INHALTSVERZEICHNIS
A EINLEITUNG 3
B ALLEGORIE ALS HERMENEUTISCHE GRUNDLAGE ANTIKER UND
MITTELALTERLICHER EXEGESE 4
C AUSLEGUNGEN AUS DER ANTIKE 5
I Vorbemerkungen zu den Autoren 5
5
1) Viktorinus von Poetovio
5
2. Andreas von Caesarea
II Einzelversauslegung 6
D AUSLEGUNGEN AUS DEM MITTELALTER 10
I Vorbemerkungen zu den Autoren 10
10
1. Berengaud
10
2. Anselm von Canterbury
II Einzelversauslegung 11
E ZUSAMMENFASSUNG 17
F LITERATURVERZEICHNIS 19
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A Einleitung
Auf den Nutzerprofilseiten der bekannten Online-Community „Wer-kennt-wen“ gibt es eine Kategorie „Wo ich einmal hin will“. Von den zurzeit etwa 8 Millionen angemeldeten Nutzern haben dort ca. 2600 „in den Himmel“ als ihr Traumreiseziel stehen. Zugegebenermaßen ist dies mit knapp 0,3‰ ein relativ kleiner Anteil, jedoch nicht zu verachten, wenn man bedenkt, dass sich doch hinter diesem Wort „Himmel“ etwas im Wesentlichen dem Menschen Unbekanntes verbirgt. Man identifiziert damit einen Ort ewiger Freude und Glückseligkeit in der Gegenwart Gottes. Wie man sich diesem Himmel konkret vorzustellen hat, vermag niemand zu sagen.
Auch die Heilige Schrift geht mit detaillierten Beschreibungen des Himmels äußerst sparsam um, wenn man einmal von der Offenbarung des Johannes absieht, welche als Apokalypse einen besonderen Status unter den kanonischen Schriften einnimmt. Um die Wende zum zweiten Jahrhundert hält sich auf der griechischen Insel Patmos ein Mann namens Johannes auf. Er hat Visionen, die er zu Papier bringt. Nach einer ersten Beauftragungsvision, in der ihm sieben Briefe an kleinasiatische Gemeinden diktiert werden, öffnet sich ihm der Himmel. Das vierte Kapitel seiner Apokalypse ist der Beschreibung des Thronsaales Gottes gewidmet, welchen er in dieser Vision als erstes erblickt. Im Anschluss daran sieht er in mehreren Siebenerzyklen die Vernichtung der Erde, um am Ende das himmlische Jerusalem zu schauen und einen tröstenden Gott zu erfahren, der alles zum Guten wendet.
Gegenstand dieser Arbeit ist die erwähnte Beschreibung des Thronsaales in Offb4. Text-, literar- und redaktionskritische Beobachtungen sollen hierbei keine Rolle spielen. Vielmehr will ich mein Augenmerk darauf legen, auf welche Weise die Dinge, die Johannes in dieser Vision gesehen hat, von verschiedenen Menschen gedeutet wurden, genauer gesagt von Exegeten der Antike und des Mittelalters. In einem ersten Abschnitt werde ich kurz die hermeneutischen Grundlagen antiker und mittelalterlicher Exegese darlegen, um dann in zwei Hauptteilen jeweils zwei Kommentare aus Antike und Mittelalter vergleichend und ergänzend versweise vorzustellen. Am Ende soll eine kurze Zusammenfassung stehen und eine Antwort auf die Frage, welchen Nutzen der heutige Leser aus diesen alten Betrachtungsweisen ziehen kann.
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B Allegorie als hermeneutische Grundlage antiker und mittelal-terlicher Exegese
Ein wichtiger Schlüsselbegriff für das antike Schriftverständnis ist die Allegorie, welche man im Deutschen mit „andere Aussage“ übersetzen kann. Dahinter steht die Auffassung, „dass der Urheber der Heiligen Schrift Gott ist, in dessen Macht es steht, nicht nur Worte (das kann auch der Mensch), sondern auch die Dinge selbst zu verwenden, um etwas zu bezeichnen“ 1 . Diese Bezeichnung durch die Dinge selbst ist der geistige Schriftsinn, neben dem historischen. Außer dem allegorischen Sinn beinhaltet der geistige Sinn noch den moralischen, der Perspektiven menschlichen Handelns eröffnet und der anagogische, der auf die Ewigkeit verweist. 2 Insgesamt liegt also ein vierfacher Schriftsinn vor. In dieser Weise wurde er erstmals von Cassian um 420 formuliert. 3 Er exemplifiziert ihn an der Stadt Jerusalem: „historisch als Stadt in Israel, allegorisch als Kirche, anagogisch als himmlische Gottesstadt, und moralisch als Seele des Menschen. 4 In der exegetischen Praxis beschränkte man sich jedoch meist auf den historischen Sinn und einen der drei anderen. 5
Ein großen Anliegen der allegorischen Schriftauslegung ist es, Verbindungen zwischen dem Alten und Neuen Testament, sogenannte Typologien zu finden, um dadurch die Einheit der Schrift zu belegen. Ausgehend von im NT selbst zitierten atl. Erfüllungszitaten suchte man darüber hinaus Andeutungen von Ereignissen des NT im AT. Als Beispiel sei hier nur Jona genannt, der drei Tage im Bauch des Fisches war und wieder ausgespuckt wurde, genau wie Christus drei Tage im Grab war und auferstand.
Die Allegorie ist in ihren Grundzügen keine Erfindung der frühen Christen, sondern geht auf philologische Untersuchungen homerischer Texte in der Zeit des Hellenismus zurück. 6 Von christlicher Seite lässt sich dieser Ansatz dadurch begründen, dass durch Christus, der selbst überwiegend in Gleichnissen sprach, alles geschaffen wurde, also auch Gesetz und Prophetie und diese somit auch in Gleichnisform zu verstehen sind. 7
1 THOMAS, S.Th., I, q.1, a.10, co. (quod auctor sacrae Scripturae est Deus, in cujus potestate est ut non
solum voces ad significandum accomodet (quod etiam homo facere potest), sed etiam res ipsas.).
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. FIEDROWICZ, XIX.
4 Vgl. CASSIAN, Collationes, 14,8.
5 Vgl. FIEDROWICZ, XIX.
6 Vgl. BIENERT, 1786.
7 Vgl. CLEMENS v. Al., strom VI, 125.
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C Auslegungen aus der Antike
I Vorbemerkungen zu den Autoren
1) Viktorinus von Poetovio 8
Viktorinus war Bischof von Poetovio (Slowenien). Er erlitt das Martyrium während der diokletianischen Christenverfolgung, wahrscheinlich im Jahre 304. Über ihn ist nur wenig bekannt. Er war der früheste lateinische Bibelexeget. Optatus von Mileve lobt Viktorinus’ Polemik gegen Irrlehren. Eventuell ist darin eine Reaktion auf Verhältnisse in Poetovio zu erkennen, wo verschiedene häretische Bewegungen aktiv waren. Von seinen (zu ursprünglich neun biblischen Büchern verfassten) exegetischen Schriften sind ein Traktat über die Schöpfungswoche, ein Fragment zur Chronologie Jesu, sowie der Kommentar zur Apokalypse erhalten. Seine Schriften wurden im decretum Gelasianum als Apokryphen indiziert.
Der Apokalypsenkommentar ist der älteste erhaltene lateinische Bibelkommentar und wurde erst im 19. Jahrhundert entdeckt. Er zeichnet sich durch einen unbeholfenen Stil und viele Gräzismen aus und zeigt enge Anlehnungen an griechische Theologen. Hervorzuheben ist seine negative Haltung gegenüber der weltlichen Staatsmacht Rom, in der er das Wirken des Teufels erkennt, sein Interesse an Geschichte und seine antisemitische Orientierung.
2. Andreas von Caesarea 9
Andreas war gegen Ende des sechsten Jahrhunderts Erzbischof von Caesarea in Kappadozien. Über sein Leben ist nichts bekannt. Sein Kommentar zur Apokalypse ist der zweite in griechischer Sprache, der erste stammt von Oekumenios. Daneben hat er noch andere Kommentare verfasst von denen bis auf spärliche Fragmente nichts erhalten ist. Auch wenn es kaum Systematische Kommentare gibt, so kann er doch auf sporadische Passagen der patristischen Literatur, sowie mündliche Überlieferungen zurückgreifen.
8 In diesem Abschnitt beziehe ich mich auf WALDHERR.
9 In diesem Abschnitt beziehe ich mich auf CONSTANTINOU I, 1f.
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II Einzelversauslegung
V1: Das Geöffnet Sein der Tür versteht Andreas als „Offenlegung der verborgenen Geheimnisse des Geistes“ 10 . Damit interpretiert er die Tür, im Gegensatz zu anderen Kom-mentatoren, beispielsweise Oekumenios, vollkommen allegorisch. 11 Ebenfalls allegorisch geht Viktorinus vor, wenn er die geöffnete Tür mit dem neuen Testament gleichsetzt, denn laut Augustinus liegt ja das Alte Testament im Neuen offen 12 . Die Stimme des Sprechenden, die mit einer Tuba verglichen wird, ist dieselbe, die zuvor schon zum Seher gesprochen hat. Darin wird für Viktorinus deutlich, dass „Christus in seinem Körper zum Vater in den Himmel aufgefahren ist“ 13 . Johannes klagt dadurch, dass er hervorhebt, er habe diese Stimme bereits vorher vernommen, jene an, die behaupten, in den Propheten spreche je-mand anderes als in den Evangelien. Denn er selbst stammt aus dem Judentum und kennt diese Stimme aus der Verkündigung des Alten Testamentes. 14 Das „Komm herauf“ deutet an, dass der Seher sich von irdischen Dingen frei machen soll und „[sein] Geist nun im Himmel verweilt“ 15
V2: Vom Geist ergriffen zu sein bedeutet für Viktorinus in Konsequenz zu dem oben Gesagten, dass die Gläubigen sich durch den Beistand des Heiligen Geistes der Tatsache bewusst sind, „dass die Botschaft auch schon den Alten verkündet worden ist“ 16 . „Für Andreas bedeutet „im Geist“, dass Johannes’ Gedanken „vom Geist geprägt“ (τυπωϑεὶς) waren. Die Erfahrung war eine „komplette Verlagerung der Gedanken“ von irdische in himmlische Sphären.“ 17 Hierin bleibt er seiner Interpretation von oben treu, nämlich dass Johannes nicht in Wirklichkeit, ja nicht einmal mystisch, in den Himmel gekommen ist. 18 Durch den Thron „wird die Ruhe Gottes inmitten seiner Heiligen offenbar“ 19 , aber auch Gott als der König und Richter 20 .
10 MPG 106, 253A („τῶν κρυπτῶν τοῦ Πνεύµατος µυστηρίων […] δήλωσιν“). Hier zeigt sich bereits, dass
es sich für Andreas nicht um eine reale Himmelreise des Johannes handelt.
11 Vgl. CONSTANTINOU II, 55. Anm. 239.
12 Vgl. AUGUSTINUS, quaest. hept., II, 73.
13 MPL 5, 323 („Christus cum corpore in caelos ad Patrem ascendit“).
14 Vgl. ebd.
15 MPG, 106, 253A („ἐν οὐρανῷ γενέσθαι τὴν διάνοιαν“).
16 MPL 5, 324 („quod et prioribus est praedicatum“).
17 CONSTANTINOU, II, 56, Anm. 241 („For Andrew „in the spirit“ means, that John’s mind was „stamped
by the spirit“ (τυπωϑεὶς). The experience was a „complete removal of the mind“ from earthly to heavenly
places.“).
18 Vgl. ebd.
19 MPG, 106, 253B („δηλοῦται ἡ ἐν τοῖς ἁγίοις τοῦ Θεοῦ ἀνάπαυσις“).
20 Vgl. MPL 5,324.
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V3: Was die Deutung der Edelsteine anbetrifft, so gehen die Meinungen der beiden Kom-mentatoren auseinander: Viktorinus, der schon den Thron mit einem Richterstuhl identifiziert hat, sieht in ihnen Manifestationen des Gerichts; in dem wasserfarbenen Jaspis des bereits vollzogenen in der Sintflut, in dem feuerfarbenen Karneol des noch bevorstehenden am Weltende. Dieser Ansatz wird untermauert durch den Regenbogen über dem Thron, der an den Noahbund und die damit verbundene Sintflut erinnert. 21 Andreas hingegen versteht die Edelsteine dahingehend, dass Johannes es zu vermeiden sucht, Gott Vater auf dem Thron figürlich zu beschreiben und ihn deshalb mit den Steinen vergleicht: Der grüne Jaspis steht für die Leben und Nahrung spendende Kraft Gottes, der Karneol, dem heilende Wirkung zugesprochen wird, für seine Härte gegen die Feinde, der smaragdfarbene Regenbogen schließlich für die himmlischen Tugenden. 22
V4: 23 Für Andreas setzen sich die vierundzwanzig Ältesten zusammen aus Abel, den anderen Vätern des AT, sowie den drei Vätern des NT. 24 Um wen es sich bei diesen Vätern handelt, lesen wir bei Oekumenius: Für das AT sind es Abel, Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Melchisedek, Ijob, Moses, Aaron, Josua, Samuel, David, Elija, Elischa, die 12 kleinen Propheten (zählen als einer), Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Daniel, Sacharja, für das NT Johannes der Täufer, Jakobus der Herrenbruder und Stephanus. 25 Eine weitere Möglichkeit besteht darin, in den vierundzwanzig Ältesten die zwölf Stammesführer des Alten Bundes und die zwölf Apostel Jesu zu sehen. Die weißen Gewänder stehen für einen reinen Lebenswandel und die goldenen Kronen für den Sieg gegen die Dämonen. 26
V5: Blitz und Donner sind einerseits das Verhalten Gottes gegenüber denjenigen, die „seines Langmuts unwürdig sind“ 27 , andererseits bringen sie Erleuchtung (der Blitz für die Augen des Verstandes, die Donner und Stimmen für die geistigen Ohren) denen, die des Heils würdig sind. Bei Viktorinus bezeichnen Blitz, Donner und Stimmen „Verkündigungen, Verheißungen der Annahme und Drohungen“ 28 . Die Blitze betonen dabei die Ankunft des Herrn, die Donner, dass die Worte vom Himmel kommen, und die Stimmen verkörpern
21 Vgl. ebd. Erwähnenswert ist hier die freie Wiedergabe von Gen 9,13: „Statuam arcum meum in nubibus,
ut non jam aquam timeatis, sed ignem.“
22 Vgl. MPG, 106, 253C.
23 Viktorinus kommentiert Vers 4 nicht.
24 Vgl. MPG, 106, 253D.
25 Vgl. CONSTANINOU, II, 57, Anm. 248.
26 Vgl. MPG, 106, 253.256 (Eine Erklärung, die auch in der heutigen Exegese noch diskutiert wird (s.u.)).
27 Ebd. („ἀναξίων τῆς αὐτοῦ µακροθυµίας“).
28 MPL, 5, 326A („praedicationes et repromissiones adoptionis, et minas“).
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die Botschaft des Neuen Testamentes. 29 Die sieben Geister sind entweder die sieben Erzengel (ἂγγελοι τῶν λοιπῶν ὑπερέχοντες), wie Irenaeus 30 sagt, oder aber die sieben Gaben des Heiligen Geistes, wie Jesaja 31 sagt.
V6: Andreas deutet das gläserne Meer als die Gesamtheit der himmlischen Mächte, sowie die Ruhe und Gelassenheit des künftigen Lebens. Zudem bietet er die Möglichkeit, das Meer als den himmlischen Ozean zu interpretieren, von dem in Gen 1,6f die Rede ist. Er scheint derartigen Gedanken jedoch nicht viel Bedeutung beizumessen: „Aber die Erforschung von Dingen, die unser Fassungsvermögen überschreiten, ist lächerlich.“ 32 „Die Schlussfolgerung des Viktorinus ist völlig anders.“ 33 Das Meer befindet sich vor dem Thron, der das Gericht darstellt. Vor dem Gericht vollzieht sich die Taufe, die durch das Meer repräsentiert wird. Die vier Lebewesen setzt Viktorinus mit den Evangelien gleich. 34 Andreas bezeichnet sie als Seraphim, die mit der Fülle ihrer Augen den göttlichen Glanz schauen können in unmittelbarer Nähe des Thrones, der ein Zeichen für die βασιλεία τοῦ Θεοῦ ist. 35
V7: Beide Kommentatoren sind sich darin einig, dass die vier Lebewesen die Evangelisten symbolisieren. Auf die Frage jedoch, welches Lebewesen welchem Evangelisten zugeordnet werden soll, geben sie unterschiedliche Antworten. Viktorinus ordnet Markus den Löwen zu, da er sein Evangelium in der Wüste beginnen lässt, Matthäus den Menschen, da er mit dem Stammbaum Jesu beginnt, Lukas den Stier, da er sein Evangelium im Tempel beginnt, wo Stiere geopfert werden, und Johannes schließlich den Adler, da er an den Anfang seines Evangeliums die göttliche, himmlische Abstammung Jesu setzt. 36 Unter Bezugnahme auf Irenaeus 37 ordnet Andreas die Lebewesen folgendermaßen zu: Den Löwen als König der Tiere Johannes, da er das Königtum Jesu vor Beginn der Zeit (προαιώνιος βασιλεία) betont, den Stier ebenfalls Lukas, den Adler Markus, da er sein Evangelium mit dem prophetischen Geist beginnt und eine dahingehende Eigenschaft (nämlich die σωϕροσύνη) auch dem Adler zugeschrieben wird, den Menschen ebenfalls Matthäus. Dar- 29 Vgl.ebd.
30 Vgl. IRENAEUS, Demonstratio apostolicae praedicationis, 9.
31 Jes 11,2: Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist
des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.
32 MPG 106, 256B („ Ἀλλὰ τῶν ὑπὲρ κατάληψιν ἡ ἔρευνα καταγέλαστος.“).
33 CONSTANTINOU II, 59f, Anm. 260 („Viktorinus’ conclusion is entirely different.“).
34 Vgl. MPL 5, 324B.
35 Vgl. MPG 106, 256C.
36 Vgl. MPL 5, 324f.
37 Vgl. IRENAEUS, haeres. III,8,11.
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über hinaus führen Viktorinus und Andreas noch weitere Deutungsversuche für die Lebewesen an. Neben den eher paganphilosophischen Ansätzen, die Lebewesen als die vier Tugenden oder Elemente zu deuten, bietet jeder von beiden noch eine christologische Interpretation an: Christus ist Mensch geworden um alle zu befreien, er herrscht wie der Löwe als König, er wurde geopfert wie ein Stier, besiegte den Tod und flog wie ein Adler gen Himmel. 38
V8: Laut Pseudodionysios Areopagita 39 halten die Lebewesen mit den zwei oberen Flügeln ihr Gesicht, mit den zwei unteren ihre Füße bedeckt, dass dadurch ihre „Ehrfurcht vor den Dingen, die ober- oder unterhalb ihrer eigenen Wahrnehmungsebene liegen, gezeigt wird“ 40 . Vikorinus berechnet, dass die sechs Flügel auf die vier Lebewesen verteilt insgesamt vierundzwanzig ergeben und somit, genau wie die vierundzwanzig Ältesten, für die Bücher des AT stehen. Die Verbundenheit der Flügel mit den Lebewesen verdeutlicht, wie stark AT und NT aufeinander angewiesen sind. Denn ohne die Flügel (also das AT) können die Lebewesen (NT) nicht nach oben steigen und umgekehrt. 41 Durch das Trishagion wird die Dreifaltigkeit (τρισυπόστατος θεότης) angerufen. An dieser Stelle sieht Andreas im „er war, er ist und er kommt“ ebenfalls einen Hinweis auf die Trinität. 42 Wie dies genau zu verstehen ist, legt er bereits im Kommentar zu Offb 1,4 dar: „Er ist“ steht für den Vater (Ex 3,14), „er war“ für den Sohn (Joh 1,1) und „er kommt“ für den Heiligen Geist (Joh14, 16). 43 Hier bietet er ebenfalls die Möglichkeit an, alle drei Epitheta auf den Vater zu beziehen: „Durch den, der ist, der war und der kommt, wird der Vater bezeichnet, der den Anfang, die Mitte und das Ende alles Seienden in sich umfasst.“ 44
VV9-11: Die Ausführungen zu diesen Versen fallen, im Vergleich zu den vorherigen, recht knapp aus: Durch ihr Einstimmen in den Gesang der himmlischen Mächte zeigen die Ältesten, dass auch sie ihre Kraft von Gott haben. 45 Indem sie ihre Kränze, also die Zeichen ihres Sieges, dem auf dem Thron Sitzenden niederlegen, ordnen sie ihren Sieg dem Sieg
38 Diese christologische Interpretation findet sich ebenfalls bei anderen Theologen der Antike, beispielsweise
Augustinus: „natus ut homo, operatus ut leo, immolatus ut vitulus.“ (Serm., 210,4).
39 Andreas nennt ihn zwar „Dionysios den Großen“, also wie man heute Dionysios von Alexandria zu be-
zeichnen pflegt, jedoch lässt sich aus dem Zusammenhang erkennen, dass er wohl den Areopagita meint
(vgl. CONSTANIOU II, 63 Anm. 274).
40 MPG, 106, 257 („ἡ περὶ ὑψηλότερα [αὐτῶν] καὶ βαϑύτερα τῆς οἰκείας καταλήψεως ϕανῇ εὐλάβεια“).
41 Vgl. MPL, 5, 323f.
42 Vgl. MPG, 106, 257.
43 Vgl. ebd., 221.
44 Ebd. („διὰ µὲν τοῦ, ὁ ὤν, καὶ, ὁ ἦν, καὶ ὁ ἐρχόµενος, τοῦ Πατρὸς σηµαινοµένου, τοῦ περιέχοντος ἐν
ἑαυτῷ πάντων τῶν ὄντων τὴν τε ἀρχὴν, τά τε µέσα, καὶ τὰ τελευταῖα“).
45 Vgl. MPG, 106, 257.
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Christi unter. 46 Außerdem erinnert diese Szene an den Einzug Jesu in Jerusalem: „Und viele breiteten ihre Kleider auf der Straße aus; andere rissen auf den Feldern Zweige (von den Büschen) ab und streuten sie auf den Weg.“ (Mk 11,8). „Der Palmzweig und die Kronen aber bedeuten dasselbe, da sie nur dem Sieger gegeben werden.“ 47
D Auslegungen aus dem Mittelalter
I Vorbemerkungen zu den Autoren
1. Berengaud 48
Berengaudus war ein karolingischer Benediktinermönch aus dem Kloster Ferrières, der sehr wahrscheinlich im 9. Jh. zur Zeit des bedeutenden Abtes Lupus gelebt hat. Er betont im einzig erhaltenen Text aus seiner Hand, dem Kommentar zur Apokalypse, die Einheit der Bibel, die Zusammengehörigkeit der beiden Testamente. Sein in geschliffenem Latein verfasster Apokalypsenkommentar ist recht eigenständig, weist jedoch Tendenzen ambrosianischer Theologie auf, weswegen sein Werk auch längere Zeit Ambrosius von Mailand zugeschrieben wurde. Zitate und Zeitangaben im Text schließen Ambrosius jedoch als Au-tor aus; der Terminus post quem ist das Jahr 774, ante quem das späte 11. Jh. Seine ausführliche Expositio, auf deren Exkurse und Abschweifungen ich hier nicht vollends eingehen kann, genießt große Beachtung in der Apokalypsen-Forschung, sintemal er den Begriff „mater ecclesiae“ als mariologischen Titel in der Liturgie entscheidend mitprägte.
2. Anselm von Canterbury 49
Anselm gilt als Vater der Scholastik, er wurde 1033 im westlichen Oberitalien geboren und starb 1109 in Canterbury. Er zeichnete sich aus durch asketische Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und große Lehrgabe, war aber auch ein vortrefflicher Seelsorger. 1093 wurde er von Wilhelm II. zum Erzbischof von Canterbury berufen. Er kämpfte für die Freiheit der Kirche gegen die weltliche Gewalt, was ihm politische Schwierigkeiten einbrachte, woraufhin der englische Investiturstreit ausbrach.
46 Vgl. MPL 5, 326C.
47 Vgl. Ebd., 327A („Palma autem et corona idem significant, quae non dantur nisi victori.“).
48 In diesem Abschnitt beziehe ich mich auf DITTRICH.
49 In diesem Abschnitt beziehe ich mich auf BAUTZ.
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Der Ausgangspunkt seines theologischen Denkens ist der Satz: „Credo, ut intelligam.“ Bekannt ist er durch seinen ontologischen Gottesbeweis, den er in seiner Schrift „Proslogium“ darlegt. Mit seiner Satisfaktionstheorie in „Cur Deus homo“ brachte Anselm Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in Einklang.
Sein Kommentar zur Apokalypse ist kaum bekannt. Er findet sich in keiner modernen Werkausgabe, sodass den folgenden Ausführungen eine Ausgabe aus dem 16. Jahrhundert zugrunde liegt. 50 Im Gegensatz zu Berengauds Kommentar ist er schlicht und kurz gehalten, meist nur stichwortartig zählt er die Deutungsmöglichkeiten der gezeichneten Bilderwelten auf.
II Einzelversauslegung
V1: Berengaud deutet die offene Tür als Christus 51 , denn dieser sagt in Joh 10,9: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“ Anselm sieht in der Tür die „Verschlossenheit der Schrift […] oder die Verborgenheit der himmlischen Geheimnisse“, 52 die nun in der Vision des Sehers Johannes offen liegen. Der Himmel steht für die Kirche. Und so wie man den Himmel nur durch die Tür betreten kann, kommt man auch nur durch Christus, also durch die Taufe, und nicht auf andere Weise in die Kirche. 53 Auch wenn Berengaud und Anselm beide die Interpretation der „ersten Stimme“ 54 als Altes Testament erwähnen, so favorisiert Berengaud doch die Lösung, in der Stimme die des Täufers zu hören. Denn dieser sagt über sich selbst: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat.“ (Joh1, 23). Seine eindringliche Predigt kommt dem Klang einer Posaune gleich. Doch spricht er so, dass die Menschen es verstehen, was durch „zu mir“ zum Ausdruck kommt. 55 Der Täufer macht durch seine Worte „Komm herauf“ klar, dass er selbst nicht der Messias ist, sondern auf jemanden verweist, der größer ist als er (Joh 1,27) und in dessen Nachfolge man leicht zur Erkenntnis dessen, was kommt, gelangt, nachdem man seinen „Sinn auf die himmlischen Dinge gerichtet hat“ 56 .
50 Hieraus könnte man auch schließen, dass es sich bei dem Kommentar um ein Pseudepigraphon handelt.
51 Vgl. MPL 17, 874A.
52 ANSELM 541 („clausura scripturarum […] vel obscuritas coelestium mysteriorum“).
53 Vgl. MPL, 17, 874B.C.
54 Im griechischen Text findet sich an dieser Stelle „φονή ἡ πρώτη“. Im Gegensatz zur Einheitsübersetzung
wird dies in der Vulgata berücksichtigt.
55 Vgl. ANSELM, 541.
56 MPL 17, 874D („ad coelestia animum erige“).
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V2: Wenn man nun begonnen hat, an Christus zu glauben 57 , kann man sein Augenmerk von den irdischen Dingen weglenken und anfangen geistig zu sehen 58 . Beide Kommentatoren sehen in dem, der auf dem Thron sitzt, Gott. Wegen 1Kor 3, 17b 59 deutet Berengaud den Thron selbst als die Herzen der Heiligen der Kirche, in deren Mitte Gott ruht. 60
V3: Wie auch schon oben bei Andreas und Viktorinus gehen bei der Deutung der Edelsteine die Meinungen auseinander: Genau wie Vikorinus versteht Anselm sie als Zeichen des Gerichts, schließt aber auch nicht aus, dass der wasserfarbene Jaspis für die Taufe und der feuerfarbene Karneol für die Gaben des Heiligen Geistes steht. 61 Durch den blauen Jaspis wird die Göttlichkeit Jesu, gemäß welcher er dem Vater gleich ist, und durch den roten Karneol seine Menschlichkeit, gemäß welcher er den Menschen gleich ist, verdeutlicht. Der Regenbogen erinnert, wie auch schon die Kommentatoren der Antike erkannten, an den Noahbund. Doch geht Berengaud einen Schritt weiter und sieht in ihm ein Zeichen für Gottes Barmherzigkeit. Die durchsichtige grüne Farbe des Smaragdes bringt dabei zum Ausdruck, dass Gottes Barmherzigkeit, im Gegensatz, zur Göttlichkeit Jesu, die sich im matten Grün des Jaspis manifestiert, für alle Menschen deutlich erkennbar ist. 62 Für Anselm ist der Regenbogen zugleich ein Zeichen der Barmherzigkeit und Sanftmut Gottes, die alle beschützt und bewahrt. 63 Er ordnet ihm außerdem noch die Farbe Rot zu und erkennt in ihm abermals die sieben Gaben des Heiligen Geistes und die Taufe.
V4: Die vierundzwanzig Throne sind für Berengaud die Bücher des AT. Die Ältesten, die darauf sitzen, sind die Väter des AT. Dass es nicht die des NT sind, erkennt man daran, dass sie sitzen, was bedeutet, dass sie nun ruhen können. Sie sind kreisförmig um den Thron Gottes, also die Gemeinschaft der Gläubigen, angeordnet, da man sich mit ihrer Hilfe, wie durch eine schützende Mauer, gegen Häresien von außen wehren kann, indem man aufweist, dass viele Glaubensinhalte 64 sich bereits im AT als Präfiguration angedeutet haben. 65 Ihre weißen Gewänder symbolisieren ihre Reinheit und die goldenen Kronen die
57 Vgl. ebd. 875B.
58 Vgl. ANSELM, 541.
59 „Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.“
60 Vgl. MPL 17, 875B.
61 Vgl. ANSELM, 541.
62 Vgl. MPL 17, 875B.C.
63 Vgl. ANSELM, 541.
64 ea, quae [sc. ecclesia] colit
65 Vgl. hierzu beispielsweise die Fronleichnamsequenz, wo Thomas atl. Präfigurationen des Opfertodes
Christi aufweist: „Lang im Bild war’s vorbereitet: Isaak, der zum Opfer schreitet, Osterlamm [ = Pascha-
lamm] zum Mahl bereitet; Manna nach der Väter Sinn.“ (GL 851,2).
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guten Werke. 66 Davon abweichend versteht Anselm die vierundzwanzig Throne als „Lehrer in der Kirche, des Alten, wie des Neuen Testamentes“ 67 . Die darauf sitzenden vierundzwanzig Ältesten stehen stellvertretend für alle, die das Neue und das Alte Testament verkünden. Aus dem Zusammenhang 24 = 2 · 12 = 2 · 3 · 4 wird deutlich, dass sie, bekleidet mit dem weißen Kleid aus der Taufe, „den Namen der Heiligen Dreifaltigkeit in die vier Teile der Erde verkünden“ 68 .
V5: Die Blitze, die vom Thron, also der Gemeinschaft der Gläubigen, ausgehen, stehen für die Wunder, die Gott durch seine Heiligen wirkt, die Stimmen für deren Verkündigung und der Donner für den Schrecken der Hölle. 69 Wie schon oben gesagt wurde, bezeichnen die sieben Geister die sieben Gaben des heiligen Geistes. Sie stehen vor dem Thron, um die Gerechten zur Gottesliebe zu erleuchten. 70 An dieser Stelle 71 fügt Beregnaud eine ausführliche Abhandlung über diese sieben Gaben ein, die ich hier nur in ihrer wesentlichen These wiedergeben möchte: Für Christus sind die Gaben in der von Jesaja vorgegebenen Reihenfolge maßgeblich; von der höchsten (Weisheit) zur niedrigsten (Gottesfurcht). Sie verkörpern für ihn sieben „gradus descensionis“, mittels derer er sich erniedrigte und als Mensch vom Himmel herab auf die Erde kam. Die Gläubigen jedoch beginnen bei der Gottesfurcht und arbeiten sich hoch zur Weisheit. Für sie verkörpern die Gaben sieben „gradus ascensiones“, mittels derer sie in die himmlischen Sphären Gottes erhöht werden. Der n-te „gradus descensionis“ auf Seiten Christi kongruiert dabei also immer mit dem (8 - n)-ten „gradus ascensionis“ seitens der Gläubigen und kann zu diesem in Beziehung gesetzt werden. 72
V6: In Analogie zu 2Chr 4,6, wo von den Reinigungsbecken im Salomonischen Tempel die Rede ist, die das Gesetz Moses bezeichnen, versteht Berengaud das gläserne, kristallene Meer als das NT. Das Meer an sich verkörpert dabei die geschichtlichen Ereignisse im Neuen Testament. Das Glas fungiert als Mittel der moralischen Einsicht. Denn wie ein Spiegel, der ja aus Glas besteht, einem die äußerlichen Makel („turpe in facie“) zeigt, so weist die moralische Einsicht des NT auf die Makel der Seele hin. Der klare, flammartig glänzende Kristall fungiert als Mittel der geistlichen Einsicht, indem er durch seinen Glanz
66 Vgl. MPL 17, 876C.D..
67 ANSELM, 541. (“doctores in eccelsia quam in nouo tam in ueteri testamento”).
68 Ebd. (“nomen sanctae trinitatis per quattuor mundi partes annunciant”).
69 Vgl. MPL 17, 877A.
70 Vgl. ANSELM, 541.
71 Vgl. MPL 17, 877A-882A.
72 Beispielsweise gereicht die Gottesfurcht Jesu, die im Kreuzestod zum Ausdruck kommt, jenen Menschen
zum Heil, die in Gottesfurcht ihre Fehler bereuen.
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die Gemüter erleuchtet, um ihnen das Verborgene in den Heiligen Schriften zu erhellen. 73 Anselm sieht wiederum im Meer einen Hinweis auf die Taufe: Wie das Wasser den Kristall härtet, macht die Taufe die Menschen stark und unbesiegbar. 74 Die vier Lebewesen stehen für die Evangelisten und stellvertretend für alle, die auf dem Boden dieser Botschaft stehen. Sie haben vorne und hinten Augen, da sie Vergangenheit und Zukunft mit im Blick haben. Sie lehren ihre Leser was zu tun ist, um nicht dem zukünftigen Gericht zu verfallen, und bringen ihnen die Worte und Taten der Väter der Vergangenheit nahe. 75
V7: „Die vier Lebewesen ordnen nicht alle Autoren einheitlich zu.“ 76 , weiß auch schon Berengaud. Neben der schon oben erwähnten klassischen Zuordnung der Tiere und Evangelisten bringt er noch eine weitere: Der Löwe als König der Tiere gehört zu Matthäus, da er sein Evangelium mit der Abstammung Jesu vom königlichen Geschlecht Israels beginnt und auch die drei Weisen erwähnt, die Jesus die Ehre wie einem König erweisen. Der Stier gehört zu Markus wegen der Einfachheit der Sprache und der Mensch schließlich zu Lukas, da er ausführlicher als die anderen drei die Kindheitsgeschichte erzählt und somit der Menschlichkeit Jesu viel Bedeutung beimisst. 77 Eine weitere christologische Deutung findet sich bei Anselm: Die Eigenschaften von Mensch, Adler und Stier ordnet er Christus in derselben Weise zu wie Andreas, Viktorinus und Augustinus. Beim Löwen legt er neben der Stärke und Tapferkeit eine Vorstellung zugrunde, sie sich bereits im Physiologus, einer antiken Sammlung von Tierbeschreibungen findet: „Wenn die Löwin das Junge gebiert, gebiert sie es tot; die Löwin aber bewacht ihr Kind, bis sein Vater am dritten Tag kommt, ihm ins Gesicht bläst und es aufweckt.“ 78 Dass ein Tier, welches drei Tage tot ist und durch den Hauch des Vaters zum Leben erweckt wird, mit Christus verglichen werden muss, liegt auf der Hand. Weil dies das Fundament des Glaubens darstellt, nennt Johannes die Tiere auch in einer von Ezechiel 79 abweichenden Reihenfolge. Dieser sah die (christo-
73 Vgl.MPL 17, 882B.C.
74 Vgl. ANSELM, 541.
75 Vgl. MPL 17, 883A.
76 Ebd., B („Figuras quattuor animalium non omnes auctores uno modo exposuerunt“).
77 Vgl. ebd. , B-D Johannes bleibt nach wie vor dem Adler zugeordnet.
78 PHYSIOL 1,32 („ὅταν ἡ λέαινα σκύρµον γεννᾷ νεκρὸν αὐτὸν γεννᾷ ἡδὲ λέαινα ἐπιτηρεῖ τὸν τέκνον
ἑως οὗ πατήρ αὐτοῦ ἐλθών τῇ τρίτῃ ἡµέρᾳ ἐµφυσήσῃ εἰς τὸ πρόσωπον αὐτοῦ καὶ ἐγείρῃ αὐτὸν“). Eine
abgeschwächte Version findet sich bei Thomasin von Zirklaria: „Der lewe slaefet, das ist wâr, Nâch sîner
geburt drî tage gar. In wecket der vater sîn Nach dem dritten sunneschîn“ (zit. u. übers. n. Thesaurus Prover-biorum Medii Aevi, Bd.7, S.45).
79 Ez 1,10: „Und ihre Gesichter sahen so aus: Ein Menschengesicht (blickte bei allen vier nach vorn), ein
Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei
allen vier (nach hinten).“
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logischen) Ereignisse nämlich in der Reihenfolge, wie sie geschehen würden, und begann mit der Menschwerdung. 80
V8: Sechs Flügel an jedem Lebewesen macht zusammen vierundzwanzig Flügel, also genauso viele wie Throne und Älteste. Und wie die Throne stehen sie für die Bücher des NT, die jedoch für die Väter des NT zu Flügeln geworden sind, „da sie die Bücher des AT geistig erkennen und durch deren Lehre in den Himmel erhoben werden“ 81 . Für die Väter des AT waren sie Throne, durch die sie nicht erhoben werden konnten, sondern auf der Erde bleiben mussten, da sie die Schriften nur gemäß dem Buchstaben erkannten. Außerdem ist Sechs die kleinste perfekte Zahl, das heißt, sie lässt sich als Summe ihrer Teiler darstellen (1+2+3=6), 82 und bringt somit die Vollkommenheit der Heiligen zum Ausdruck, zu welcher man nur kraft des Evangeliums gelangen kann. Darüber hinaus bietet Anselm noch einige weitere Interpretationsmöglichkeiten der sechs Flügel, die allesamt zur geistigen Erhöhung führen: die sechs Werke der Barmherzigkeit (Mt 25,34-46), die Erkenntnis des an sechs Tagen erschaffenen Universums, die sechs aufeinander aufbauenden Gesetzessysteme der Heilsgeschichte (Abraham, Moses, Propheten, Evangelien, Apostel, Kirchenväter). 83 Die Gesamtzahl der Flügel, also Vierundzwanzig, veranlasst Berengaud dazu, die Bedeutung dieser Zahl anhand ihrer Teilermenge zu erläutern: ein Gott, zwei Testamente, drei göttliche Personen, vier Evangelien, Sechs als perfekte Zahl, acht Tugenden 84 und schließlich zwölf Apostel. Die Lebewesen haben überall Augen, Berengaud geht ausführlichst darauf ein und erklärt: Hinten haben sie Augen um nicht in die Schlechtigkeit ihres vorherigen Lebens zurückzuverfallen (vgl. Luk 9,62), vorne, da der Herr wachsame Diener liebt (vgl. Mt 23,46), links, um den Versuchungen der Dämonen widerstehen zu können, rechts, um zu garantieren, dass sie wegen ihrer guten Werke nicht zu viel erhoben werden 85 , unten, um die fleischlichen Begierden auszulöschen und innen um ihr Herz vor schmutzigen Gedanken zu schützen. 86 Anselm hingegen deutet die Augen allegorisch als göttliche Vorschriften (divina praecepta), durch welche die Lebewesen, also die Heiligen, sich selbst (innen) und anderen (außen) ein gutes Beispiel sein sollen. Sie rufen Tag und
80 Vgl. ANSELM, 542.
81 MPL, 17 884B („quia libros Veteris Testamenti spiritaliter intelligentes, per eorum doctrinam ad coelestia
sublevantur“).
82 Vgl. LIEBERKNECHT, 2.
83 Vgl. ANSELM, 542.
84 Damit sind wahrscheinlich die acht Seligpreisungen der Bergpredigt gemeint (vgl. STOLL, 168, Anm.
128).
85 Vgl. Mt 6,1: „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen
Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten.“
86 Vgl. MPL 17, 884D-885A.
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Nacht, was soviel heiß, dass sie in guten und schlechten Zeiten zum Herrn beten. 87 Nachdem Berengaud diese Gelegenheit genutzt hat, um sich ausgiebig über die Faulheit und Schlechtigkeit seiner Zeit zu beschweren und einige Ratschläge zu geben, wie man ohne Unterbrechung beten kann, widmet er sich nun dem Inhalt des Gebets zu: Das Trishagion gilt in derselben Weise wie oben der Trinität. Durch den Übergang vom Plural zum Singular betonen die Lebewesen die eine Göttlichkeit von Vater, Sohn und Geist. 88 Anselm bezieht „er war“ auf Gottes Nicht-Geworden-Sein, „er ist“ auf seine Unveränderlichkeit und „er kommt“ auf sein Wiederkommen zum Gericht. 89 Er bietet also neben den beiden oben genannten Möglichkeiten, die Epitheta auf die drei Personen zu verteilen oder sie alle dem Vater zuzuschreiben, noch eine dritte, nämlich sie dem göttlichen Wesen an sich zuzuordnen.
V9f: In diesen Versen erkennen beide Kommentatoren gleichermaßen die Wirkkraft der Evangelien: Die vier Lebewesen, also die Evangelisten, erweisen Gott Ehre und Dank, da die Evangelien auf der ganzen Welt gelesen werden. Davon inspiriert, beten die Ältesten Gott an, „da die Heiligen Gottes auf der ganzen Welt, wenn sie die Lehre des Evangeliums hören, sich vor Gott niederwerfen, um mit ihm in Ewigkeit zu leben.“ 90 Ihre guten Werke also, versinnbildlicht durch die goldenen Kronen, vollbringen sie zur Ehre Gottes, gemäß 2Kor 3, 17.
V11: Dass Gott etwas empfangen soll, ist nur in dem Sinne zu verstehen, dass er es vorher schon gegeben hat. Er gibt seinen Auserwählten praktisch den Preis, wofür sie sich das ewige Leben kaufen. Mit ihren guten Werken verherrlichen sie ihn. Denn in Mt 5,16 heißt es: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Berengaud zitiert hier Apg 3,12f und Apg 14,14 um diese Verherrlichung Gottes zu veranschaulichen. Der letzte Satz ist als ein Beweis gegen die Zufälligkeit der Welt aufzufassen: „Nicht unerwartet, sondern in ewiger Ordnung hältst du alles.“ 91
87 Vgl. ANSELM, 542.
88 Vgl. MPL 17, 886C..
89 Vgl. ANSELM, 542.
90 MPL 17, 887A.B.( quia sancti Dei per universum orbem constituti, audientes doctrinam Evangelii, humi-
lant se in conspectu Dei, ut cum ipso vivant in saeculo saeculorum“).
91 ANSELM, 542 („Non de subito, sed in aeterna dispositione omnia habuisti.“)
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E Zusammenfassung
Bei den vier betrachteten Kommentaren zu Offb 4, die alle zwischen dem dritten und zwölften Jahrhundert entstanden sind, fällt ein großer Unterschied zur heutigen exegetischen Literatur auf. In der Einleitung wurde angekündigt, dass Text-, Literar- und Redaktionskritik in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden. Diese Werkzeuge stellen ja in der modernen Schriftauslegung ein unverzichtbares Hilfsmittel dar, da man ja heute weitestgehend darum bemüht ist, den Text aus seiner Zeit heraus zu verstehen, etwas über die Lebensumstände des Verfassers und der Adressaten zu erfahren und die Situation zu erhellen, in die hinein der Text geschrieben wurde. Natürlich ist auch dem gegenwärtigen Exegeten daran gelegen, die Bilderwelt der Apokalypse zu deuten, doch er tut das vor dem erläuterten Verstehenshintergrund und kommt daher oft zu anderen Ergebnissen als Viktorinus, Andreas, Berengaud oder Anselm. So sieht beispielsweise Heinz Giesen in der Thronsaalszene ein Gegenprogramm zum zeitgenössischen Kaiserzeremoniell, da die dort üblichen Gegebenheiten in Offb noch übertroffen werden, um dadurch Gott als den einzig wahren Herrscher herauszustellen. 92
Die früheren Exegeten versuchten auf der Basis des allegorischen Schriftsinnes, den Text aus ihrer Zeit heraus zu verstehen, da ihnen ein geschichtliches Verständnis von Theologie noch weitgehend fremd war. So suchten sie in den Schrifttexten nach Typologien (im AT für das NT, im NT für die Kirche), um Glaubenswahrheiten zu untermauern und die Zusammengehörigkeit der beiden Testamente zu betonen 93 , erkannten in vielen Einzelaussagen Kompendien der Heilsgeschichte (wie z. B. Anselm in den sechs Flügeln der Lebewesen) oder lasen in ihnen Anleitungen zu einem gottgefälligen Leben, was Berengauds eingefügte Abhandlung über die sieben Gaben des Heiligen Geistes zeigt. An den behandelten Kommentaren fällt auf, dass diese Deutungen mit fortschreitender Zeit an Intensität gewannen, was vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass die Kanonizität der Offenbarung in den ersten Jahrhunderten umstritten war und ihrer daher in Kommentaren relativ wenig gedacht wurde.
92 Vgl. GIESEN, Heinz: Die Offenbarung des Johannes (RNT), Regensburg 1997.
93 Hier: die vierundzwanzig Ältesten als Vertreter des AT und die vier Lebewesen als Vertreter des NT bil-
den den engsten Kreis um Gott.
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Was jedoch kann man aus diesen Deutungsansätzen der Thronsaalvision heute noch gebrauchen? Wer in unserer Zeit in einem Kommentar zur Apokalypse beispielsweise ernsthaft behauptet, die vier Lebewesen seien die Evangelisten, sieht sich mit Recht dem Einwand ausgesetzt, zur Zeit der Abfassung sei die Kanonisierung der ntl. Schriften noch nicht soweit fortgeschritten gewesen, dass sich die verbindliche Vierzahl der Evangelien bereits herauskristallisiert hätte. Jedoch sollte man auf der Suche nach zeitgeschichtlichen Anspielungen und Motiven und parallelen Texten in der (paganen) antiken Literatur auch nicht vergessen, sich die Frage zu stellen, ob der Seher, der diesen Text „auf Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben“ (DV 11) hat, denn schon wirklich alle Bedeutungsfacetten des ihm eingegebenen Wortes selbst gekannt haben muss. In diesem Bewusstsein ist es dann schon nicht mehr so absurd, die Lebewesen mit den Evangelisten zu identifizieren. Denn dem Heiligen Geist dürfen wir zutrauen, dass er auch schon zur Zeit des Sehers Johannes wusste, dass es einmal vier kanonische Evangelien geben wird, deren Inhalte die Gläubigen wie auf Flügeln zu Gott führen werden.
So könnten vielleicht die Exegeten früherer Zeiten „zu einem ernstzunehmenden Gesprächspartner in der hermeneutischen Diskussion der Gegenwart werden.“ 94
94 FIEDROWICZ, XX.
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F Literaturverzeichnis
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(Tom.2), Coloniae Agrippinae 1560, 533-593.*
BAUTZ, Friedrich Wilhelm: Art. „Anselm v. Canterbury“. In: BBKL (Bd. 1) Hamm 1990,
182-184.
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Parisiis 1845.*
BIENERT, Wolfgang: Art. „Exegese“, V.1. In: RGG (2.Bd), Tübingen 4 1999, 1786-1787.
CONSTANTINOU, Eugenia Scarvelis: Andrew of Caesarea and the Apocalypse in the
ancient church of the East. Studies and translation, Québec 2008.*
DITTRICH, Achim: Art. „Berengaudus“. In: BBKL (Bd.31), Nordahusen 2010, 90-92.
FIEDROWICZ, Michael: Prinzipien der Schriftauslegung in der Alten Kirche, Bern 1999.
GIESEN, Heinz: Die Offenbarung des Johannes (RNT), Regensburg 1997.
LIEBERKNECHT, Ottfried: Vollkommene Zahlen in der Arithmetik, geistlichen Exegese
und literarischen Zahlenkomposition des Mittelalters, Vortrag vom 18. Februar 1998 an
der Universität Kaiserslautern, Sonderveranstaltung Geschichte der Mathematik
(http://www.lieberknecht.de/~diss/papers/p_vz_txt.htm).
STOLL, Brigitta: De virtute in virtutem: zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte der
Bergpredigt in Kommentaren und hagiographischer Literatur von der Merowingerzeit bis
um 1200, Tübingen 1988.
THOMAE AQUINATIS: Summa Theologica, Taurini 1922.*
VICTORINI Petavionensis Episcopi: Scolia in Apocalypsin Beati Joannis [MPL 5, 317-
344], Parisiis 1844] *
WALDHERR, Gerhard: Art. „Viktorinus von Poetovio“. In: BBKL (Bd. 12), Herzberg
1997. 1355-1358.
* in eigener Übersetzung zitiert
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Michael Roßler, 2010, Vom Thronsaal Gottes, München, GRIN Verlag GmbH
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