Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. - 3 -
2. Was ist öffentliche Erziehung? - 5 -
2.1 Institutionen öffentlicher Erziehung - 6 -
2.2 Beispiele öffentlicher Erziehung. - 7 -
2.3 Schule als Beispiel öffentlicher Erziehung. - 9 -
2.4 Ziele von Schule am Beispiel Hamburgischen Schulgesetz (HmbSG) - 12 -
3. Problemfelder der öffentlichen Erziehung am Beispiel Schule. - 14 -
3.1 soziale, migrations- und geschlechtsbedingte Ungleichheit - 14 -
3.2 kulturelle Segregation in den Schulen - 16 -
4. Gesamtbetrachtung der Leistung des öffentlichen Erziehungssystems. - 17 -
5. Fazit. - 19 -
6. Literaturverzeichnis - 20 -
7. Quellenverzeichnis. - 21 -
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„Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen. […]Der Intensivtäter wird zum Vorbild“ (Eggebrecht 2006, Erklärung Rütli).
1. Einleitung
Dieser Auszug stammt von der kommissarischen Schulleiterin der Rütli Hauptschule Neukölln, Berlin, aus dem Jahr 2006 und beschreibt die damals herrschenden Unterrichtsverhältnisse. Die Reaktionen auf den erst später öffentlich gemachten Brief waren lange Zeit beherrschend in den Medien. Geblieben sind Reformvorschläge, erste Änderungen und vor allem eine Menge Fragen: „[…]Wer ist für welchen Erziehungsauftrag zuständig, was leisten bzw. sind Familie und Schule in der Lage zu leisten, welche Ansprüche werden gegenseitig erhoben und wie ist eine aufeinander bezogene Erziehung in Familie und öffentlichen Institutionen umzusetzen“ (Ecarius, Groppe, Malmede 2009, S.7)?
Diese Fragen beschäftigen das öffentliche Interesse vielleicht erst seitdem Medien und Politik die maroden Hauptschulen der Republik als intervenierungsbedürftige Systeme erkannt haben, in der Forschung hingegen werden Problemfelder der öffentlichen Erziehung nicht erst aber spätestens seit PISA 2000 diskutiert. Die Erkenntnis, dass Deutschland im oberen Leistungsbereich durchschnittliche Ergebnisse erzielte, die höchsten Kompetenzstufen von nur 9% der Schüler erreicht wurden und die Schüler insgesamt im internationalen Vergleich eher im unteren Mittelfeld angesiedelt sind, lies mit dem gekränkten Selbstverständnis der Deutschen die Rufe nach Reformen laut werden, es wird eine Bildungsmisere konstatiert (vgl.
Holz 2003, S.3). Der Mythos vom Land der „Dichter und Denker“ 1 , wie er Anfang des 19. Jahrhunderts von der französischen Schriftstellerin und Baronin Germaine de Staël geprägt wurde, ist nun endgültig zerstört.
Nun ergeben sich als Ansatzpunkte für Veränderungen in der Förderung des Nachwuchses hauptsächlich 2 Sphären: Die privaten Haushalte und die Institutionen der öffentlichen Erziehung. Probleme ergeben sich mit der Frage nach der jeweiligen Umsetzbarkeit von Reformen. So ist es wesentlich schwieriger und komplexer, steuernd in familiale Erziehung einzugreifen, als den Raum der öffentlichen Erziehung normativ zu gestalten. Hinzu kommen Spannungen,
1 „Die bedeutende Fähigkeit zur Arbeit und zum Nachdenken ist ebenfalls einer der charakteristischen Züge der
deutschen Nation. Natürlich ist sie literarischer und philosophischer Art; […]“ (de Staël 1810, hrsg. Metken
1980, S.58).
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die auch im Verhältnis der Institutionen zueinander entstehen. Forschung und Politik stehen diesen Problemen noch nicht geschlossen mit Lösungsansätzen gegenüber. In der Einleitung zu einer aktuellen Arbeit mit dem Titel „Familie und öffentliche Erziehung
- Theoretische Konzeptionen, historische und aktuelle Analysen“ (Ecarius, Groppe, Malmede 2009) fassen die Autoren zusammen, dass das Verhältnis von öffentlicher Erziehung und Familie nur schlecht erforscht ist. Gerade durch eine emotionale Färbung der Vorstellungen und Hoffnungen der verschiedenen Institutionen, häufig im Kontext des Wohlergehens der Kinder, gewinnt das Thema eine gewisse Brisanz (vgl. Ecarius, Groppe, Malmede 2009, S.7). Oft, im Zusammenhang mit Hiobsbotschaften aus den Bereichen der unterprivilegierten Schichten, werden Verantwortliche für die von den Medien kolportierte Bildungsmisere gesucht. Hier einen empirisch, wissenschaftlichen Rahmen zu finden um sowohl Tatsachen zu evaluieren als auch Lösungsansätze zu finden gleicht dem Kampf Davids gegen Goliath. Welcher Wissenschaftler, welche Institution traute sich zu, allen Institutionen zugleich die Stirn zu bieten, Politik und Gesellschaft den Weg in eine bessere Bildungszukunft zu weisen? Diese pathetischen Worte seien verziehen, eingedenk der aktionistischen Forderungen von
Medien und Politik als stetige Reaktion auf Vorkommnisse an sozialen Brennpunkten. 2 Nun soll dies nicht von der Tatsache ablenken, dass der wissenschaftliche Umgang mit den gestellten Fragen ein Muss ist. Es soll aber dafür sensibilisieren, dass in einem Land des Bildungsföderalismus, in dem grundsätzlich fast jede Institution Ansprüche Kritik zu üben geltend macht, Änderungen und Ratschlägen mit äußerster Skepsis begegnet wird. Schränkt man den sozialen Raum der Betrachtung nun auf die öffentlichen Institutionen Deutschlands ein und bestimmt in einem nächsten Schritt, das Hauptaugenmerk auf die Probleme in Einrichtungen öffentlicher Erziehung zu setzen, so fällt die Wahl eines Ansatzpunktes für die Auseinandersetzung mit der angerissenen Problematik leichter. Dementsprechend ist es Ziel der Arbeit in einem ersten Schritt die in Frage kommenden Institutionen der öffentlichen Erziehung einzugrenzen bzw. abzuleiten was öffentliche Erziehung ist. Hier sollen Aufgabenbereiche sowie das Leistungsvermögen abgeglichen werden. In einem zweiten Schritt sollen dann Probleme dargestellt und mit Zahlen belegt werden. Abschließend folgt eine Lagebestimmung der deutschen Bildungslandschaft anhand ausgewähl-
2 Hiermitsind nicht nur aktuelle Ereignisse wie der Amoklauf eines Schülers in Winnenden (Baden-
Württemberg) gemeint, sondern auch die dokumentierte Resignation an Hauptschulen in Berlin im Jahre 2006
(bspw. Rütli) (vgl. Schlieben 2009, ZEIT ONLINE - Von Erfurt bis Winnenden, Wiarda 2008, ZEIT ONLINE -
Hauptschulen - Zwei Welten in Neukölln).
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ter Daten, um zu prüfen, ob sich die öffentliche Erziehung insgesamt betrachtet gut oder schlecht situiert.
2. Was ist öffentliche Erziehung?
Eine rein etymologische Fassung der Begrifflichkeiten ergibt zunächst die Vorgabe des uneingeschränkten Raumes, der Öffnung für eine Teilhabe durch prinzipiell jedes Individuum einer Gesellschaft. Erziehung hingegen schränkt dies durch eine gewisse Zielgerichtetheit ein. In der pädagogischen Literatur ist der Begriff der Erziehung nahezu omnipräsent und vielfach zielgerichtet definiert. Zielgerichtet meint in diesem Zusammenhang die Erklärung des Vorgangs mit dem Ziel zu erklären. So kann Erziehung im Allgemeinen jeder Vorgang sein, der zwischen einem Vermittelnden und einem Empfänger stattfindet, mit dem Ziel des Vermittelnden die Kompetenzen des Zöglings zu erweitern (vgl. Treml 2000, S.11). Genauer kann Erziehung als aktiver Beitrag zur Sozialisation des Individuums verstanden werden, mit dem Ziel eine bestimmte Art der Identitätsbildung zu unterstützen. Identität ist dabei sowohl das Selbstbild des Individuums als auch das, was von einem Subjekt gesellschaftlich wahrgenommen wird. Um den Begriff der Erziehung und entsprechende Rahmendbedingungen zu klären soll ein kleiner Exkurs zu Identität und Sozialisation gegeben werden, dieser ist auch im Hinblick auf die später anknüpfende Diskussion von Problemen in der öffentlichen Erziehung zu beachten.
Identität kann verstanden werden als das Ergebnis eines Prozesses der Spiegelung von Merkmalen, Eigenschaften, Einstellungen und Handlungskompetenzen verbunden mit einer Aspektauswahl bestimmt durch die spezifischen Kriterien einer Gemeinschaft. Die Vermittlung von innerer Realität zu den Bedingungen äußerer Realität geschieht hierbei im Wesentlichen über Kommunikation (vgl. Zimmerman 2000, S.17). Die bestimmte Aspektauswahl ist nun wesentlicher Bestandteil dessen, was als Sozialisation verstanden wird und durch Erziehung beeinflusst werden kann. Es geht hierbei um die soziale Bedingtheit von Persönlichkeitsentwicklung, um eine Anpassung an die soziale Umwelt zu gewährleisten. Um sich dem Themenkomplex hier nur am Rande zu nähern, sei erwähnt, dass es keine universale menschliche Natur gibt. Jedwedes soziales Wertesystem unterliegt einer interkulturellen Beliebigkeit. Dies verbunden mit der Annahme, dass menschliche Bedürfnisse, mit Ausnahme rahmengebender physiologischer Grundbefindlichkeiten oder Triebe, keiner vorbestimmten Form unterliegen, sondern sich plastisch und prozesshaft im Rahmen eines sozialen Umfeldes entwickeln, be-
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gründet die Annahme einer Kulturspezifität eines jeden Individuums (vgl. Wiswede 1977, S. 13). Diese Spezifität legt sich nieder in der Sozialisation oder anders ausgedrückt in der Beschaffenheit des sozialen Umfelds und der speziellen Interaktion von Umfeld und Subjekt. Dient nun eine Interaktion speziell der Erhöhung der Wahrscheinlichkeit einen Aspekt der Umwelt für die eigene Identitätsbildung, beispielsweise in Form einer erlernten Fähigkeit, heranzuziehen, spricht man von Erziehung. Es grenzt sich also Erziehung als Teilmenge von Sozialisation ab. Klassisch ist die Form des Erziehens durch einen Lehrer, der durch das wiederholte Aufzeigen spezifischer Zusammenhänge in einem geschlossenen Raum mit einer bestimmten Anzahl von Schülern die Wahrscheinlichkeit der Anneignung gewisser Zusammenhänge, in Form von Kompetenzen, bei den Schülern erhöht bzw. erhöhen möchte. Versieht man diesen Vorgang der Erziehung mit dem Attribut der Öffentlichkeit, so rücken damit Institutionen der Gesellschaft, die in erster Linie durch öffentliche Hand geleitet werden, in den Vordergrund. Öffentliche Erziehung meint also generell all diejenigen Prozesse, die von gesellschaftlicher Seite in einem demokratischen Prozess für notwendig erachtet werden, um Individuen intentional mit bestimmten Fähigkeiten auszustatten. Anhand der Vorstellung von Institutionen öffentlicher Erziehung soll nun eine gewisse Einschränkung vorgenommen werden bzw. der im Folgenden zu erörternde Kanon dargelegt werden.
2.1 Institutionen öffentlicher Erziehung
Die erste Assoziation mit öffentlicher Erziehung im Kontext zu dem zuvor Definierten ist, wie auch schon in der Einleitung angerissen, die klassische Schule. Hier wird von öffentlicher Hand in organisierter Form Erziehung betrieben. Um sich dem Bereich nun wissenschaftlich zu nähern, sei ein Ansatz von Hans Merkens gewählt, welcher 2006 ein Lehrbuch zu pädagogischen Institutionen herausgegeben hat (vgl. Merkens 2006). „Im Alltagsverständnis kann zu pädagogischen Institutionen all das gerechnet werden, was pädagogisches Handeln regelgeleitet rahmt“ (Merkens 2006, S.11). Da sich nun öffentliche Erziehung ausschließlich, per Definition, in institutioneller Hand befindet und Erziehung pädagogisches Handeln darstellt, ist öffentliche Erziehung charakterisierbar durch öffentliche pädagogische Institutionen. Eine erweiterte systemische Definition der Begrifflichkeiten „Institution“, „pädagogisch“ oder „Erziehung“ muss mit Blick auf den Rahmen dieser Arbeit unterbleiben; im Folgenden soll eine Aufzählung von Institutionen erfolgen, die als öffentlich und pädagogisch angesehen werden. Sie ist nicht als abschließend zu betrachten. Den Schwerpunkt hierbei soll die Schule bilden,
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Arbeit zitieren:
Maximilian Stangier, 2009, Öffentliche Erziehung – Problemfelder, München, GRIN Verlag GmbH
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