ich allerdings etwas detaillierter beschreiben.
3.1 Ursachen allgemein
Zusammengefasst sind die Hauptursachen von Armut: Kriege und Bürgerkriege, politische Strukturen (z.B. Diktatur, ungerechte internationale Handelsregeln), ökonomische Strukturen (ungleiche Einkommensverteilung, Korruption,
Überschuldung, Ineffizienz, Mangel an bezahlbarer Energie), technologische Rückständigkeit, Bildungsrückstand, Naturkatastrophen, Epidemien, zu starkes Bevölkerungswachstum sowie fehlende Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Viele Ursachen können unter das übergeordnete Thema “Natürliche Gegebenheiten” gegliedert werden. Natürliche Gegebenheiten sind Bedingungen, die wir als vorgegeben betrachten, also ohne direktes, gewolltes oder geplantes Eingreifen des Menschen. Zu diesen Gegebenheiten gehört unter anderem der Rohstoffmangel. Es spricht für sich, dass ein Land, welches wenig oder keine natürliche Rohstoffe besitzt, auch dahingehend kein Vorteil erzielen kann. Andersrum beeinflusst das Vorhandensein von Rohstoffen die Entwicklungschancen erheblich, wie das Beispiel der finanzstarken arabischen Ölexportländer zeigt. Aber dies kann nur schwer als Hauptursache gesehen werden, da es rohstoffarme Länder unter den Industrieländern gibt (z.B. die Schweiz) und rohstoffreiche Länder unter den Entwicklungsländern (z.B. die Demokratische Republik Kongo) (vgl. Andersen 2005, S.18). Ebenfalls natürlich gegeben ist das
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ungünstige Klima. Die landwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten sind ohne Frage auch abhängig von den klimatischen Bedingungen. Liegt ein extrem menschenfeindliches Klima wie in Wüsten oder im ewigen Eis vor, beeinflusst dies die Möglichkeiten der Entwicklung. Es muss aber ähnlich wie beim ersten Beispiel mit den natürlichen Rohstoffen nicht unbedingt zum gleichen Entwicklungsstand solcher in diesen Regionen befindlichen Ländern beitragen (vgl. Andersen 2005, S18f). Neben den natürlichen Gegebenheiten können auch innere Ursachen Einfluss auf die Entwicklung eines Landes nehmen. Unter inneren Ursachen werden Erklärungsansätze verstanden, die bei menschlichen Verhalten in Gesellschaften beginnen. Dazu gehört das Bevölkerungswachstum, welches, wenn es zu stark wächst, die Wohlstandsgewinne zu sehr aufbrauchen kann. Um die demographischen Werte nach unten zu bringen, bedarf es einer Verhaltensänderung der Bevölkerung. Aber auch hier ist festzuhalten, dass das Bevölkerungswachstum nicht unbedingt die Entwicklung verhindert, wie es am Beispiel China und Indien deutlich wird (vgl. Andersen 2005, S.20). Eine weitere innerer Ursache ist der Kapitalmangel und somit auch wenig oder kaum Spielraum für ausreichende Sachinvestition. Dem Kapitalmangel könnte durch Anreize für eine höhere Sparbereitschaft und die Kapitalanlage im Inland entgegengewirkt werden. Außerdem müsste Kapitalflucht verhindert und Auslandskapital angelockt werden. Dem gegenüber steht allerdings, dass in einkommensstarken Ölexportländern die Verfügung über Kapital nicht alle Schichten der Gesellschaft erreicht und somit Entwicklung nicht überall stattfindet (vgl. Andersen 2005,S.20). Entwicklungsländer sind Teil eines internationalen Systems und somit nicht nur anfällig auf innere Einflüsse, sondern auch auf äußere Einflüsse. Beispielhaft dafür ist das Warenaustauschverhältnis zwischen Entwicklungsländern und Industrieländern, welches ungleichmäßig zu Ungunsten der Entwicklungsstaaten verteilt ist. Die ins reiche Ausland exportierten Rohstoffe der unterentwickelten Länder stehen hierbei im Verhältnis zu dem vom reichen Ausland importierten Fertigprodukten. So sind Lerneffekte, technologische Fortschritte und Verdienstspannen des reichen Auslandes wesentlich höher als bei den Rohstoffe exportierenden unterentwickelten Ländern (vgl. Andersen 2005, S.21). Diese können dagegen auf keine staatliche Unterstützung hoffen und müssen sich aussichtslos verschulden, um die höheren Ausgaben auszugleichen.
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Eine weitere Theorie der äußeren Ursachen ist die strukturelle Abhängigkeit. Sie besagt, dass die Länder der Dritten Welt auch nach der formalen politischen Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien in ein internationales System eingebettet sind. Die strukturelle Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien ist immer noch geprägt durch die industriellen Zentren und wird mit Hilfe dieser Strukturen weiter unterentwickelt gehalten. Dies gilt nicht nur für den ökonomischen, sondern auch für den kulturellen Bereich. Verfechter dieser These zeigen auf das Beispiel der vier “Tiger”, die durch ein enormes Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren auffielen (vgl. Andersen 2005, S.21). Diese Erklärungsansätze, welche versuchen die Ursachen der Unterentwicklung in vielen Ländern herzuleiten, lassen sich vielerorts widerlegen. Sie lassen sich aber auch anhand häufig auftretender Beispiele in der Dritten Welt bestätigen. Es zeigt außerdem die Vielschichtigkeit der Faktoren für Armut und somit die Schwierigkeit den Begriff konkret zu definieren. Ich möchte aber noch etwas genauer auf eine Ursache eingehen, die meines Erachtens sehr bedeutend ist. Die Verschuldung vieler Länder in der Dritten Welt.
3.2 Ursachen speziell - Verschuldung
Weltweit gibt es ungefähr 130 Staaten, die zur Dritten Welt gehören. Ursprünglich zählten zur Zeit des “Kalten Krieges” jene Länder zur Dritten Welt, die weder den liberal demokratischen Staaten des Westens, noch den kommunistischen Regime des Ostblocks, also der Ersten oder Zweiten Welt, angehörten. Sie wurden auch blockfreie Staaten genannt. Der Begriff der Dritten Welt ist nicht im Sinne einer Rangordnung zu verstehen, sondern wurde auch verwendet um die Einigkeit dieser Länder zu verdeutlichen. Zwischen 1989 und 1991 endete der klassische Ost-West-Konflikt mit dem politischen und ökonomischen Zerfall der meisten kommunistischen und sozialistischen Länder. Dieser Zusammenbruch hatte positive als auch negative Folgen für den Konflikt zwischen Nord und Süd. Positiv zu bewerten ist, dass so genannte Stellvertreterkriege innerhalb der Entwicklungsstaaten überflüssig wurden. Auf der negativen Seite ist festzuhalten, dass sich inner- und zwischenstaatliche Konflikte verschärften und gewaltsam ausgetragen wurden und werden, welche zu Zeiten des Kalten Krieges durch eine gewisse Blockdisziplin unterdrückt wurden (vgl. Andersen
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2005, S.5). Strategisch interessante Entwicklungsländer können Ost und West nicht länger zum eigenen Vorteil gegeneinander ausspielen (vgl. ebd.). So wurden zum Beispiel die Kaffeepreise über 30 Jahre vom International Coffee Agreement (ICA) reguliert. Die Ausfuhrquoten wurden auf eine beschränkte Preisschwankung zwischen 1,20 und 1,40 US-Dollar pro Pfund Rohkaffee garantiert. Mit der Hilfe des ICA hofften die transnationalen Unternehmen der westlichen Länder einen stabilen Kaffeepreis und somit den Anschluss vieler Kaffeeproduzenten in der Dritten Welt an den Ostblock zu vermeiden. Denn die Drohung, dass sich Länder wie Brasilien, Kolumbien, Salvador oder Ruanda dem Sowjetblock anschließen könnten, war für diese Konzerne ein ewiger Alptraum. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staatengemeinschaft war der ICA überflüssig und wurde abgeschafft. Seitdem herrscht auf dem Kaffeemarkt das Recht des Stärkeren (vgl. Ziegler 2005, S.152f). Dies sind nicht die kleinen Kaffeeproduzenten in den Entwicklungsländern, die durch ihre mühsame Arbeit ihre Familien ernähren müssen, sondern die multinationalen Konzerne des Westens, die teilweise ihre Produkte subventioniert bekommen und somit günstiger anbieten können. Ein weiterer Nachtteil für die Länder der Dritten Welt ist die daraus resultierende Konkurrenz mit den früheren Ostblockländern um die finanziellen Mittel des Westens. Das heißt, dass die geleistete Ost-Hilfe real zu Lasten der Süd-Hilfe ging und geht. Denn die Gelder, die jetzt in den bankrotten Osten gehen, stehen den Ländern in der südlichen Hemisphäre nicht mehr zur Verfügung (vgl. Andersen 2005, S.5). Heute wird der Begriff “Dritte Welt” synonym für Entwicklungsland genutzt. Kriterien für ein Entwicklungsland sind unter anderem Defizite im Bereich der Gesundheit, der Bildung, des Sozialwesens, der Infrastruktur, in der Politik, die Nichteinhaltung der Menschenrechte und Korruption. Unter den Entwicklungsländern gibt es verschiedene Teilgruppen. Eine dieser Gruppen sind die Schwellenländer, die aufgrund erfolgreicher Industrialisierungsprozesse die typischen strukturellen Merkmale der
Entwicklungsländer überwunden haben und an der Schwelle zum Industrieland stehen. Gegensätzlich zu den wirtschaftlichen Erfolgen der Schwellenländer steht die Teilgruppe der am wenigsten entwickelten Länder. Die UNO definierte 1971 diese Länder mit dem Begriff “Least Developed Countries” (LDC). Damals lag die Zahl der dazugehörigen Länder bei 27, heute sind es bereits 50 Länder, in denen etwa 650
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Millionen Menschen leben. Das sind ca. 10% der Weltbevölkerung, die aber nur 1% des Welteinkommens erwirtschaften (vgl. Ziegler 2005a, S.94). Diese extrem armen Staaten unter den Entwicklungsländern werden auch als die “Vierte Welt” tituliert, um auf enorme Unterschiede auch in der Dritten Welt zu deuten. 2005 überwiesen die Industrieländer an die damals noch 122 Entwicklungsländer der Dritten Welt 58 Milliarden US Dollar Entwicklungshilfe. Im gleichen Jahr bezahlten diese Entwicklungsstaaten an die großen Banken in den reichen Ländern 482 Milliarden US Dollar Zins und Tilgung zurück (vgl. Ziegler 2005a, S.71). Das sind etwa 9-mal mehr Dollars, die das Land verließen als in die Staatskassen flossen. Nach Angaben der Weltbank betrug die Gesamtverschuldung der Entwicklungsländer im Jahr 1980 647 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2001 häuften diese Länder schon einen enormen Schuldenberg von 2332 Milliarden US-Dollar an (vgl. Andersen 2005, S.11). Eine Statistik aus dem Jahr 1986 belegt, dass die Länder Afrikas jährlich rund 15 Milliarden US-$ Zinsen an die Industriestaaten zurück zahlten. Das war in etwa die Summe, die der Kontinent im gleichen Jahr an Entwicklungshilfe bekam (vgl. Borsdorf 1998, S.97). Als weiterführendes Übel hat Afrika 1985/86 durch den Verfall der Rohstoffpreise, trotz erhöhter Exportmengen, rund 30% Einnahmeverluste hinnehmen müssen. Daraus ergab sich ein Einnahmeverlust im Jahr 1986 von 19 Mrd. US-$ (vgl. ebd.). Ein größeres Problem hatten die lateinamerikanischen Länder. 1982 hätte Brasilien 89% seiner Exporterlöse benötigt, um Zinsen und Tilgung der Auslandskredite aufzubringen (vgl. ebd.).
“Man braucht keine Maschinengewehre, kein Napalm, keine Panzer, um die Völker zu unterwerfen und ins Joch zu zwingen. Dafür sorgt heute ganz allein die Verschuldung” (Ziegler 2005a, S.71).
Wie kommt diese Verschuldung zu Stande? Und was sind die Gründe dafür, dass, obwohl die Schuldnerstaaten pünktlich ihre Raten zahlen, der Schuldenberg ins Unermessliche wächst? Es sind verschiedene Ursachen dafür verantwortlich: 1. Viele Schuldnerländer produzieren Rohstoffe, besonders landwirtschaftliche Rohstoffe. Dafür werden aber Industriegüter wie Maschinen, Lastwagen, Medikamente usw. benötigt. Der Großteil der benötigten Industriegüter zur Produktion dieser Rohstoffe muss importiert werden. Im Verlauf der letzten 20 Jahre sind allerdings die
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Preise für diese Güter auf dem Weltmarkt über das 6fache gestiegen, während die Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe (Kaffee, Baumwolle, Rohrzucker, Kakao usw.) ständig gesunken sind (vgl. Ziegler 2005a, S.81). Um die Zinsen zurückzahlen zu können und den Konkurs zu vermeiden, werden immer wieder neue Kredite aufgenommen, die es unmöglich machen, die Schulden aus eigener Kraft zu begleichen und der Armut zu entkommen (vgl. ebd.).
2. Die unaufhörliche Gier nach Macht und Profit multinationaler Unternehmen und Gesellschaften. Die Unternehmenspolitik der großen multinationalen Gesellschaften ist auf maximalen Profit ausgerichtet. Sie kontrollieren heute weite Sektoren der Wirtschaften der Länder der südlichen Erdhälfte. Sehr oft erzielen sie astronomische Gewinne, wovon der Großteil zurück an die Firmensitze in die westlichen Industriestaaten geht und nur ein kleiner Teil wird in die örtliche Währung investiert (vgl. Ziegler 2005a, S.82).
3. Die hohen Zinsen, die auf die Kredite veranschlagt werden. Für den Weltkapitalmarkt sind die Staaten der Dritten Welt Schuldner mit hohem Risiko. Somit sind die Zinsen wesentlich höher als die der Schuldner in den reichen Ländern und die Gewinne für die Gläubiger fallen dementsprechend wesentlich höher aus (vgl. Ziegler 2005a, S.83). 4. Die Veruntreuung staatlicher Gelder in den Ländern der Dritten Welt, durch einheimische korrupte Vertreter des Volkes und Marionetten westlicher Konzerne in Verbindung mit Privatbanken in den Industriestaaten. Ein Beispiel: Der verstorbene Diktator von Zaire (Demokratische Republik Kongo) Marschall Joseph Desire Mobutu hat ein Privatvermögen von etwa 8 Mrd. Dollar hinterlassen (aus den Kassen des Staates oder Bestechungsgelder), welches in diversen westlichen Banken versteckt ist. 2004 betrug die Auslandsschuld der Republik 13 Mrd. Dollar (vgl. Ziegler 2005a, 81f). Die Zahlen sprechen für sich.
Es gibt also noch eine zweite Gruppe, die von ausländischen Investoren profitieren und für das Anwachsen des Schuldenberges teilweise mitverantwortlich sind. Die einheimische Bourgeoisie schöpft sich enorme Reichtümer in die eigenen Taschen. Jean Ziegler (2005a, S.73) nennt sie die Comprador-Klasse. Comprador ist spanisch und heißt übersetzt “Käufer”. Es sind von den Unternehmern der reichen Demokratien gekaufte Beamte, Generäle, Politiker, Angestellte usw., die durch diese Korruption ihre
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Lebenslagen drastisch verbessern und die ihrer Mitmenschen in ihren Heimatländern in Afrika, Asien, Lateinamerika und in der Karibik ebenso deutlich verschlechtern. Sie vertreten nicht die Interessen der in ihrer Verantwortung liegenden Bevölkerung, sondern die der Geldgeber aus dem Westen und ihre eigenen. Das Problem der Korruption gibt es leider überall auf der Welt, auch in Deutschland, allerdings im Vergleich mit den Ländern der Dritten Welt sind die Folgen der Korruption in den Industriestaaten eher harmlos.
Bei der Betrachtung dieser Ursachen, welche längst nicht alle sind, ist die Entwicklung der Schuldenlast in den Ländern der Dritten Welt in den letzen 20 Jahren nachvollziehbar. Aber wie ist dieser ungleiche und ungerechte Kapitalfluss möglich? Dazu eine etwas detaillierte Antwort. Zu den einflussreichsten Sonderorganisationen der Vereinten Nationen (UN) zählen die Weltbank und der Internationale Währungsfond (IWF). Sie wurden 1944, also noch vor den UN, in Bretton Woods (USA) gegründet und bilden zusammen mit der Welthandelsorganisation (WTO) die organisatorischen Pfeiler der Weltwirtschaftsordnung in den Bereichen Entwicklungsfinanzierung, Währung und Handel (vgl. Andersen 2005,S.38).
Die entwicklungspolitischen Strategien der Weltbank und des IWF werden von Seiten der Entwicklungsländer, Nichtregierungsorganisationen aus den Industriestaaten und der Wissenschaft scharf kritisiert (vgl. Andersen 2005, S.39f). Einer der stärksten Kritikpunkte ist die überwiegende Interessenvertretung der Industriestaaten bei der Entwicklungsarbeit dieser Organisationen. Abgesehen von einem Anteil gleicher Basisstimmen für jedes Mitgliedsland richtet sich das Stimmengewicht nach der Höhe der geleisteten Beträge (vgl. Andersen 2005,S.39f). Daraus ergibt sich eine deutliche Mehrheit der westlichen Industrieländer bei der Weltbank und beim IWF. Nur die fünf stimmenstärksten Mitglieder haben das Recht auf einen Direktor im Exekutivdirektorium. Diese Tradition hat dazu geführt, das der Präsident der Weltbank immer ein US-Amerikaner und der geschäftsführende Direktor des IWF immer ein Europäer war (vgl. Andersen 2005,S.39f). Die Weltbank hat ihren Sitz in Washington D.C. und ist an sich die bedeutendste internationale Finanzorganisation in der Entwicklungspolitik. Das Ziel dieser Sonderorganisation ist die Bekämpfung der Armut und die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern durch
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finanzielle und technische Unterstützung. Die Weltbank wird auch als Weltbankgruppe bezeichnet, da sie aus fünf Organisationen besteht, die unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen. Der bedeutendste Teil der Weltbankgruppe ist die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (International Bank for Reconstruction and Development - IBRD). Weitere Institutionen dieser Gruppe sind: - Internationale Entwicklungsorganisation (International Development Association -IDA)
- Internationale Finanz-Corporation (International Finance Corporation - IFC), - Multilaterale Investitions-Garantie-Agentur (Multilateral Investment Guarantee Agency - MIGA)
- Internationale Zentrum für die Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (International Centre for Settlement of Investment Disputes - ICSID).
Der IWF, dessen Sitz ebenfalls in Washington D.C. ist, zielt auf Förderung stabiler Währungsbeziehungen. Dazu untersucht er die Wirtschafts- und Währungspolitik seiner Mitgliedsländer und weist durch Beratung rechtzeitig auf Schwachstellen hin, so dass sie beseitigt werden können (vgl. Andersen 2005, S.39). Kommt es zu Zahlungsbilanz-Defiziten und Währungskrisen kann er in Form von Krediten helfen, welche, wie bei der Weltbank, an Auflagen geknüpft sind (vgl. ebd.). Im eigentlichen Sinne ist der IWF eine Währungs- und keine Entwicklungsorganisation. Die Kredite des IWF wurden aber in den letzten Jahren ausschließlich auf Grund von Währungskrisen durch Entwicklungsländer in Anspruch genommen. Für diese nahm die Bedeutung des IWF zu (vgl. Andersen 2005,S.39).
So viel zur Theorie. In der Praxis sieht das ganze ähnlich aus. Nur die aus den oben angesprochen Auflagen des IWF resultierenden Folgen für den Großteil der Bevölkerung in den Entwicklungsländern sind gravierend, genauer ausgedrückt Existenz raubend. Wenn die Zahlungsunfähigkeit eines Schuldnerlandes droht, kommt der IWF ins Spiel. Sie prüfen die wirtschaftliche Lage des Landes und verfassen einen “letter of intent” (einen Absichtsbrief) (Ziegler 2005a, S.77). Das bedeutet, dass die Regierung des jeweiligen Landes Haushaltskürzungen akzeptieren muss. Selten kommt es vor, dass im Budget der Armee, des Geheimdienstes oder der Polizei gekürzt wird, denn diese werden ja für den Schutz ausländischer Investitionen gebraucht. Einfacher ist
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es die Schrauben bei denen anzudrehen, die kaum etwas besitzen. Der IWF wurde nicht geschaffen, um bei der Umverteilung des Nationaleinkommens zu helfen, sondern dafür zu sorgen, dass Zinsen und Verschuldung regelmäßig bezahlt werden. Deshalb wirken die Vorgaben des IWF sehr oft radikal gegenüber der armen Bevölkerung (vgl. Ziegler 2005a, S.78).
Hierfür ein Beispiel: Der Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Auslandsschulden betrugen 2004 über 1,6 Mrd. Dollar (vgl. Ziegler 2005b, S.196). Seit der Finanzkrise 2008 hört sich ein solcher Betrag beinahe wie ein Taschengeld an, aber für dieses Land ist die Schuldenlast erdrückend. Hama Amadous, der Mann an der Spitze des Nigers, legte 2001 ein Regierungsprogramm vor, welches den Bau von 1000 Schulen pro Jahr vorsah. Im gleichen Jahr verkaufte der Niger die Lizenz für Mobiltelefonnetze an private Anbieter. Das dadurch eingenommene Geld sollte in den Bau von Schulen gesteckt werden. Aber dem war nicht so, denn seit der Niger den IWF auf Grund der Verschuldung um Hilfe gebeten hat, diktieren die Mitarbeiter des Währungsfonds die Finanzen des Landes. Vorrang hat für den IWF die Bedienung der Schuldzinsen an die Gläubiger des Westens (vgl .Ziegler 2005b, S.197). Die Alphabetisierung, das Bekämpfen von Krankheiten, Lösungen zur Wasserversorgung oder zur Ernährungsfrage sind alle zweitrangig, solange die Interessen der westlichen Gläubiger befriedigt werden.
Ein weiteres Beispiel für die Interessen vertretende Politik des IWF ist Indonesien. Im Sommer 1997 konnte Indonesien auf erfolgreiche Jahre zurückblicken. Die Wirtschaft boomte und die Armut hatte sichtbar nachgelassen. Doch die Lage war alles andere als stabil, da der Aufschwung überwiegend durch Kredite fremder Währung finanziert wurde. Diese Verschuldung war überflüssig, denn es war ausreichend Eigenwährung vorhanden, um die aufsteigende Wirtschaftsentwicklung aus eigenen Kräften zu finanzieren. Aber der damalige Diktator Suharto musste den Forderungen des Internationalen Währungsfonds zur Liberalisierung des Kapitalverkehrs nachgeben. Der einzige Grund dieser Forderungen des IWF wirkt nur in der Annahme nachvollziehbar, dass der westliche Finanzmarkt am großen Aufschwung in Indonesien mitverdienen konnte. Dies war auch tatsächlich der Fall. In kürzester Zeit flossen Milliarden an westlichen Banknoten aus den USA und Europa als kurzfristige Anlagen und Kredite
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nach Indonesien und hebelten die nationale Geld- und Zinspolitik aus (vgl. Goeudevert 2008, S.185f). Es folgte die Asienkrise 1997/98. Die Krise begann in Thailand und schwappte auch auf Indonesien über. Die indonesische Rupiah verlor innerhalb weniger Monate 40% an Wert, die Wirtschaft und viele Banken brachen ein. Die ausländischen Anleger flüchteten panisch und die Währung sank weiter ins Bodenlose (vgl. ebd.). Das Bruttosozialprodukt betrug im Jahr 1997 noch 212 Milliarden Dollar und sackte nur ein Jahr später auf 95 Milliarden Dollar. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 40%, die Löhne sanken bis zu 30%, das Pro-Kopf-Einkommen rutschte von 1200 auf 400 Dollar und es leben zu diesem Zeitpunkt 5 mal mehr Menschen im Elend, als noch ein Jahr zuvor. Eine wirtschaftliche Katastrophe, von der sich Indonesien bis heute noch nicht erholt hat. (vgl. Goeudevert 2008,S.185f)). In der Hoffnung auf Hilfe, rief Suharto IWF Experten ins Land und noch im November 1998 ging er mit ihnen ein Notfallarrangement ein, welches fatale Folgen für die schon leidende Bevölkerung hatte. Die Experten des Währungsfonds forderten ein rasantes Sparprogramm und eine hohe Zinspolitik, sodass Lebensmittel und Benzin um 100% teurer wurden. Schulen und Spitäler mussten geschlossen werden (vgl. Goeudevert 2008, S.187). Vernünftig ist es gerade in Krisenzeiten nicht zu sparen, sondern zu investieren und die Wirtschaft wieder auf gute Wege zu führen, aber dazu brauchte Suharto Geld. Das bekam er zwar vom IWF in zweistelliger Milliardenhöhe, aber das Geld war vorgesehen für die Schuldenbegleichung der ausländischen Gläubiger. Das heißt die Schulden werden verstaatlicht, die Spekulanten, Unternehmer und Banken der Industriestaaten bekommen Geld und die hungernden Menschen müssen dafür aufkommen. Und der IWF scheint nur Mittel zum Zweck für die Interessen westlicher Investoren zu sein. Der Schuldendienst verschlingt den größten Teil der Ressourcen der verschuldeten Länder. Es ist nichts mehr übrig, um soziale Investitionen zu finanzieren, also öffentliche Schulen, öffentliche Spitäler, Sozialversicherungen usw. (vgl. Ziegler 2005a, S.77). Doch nicht nur die Zahlung der Zinsen und die Tilgung der Schulden stehen im Vordergrund bei der Kreditvergabe des IWF. Weitere Forderungen sind: Die Liberalisierung der Kapitalmärkte also die Öffnung des nationalen Banken-Börsenwesens sowie des Währungsverkehrs für die internationale Finanzindustrie und der öffentlichen Dienste dieser Länder. Damit verbunden auch die Gleichstellung mit
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ausländischen Investoren, um denen den Markt dort zu öffnen. Eine rapide staatliche Sparpolitik, inklusive Subventionsabbau und Privatisierung von staatlichen Unternehmen und außerdem die Öffnung des Binnenmarktes für ausländische Anbieter und Produkte (vgl. Goeudevert 2008, S.184f).
Überbevölkerung, fehlende und unzureichende Infrastruktur oder mangelnde Bildung sind für mich nicht die Hauptgründe, warum die Entwicklung der meisten Länder unterhalb des Äquators und der daraus folgenden extremen Armut nicht sichtbar voran geht. Es ist die Verschuldung, die den Menschen dort keine Chance lässt, sich aus eigener Kraft von Gewalt, Elend, Hunger und Krankheiten zu befreien.
4. Folgen der Armut
“Demografen veranschlagen die durch den Zweiten Weltkrieg hervorgerufenen Verluste folgendermaßen: 16 bis 18 Millionen Männer und Frauen fielen im Kampf; Duzende Millionen von Kombattanten wurden verletzt und teilweise verstümmelt. Wie viele Zivilisten wurden getötet? 50 bis 55 Millionen”(Ziegler 2005b, S.103). Wie sieht die Welt heute aus, über 60 Jahre nach dem Grauen des Nationalsozialismus? Nach Angaben einer UN-Sonderorganisation “...belief sich die Zahl der in den 122 Ländern der Dritten Welt durch wirtschaftliche Unterentwicklung und extreme Armut verursachten Todesfälle im Jahr 2001 auf etwas über 58 Millionen. Von schwerer und dauerhafter Invalidität aus Mangel an Einkünften, Nahrung und Trinkwasser sowie durch den fehlenden Zugang zu Medikamenten sind mehr als eine Milliarde Menschen betroffen”(Ziegler 2005b, S.103f). Das bedeutet, dass Hunger, Durst, Seuchen und durch Armut bedingte
Lokalkonflikte jedes Jahr fast genau so viele Menschen in den Tod reißen, wie das der Zweite Weltkrieg in sechs Jahren tat (vgl. ebd.).
Gesundheit ist ein zentrales Element für die Lebensqualität eines jeden Menschen und ein wichtiger Faktor für die Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung. Die in der Regel deutlich schlechtere gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung in der Dritten Welt wird beeinflusst von der Ernährung, aber auch von den Wohnverhältnissen, von
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hygienischen Bedingungen und insbesondere dem fehlenden Zugang zu ausreichenden Mengen sauberen Trinkwassers, vor allem auf dem Land (vgl. Andersen 2005, S.15).
4.1 Unterernährung
Armut führt zu Unterernährung und Ernährungsunsicherheit, da der Zugang zu Lebensmitteln eingeschränkt wird. Unterernährte Menschen sind weniger leistungsfähig, was sich auf die Arbeitskraft auswirkt und bei Kindern dauerhafte Folgen in der psychischen und physischen Entwicklung hat. Das wiederum führt zu einem Teufelskreis, da diese Entwicklung von der Unterernährung wieder zu Armut führt oder diese verstärkt (vgl. von Grebmer 2008,S.19).
Unterernährung bedeutet, dass die Nahrung, die ein Mensch zu sich nimmt, dem Körper nicht ausreichend Energie zuführt. Je nachdem wie alt ein Mensch ist, benötigt er eine bestimmte Menge an Kalorien, um nicht an Unterernährung zu leiden. Bei einem Säugling sind es ca. 300 Kalorien pro Tag. Bei einem Kind im Alter von 5 Jahren sind ca. 1600 Kalorien am Tag nötig und ein Erwachsener braucht 2000 bis 2700 Kalorien pro Tag, um täglich frische Lebenskraft zu tanken (vgl. Ziegler 2005a, S.103). Diese Werte sind abhängig vom Klima der jeweiligen Region, in der die betroffenen Menschen leben und welche körperlichen Tätigkeiten sie ausüben (vgl. ebd.). Wie in meiner Einleitung erwähnt gibt es laut dem Welthunger-Index 2008 ca. 1 Mrd. Menschen, die vom Hungertod bedroht sind. Pro Jahr sterben ca. 62 Mio. Menschen an unterschiedlichen Ursachen, ca. 36 Mio. sind allein im Jahr 2000 an Hunger oder an einem Mangel an Mikronutrimenten (Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente) gestorben (vgl. Ziegler 2005,S.103). Im Jahr 2001 starb alle sieben Sekunden ein Kind unter 10 Jahren und im gleichen Jahr wurden 826 Mio. Menschen durch die Folgen schwerer und chronischer Unterernährung invalid. Im Jahr 2005 waren es bereits 854 Mio. (vgl. Ziegler 2005a, S.102). Den höchsten Anteil an unterernährten Menschen haben Eritrea mit 75% und die Demokratische Republik Kongo mit 74% der Bevölkerung (vgl. von Grebmer 2008,S.16). Indien, der Jemen und Osttimor haben die höchste Rate an unterernährten Kindern unter 5 Jahren. Sie liegt in allen drei Ländern zusammen bei über 40% (vgl. ebd.). Sierra Leone mit 27% und Angola mit 26% der Bevölkerung haben die höchste Kindersterblichkeit, die auch Folge der Unterernährung sein kann (vgl. ebd.). Ursachen, die den Zugang zu Lebensmitteln erschweren und somit
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zu Unterernährung führen sind u.a. das Wirtschaftswachstum und steigende Einkommen in einigen Entwicklungsländern. Dies führt zur Veränderung der Essgewohnheiten, so dass die Nachfrage nach Lebensmitteln steigt und mit dieser Nachfrage auch der Preis. Ebenfalls beeinflusst die höhere Nachfrage nach Biokraftstoffen die Kosten. So stiegen zum Beispiel die Kosten für Mais um 39% und für Getreide um 30% (vgl. von Grebmer 2008,S.23). Weitere Ursachen sind: steigende Kosten für Öl, was Einfluss auf die Transportkosten hat; extreme Witterungsverhältnisse, die den Ertrag der Ernte verringern können; Ausfuhrbeschränkungen, die das Angebot für bedürftige Länder beschränken; und Spekulationen auf dem Aktienmarkt, die aufgrund von Vermutungen den Preis nach oben schnellen lassen (vgl. ebd.).
Eine Möglichkeit den weltweiten Hunger zu verringern ist die Erschließung neuer Nahrungsquellen. Zum Beispiel die Meere. Sie nehmen 80% des tierischen Lebens ein, aber erst 8% unserer Nahrungsmittel stammen aus dem Wasser. Diese decken allerdings 15% des Eiweißverbrauchs der Weltbevölkerung und könnten einen Teil der Eiweißlücke in der Dritten Welt decken (vgl. Borsdorf 1998, S.109). Hierbei ist aber zu beachten, dass die Überfischungsgefahr und die Essgewohnheiten der Menschen in der Dritten Welt diese Möglichkeit einschränken (vgl. ebd.). Ebenfalls bedenklich ist die Tatsache, dass ein großer Teil des Fischfangs nicht für die direkte Ernährung, sondern für die Produktion von Viehfutter und Dünger verwendet wird. Zum Beispiel die Anchovi-Schwärme des Humboldtstromes vor der südamerikanischen Westküste landen fast ausschließlich in den Fischmehlfabriken von Chimbote oder Iquique und werden dort zu Hühnerfutter verarbeitet (vgl. ebd.). Dieses Hühnerfutter wiederum dient zur Aufzucht von Milliarden Junghühnern, die dann irgendwann als “Kentucky-Fried-Chicken” oder “Chickennuggets” auf den Tellern der Genießer in den wohlhabenden Staaten zum Verzehr landen (vgl. ebd.).
Das Überleben des Menschen ist aber nicht nur abhängig von einer Mindestanzahl an Kalorien, sondern auch von einer ausreichenden Menge genießbarer Flüssigkeit.
4.2 Wassermangel
Die Erde besteht zu 70% aus Wasser, allerdings sind 97% des Bestandes ungenießbares Salzwasser. Von den restlichen 3% des Wassers, welches trinkbar ist, ist nur ein kleiner Teil zugänglich, denn der größte Teil davon lagert tiefgefroren in Grönland und der
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Antarktis. 50% des Süßwassers befinden sich gerade mal in einer Hand voll Staaten. Aktuell haben fast eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Täglich sterben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tausende Kinder durch Krankheiten, die auf schmutziges Wasser zurückzuführen sind (vgl. Friebe 2008, S.1). Im Norden von Burkina Faso, Mali oder dem Niger ist der Grundwasserspiegel heute oft schon in 50 Meter Tiefe. Um das Wasser aus dieser Tiefe nutzen zu können, werden technische Mittel benötigt. Es muss mit Hilfe von Maschinen ein Loch gebohrt, dann muss der Brunnenschacht gesichert und schließlich müssen leistungsfähige Pumpen installiert werden, um das Wasser nach oben pumpen zu können. Dies kostet Geld und das haben die Bewohner dieser Dörfer nicht (vgl. Ziegler 2005b, S.115). Sie ziehen weiter, irgendwohin, wo die Hoffnung besteht zu überleben. Sie landen in den ständig wachsenden Elendsvierteln an den Rändern der großen Städte.
4.3 Seuchen
Bei der Bekämpfung von Epidemien sind in der Vergangenheit große Erfolge gefeiert worden. Dennoch stellen einige Seuchen grenzüberschreitend eine große Gefahr dar, welche überwiegend die Entwicklungsländer trifft (vgl. Andersen 2005, S.15). Die 2004 in Bangkok stattgefundene Welt-Aids-Konferenz stellte das Versagen im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids fest (vgl. Andersen 2005, S.15). In diesem Jahr gab es ca. 40 Mio. HIV-Infizierte und Aidskranke. Davon lebten 34 Mio. in den Ländern der Dritten Welt, 4,9 Mio. Neuinfizierungen und 3,1 Mio. Todesopfer. Am stärksten betroffen mit einer HIV-Rate von 20-30% ist das südliche Afrika. Aber die stärksten Steigerungen der HIV-Rate zeigt sich in Osteuropa und in den bevölkerungsstarken Ländern Asiens, denen ein Anstieg von 7 Mio. im Jahr 2003 auf 17 Mio. im Jahr 2010 vorausgesagt wird (vgl. ebd.). Aber nicht nur am Beispiel der Immunschwächekrankheit Aids lässt sich die schlechte gesundheitliche Versorgung verdeutlichen. Auch Tuberkulose und Malaria gewannen wieder an Bedeutung und forderten Millionen Opfer in den Ländern der Dritten Welt (vgl. ebd.). Nach einem Abkommen der WTO ist es multinationalen pharmazeutischen Unternehmen erlaubt, die Herstellung, Verteilung und den Preis der wichtigsten Medikamente zu kontrollieren (vgl. Ziegler 2005b, S.149). Auch wenn es noch keine direkte Heilung für HIV und Aids gibt, können andere Medikamente den Ausbruch der Krankheit verzögern und
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Lebensqualität und die Kraft zum Arbeiten vorerst erhalten. Diese Medikamente stehen allerdings nur einem Bruchteil der bedürftigen Bevölkerung in den Entwicklungsländern zur Verfügung (vgl. Andersen 2005,S.15). Nur die aller wenigsten dieser Menschen können sich eine Kombitherapie zur Eindämmung von Aids leisten. Die anderen sind vom Markt, der ihnen das Leben retten könnte, ausgeschlossen. Unterernährung, kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser, Defizite in der gesundheitlichen Versorgung, hohe Gewaltbereitschaft, die sich in Kriminalität und ethnischen Konflikten äußert, haben zur Folge, dass die Lebenserwartung in diesen Regionen nicht besonders hoch ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Dritten Welt lag 2001 bei 64 Jahren und lag damit um 14 Jahre hinter der Lebenserwartung der Menschen in den Industriestaaten (vgl. Andersen 2005, S.15). Besonders HIV/Aids hat die durchschnittliche Lebenserwartung in einigen afrikanischen Ländern deutlich nach unten korrigiert. So liegt sie beispielsweise in acht afrikanischen Staaten gerade mal bei knapp 40 Jahren (vgl. Andersen 2005,S.16). Das sind nur wenige Beispiele, die aber eine Vielzahl von Folgen der Armut in der Dritten Welt beleuchten sollen. Es ist meines Erachtens fast nicht möglich ein Bild zu vermitteln, welches dermaßen schrecklich ist. Ein Mensch, der in einem halbwegs funktionierenden demokratischen Rechtsstaat aufwächst, kann solche Verhältnisse nur schwer nachvollziehen. Was gibt es für Möglichkeiten diesem Entwicklungsdefizit ein Ende zu bereiten?
5. Fazit und Möglichkeiten
“Bellum omnium contra omnes - der Kampf aller gegen alle.” So bezeichnete Thomas Hobbes den Menschen im Naturzustand, der durch sein Eigeninteresse geleitet ist und egoistisch handelt (vgl. Kunzmann 2007,S.116f). Man stelle sich vor, die Welt sei ohne Gesetze, ohne auch nur irgendeine Regel, also die völlige Freiheit im Handeln des Individuums, ohne eine übergeordnete Institution fürchten zu müssen. Dazu hat der Mensch alle denkbaren Mittel zur Verfügung, welche er braucht, um seinen Willen durchzusetzen. Aber der Drang zu dem, was uns seit Jahrtausenden fortbestehen lässt, der oberste Wert des Menschen, ist die Selbsterhaltung. Das bedeutet, dass der aus dem
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eigennützlichen Tun gewonnene Vorteil zum Nachteil anderer wird, oder umgekehrt, und somit deren Selbsterhaltung gefährdet. Diese Selbsterhaltung ist es, die den Menschen dazu veranlasste, sich zusammenzuschließen zu einer Gesellschaft, zu einer Gemeinschaft unter dem Dach des Staates, der dafür sorgt, dass nicht mehr jeder alle Mittel zur Verfügung hat, um seine egoistischen Interessen zu verwirklichen. Jeder Bürger verzichtet freiwillig auf ein Stück seiner Freiheit, damit die Freiheit aller geschützt ist (vgl. ebd.). Diese Gemeinschaft unter dem Dach des Staates funktioniert in einer globalen Welt scheinbar nicht. Dieser Gedanke muss einer Weltgemeinschaft übergestülpt werden unter dem Dach von ethischen und moralischen Werten. Aber wie kann das aussehen? Wer kann dafür sorgen und was kann getan werden? Trotz ihrer Unterschiedlichkeit in den einzelnen Kämpfen, welche die vielen Bewegungen in der Zivilgesellschaft weltweit überwiegend gewaltfrei austragen, eint sie drei gemeinsame Überzeugungen: “die Notwendigkeit, überall auf der Welt und in allen Lebensbereichen die Basisdemokratie zu errichten; die Ablehnung sozialer Ungleichgewichte zwischen den Individuen, den Generationen, den Geschlechtern, den sozialen Klassen, den Völkern und den Kontinenten; und die Notwendigkeit, die Natur, die Luft, das Wasser, die gesundheitliche und psychologische Umwelt jedes Menschen zu bewahren.”(Ziegler 2005b,S.247). Die Organisation “Attac” plädiert für die Idee des Wirtschaftnobelpreisträgers James Tobin, der die Besteuerung von Spekulationskapital durch Zinsabschläge forderte. Attac kämpft dafür, dass der aus der “Tobin-Steuer” resultierende Ertrag, unter der Verwaltung der Vereinten Nationen, in einen weltweiten Hilfsfond zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten im Gesundheits- und Schulwesen für die benachteiligten Länder der Erde, sowie zur Entwicklung der wirtschaftlichen Produktionskräfte in den ärmsten Ländern investiert wird (vgl. Ziegler 2005b,S.241f). Die Organisation “Jubile 2000" kämpft sogar für den sofortigen und vollständigen Erlass der Schulden für die Länder der Dritten Welt (vgl. ebd.). Armut ist nicht nur die Folge fehlender finanzieller Ressourcen, es sind auch Bildung, Gesundheit, natürliche Rechte, Selbstbestimmung, politische Partizipation und vieles mehr, die dieses Phänomen verhindern können. Es bedarf also nicht nur an Ausstattung mit Kaufkraft, sondern es müssen konkrete Maßnahmen zum Abbau der Armut gefördert werden. Die internationale Gemeinschaft hat 1990 die so genannten Millenniumsziele beschlossen. Unter anderem sollen bis 2015 diese Ziele erreicht sein:
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1. Verringerung der extremen Armutsquote weltweit um die Hälfte. 2. Garantie einer allgemeinen Grundschulausbildung für alle Kinder diese Welt. 3. Verringerung der Kindersterblichkeit um zwei Drittel.
4. Verringerung der Müttersterblichkeit um drei Viertel (vgl. Weltentwicklungsbericht 2008, S.5).
Um diese Ziele zu erreichen bedarf es allerdings an Maßnahmen. Das Internationale Institut für Ernährungspolitik (IFPRI) schlug zwei Maßnahmepakete vor - ein Notfallpaket und Nachhaltigkeitspaket. Das Notfallpaket beinhaltet u.a. folgende Punkte:
1. Ausweitung der Soforthilfe und humanitärer Unterstützung für Menschen, deren Ernährung nicht gesichert ist.
2. Abschaffung landwirtschaftlicher Exportverbote und Exportbeschränkungen. 3. Durchführung von Programmen zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion in Schlüsselregionen, die schnelle Wirkung zeigen. 4. Änderung der Biospritpolitik. 5. Investitionen in Maßnahmen zur sozialen Absicherung. 6. Ausweitung des Investmentvolumens für nachhaltiges landwirtschaftliches Wachstum (vgl. von Grebmer 2008,S.21f).
Neben den Aktionen und Maßnahmen der internationalen Organisationen (IGO) und Nichtregierungsorganisationen (NGO) sind starke nationale Staaten notwendig. Denn die Lösung der Probleme in einer globalisierten Welt ist abhängig von dem Zusammenwirken zwischen nationalen Staaten und den so genannten Global Players (NGO, IGO, Wirtschaft, Wissenschaft). Diese müssen gemeinsam dafür sorgen, dass der weltweite Handel und Kapitalfluss nicht nur profitorientiert, sondern auch an den Bedürfnissen aller Menschen ausgerichtet ist, dass Korruption in den Ländern der Dritten Welt, zumindest in diesem Ausmaß, ein Ende hat, dass eine Basisdemokratie überall auf der Welt herrscht und gelebt wird. Ein richtiger Ansatz dafür ist Global Governance. Global Governance bedeutet nicht die Lösung aller Weltprobleme durch eine Weltregierung, sondern den Versuch, das Zusammenwirken von nationalen Regierungen mit IGO’s, NGO’s auf allen politischen Ebenen demokratisch zu gestalten. Die Respektierung des Völkerrechts und die Entwicklung einer globalen Verantwortungsethik sollen dazu beitragen, dass dieses Zusammenwirken der
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Friedensförderung dient und demokratisch legitimiert ist (vgl. Jäger 2004,S.48). Aber auch jeder einzelne Bürger eines jeden Landes kann bewusst und im kleinen Rahmen aktiv an der Gestaltung einer gerechteren Welt mitwirken. Zum Beispiel durch kritischen Konsum. Dazu zählt der Kauf von Fair Trade- und ökologischen Produkten sowie ethisch soziale Geldanlagen. Nur wenn jeder die Wirkung seines Handelns, ob in wirtschaftlicher, politischer oder kultureller Hinsicht, in einer stark vernetzten globalisierten Welt versteht und sein Verhalten im Sinne von mehr Gerechtigkeit für alle ändert, haben auch die Menschen eine Chance, die bisher nur Elend, Hunger und Gewalt kannten.
“Peace, to have a meaning for many who have known only suffering in both peace and war, must be translated into bread or rice, shelter, health and education as well as freedom and human dignity”(Ziegler 2005a, S.41).
Dieser Text ist in den Boden der United Nations Plaza in New York eingraviert und stammt von Ralph Bunch, einem ehemaligen Untergeneralsekretär der UNO und Friedensnobelpreisträger. Jean Ziegler (2005a, S.41) übersetzt den Text so: “Damit der Frieden für viele, die sowohl im Frieden und im Krieg nur Leid kannten, eine Bedeutung bekommt, muss er übersetzt werden in Brot oder Reis, Obdach, Gesundheit und Ausbildung wie auch in Freiheit und menschliche Würde.“ Benjamin Franklin und Thomas Jefferson verfassten die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten am 04. Juli 1776. Unter anderem steht darin: “Alle Menschen wurden in Gleichheit erschaffen; der Schöpfer hat ihnen unveräußerliche Kräfte gegeben, deren erste da sind: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit, das Recht auf das Streben nach Glück”, im Original “pursuit of happiness”.
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Quellenverzeichnis
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Rahmenbedingungen. In: Informationen zur politischen Bildung. (2005) H.286, S.4-7.
-Andersen, Uwe u.a.: Entwicklungsdefizite und mögliche Ursachen. In: Informationen zur politischen Bildung. (2005) H.286, S.7-21.
-Andersen, Uwe u.a.: Internationale Akteure der Entwicklungspolitik. In: Informationen zur politischen Bildung. (2005) H.286, S.37-45.
-Borsdorf, Axel: Abiturwissen. Dritte Welt und Weltwirtschaft. 5. Aufl. Stuttgart: Ernst Klett Verlag für Bildung und Wissen GmbH 1997.
-Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland. 2. Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Relative Einkommensarmut. Berlin 2005.
-Friebe, Richard: In Zeiten der Dürre. In: Das Parlament, 58 (2008) H.32, S.1.
-Goeudevert, Daniel: Das Seerosen - Prinzip - Wie uns die Gier ruiniert. 1. Aufl. Köln: Du Mont Buchverlag 2008.
-Jäger, Ulli: pocket global. Globalisierung in Stichworten. 1.Aufl. Braunschweig: Westermann Druck GmbH 2004.
-Kunzmann, Peter; Burkhard, Franz; Wiedmann, Franz: dtv - Atlas Philosophie. Empirismus - Thomas Hobbes. 13. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG 2007.
-Kruber, Klaus - Peter; Mees, Anna - Lena; Mayer, Christian: Weltwirtschaftliche Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Information zur politischen Bildung. (2008) H.299, S.4-22.
-Mogge, Mathias u.a.: Kreativität unter Armutsbedingungen. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Afrika verstehen lernen. 12 Bausteine für Unterricht und Projekttage. Paderborn: Bonifatius GmbH Druckerei 2007, S.177-206.
-Nohlen, Dieter: Lexikon Dritte Welt. 1. Aufl. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 2000.
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-Schneider, Gerd: Globalisierung. 1. Aufl. Würzburg: Arena Verlag GmbH 2008.
-Von Grebmer u.a.: Welthunger - Index. Herausforderung Hunger 2008. Köln: DFS Druck 2008.
-Weltbank (Hrsg.): Weltentwicklungsbericht 2000/2001. Bekämpfung der Armut - Überblick. 1. Aufl. Washington, D.C.: 2000.
-Ziegler, Jean (a): Das Imperium der Schande. 1. Aufl. München: Bertelsmann Verlag 2005.
-Ziegler, Jean (b): Die neuen Herrscher der Welt. 4. Aufl. München: Wilhelm Goldmann Verlag 2005.
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Arbeit zitieren:
Alan Brückner, 2008, Armut in Entwicklungsländern, München, GRIN Verlag GmbH
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