Bibliographische Beschreibung:
Leimig, Kathrin Marisa:
teleSUR - Anspruch und Wirklichkeit. - 2006.- 80 S. Berlin, Hochschule Mittweida (FH), Fachbereich Medien, Bachelorarbeit, 2006
Referat:
Ziel der Arbeit ist es, herauszufinden, ob der neugegründete venezolanische Fernsehsender teleSUR seinem Anspruch, eine lateinamerikanische Alternative zu den markt- und meinungsbeherrschenden privaten Fernsehnetzwerken zu bilden, gerecht werden kann. Es wird überprüft, inwiefern die Kritik, teleSUR sei ein Propagandainstrument der Regierung unter Hugo Chávez, auf den Sender zutrifft. Zur Beantwortung dieser Fragen wird im ersten Teil der Arbeit eine Umfeldanalyse des Fernsehsenders vorgenommen. Anschließend werden im zweiten Teil der Arbeit das Programm des Senders sowie ausgewählte Sendeinhalte analysiert und interpretiert. Zum Abschluss erfolgt ein Programmvergleich mit dem Hauptkonkurrenten teleSURs CNN en español.
I
Danksagung
An dieser Stelle möchte ich mich für die Unterstützung durch die Hochschule Mittweida, im Besonderen bei Hr. Prof. Dr.phil. Andreas Wrobel-Leipold bedanken. Aus dem Fachbereich Medien stand mir Fr. Baumann immer als sehr hilfsbereite Ansprechpartnerin zur Verfügung.
Weiterhin bedanke ich mich herzlich bei meinem Zweitkorrektor Hr. Dr. Peter Birle, dem Leiter der Forschungsabteilung des Ibero-Amerikanischen Instituts, der mich während des Arbeitsprozesses tatkräftig unterstützt und mir seine Zeit zur Verfügung gestellt hat.
Besonderer Dank gilt denjenigen, die mir mit ihrem Wissen und ihren Anregungen während der Bearbeitungszeit eine große Hilfe waren:
Amin Müller
Jesper Riedler
Andreas Jaensch
Elena Duppler
Daniel Schiffer
Dr. Rosemarie Nickl-Leimig
Tillmann Fiehn
Vielen Dank.
II
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung. 1
1.1 Zielsetzung und Fragestellung 1
1.2 Wissenschaftliche Methodik und Quellen. 2
2 teleSUR - Umfeldanalyse des Fernsehsenders. 5
2.1 Finanzierung/Teilhaber 5
2.2 Politisches Umfeld 6
2.2.1 Hugo Rafael Chávez Frías 6
2.2.2 Die Bolivarische Revolution 8
2.2.3 Befürworter und Kritiker der Politik von Hugo Chávez 11
2.2.4 Der Putschversuch von 2002 und die Rolle der Medien 15
2.3 teleSUR in der Medienlandschaft 19
2.3.1 Die venezolanischen Medien unter Hugo Chávez 19
2.3.2 Die Struktur der venezolanischen Medien. 20
2.3.3 Die Macht der privaten Medien und die Rolle der USA 22
2.3.4 Regulierung der Medien in Venezuela 23
2.3.5 Inhalte des Mediengesetzes 24
2.3.6 Einordnung in das internationale Medienangebot. 26
3 teleSUR - Analyse des Fernsehsenders 27
3.1 Selbstdarstellung des Senders /Eigener Anspruch 27
3.2 Zielgruppen /Empfang 32
3.3 Kooperationen 32
3.4 Kritische Reaktionen auf teleSUR 33
3.4.1 Reaktionen in Lateinamerika 33
3.4.2 Reaktionen in den USA 35
4 Programmstruktur und Sendeinhalte 37
4.1 Programmierung teleSUR 38
4.1.2 Zeitzonen des Programms 41
4.1.3 Strategien der Programmplanung 43
4.1.4 Instrumente der Programmplanung. 44
4.2 Analyse von Sendeinhalten. 47
4.2.1 Nachrichtensendungen 48
III
4.2.2 Maestra Vida Caminantes: Angeles Mastretta 56
4.2.3 Destino Latinoamérica 58
4.2.4 La revolución no será transmitida 60
4.2.5 Aló,Presidente. 64
5 Vergleich Telesur mit CNN en español. 69
5.1 Programmierung CNN en español 69
5.2 Programvergleich teleSUR und CNN en español 72
6 Bewertung und Zusammenfassung. 75
IV
1. Einführung
Die Zeiten, in denen Nachrichtennetzwerke wie CNN und BBC die Vorherrschaft auf dem weltweiten Nachrichtenmarkt innehatten, sind vorbei. Es scheint, als hätten westliche Nachrichtenprogramme ihren globalen Einfluss eingebüßt, seitdem immer mehr regionale Nachrichtensender gegründet werden, die ihre Sicht auf die Dinge vermitteln. Finanziert werden diese Sender oftmals von Regierungen, die mit Medienprojekten international ihr Ansehen steigern und politisch Einfluss nehmen wollen.
Televisión del Sur (=teleSUR: „Fernsehen des Südens“) ist ein lateinamerikanischer TV-Sender, der von Hugo Chávez, dem Präsidenten Venezuelas, initiiert wurde. Am 24. Juli 2005 wurde der Sender von der Betreibergesellschaft Nueva Televisión del Sur S.A. erstmalig in Betrieb genommen. An diesem Tag wurde zugleich der 222. Geburtstag des lateinamerikanischen Freiheitskämpfers Simón Bolívar gefeiert, der den Subkontinent von der spanischen Kolonialmacht befreien wollte 1 .
1.1 Zielsetzung und Fragestellung
Ziel der Untersuchung ist es herauszufinden, ob der neugegründete venezolanische Fernsehsender teleSUR seinem eigenen Anspruch als alternatives, lateinamerikanisches Medium gerecht werden kann und inwiefern Kritik durch Gegner des Sender zutrifft. Im ersten Teil der Arbeit wird die Funktion von teleSUR in Relation zu anderen Fernsehkanälen ermittelt. In diesem Zusammenhang werden das politische sowie das mediale Umfeld von
1 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie: in 30 Bänden - 21. Auflage. Leipzig: F.A. Brockhaus Verlag, 2006.
1
teleSUR analysiert. Relevante, den Sender beeinflussende Parameter werden dargestellt und in Zusammenhang gebracht, um teleSUR als neues Medium verständlicher werden zu lassen. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Struktur teleSURs und den tatsächlichen Sendeinhalten. Zur Bestimmung der Wesensart des Senders werden die Programmierung sowie ausgewählte Sendungen analysiert. Diese Untersuchung soll herausstellen, ob der Anspruch des Senders in den Sendeinhalten umgesetzt wird und inwieweit die Sendeinhalte der Bevölkerung eine alternative Informations- und Bildungsmöglichkeit bieten können. Es soll weiterhin überprüft werden, inwiefern die Vorbehalte der Kritiker bezüglich der Sendeinhalte zutreffen.
Die vorgelegte Arbeit untersucht demnach die Frage, ob teleSUR seinem eigenen Anspruch als lateinamerikanische Alternative zu den weltweiten Nachrichtennetzwerken gerecht werden kann oder ob der Sender der Regierung Chávez als Propagandainstrument im Kampf gegen die Macht der privaten Fernsehnetzwerke dient.
1.2 Wissenschaftliche Methodik und Quellen
Es handelt sich bei dieser Arbeit um eine explorative Untersuchung. Aufgrund der Aktualität des Themas gibt es bisher kaum Sekundärliteratur, die sich mit teleSUR als neuem Medium beschäftigt. Es ist allerdings auffällig, dass die Literatur, die zum Thema Venezuela existiert, sehr polarisierend ist. Die Bewertung des neuen venezolanischen Fernsehsenders erfolgt genauso polarisierend wie die Auseinandersetzung mit Venezuela in der Diskussion und in der gängigen Literatur. In der Darstellung bestimmter politischer und medialer Zusammenhänge wird die Polarisierung des venezolanischen Themas in dieser Arbeit
2
weitestgehend aufgezeigt. Daher liegt es nahe, eine qualitative Inhaltsanalyse des Senders vorzunehmen. Auch wenn eine quantitative Herangehensweise interessant wäre, würde sie den Umfang dieser Arbeit überschreiten.
Als Grundlage für die Bearbeitung des Themas dient die gängige Literatur, die sich mit den Medien sowie der Politik Lateinamerikas beschäftigt. Der Sender selbst praktiziert eine eher passive Informationspolitik und gibt sich sehr zurückhaltend bezüglich öffentlicher Statements oder der Ausgabe statistischer Daten. Diese defensive Informationspolitik lässt den Eindruck entstehen, teleSUR wolle sich nicht in die Karten schauen lassen und widerspricht genau genommen dem eigenen Anspruch auf Transparenz. Die Neugründung eines staatlich finanzierten Fernsehsenders aus Venezuela hat eine immense mediale Diskussion in vielen nationalen sowie internationalen Medien ausgelöst. Die Auswertung von Presseberichten ist somit eine weitere wichtige Quelle der Arbeit. Für die Programmanalyse wird die Live-Übertragung des Fernsehprogramms via
Webstream genutzt. Mit Hilfe eines Webstream Recorders wurde ein Archiv mit Sendebeiträgen zu erstellt, um uneingeschränkt Zugriff auf Material von teleSUR zu haben.
Für die Analyse von Sendeinhalten wird die hermeneutische Fernsehanalyse verwendet. Diese Methode wird oftmals von Sozialwissenschaftlern als unwissenschaftlich erachtet, weil sie nicht quantitativ nachprüfbar ist. Jedoch wird mit einem hermeneutischen Zugang zu Fernsehinhalten versucht, hinter dem offensichtlich Verständlichen die Struktur der Gestaltung hervorzuheben und zusätzliche Bedeutungsebenen aufzuzeigen. Somit beschäftigt sich die hermeneutisch orientierte Fernsehanalyse mit der
3
Mehrdeutigkeit televisueller Werke und versucht, diese hervorzuheben. Indem bestimmte Inhalte wiederholt angesehen und kontrolliert betrachtet werden, können verborgene, nicht offenkundige Aspekte bemerkt und interpretiert werden. Aufgrund des verstärkten Sinnesbezugs bei der Analyse muss die Subjektivität des Rezipienten bzw. Analysierenden miteinkalkuliert werden. Der Analysierende sollte sich aus diesem Grund während seiner Beobachtung stets seines Vorverständnisses und seiner Rezeptionsbedingungen bewusst sein und dies auch in seinen Bewertungen mitteilen.
Die folgenden vier Arbeitsschritte der hermeneutischen Film- und Fernsehanalyse nach Klaus Kanzog 2 dienen als Grundlage für die Analyse der Sendeinhalte:
1. Befund
2. Erläuterung
3. Kommentar
4. Interpretation
Diese vier Arbeitsschritte müssen jedoch in Übergängen gesehen werden, denn sie beschreiben die Verlaufsform der Analyse. Mit der hermeneutischen Methodik wird es möglich, den Weg vom ersten Verständnis eines Fernsehbeitrags bis hin zu einer Interpretation zu dokumentieren, ohne dabei empirische Inhaltsanalysen mit einzubeziehen, welche den Rahmen der Untersuchung sprengen würden. Vorteilhaft ist außerdem eine Herangehensweise, die sich nicht
2 Für die vier Arbeitschritte der hermeneutischen Film und Fernsehanalyse vgl. Kanzog, Klaus: Einführung in die Filmphilologie. München : Diskurs-Film-Verlag Schaudig und Ledig, 1997.
4
ausschließlich auf das gesprochene Wort gründet. Eine solche erfordert, dass der Analysierende die Sprache, in der die Sendeinhalte ausgestrahlt werden, auf muttersprachlichem Niveau beherrscht. Da dies nicht gegeben ist, ist die hermeneutische Film- und Fernsehanalyse eine Alternative, um den Prozess der Orientierung innerhalb des Fernsehsenders teleSUR zu fördern und ein Verständnis der Inhalte zu erreichen.
2 teleSUR - Umfeldanalyse des
Fernsehsenders
teleSUR ist ein lateinamerikanisches Gemeinschaftsprojekt. Um die Funktion des neuen Mediums zu verstehen, muss das Umfeld des Senders erläutert werden. In diesem Zusammenhang spielen politische Faktoren sowie die Abgrenzung zu anderen Medien eine Rolle.
2.1 Finanzierung/Teilhaber
Die Idee für den neuen Satellitensender teleSUR geht auf den Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, zurück. Mit seiner Initiative entstand die Aktiengesellschaft teleSUR, die von den Regierungen verschiedener lateinamerikanischer Länder finanziert wird: Venezuela (51%), Argentinien (20%), Kuba (19%), Bolivien (5%) und Brasilien (ohne festen Anteil) sind Teilhaber des Fernsehkanals. 3 70% der Anschubfinanzierung von 2,5 Millionen US-Dollar wurden von Venezuela gestellt. Mittelfristig sollen für teleSUR umgerechnet zehn Millionen US-Dollar zur Verfügung
3 Vgl. Fica, Marcela: Eine kleine Revolution: Der lateinamerikanische Fernsehsender Telesur hat Sendungsbewusstsein. URL: http://www.linksnet.de/artikel.php?id=1956 , verfügbar am 1. Mai 2006.
5
gestellt werden. 4 Es steht weiteren Ländern Lateinamerikas offen, sich ebenfalls an dem multinationalen Projekt zu beteiligen.
2.2 Politisches Umfeld
Der Initiator des Kanals teleSUR, Präsident Hugo Chávez, ist eine politische Figur, die polarisiert. Als offener Bewunderer Fidel Castros und Globalisierungsgegner zieht er mit seiner provokativen Politik weltweit Aufmerksamkeit auf sich und seine Projekte. Mit einer Beteiligung an teleSUR von über 50% zeigt Venezuela, verglichen mit den anderen Teilhabern, ein überdurchschnittlich hohes Interesse am Aufbau eines weiteren Fernsehsenders. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Gründung von teleSUR politisch motiviert und ob der Kanal für die Demokratisierung des Landes förderlich ist. Um also die Gründe für die Schaffung von teleSUR und die Relevanz des Senders als neues Medium zu verstehen, muss das Umfeld des Senders in die Analyse miteinbezogen werden. Die politische Situation Venezuelas unter Hugo Chávez gibt darüber Aufschluss, ob und wieso ein neuer Fernsehsender in der Region gebraucht und wie er eingesetzt wird.
2.2.1 Hugo Rafael Chávez Frías
Nach einem erfolglosen Putschversuch 1992 erlangt Hugo Chávez, ein Oberstleutnant a.D., 1998 durch eindeutigen Wahlsieg die Macht in Venezuela und wird Staatspräsident. Anders als seine Vorgänger bezeichnet er sich als indigen und betont, er sei nicht Teil der traditionellen Politikelite des Landes, weswegen sein Wahlsieg größtenteils von der
4 Vgl. Neuber, Harald: Mit "Telesur" gegen den CNN-Einfluss? URL: http://www.tagesschau.de, verfügbar am 27. April 2006.
6
Unterschicht und Teilen der Mittelschicht getragen wird. 5 In seinem Regierungsprogramm verspricht Chávez die
„friedliche und demokratische Revolution“ 6 , einen politischen Neuanfang, der die vorherrschenden Verhältnisse in Venezuela verändern soll. Er will die repräsentative Demokratie durch sein „Konzept der partizipativen Demokratie mit sozialistisch-nationalistischen Zügen“ 7 ersetzen. Chávez verspricht eine integrative Politik, die basisdemokratisch und vom Volk getragen ist. Die Bevölkerung soll über Volksentscheide aktiv an der Politik beteiligt werden und sich für Venezuelas Entwicklung mitverantwortlich fühlen.
Zwischen den Gewalten in Venezuela herrscht ein deutliches Ungleichgewicht. Die Exekutive in Form des Staatspräsidenten hat schon seit der Verfassung von 1961 in Machtfragen eine Vorrangstellung, die Chávez weiter ausbaut. Er hat sich das Monopol auf eine Machtkonzentration gesichert, welche ihm als Führerfigur den direkten Kontakt mit dem Volk ermöglicht. 8 Chávez´ Regierungsstil ist die „direkte, fundamentale Beziehung eines charismatischen Militärcaudillos zu den Massen, die ihn gewählt haben, nicht irgendeine Idee oder ein Programm, das sie mit einem unbeschränkten Mandat ausgestattet und so auf eine metapolitische Ebene katapultiert haben. [..] Chavez gründet seine Macht auf die
5 Vgl. Wagenknecht, Sahra (Hrsg.): Aló Presidente : Hugo Chávez und Venezuelas Zukunft. Berlin : Ed. Ost, 2004, S.8.
6 Welsch, Friedrich: Venezuela unter Chávez: Zwischen demokratischer Revolution und Caudillismo. Berlin: Ibero-Amerikanisches Institut Preußischer Kulturbesitz, 2001, S.3.
7 Lingenthal, Michael: Venezuela: die so genannte bolivarianische Revolution - In: KAS/Auslandsinformationen - Bonn - 20 (2004) 1, S. 64-81.
8 Vgl. Welsch: Venezuela unter Chávez, S.4ff.
7
emotionale Zustimmung des Volkes, die er sich durch permanente Agitation sichert“ 9 .
2.2.2 Die Bolivarische Revolution
Zu Beginn seiner Amtszeit im Jahre 1999 leitet Hugo Chávez seine Bolivarische Revolution ein. Es handelt sich hierbei um eine linksnationalistische Doktrin, die sich auf dem Bolivarismus begründet. Dieser orientiert sich am Volkshelden Simón Bolívar, der im 19. Jahrhundert die Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanischen Kolonialherren anführte und die Einigung Lateinamerikas forderte. 10 Der Bolivarismus gründet sich weiterhin auf den Schriften des marxistischen Historikers Federico Brito Figueroa, mit denen Chávez schon während seines Studiums in Kontakt kam. 11 Ein wichtiges Standbein des Bolivarismus ist der Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft eines Stadtteils oder bestimmter Regionen in Form von lokalem Engagement: Chávez ermuntert die Bürger Venezuelas zur Formation. Er ist der Auffassung, dass nur das gemeinschaftliche Arbeiten an gesellschaftlichen Problemen und die Auseinandersetzung mit dem politischen System eine Verbesserung der Lebenssituation für alle Venezolaner hervorrufen kann. Aus dieser Auffassung entstanden viele sogenannte „Bolivarische Zirkel“, die als Nachbarschaftsräte fungieren und die soziale und politische Organisation in Venezuela stark beeinflussen. Allerdings „unterscheiden sich die Bolivarischen Zirkel von [den] anderen Organisationen [der Menschen] dadurch, dass sie ihr Engagement
9 Welsch: Venezuela unter Chávez, S. 17.
10 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie: in 30 Bänden - 21. Auflage. Leipzig: F.A. Brockhaus Verlag, 2006.
11 Vgl. Munzinger CD-Rom Archiv 4.2 - Stand Dezember 2005.
8
ausdrücklich der Verteidigung der Revolution und der Bolivarischen Verfassung widmen“ 12 .
Angelehnt an Bolívar will Chávez Venezuala von einer „neuen Diktatur befreien, der Diktatur des Neoliberalismus“ 13 . Diese wirtschafts- und sozialphilosophische Denkrichtung begründet sich auf dem Liberalismus. Das Funktionieren der freien Marktwirtschaft wird im
neoliberalen System durch den Staat gewährleistet, der die Wettbewerbsbedingungen schafft, aber dennoch nicht in den Wirtschaftsprozess eingreift. Nach neoliberaler Auffassung wird „das Wohl der Gesellschaft am besten gefördert, wenn sich die private wirtschaftliche Initiative und das Leistungsprinzip im Rahmen einer marktkonform gestalteten Wirtschafts- und Sozialordnung entfalten können“ 14 . In neoliberalen Systemen übernimmt der Staat die folgenden Aufgaben:
1. Schutz vor privatwirtschaftlicher Marktmacht z. B. durch Monopole und Kartelle
2. Gewährleistung eines freien Zugangs zum Markt und Offenheit des Wettbewerbs
3. weitgehende Privatisierung des Staatseigentums, damit der Staat nicht selbst als wirtschaftlicher Machtfaktor wettbewerbsverzerrend auf dem Markt agiert.
4. Schaffung einer Sozialpolitik, die den Bürger zu Selbsthilfe und selbstverantwortlicher Vorbeugung, z.B.
12 Burke, Tom; Chavez, Rodrigo: Die Bolivarischen Zirkel. URL: http://www.zmag.de/artikel.php?id=762, verfügbar am 26. Mai 2006.
13 Bartley, Kim; O´Briain, Donnacha: The Revolution Will Not Be Televised. Power Pictures Production, 2002.
14 Microsoft Encarta Enzyklopädie - Stand 2005.
9
im Rahmen eines ausgebauten Versicherungswesens, motiviert.
Mit seinem Bolivarismus stellt sich Chávez gegen die Idee eines solchen neoliberalen Systems. Zentrale Punkte des Bolivarimus 15 beinhalten:
1. nationale Unabhängigkeit
2. Einigung Lateinamerikas
3. politische Beteiligung der Bevölkerung durch Referenden
4. gerechte Verteilung der venezolanischen Erdöleinnahmen
5. ökonomische Eigenständigkeit
6. Bekämpfung von Korruption
7. staatlich finanzierte Angebote in Form von Sozial-, Gesundheits- und Bildungsprogrammen
Mit der offiziellen Umbenennung des Landes in „Bolivarische Republik Venezuela“ durch Chávez wird eine „doppelte Identität suggeriert, indem die Einheit von Führer Bolívar und unterjochtem Volk im Befreiungskampf gegen die spanische Kolonialherrschaft mit der Einheit von Chávez und unterdrückter Unterschicht in der demokratischen
Revolution von heute gleichsetzt und damit die Identität von Bolívar und Chávez postuliert wird“ 16 .
15 Vgl. Sozialistische Jugend: Die Bolivarische Revolution in Venezuela und ihre Geschichte. URL: http://www.sjoe.at, verfügbar am 22. Mai 2006.
16 Welsch: Venezuela unter Chávez, S.6.
10
2.2.3 Befürworter und Kritiker der Politik von Hugo Chávez
Mit seinem Bolivarismus will Hugo Chávez die grundlegende Umverteilung von Eigentum und Einkommen erzielen. Mittel dazu sind eine Landreform sowie eine gerechtere Verteilung der Einnahmen aus den Erdölexporten Venezuelas. In einer Rede zu Ehren des 150. Todestages des Bauernführers Ezequiel Zamora erklärt Chávez, „der Kampf gegen den Großgrundbesitz sei vordringlich, da fünf Prozent aller Landeigentümer im Land über 80 Prozent des Agrarlandes verfügen, während 75 Prozent der Produzenten nur sechs Prozent des Landes in ihren Händen hielten“ 17 . In den 70er Jahren profitierten wenige privilegierte Venezolaner der Oberschicht in großem Maße vom Erdölboom des Landes, weil sie direkt an den Gewinnen des venezolanischen Erdölkonzerns Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA) beteiligt waren. Bereits 1976 unter Präsident Carlos Andres Pérez verstaatlicht, wurde der Erdölkonzern Jahrzehnte lang wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen geführt. Folglich bekam die breite Mehrheit der Venezolaner die Einkünfte aus dem Erdölexport nicht zu spüren. Ein Großteil der Bevölkerung Venezuelas ist seit Beginn der Wirtschaftskrise in den 80er Jahren und der Einführung des Neoliberalismus als Wirtschaftssystem durch Präsident Pérez von
anhaltender Armut und tiefgreifender sozialer Ungerechtigbetroffen. 18 keit Die verarmte und weitestgehend
ungebildete Bevölkerung, die den Großteil der Venezolaner ausmacht, steht hinter Hugo Chávez und sieht endlich eine Perspektive für ein neues Venezuela.
17 Azzellini, Dario: Venezuela: Landreform erhält Schub. URL: http://pda.ch/vorwaerts/2005/vw-05-07.pdf, verfügbar am 20.März 2006.
18 Vgl. Wagenknecht: Aló Presidente, S. 148ff.
11
Zudem wird Präsident Chávez als treibende Kraft einer „Linkswende“ 19 gesehen, die zurzeit in weiten Teilen Lateinamerikas stattfindet. Mit Projekten zur wirtschaftlichen Integration Südamerikas und der verstärkten Zusammenarbeit im Energiesektor versuchen die Regierungen lateinamerikanischer Staaten wie Bolivien, Chile oder Argentinien den ‚südamerikanischen Konsens’ zu erzielen. Die Entwicklung der südamerikanischen Freihandelszone Mercosur bildet die Grundlage für neue Projekte der Wirtschaftszone, wie z. B. Pläne zum Bau eines Gasver-sorgungsnetzes für ganz Südamerika, deren Haupt-bestandteil eine Gaspipeline von Venezuela bis nach Argentinien und Uruguay bildet. 20
Während Chávez` Befürworter den Präsidenten als Befreier Lateinamerikas feiern, begegnet er in Venezuelas Ober- und Mittelschicht sowie in den USA heftiger Kritik. Privilegierte Venezolaner bezeichnen Chávez als einen Diktator und „autoritären Populisten“ 21 , der in ganz Südamerika den Kommunismus verbreiten wolle. Sie fürchten den Wegfall ausländischer Investitionen und eine daraus resultierende wirtschaftliche Isolation des Landes. Es wird argumentiert, Chávez wolle mit seinem provokativen Anti-Amerikanismus „einen politischen Kontrapunkt zur konservativen Bush-Regierung“ 22 bilden und sich mit seinem Bolivarismus gegen
19 Stackl, Erhard: Lateinamerikas Linke Schattierungen. URL: http://derstandard.at/?url=/?id=2306831, verfügbar am 10. März 2006.
20 Vgl. Berger, Timo: Auf dem Weg zu einem südamerikanischen Konsens: Projekte für die regionale Energieintegration. URL: http://www.jungewelt.de/2006/02-20/049.php, verfügbar am 22. April 2006.
21 Vgl. Stackl, Erhard: Lateinamerikas Linke Schattierungen. URL: http://derstandard.at/?url=/?id=2306831, verfügbar am 10. März 2006.
22 Forero, Juan: Chávez, Seeking Foreign Allies, Spends Billions. URL: http://www.nytimes.com/2006/04/04/world/americas/04venezuela.h
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Kathrin Marisa Leimig, 2006, teleSUR - Anspruch und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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