als Redner. Beschreibungen von Wahlveranstaltungen, auf denen Obama spricht, betonen immer wieder, wie gut Obama es versteht, Emotionen unter seinen Zuhörern zu wecken: „Obama hatte seine Zuhörer in einen politisch-religiösen Rausch gestürzt.“ (Günther, 2008: 138) So ist ohne seine erste große Ansprache auf dem Nominierungsparteitag von John Kerry gar nicht vorstellbar, dass aus dem weitgehend unbekannten Senator aus Illinois überhaupt ein Anwärter auf das Präsident- schaftsamtgeworden wäre. Charismatische Politik wird nun mal „in der Öffentlichkeit mit den Mitteln des [...] Wortes geführt.“ (Weber 1992: S.31)
Keine Beschreibung Obamas kommt ohne die Erwähnung seiner Hautfarbe aus. Obama selbst versuchte diesen Aspekt zwar lange nicht zu thematisieren, bis er durch Entwicklungen um seinen alten Förderer Jeremiah Wright dazu gezwungen wurde, aber trotzdem war die Hautfarbe für diesen Wahlkampf ein entscheidender Faktor. Dass Obama als Schwarzer Präsident werden könnte war auch immer als besonderes Symbol aufzufassen. Endlich, so die Hoffnung sollte der Rassismus in Amerika beendet sein. Andererseits war auch der Wahlkampf selbst nicht frei von latentem Rassismus. Während es unter weißen Wählern Vorbehalte gegen den Kandidat gab, weil er schwarz war, äußerten viele Afroamerikaner wie Jesse Jackson Bedenken, dass der Kandidat „nicht schwarz genug sei“ ( Spiegel: 130) Im Ergebnis stimmten 96% der schwarzen Wähler aber für Obama, während bei den weißen McCain mehr Stimmen bekam.
Bei Sachthemen blieb Obama bis auf wenige Ausnahmen eher vage oder nicht außergewöhnlich. Sein Konzept einer Krankenversicherung ähnelte beispielsweise dem seiner innerparteilichen Konkurrentin sehr. Ein wichtiges Sachthema, bei dem Obama klar Position bezog, war der Irakkrieg. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Demokraten sich lange Zeit nicht zu einer Anti-Kriegs-Position durchringen konnten. Obama dagegen stimmte niemals für den Irakkrieg und war daher auf der richtigen Seite, als die Partei mit einem Antikriegs-Wahlkampf erfolgreich die Kongresswahlen entschied, und blieb auch persönlich glaubwürdig, weil er seine Position nicht wechseln musste.
Ständiges Thema im Wahlkampf war die Abgrenzung Obamas von Etablissement und den Honoratioren der Partei. Obama und sein Team stellten ihn als Kandidat des Wechsels gegen die alten Politikerdynastien wie die Clintons und Bushs. Inwieweit man in der Kandidatur von Hillary Clinton damit zumindest Elemente traditionaler Herrschaft erkennen kann, wäre sicherlich eine interessante Frage.
Dieses „Change“ Motiv ist im späteren Wahlkampf auch von McCain aufgenommen worden. Allerdings war er damit bei weitem nicht so erfolgreich wie Obama. Obama scheint diesen Aspekt des Neuanfangs überzeugender verkörpern zu können. Hier ist es legitim, eine Parallele zur Person Obama, die als jung und dynamisch beschrieben wird, zu ziehen. Die Attribute der Person decken sich also mit seinen Versprechungen im Wahlkampf. Bei McCain ist dies offensichtlich nicht so.
Eng mit dem Aspekt des Neuanfangs verbunden ist der Vorwurf der mangelnden Erfahrung. Erfahrung ist aber keine Eigenschaft von Charisma. Erfahrung zielt auf die Kompetenzen, die im Verlauf der Karriere durch die Institutionen erworben werden. Charismatische Führer rücken, im Gegensatz zu rational-bürokratischen Herrschern, nicht auf, sie werden berufen. Obama entgeht also einem Vorwurf, der aus der Logik der rationalen Herrschaft kommt, durch die Betonung eines charismatischen Elements.
Neben den Geltungsgründen kommt zu den Bedingungen von Herrschaft das Vorhanden sein eines Verwaltungsstabes, der die Herrschaft organisiert. Im Falle Obamas kann man in seinem Wahlkampfteam einen effizient arbeitenden Verwaltungsstab erkennen. Das Team um den Strategen David Axelrod arbeitete weit fehlerfreier als das Team der Republikaner und verhalf Obama somit auch zum Sieg (vgl. Spiegel: 127). Besonders an Obamas Verwaltungsstab war auch das Vorhandensein vieler junger und motivierter Mitarbeiter, für die man in Analogie zu Weber überspitzt die Bezeichnung „Jünger“ verwenden kann, sowie der professionelle Einsatz des Internets als Organisations- und Kommunikationsmittels. Der Verwaltungsstab unterstand auch nicht der Partei wie z.B. in Deutschland sondern direkt dem Führer Obama. Die Stellung des Stabes im Verhältnis zu Obama war dabei, wie bei der charismatischen Herrschaft üblich, weitestgehend ungeregelt. Schon die Bezeichnung „Berater“ oder „Helfer“ deutet an, dass die letztliche Entscheidungsbefugnis bei Obama lag. Auch dienten die enormen Mittel, die Obama in diesem Wahlkampf als Spenden einnahm ausschließlich dem Ziel, die Präsidentschaft zu gewinnen und konnten nicht etwa vom Stab angeeignet werden. Zur Motivation des Stabes kann auf die Interessensolidarität mit dem Führer verwiesen werden. Neben der ideellen Botschaft von Wandel und Hoffnung war, zumindest für den engeren Stab, sicher auch von Bedeutung, dass Obama nach der Wahl viele (Amts-)Pfründe verteilen kann.
Obama scheint somit Eigenschaften zu verkörpern die ihn als charismatischen Führer ausweisen. Offen ist noch wie sein charismatischer Aufstieg gelingen konnte. Untersucht man die Bedingungen unter denen sein Erfolge möglich wurde, so stößt man unmittelbar auf die schwierige Lage der USA. Verwiesen werden soll hier auf die beiden Kriege und die Finanz- und Wirtschaftskrise in den USA selbst. Die Situation kann durchaus als Krise beschrieben werden, was nach Weber eine Voraussetzung für charismatische Herrschaft ist.
Eine weitere Voraussetzung ist im amerikanischen Regierungssystem begründet. Das präsidentielle Regierungssystem begünstigt starke Führer, die dem Parlament relativ unabhängig gegenüber stehen.
Und trotz allem Einsatz moderner Massenmedien ist der Amerikanische Wahlkampf immer auch ein Wald- und Wiesenwahlkampf geblieben. Die Kandidaten müssen weit mehr Auftritte in der Provinz absolvieren als das etwa in Deutschland üblich ist. Auch dieser direkte Kontakt zum Wähler
Arbeit zitieren:
Jan Wessel, 2010, Barack Obama - ein charismatischer Führer?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Eine Analyse der Politikermarke Kurt Beck
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Wandel in der Politikdarstellung - Personalisierung der Politik
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
Seminararbeit, 15 Seiten
Phantom Personalisierung - Gibt es einen Trend zur Personalisierung in...
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Mädchen- und Frauenbildung in der DDR
Politik - Politische Systeme - Historisches
Hausarbeit, 20 Seiten
Anforderungen an Führungskräfte in Zeiten des Wandels
BWL - Personal und Organisation
Seminararbeit, 24 Seiten
Erklärungsansätze für rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendli...
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Obamas Charisma oder Charismatische Herrschaft
Überlegungen nach Max Weber
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Essay, 8 Seiten
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten: neuer Titel erschienen: Barack Obama - ein charismatischer Führer?
Jan Wessel hat einen neuen Text hochgeladen
Quand Barack Obama, chef de guerre, reçoit le prix Nobel de la paix
Présentation et édition du dis...
Alain Chardonnens
Change We Can Believe in: Barack Obama's Plan to Renew America's Promi...
Barack Obama's Plan to Renew A...
Obama for America, Barack Obama
Barack Obama vs. John McCain - Side by Side Senate Voting Record for E...
Barack Obama, John Mccain
Our Country's Presidents: All You Need to Know about the Presidents, f...
Ann Bausum, Barack Obama
0 Kommentare