Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
Hauptteil 2
Gedichtvergleich - Ernstes. 2
1. Muttersprache (1814) 2
2. Du sollst ein Wächter sein der deutschen Sprache (1866) 5
3. An unsre Sprache (1861) 9
4. Deutsche Sprache (1869) 15
Gedichtvergleich - Scherzhaftes 18
Die „Verwälschung“ der deutschen Sprache 18
Tunkenkrieg und Salsenschlacht 19
Der öffentliche Gebrauch der Sprache 20
Anlass zum Gespött: Philipp von Zesen 21
Erfolge des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins 21
Schluss 23
Literaturverzeichnis 24
Anhang (Gedichte) 25
Einleitung
Auf Anregung des ehemaligen Gymnasial-Oberlehrers Günther Saalfeld entstand in Zusammenarbeit mit dem Hochschulprofessor und Schriftführer des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins (ADSV) Paul Pietsch der Deutscher Sprache Ehrenkranz, in dem ungefähr 250 Gedichte gesammelt wurden, die die deutsche Sprache zum Inhalt haben und im Zeitraum vom 9. bis 19. Jahrhundert entstanden sind. 1898 erschien das Büchlein in der Erstauflage im Verlag des ADSV und diente als Festgabe zur 10. Hauptversammlung des Vereins. Aufgrund der Zweiteilung des Buches in „Ernstes“ und „Scherzhaftes“ ist es auch gestattet, diese Arbeit in zwei Teile zu gliedern. Da die Gedichte nicht thematisch, sondern dem Erscheinungsdatum nach zusammengestellt wurden, bot es sich an, die 140 ernsten Gedichte, die im 19. Jahrhundert entstanden sind, nach Themengebiete zu ordnen. Dabei stellte sich heraus, dass sie sich nach fünf Gesichtspunkten einteilen lassen: 62 rühmen die Unübertroffenheit der deutschen Sprache, 29 loben ihren Klang, 14 verweisen auf das dichterische Erbe, das der Sprache innewohnt und 14 Gedichte drücken durch den Verweis auf die Kindheit die Vertrautheit, die sich in der Sprache befindet, aus. Schließlich fordern 11 Gedichte ausdrücklich auf, den „fremden Flitter“ fahren zu lassen. Im ersten Teil möchte ich einige zentrale Aspekte, die in den hundertvierzig untersuchten Gedichten immer wieder thematisiert werden, an einzelnen Gedichten exemplarisch darstellen und miteinander vergleichen. Dabei wird auffallen, dass sich kein Gedicht nur einem einzigen Aspekt widmet. Vielmehr ist festzustellen, dass in jedem Gedicht mehrere Gedanken zum Ausdruck gebracht werden, die sich in ihrer Bedeutung und Vordringlichkeit für den jeweiligen Autor unterscheiden. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich den Gedichten, die im „scherzhaften“ Teil des Buches abgedruckt wurden. Hier wird nur in knapper Form dargestellt, unter welchen Aspekten sich diese Gedichte zusammenstellen lassen.
Es soll ein erster Eindruck vermittelt werden, wie in den Gedichten im Deutscher Sprache Ehrenkranz die Sprache empfunden und Kritik an ihrem Gebrauch geübt wird. Die dabei angesprochenen Gedichte befinden sich alle im Anhang.
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Hauptteil
Gedichtvergleich- Ernstes
1. Muttersprache (1814)
Seiner Muttersprache hat Max von Schenkendorf fünf Strophen gewidmet, in denen er jeweils einen Grund für die ideologische Überlegenheit der deutschen Sprache darlegt. Mit zwei Ausrufen im doppelten Trochäus, gefolgt von einem Daktylus „Muttersprache, Mutterlaut!“ (V. 2) beginnt das Gedicht in kräftiger und beschwingter Weise und gibt gleich das Leitmotiv der ersten Strophe kund. Es handelt sich dabei um das passive Aufnehmen der Mutterlaute und das aktive Bilden der Muttersprache. In den Versen 4 bis 6 wird die thesenartige, kurze Formulierung der Einleitung weiter ausgeführt: Das lyrische Ich scheint sich an die ersten Worte („erstes Wort, das mir erschallet“) seiner liebenden Bevollmächtigten („süßes, erstes Liebeswort“) und seine eigenen Sprechversuche („Erster Ton, den ich gelallet“) zu erinnern. Deshalb löst diese Sprache jetzt ein wohliges, vertrautes Gefühl aus („wie so wonnesam, so traut“ (V. 3)). Durch die dreimalige Wiederholung des Adjektives „erstes“/ „erster“ wird die Autorität der Muttersprache begründet: Keine andere Sprache hat das lyrische Ich von Kindesbeinen an begleitet. Mit der abschließenden Feststellung („Klingest ewig in mir fort“) schließt sich die Strophe zu einem Kreis. Es wird nämlich deutlich, dass es sich bei den ersten beiden Versen nicht nur um einen Ausruf gehandelt hat, sondern dass die Muttersprache oder der Mutterlaut in diesem Gedicht angesprochen wird. Nicht nur in der äußeren Form wird ein runder Abschluss bewerkstelligt, sondern auch inhaltlich, weil das lyrische Ich alle drei Zeitstufen Vergangenheit (Kindheit), Gegenwart und Zukunft („klingest ewig in mir fort“) thematisiert.
In der zweiten Strophe wird ein neuer Gesichtspunkt der Spracherfahrung eingeführt. Er steht im deutlichen Gegensatz zu dem in der ersten Strophe beschriebenen wonnesamen, trauten Gefühl. Es sind die Gefühle, die das lyrische Ich „in der Fremde“ (V. 9) empfindet. Schon der allererste Laut „Ach“ (V. 8) zeugt von Unbehagen und Leid. Auch hier dient die Anhäufung dreier Begriffe aus einem Wortfeld dazu, der gesamten Strophe eine Überschrift zu geben. Worte wie „üben“ und Wortverbindungen wie
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„brauchen muß“ (V. 10-11) rufen Gedankenverknüpfungen mit strenger Ausbildung und Zwang hervor. Im zwölften Vers lässt das lyrische Ich seinen zukünftigen Umgang mit diesen Sprachen verlauten. Er kann als klares Gegenteil zu dem in der ersten Strophe genannten gesehen werden, da sich das lyrische Subjekt jede Möglichkeit, sich dieser Sprache zu nähern mit der Begründung der Gleichgültigkeit („die nicht klingen als ein Gruß“ (V. 13)) ausschließt. Hier wird deutlich, dass das lyrische Ich keinen Hass gegenüber fremden Sprachen empfindet, sondern nur Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von lieben (V. 12) ist schließlich nicht hassen, sondern das Empfinden von Gleichgültigkeit. Zwar klingt die Formulierung „nimmermehr kann lieben“ (V. 12) hart und bestimmt, aber auch resigniert. Schließlich spricht sich der Sprecher nicht den Willen, sondern das Vermögen zu solch einer Gefühlsäußerung ab. Standen in den ersten zwei Strophen nur die zwiespältigen Gefühle des lyrischen Ichs im Vordergrund, folgt mit der dritten Strophe die beginnende Hinwendung zur Sprache, was durch die direkte Ansprache der schönen, wunderbaren Sprache in den Versen 14 und 15 kenntlich gemacht wird. Zwar tritt auch hier wieder die Wortverbindung „Ach wie“ (V. 15) auf, doch drückt sie hier kein Leid, sondern eine Mischung aus Erstaunen und Sehnsucht aus. Aus dieser Sehnsucht entspringt der Wunsch des lyrischen Ichs, die Sprache näher kennenzulernen, mehr über sie zu erfahren und zu wissen („Will noch tiefer mich vertiefen“ (V. 16)). Durch das Enjambement am Ende dieser Strophe wird die Betonung auf das vorangehende Wortpaar „tiefer vertiefen“ gelegt. Dadurch und durch die Wortwiederholung „tief“ sowie den parallelen Aufbau der Zielortbeschreibung („in den Reichtum, in die Pracht“ (V. 17)) wird die sinkende Bewegung verdeutlicht, die im letzten Vers der Strophe („in des Grabes Nacht“ (V. 19)) ihr Ziel findet. Also wird der Wunsch nach intensivem Sprachgebrauch nicht nur um der Sprache willen und wegen ihres „klaren Klangs“ (Vgl.: V. 15) hervorgerufen, sondern durch zwei weitere Faktoren: Zum einen bringt die intensive Beschäftigung das lyrische Subjekt den Ahnen näher, wie anhand der gegensätzlichen Bewegungen erklärt werden kann, 1 zum anderen fühlt sich das lyrische Ich durch den Ruf der Väter dazu verpflichtet, Tradition und Brauchtum, die den „Reichtum“ und die „Pracht“ einer Sprache (V. 17) ausmachen, zu begreifen.
1 Gemeint ist die Bewegung nach unten, die das Subjekt durch das Vertiefen durchmacht, und die Richtung der Rufe, die aus den Gräbern empor steigen.
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In der vierten Strophe widmet sich das lyrische Ich nur der Sprache, dennoch wird sie durch bestimmte Worte mit jeder der vorhergegangenen Strophen verknüpft. Die erste Aufforderung („klinge, klinge fort und fort“ (V. 20)) wirkt durch die Wortwiederholungen wie eine Beschwörungsformel und das „Klinge, klinge“ erinnert zumindest metrisch an jene des Zauberlehrlings in Goethes gleichnamigen Gedicht. In diesem ersten Vers wird auch gleich eine Verbindung zur ersten Strophe hergestellt („Klingest ewig in mir fort“ (V. 7)). Die Sprache wird mit „Heldensprache, Liebeswort“ angeredet. Während „Liebeswort“ wieder auf die in der ersten Strophe beschriebene Kindheit und damit auf privates, eigenes Empfinden hinweist, vermittelt „Heldensprache“ das öffentliche und gesamte Empfinden, da (Sprach-)Helden vorzugsweise von einer Gruppe oder ganzen Nation verehrt werden. Die zweite Aufforderung an die Sprache, aus den tiefen Grüften emporzusteigen, stellt die Verbindung mit den Vätern „aus des Grabes Nacht“ (V. 19) aus der dritten Strophe her. Demnach ist die Sprache ein Gut, das mit den Vätern gestorben ist. Diese Vermutung bewahrheitet sich mit Vers 23 („Längst verschollnes altes Lied“) Durch das gehäufte Auftreten von Worten, die den Konsonant „l“ beinhalten, wird onomatopoetisch das Fortklingen, das von der Sprache gewünscht wird, verdeutlicht. Die Wiederbelebung der Sprache soll zum Erglühen der Herzen führen (V. 25). In diesem Ziel findet sich die antithetische Verbindung zu der zweiten Strophe. Das lyrische Ich spricht beim Mangel an Muttersprache vom trüben Sinn (V. 8), jedoch wird die Muttersprache das Gemüt wieder aufhellen, wie „daß dir jedes Herz erglüht“ (V. 25) kontrastreich bekräftigt. Die fünfte Strophe führt wieder zu den Gepflogenheiten des lyrischen Ichs zurück und liefert eine schlussfolgernde Erklärung für seinen Umgang mit der Muttersprache. In den einleitenden Versen kann vordergründig eine tolerante Stimmung gegenüber anderen Sprachen wahrgenommen werden: „Ueberall weht Gottes Hauch“ (V. 26). Bei genauerem Lesen zeigt sich aber, dass das lyrische Subjekt deutlich zwischen Schein und Sein unterscheiden will. Er unterscheidet zwischen Brauch (V. 27) und der Äußerung heiligster Gedanken (V. 30). Während Brauchtum oft unüberlegt und nicht hinterfragt gelebt wird, also mehr dem Schein und einer Gewohnheit zuzuordnen ist („heilig ist wohl mancher Brauch“ V. 27), sind Beten, Danken und Liebesbekundungen durchdachte und aus dem Innersten kommende Gefühlsäußerungen, die nur in der
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Muttersprache ausgedrückt werden können. Sprache ist demnach nicht nur Klanggebilde oder leere Worthülle, sondern ein Transportmittel der Gefühle. In diesem Gedicht wird nicht nur die Vertrautheit ausgedrückt, die das lyrische Ich durch die Erfahrungen in frühester Kindheit aufgebaut hat, sondern auch das dichterische Erbe und die Verpflichtung durch Tradition, die den richtigen und angemessenen Gebrauch der deutschen Sprache fordern. Auffallend ist, dass der Klang als Leitmotiv das gesamte Gedicht durchzieht.
2. Du sollst ein Wächter sein der deutschen Sprache (1866)
In Wilhelm Jägers Gedicht wird die deutsche Sprache als Göttin im Tempel beschrieben. Diese allegorische Dichtung spricht deutlich „den Freund“ an und ruft ihm zum Bewahren und Schützen der deutschen Sprache auf und ermahnt ihn, ihre Verunstaltung durch unnötig Fremdes zu unterlassen.
Gleich in der ersten Strophe richtet sich das lyrische Subjekt mit einer Frage an eine Person, die als „Freund“ betitelt wird. Diese Frage ist keinesfalls neutral aufzufassen, sondern mit einer sichtlichen Wertung. „Ein edles Weib zu putzen und zu schminken“ (V. 3) ist nämlich ein unnötiges, wenn nicht gar sinnloses Unterfangen. Die Sinnlosigkeit eines solchen Tuns wird durch die nähere Beschreibung des Aussehens noch verstärkt: „Auf dessen Antlitz frische Schöne glüht“ (Vgl.: V. 4) und sie wird es immer tun („die, wie sein innrer Werth, wird nimmer sinken“ (V. 5)). Es gibt also in der Gegenwart und wird in der Zukunft keinen Bedarf an Schminke und Putz geben. Dass die Frage wertend gemeint ist, bezeugt auch die Wortwahl „putzen“ und „schminken“. Es handelt sich dabei um Tätigkeiten, die der Natur einer Sache nicht entsprechen, sondern sie zu übertünchen und zu verfälschen suchen.
Die zweite Frage lässt die gesamte Gestalt des edlen Weibes in den Mittelpunkt rücken. Nicht nur dem Antlitz, sondern nun auch dem edlen Bau der Glieder wird Aufmerksamkeit geschenkt. Wie sich der Blick auf den Körper ausdehnt, so vergrößert sich auch die Tragweite des Tuns des lyrischen Adressaten: Es handelt sich jetzt nicht mehr um eine unnötige Handlung, sondern um eine verunstaltende, da das edle Weib in erborgte Fetzen (V. 7-8) gehüllt wird. Die Auswirkung, die dieses Handeln hat, ist im übertragenen Sinne der soziale Fall. („[…] Fetzen, die […] die Göttin ziehn zur Bettlerin hernieder“ (V. 8-9). Dieses Bild soll ausdrücken, dass die deutsche Sprache,
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Julia Braun, 2009, Gedichte im "Deutscher Sprache Ehrenkranz", München, GRIN Verlag GmbH
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