Albert Camus’ Vortrag La Crise de l’homme in seiner Zeit
Im März des Jahres 1946 brach Albert Camus zu einer zweimonatigen Reise in die USA und nach Kanada auf. Wichtige Eindrücke seiner Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen hält er auf wenigen Seiten seiner Reisetagebücher 1 fest. Er berichtet auch von einem Vortrag, den er auf der Überfahrt fertig ausgearbeitet, aber erst am letzten Tag diktiert habe. Unter dem Eintrag „Donnerstag“ hält er lakonisch fest: „ Am Abend ein bisschen Lampenfieber, aber ich rede, ohne zu stocken, und das Publikum ‚geht mit’ (…). Nach dem Vortrag ein Glas mit Schiffrin, Dolorès Vanetti … und anderen Leuten.“
Auf der Suche nach den genaueren Umständen dieses Vortrags, nach Thema und Text, nach Zuhörerschaft und Reaktion, findet man bei Quilliot 2 im Zusammenhang mit seiner Kommentierung der Artikelserie Ni victimes ni bourreaux den Hinweis, dass letztere „l’aboutissement d’une longue réflexion sur la violence et la volonté de puissance“ sei, « dont la conférence que fit Camus aux U.S.A. représente une étape importante. Il ne m’a malheureusement pas été possible de reproduire ici ce texte, publié dans sa traduction anglaise par Twice a year, nos 14-15, dont je n’ai pu retrouver l’original. » Justin O’Brien berichtet 1967 3 als Zeuge der Veranstaltung vom 28. März 1946 in der New Yorker Columbia Universität. Er geht dabei auf die äußeren Umstände dieses intellektuellen Ereignisses, auf die Erwartungshaltung der amerikanischen Zuhörer und auf die Fähigkeit Camus’ ein, sein Publikum zu fesseln: « Lorsqu’il nous a dit que nous étions tous responsables de la guerre, - et même des horreurs que nous venions de combattre, - telles que les camps de concentration et les chambres à gaz, nous avons tous été convaincus de notre culpabilité commune. Comme un seul homme, les douze cents intellectuels et bons bourgeois dans la vaste salle ont frémi à la pensée de l’injustice à laquelle inconsciemment ils contribuaient. » Peter C. Hoy 4 nennt Camus’ Vortrag « sans doute l’un des meilleurs témoignages que nous ayons sur le Camus de l’après-guerre. » Er weist darauf hin, dass der Text leicht modifiziert 1946/47 in der Zeitschrift Twice A Year abgedruckt wurde, „texte traduit en anglais par Lionel Abel et dont il n’existe pas de version française.“ Eine deutsche Textfassung - auf die wir weiter unten noch
1 Albert Camus, Reisetagebücher, Reinbek: Rowohlt 1997, S. 15-44; das nachfolgende Zitat befindet sich dort
auf S. 29 f. Französische Ausgabe: Albert Camus, Journaux de voyage, Paris: Gallimard 2004, S. 15-52, S. 33f.
2 Albert Camus, Essais, Paris: Gallimard 1965, S. 1569.
3 Justin O’Brien, De mémoire de francophile américain…, in : Hommage à Albert Camus, Paris: Gallimard
1967, S. 165-167.
4 Peter C. Hoy, ‚The Human Crisis’ by Albert Camus, in: La Revue des Lettres modernes, no 315-322, 1972, S.
156-176, hier S. 156.
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eingehen werden - sei 1947 unter dem Titel Die Krise des Menschen in der Amerikanischen Rundschau erschienen, aber: „Le texte a été légèrement amputé.“ Abschließend dankt Hoy den Urheberrechtsträgern der genannten amerikanischen Textfassung und druckt diese Version 5 unverändert ab. In der Zeitschrift Nouvelle Revue Française 6 heißt es 1996 unter der Überschrift Camus inédit. Albert Camus: La Crise de l’homme : « Cinquante ans précisément nous séparent des pages qu’on va lire, inédites en langue française. Leur importance et leur actualité sont assez fortes pour balayer les hésitations ; elles nous conduisent à prendre le risque insolite de proposer Camus en traduction : le texte d’origine pouvant être considéréjusqu'à preuve du contraire - comme définitivement perdu, fallait-il priver le public français d’un certain nombre de thèses essentielles auxquelles ont eu accès déjà les lecteurs américains et italiens ? (…) La conférence est rédigée sur le navire ‘Orégon’ pendant la traversée de l’Atlantique ; elle se déroule trois jours après son arrivée, le jeudi 30 mars. Quelques mois plus tard, la revue ‘Twice a Year’ … en donnera une traduction sous la plume de Lionel Abel. C’est donc cette version qui constitue jusqu’à présent la seule référence, bien que n’ayant en rien le caractère d’un original. » Anschließend wird diese französische „ Rückübersetzung“ dem Leser der NRF präsentiert. 7
Es fällt auf, dass die NRF Camus’ Vortrag nicht auf den 28., sondern auf den 30. März 1946 datiert. Das wird damit zusammenhängen, dass Camus in den oben erwähnten Reisetagebüchern an einer Stelle von „Dienstagabend, den 21.“ [März 1946] spricht. Da er hier aber irrt - es kann nur Dienstag, der 19. März, sein -, ordnet die NRF Camus’ oben zitierten Eintrag zum „Donnerstag“ der Folgewoche dem 30. März zu. Auch Herbert R. Lottman 8 , der sich im wesentlichen auf O’Brien beruft, geht bei der Datierung des Vortrags vom 28. März 1946 aus. Er referiert wichtige Passagen des Textes, wobei auch er nur auf die vorliegende amerikanische Fassung rekurrieren kann. Für Olivier Todd 9 steht - wohl im Anschluss an Lottman - die Datierung des Vortrags außer Frage. Er bemüht sich aber nicht, auch nur einen sehr verkürzten Überblick über Camus’ Ausführungen zu geben, sondern greift lediglich einzelne
5 Ebd., S. 157-176.
6 Camus inédit. Albert Camus: La Crise de l’homme, in : La Nouvelle Revue Française, Nr. 516, 1996, S. 7-29,
hier S. 7.
7 Ebd., S. 8-29. Der Übersetzer ist Jean-Marie Laclavetine. Diese Fassung liegt unseren Ausführungen zugrunde;
die Paginierung folgt der zitierten NRF-Ausgabe von 1996.
8 Herbert R. Lottman, Albert Camus, Paris: Editions du Seuil (coll. Points) 1978, S. 394-396.
9 Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Reinbek: Rowohlt 1999, S. 440-441. Französische Ausgabe: Albert
Camus. Une vie, Paris: Gallimard 1996, S. 403-404. Hier werden auch - im Gegensatz zur deutschen Ausgabe -
die vier „Fälle“ zitiert, die Camus im ersten Teil seines Vortrags zur Exemplifizierung seiner These von der
Krise des Menschen dienen und auf die nachfolgend eingegangen wird. Vgl. auch Jürg Altwegg, Die langen
Schatten von Vichy, München: Hanser 1998, S. 190 f.
3
Zitate auf, die letztlich keinen Zusammenhang ergeben. Er nimmt Camus’ Schlussthese, dass jeder, der auf die Conditio humana vertraue, ein Verrückter und jeder, der an den Ereignissen verzweifle, ein Feigling sei, zum Anlass um festzustellen: „Camus hat das Manuskript der Pest im Gepäck, in dem er bekräftigt, dass die Seuche nicht ausgestorben ist.“ Auf den Zusammenhang zwischen Camus’ La Crise de l’homme und seinen anderen Werken aus dem zeitlichen Umfeld dieses Vortrags wird weiter unten noch einzugehen sein.
Den Beginn seines Vortrags kann man durchaus in die rhetorische Tradition der ‚captatio benevolentiae’ einordnen (S.8-9); eventuell ließe sich noch die Vorstellung des von Camus selbst gewählten Themas (S.9) dazu rechnen. Camus schildert im folgenden die Situation seiner Generation als einer, die - so meint er - ein besonderes „Interesse“ weckt (S.9-10). Er begründet den Bruch dieser Generation mit der Tradition angesichts einer absurden Welt und bezeichnet die Haltung seiner Zeitgenossen mit „révolte“ und „négation“ (S.10). Zur Darstellung der generellen Sinn- und Wertkrise (S.11) präsentiert er seinen Zuhörern vier konkrete Beispiele: Da ist die Vermieterin, die dem Vorwurf, sich nicht um zwei von der Gestapo Gefolterte in ihrem Haus gekümmert zu haben, entgegenhält: „Ich mische mich niemals in die Angelegenheiten meiner Mieter ein.“ Da ist ein deutscher Offizier, der einen Kameraden von Albert Camus nach dem Verhör, in dessen Verlauf ihm die Ohren zerschlagen wurden, fragt: „Wie geht es Ihren Ohren?“ Da ist ein anderer deutscher Offizier, der in einem besetzten Land auf Bitten einer alten Frau nicht alle ihre drei Söhne erschießen lässt; einen verschont er. Aber die Mutter steht vor der entscheidenden und unmenschlichen Frage, welche beiden Söhne sie opfern soll. Schließlich wird im letzten Beispiel eine Gruppe deportierter Frauen über die Schweiz nach Frankreich repatriiert. Kaum auf Schweizer Boden angekommen, sehen sie einen Begräbniszug. Der bloße Anblick verursacht bei ihnen ein hysterisches Lachen: „So also werden hier die Toten behandelt“, sagen sie (S.l1-12). Unter dem Oberbegriff „Krise des Menschen“ interpretiert Camus danach diese vier Exempel und folgert aus seiner Sicht der Dinge die These, alle seien Schuld am „Hitlerismus“ (S.12-13). Auf der Grundlage seiner Beispielerzählungen entwickelt er die Symptome dieser Krise des Menschen (S.13-15): Zuerst muss den Menschen die Hypothek von Furcht und Angst genommen werden („lever l’hypothèque de la peur et de l’angoisse“). Die Feststellung der Unmöglichkeit, andere zu überzeugen („l’impossibilité de la persuasion“) , führt bei ihm zur Forderung nach der Herstellung eines zwischenmenschlichen Dialogs. In seinem dritten Punkt prangert er Bürokratie und organisatorisches Übermaß an. Die vierte These betrifft die Überführung („transformation“) des Menschen in einen politischen Menschen, die bewirkt,
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Arbeit zitieren:
Klaus Bahners, 2006, Albert Camus: "La crise de l'homme" - Darstellung und Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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