Inhaltsverzeichnis
I VORBEMERKUNGEN UND EINBETTUNG DES THEMAS 5
I.1 Historischer Kontext 5
I.2 Literaturgeschichtlicher Kontext. 10
I.3 Der Textcorpus und seine AutorInnen. 19
I.3.1 Die Texte. 19
I.3.2 Die AutorInnen 24
I.3.2.1 Pius Ngandu Nkashama. 24
I.3.2.2 Maguy Rashidi-Kabamba. 26
I.3.2.3 Jean Claude Kangomba Lulamba 28
I.3.2.4 Pie Tshibanda Wamuela Bujitu 28
I.3.2.5 Charles Djungu-Simba 29
I.4 Fragestellung, Gliederung und Methode 31
II ASPEKTE DER MIGRATIONSERFAHRUNG 33
II.1 Ich über mich - Selbstwahrnehmung. 33
II.1.1 Materielle und administrative Schwierigkeiten 33
II.1.2 Fremdheitserfahrungen und Identitätskrisen 36
II.1.3 Integration und Ghetto 47
II.1.4 Sehnsucht nach der Heimat und der Mythos der Rückkehr 51
II.1.5 Selbstkritik und Selbstreflexion. 54
II.2 Ich über sie - Fremdwahrnehmung 55
II.2.1 Paradies Europa - Mythologisierung und Entmythologisierung. 55
II.2.2 Europa: Kälte, Technik, Ordnung, Individuum 63
II.2.3 Darstellung der Europäer. 68
II.3 Sie über mich: Selbstwahrnehmung durch Fremdwahrnehmung 70
II.3.1 Rassismus bei Fanon und Memmi 70
II.3.2 Wahrnehmung durch „die Anderen“ 73
II.3.3 Umgang mit Zuschreibungen und Vorurteilen 79
III CONCLUSIO. 86
IV LITERATURVERZEICHNIS 89
IV.1 Primärliteratur 89
IV.2 Sekundärliteratur. 92
V APPENDIX 109
I. Auswahl der Werke der SchrifstellerInnen 110
I Vorbemerkungen und Einbettung des Themas
Die vorliegende Arbeit richtet ihr Augenmerk auf den literarischen Kulturkontakt zwischen der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo, ehem. Zaire) 1 und Europa, insbesondere Belgien, der sich unter schwierigsten Vorzeichen in einem äußerst schmerzhaften Prozess von Kolonisierung und Dekolonisierung entwickelte. Innerhalb dieses Kulturkontaktes möchte ich mich mit dem Themenkomplex der „Immigration nach Europa“ anhand ausgewählter französischsprachiger Texte der letzten zwanzig Jahre von MigrationsautorInnen der DR Kongo auseinandersetzen. Es werden in der Arbeit drei Aspekte analysiert: Die Selbstwahrnehmung (wie man sich selbst in der Situation der Immigration betrachtet), die Fremdwahrnehmung (wie man die neue Gesellschaft und deren Mitglieder beschreibt und beurteilt) und die Selbstwahrnehmung durch Fremdwahrnehmung (wie man glaubt von Mitgliedern der ansässigen Gesellschaft gesehen zu werden).
In diesem Einführungskapitel erfolgt zuerst eine Einbettung des Themas in einen historischen und literaturgeschichtlichen Kontext, anschließend werden die Texte und die Autoren vorgestellt und zuletzt die Fragestellung, Gliederung und Methode der Textanalyse.
I.1 Historischer Kontext
Die Geschichte Belgiens und jene der DR Kongo sind durch eine lange grausame Kolonialzeit miteinander verbunden, welche nicht unwesentlich den Kulturkontakt zwischen den beiden Ländern geprägt hat, aber auch sowohl direkt als auch indirekt maßgeblich zu der wirtschaftlichen und politischen Misere innerhalb der DR Kongo beigetragen hat. Viele der grausamen Konflikte der letzten Jahrzehnte waren zwar selbstverschuldet, müssen aber dennoch auch als Spätfolgen der Kolonisierung und als Brennpunkt von Machtinteressen der internationalen Beziehungen begriffen werden. Ich erwähne hier nur einige ganz wenige Aspekte: Einige ethnische Konflikte wären erst gar nicht zustande gekommen, wenn europäische Mächte 1885 nicht willkürlich die Grenzen Afrikas festgesetzt hätten. 2 Die
1 Bis 1960 hieß das Land „Belgisch Kongo“ („Congo Belge“), von 1971 bis 1997 „Zaire“ und seit 1997 „Demokratische Republik Kongo“. In dieser Arbeit werden die Länderbezeichnungen dementsprechend verwendet. Das gleiche gilt für die Bezeichnungen „KongolesenInnen“ und „ZairerInnen“.
2 Vgl. z.B.: Hochschild, Adam: Schatten über den Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen, aus dem Amerikanischen von Monika Nall und Ralf Schubert, Klett-Cotta, Stuttgart, 2000.
5
ehemalige Kolonialmacht Belgien forcierte aber auch den Zuzug von Menschen anderer ethnischer Zugehörigkeiten in bestimmte Teile des ehemaligen „Belgisch Kongo“, da es öfter einen Mangel an Arbeitskräften für die Ausbeutung der reichen Rohstoffvorkommen 3 gab. Überdies wurden immer wieder einzelne ethnische Gruppen von der ehemaligen Kolonialmacht bevorzugt, was zu Spannungen beitrug. Die Kolonialzeit des ehemaligen „Belgisch Kongo“ ging sehr plötzlich zu Ende und keine der beiden Seiten der kolonialen Beziehung war auf die Unabhängigkeit vorbereitet. Nachdem die ehemalige Kolonialmacht das Gebiet plötzlich verlassen hatte und kaum eine Infrastruktur hinterließ, begannen sofort heftige interne Auseinandersetzungen, die es dann schließlich Mobutu erlaubten, an die Macht zu gelangen und ein brutales und korruptes diktatorisches System (oft „Kleptokratie“ genannt) aufzubauen. Viele Staaten mischten sich aus wirtschaftlichen Interesse an den kongolesischen Rohstoffen 4 und aus Interessen des weltpolitischen Gleichgewichts in die verschiedenen internen Angelegenheiten des Landes ein - als ein sehr einleuchtendes Beispiel kann hier der rätselhafte Tod des ersten Präsidenten Patrice Lumumba 5 genannt werden. 6
Seit den 1980er Jahren sahen sich aufgrund der miserablen politischen und ökonomischen Verhältnisse immer mehr Menschen dazu gezwungen, die DR Kongo zu verlassen und ihr Glück in einem anderen Land zu versuchen. Die „Zairisierung“ 7 der Wirtschaft war eine schamlose Ausbeutung des Landes durch den Clan des Diktators gewesen. 8
Ab Mitte der 1980er stand Zaire wirtschaftlich am Abgrund und der soziale Druck äußerte sich in Aufruhr. Die Sanierungspolitik und Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und Internationalem Währungsfonds scheiterten und eine Belebung der Wirtschaft schien trotz unheimlichen Reichtums an Bodenschätzen als unmöglich. Hinzu kam die Kapitalflucht durch reiche Zairer, aber es war vor allem die Korruption und die maßlose Privatisierung
(Original: King Leopold’s Ghost. A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa; Verlag Mifflin, Boston / New York, 1998), S. 109-126.
3 Vgl. z.B.: Albertini, Rudolf v.: „Der belgische Paternalismus im Kongo“, in: Albertini, Rudolf v. (Hrsg.): Dekolonisation. Die Diskussion über Verwaltung und Zukunft der Kolonien 1919-1960, Westdeutscherverlag, Köln und Opladen, 1966, S. 568-586.
4 Kupfer, Kobalt, Diamanten, Zink, Zinn und Mangan sind die wichtigsten Mineralien, aber auch Silber, Gold und so seltene und wertvolle Bodenschätze wie Cadmium, Wolfram, Niob, Tantal und Uran sind vorhanden.
5 Vgl. z.B. De Witte, Ludo : Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise, aus dem Französischen von Ulrich Bossier, Forum Verlag, Leipzig, 2001. (Original: L'Assassinat de Lumumba, Paris, 2000).
6 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20-%20Eine%20Konfliktanalyse.html (11.05.2007)
7 Darunter versteht man die Übertragung der Leitung wichtiger Wirtschaftsunternehmen auf von der Einheitspartei favorisierte Kader aus Partei und Verwaltung, die Präsident Joseph Mobutu seit 1971 durchgeführt hatte.
8 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20-%20Eine%20Konfliktanalyse.html (11.05.2007)
6
staatlicher Deviseneinkünfte durch den „Mobutu-Clan“, die dem Land die Kreditwürdigkeit entzog. Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion geriet Zaire im Geflecht internationaler Beziehungen noch zusätzlich ins Abseits und wurde weder von den USA noch von Frankreich und Belgien als Stütze im zentralen Afrika gebraucht. 9
Mobutu musste dem internationalen Druck nach einer Demokratisierung folgen und begann diesen Prozess ab 1990 in Gang zu setzen. Er erlaubte die Gründung autonomer Gewerkschaften, unabhängiger Studentenbewegungen und freier Presseorgane. Kritische Meldungen in den Medien hatten jedoch Repressalien zur Folge. 1990 wurde auch das Ende des Einparteiensystems verkündet und in kürzester Zeit entstanden mehr als 200 Parteien, die meist die Interessen einzelner ethnischer Gruppen vertraten. 1991 wurde eine „Souveräne Nationalkonferenz“ installiert, zu der alle Parteien geladen waren, aber Mobutu zerschlug diese dann im eigenen Machtinteresse unter dem Vorwand, dass ihre Zusammensetzung ethnisch zu einseitig sei. Zudem unterstützte er einzelne ethnische Gruppen und das Resultat waren vermehrte Rivalitäten und Auseinandersetzungen, in die Mobutus Streitkräfte immer wieder eingriffen. 10
Ab 1994 kam es im Osten des Landes zu vermehrten Aufständen, angeheizt durch flüchtige Soldaten und Milizionäre, die nach dem Völkermord in Ruanda 11 nach Zaire flohen. 1996 kam es im Osten Zaires zu einer Rebellion unter der Führung von Laurent-Désiré Kabila, die militärisch von Ruanda und Uganda unterstützt wurde. Im Mai 1997 gelang Kabila der Sturz von Mobutu und er ernannte sich selbst zum neuen Präsidenten. Mobutu ging nach Marokko ins Exil, wo er einige Monate später starb. 12
Das Land, welches unter Mobutu „Zaire“ geheißen hatte, wurde in „DR Kongo“ umbenannt. Im August 1998 wurde das Regime von Laurent-Désiré Kabila von Aufständischen
9 Vgl. Bettinger, Sven Claude: Weißer Blick. Schwarzer Blick. Kongo und Kolonialismus in der belgischen Literatur, Heimat und Exil in der Kongolesischen Literatur, SWR2, Feature am Sonntag, Sendung: 17.12.2006 (Redaktion: Gerwig Epkes, Regie: Michael Utz): http://www.swr.de/-/id=1837902/property=download/1m7ydoa/index.rtf. (10.01.2007), S. 67ff.
10 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20-%20Eine%20Konfliktanalyse.html (11.05.2007)
11 Im April 1994 begannen in Ruanda Massaker, an denen insgesamt über 800.000 Menschen ums Leben kamen. Radikale Hutus wollten damals mit der geplanten Vernichtung von Tutsis eine Machtteilung verhindern. Das für den Genozid verantwortliche Regime wurde dann von Tutsi-Guerillas gestürzt.
[Vgl. Taz 10.4.2007, S. 10: http://www.taz.de/dx/2007/04/10/a0104.1/text (11.05.2007) und UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees), 7.4.2004: http://www.unhcr.de/aktuell/einzelansicht/browse/12/article/32/ruanda-blickt-zurueck-auf-den-voelkermord.html?PHPSESSID=a43b535a7c6cfb3ed0eb623fe414309a (01.05.2007)]
12 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20-%20Eine%20Konfliktanalyse.html (11.05.2007)
7
herausgefordert, unterstützt von Truppen Ruandas und Ugandas. Truppen von Simbabwe, Angola, Namibia, Tschad, und Sudan intervenierten, um das Regime Laurent-Désiré Kabilas zu unterstützen. Als Gegenleistung erhielten sie erweiterten Zugang zu den reichen Rohstoffvorkommen der DR Kongo. Zimbabwe erhielt zum Beispiel im Austausch für die Militärhilfe Anteile an der Produktion der kongolesischen Diamantenminen. Ein Putschversuch gegen Laurent-Désiré Kabila in Kinshasa scheiterte, weil Angola, Zimbabwe und Namibia auf Seiten Laurent-Désiré Kabilas militärisch intervenierten. 13
Im Juli 1999 wurde ein Waffenstillstand von der DR Kongo, Zimbabwe, Angola, Uganda, Namibia, Ruanda und kongolesischen Rebellengruppen in Lusaka vereinbart, aber sporadische Kämpfe gingen weiter und das Land zerfiel in Folge in mehrere Herrschaftsgebiete. Im darauffolgenden Februar wurde die MONUC (United Nations Mission in the Congo) 14 geschaffen und das Land wurde in sechs Sektoren eingeteilt, mit jeweils einem Stabsquartier der MONUC. Laurent-Désiré Kabila stimmte der Stationierung von UN-Soldaten erst auf der von der UNO neu einberufenen Konferenz von Lusaka im August 2000 zu. Dort willigten alle Kriegsparteien mit Ausnahme von Uganda ein, ihre Truppen aus dem Staatsgebiet der DR Kongo zurückzuziehen. 15
Laurent-Désiré Kabila wurde im Januar 2001 von seinem Leibwächter ermordet und sein Sohn Joseph Kabila wurde zum Staatsoberhaupt ernannt. Er forcierte den Friedensprozess und erlaubte der UNO Stationierungen entlang der Frontlinie zu den Rebellen. Im Oktober 2002 verhandelte der neue Präsident erfolgreich den Rückzug der ruandischen Kräfte aus, welche den östlichen Kongo okkupierten. Zwei Monate später wurde die „Pretoria Übereinkunft“ von allen verbleibenden Kriegsparteien unterzeichnet, um die Auseinandersetzungen zu stoppen und eine Regierung der nationalen Einheit zu schaffen. 16
Im Juli 2003 wurde schließlich eine Übergangsregierung ins Leben gerufen und Joseph Kabila blieb Präsident, unterstützt von vier Vizepräsidenten verschiedener Parteien, welche
13 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20-%20Eine%20Konfliktanalyse.html (11.05.2007)
14 Vgl. MONUC (United Nations Mission in the Congo): http://www.monuc.org (11.02.2007)
15 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20-%20Eine%20Konfliktanalyse.html (11.05.2007)
16 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20-%20Eine%20Konfliktanalyse.html (11.05.2007)
8
die ehemalige Regierung, die früheren Rebellengruppen und die politische Opposition repräsentierten. Im Mai 2003 verschärfte sich im Distrikt Ituri im Nordosten ein seit 1999 schwelender Konflikt zwischen Milizen der Hema- und Lendu-Völker und es kam zu blutigen Massakern, welche mit Unterstützung Frankreichs und Deutschlands beendet wurden. Im Juni 2004 kam es zu einem Putschversuch gegen Joseph Kabila. 17
Im Jahr 2005 wurde schließlich die Verfassung durch ein Referendum angenommen und 2006 ihr Inkrafttreten mit einer Volksabstimmung bestätigt. Die ersten demokratischen Wahlen des Landes seit mehr als 40 Jahren waren ursprünglich für 2005 avisiert worden, fanden aber erst 2006 statt. Man befürchtete, dass die Wahlen Auslöser für neue militärische Konflikte sein könnten und den Krieg erneut entfachen würden. Drei Kandidaten standen um das Amt des Staatspräsidenten zur Wahl: Joseph Kabila, Jean-Pierre Bemba (der Mobutu politisch nahesteht) und Pierre Pay-Pay (der ehemalige Chef der Zentralbank). Die Wahlen wurden geschützt durch die MONUC. Joseph Kabila gelang es, nach einer Stichwahl gegen Bemba die Wahlen für sich zu entscheiden. 18
Große Konflikte blieben zwar aus, aber vereinzelte Unruhen gehen weiter. Beispielsweise kam es im März 2007 wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Regierungssoldaten und der Miliz des Oppositionsführers Jean-Pierre Bemba. 19 Der Wiederaufbau wird als schwierig eingestuft: Es steht ihm der fast vollständige Zerfall der Infrastruktur, Verwaltung und Wirtschaft des Landes sowie die Ausplünderung der äußerst rohstoffreichen Ostprovinzen des Kongo durch andere Staaten im Wege. 20
Der Krieg in der DR Kongo war einer der blutigsten der Weltgeschichte. Von 1998 bis Anfang 2004 wurden laut IRC (International Rescue Committe) 3,9 Millionen Menschen getötet. 21 Es ist also mehr als verständlich, dass in den letzten Jahren die Zahl der Exilanten
17 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20-%20Eine%20Konfliktanalyse.html (11.05.2007)
18 Vgl. Auswärtiges Amt (Deutschland):
http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/RegionaleSchwerpunkte/Afrika/Kongo-Einsatz.html (20.04.2007)
19 Vgl. BBC News, 11.05.2007: http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/6642495.stm (20.04.2007) und Die Zeit, 23.03.2007: http://www.zeit.de/online/2007/13/kongo (20.04.2007)
20 Vgl. Weltpolitik.net:
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Afrika/DR%20Kongo/Analysen/Der%20Kongo%20%20Eine%20Konfliktanalyse.html (20.04.2007) und
Le Monde Diplomatique, Juli 2006, S.13: http://www.monde-diplomatique.fr/2006/07/A/13607 (20.04.2007)
21 Vgl. IRC (International Rescue Comittee): http://www.theirc.org/news/page-27819067.html (20.04.2007)
9
extrem anstieg und Belgien, die frühere Kolonialmacht zu einem der wichtigsten Exilländer wurde. 22
I.2 Literaturgeschichtlicher Kontext
Unter den unzähligen ExilantInnen während der Krisenzeit, d.h. vom Umschwung des diktatorischen Systems Mobutus hin zur aktuellen Regierungsform der DR Kongos, finden sich zahlreiche SchriftstellerInnen. Einige davon sind freiwillig ins Exil gegangen, andere wurden gezwungen. Ihre Motive waren meist die Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen, den ethnischen Verfolgungen und Konflikten, aber auch ökonomische Gründe. Es verdoppelte sich daher seit Mitte der 1980er Jahre die Anzahl der Exilromane.
Silvia Riva, Dozentin für frankophone Literaturen an der Università degli Studi in Mailand und Spezialistin für Literaturen afrikanischer Länder der Sub-Sahara 23 unterscheidet daher seit den 1980ern zwischen „exilierten“ und „nicht-exilierten“ SchriftstellerInnen. 24 Die Literaturwissenschaftlerin Nadine Fettweis bezeichnet die im Land verbliebenen SchriftstellerInnen, als „écrivains du silence“, da diese in Isolation gefangen waren und weder frei schreiben konnten noch Zugang zu den wichtigen literarischen Verlagen und Märkten hatten. 25
Es soll hier erwähnt werden, dass die Literatur der DR Kongo seit den 1980er Jahren generell sehr politisch engagiert ist - man setzt sich stark mit dem brutalem Regime auseinander, prangert Gewalt und Macht der öffentlichen Institutionen in der DR Kongo an und verurteilt das politische System und die Gesellschaft, welche durch Korruption und Bürgerkriege geprägt sind. Pius Ngandu Nkashama, derzeit Professor für frankophone Sprachen und Literaturen an der Louisiana State University in Baton Rouge in den USA, macht drei
22 Vgl. Bettinger, 2006, S. 67ff.
23 Vgl. Università degli Studi in Mailand: http://users.unimi.it/sidera/riva.php (23.02.2007)
24 Vgl. Riva, Silvia : Nouvelle Histoire de la littérature du Congo-Kinshasa, aktualisierte französische Version, übersetzt von Collin Fort, Vorwort von V. Y. Mudimbe und Marc Quaghebeur, L’Harmattan, Paris, 2006. (Original : Rulli di tam-tam dalla torre di Babele. Storia della letteratura del Congo-Kinshasa, Milan, 2000), S. 217f.
25 Vgl. Fettweis, Nadine : „Les écrivains du silence. Présentations des écrivains zaïrois non exilés“, in : Halen, Pierre; János, Riesz (Hrsg.): Littératures du Congo-Zaïre. Actes du colloque international de Bayreuth (22-24 juillet 1993), Editions Rodopi B. V., Amsterdam - Atlanta, GA 1995, S. 93-105.
10
Charakteristika in der gesamten Literatur (also Exilliteratur und Literatur im Land) zwischen 1980 und 1990 fest: 26
Die Welt außerhalb ist durch Angst und steigenden Terror gekennzeichnet Tragik in den Modalitäten der fiktionalen Erzählung Der Akt des Spotts als Moment des Exorzismus (Beschwörung)
Die Gesellschaft wird in diesen Jahren selbst zu einer Figur und einem Ort des Widerstands gegen die Macht. Die Themen der Anprangerung der Gewalt und Macht der öffentlichen Institutionen, die Verurteilung der Brüderkriege, der Spott gegen die Tyrannen und ihr schreckliches System kommen sowohl in den im Land geschriebenen Texten als auch in den sogenannten Exilromanen vor. Der Unterschied ergibt sich, so Riva, auf strukturellem Niveau. Die Texte der Diaspora zwischen 1980 und 1990 verfolgen ihre Verurteilung ganz stark extra-territorial, das heißt sie siedeln ihre Erzählungen an anderen geographischen Orten an, nämlich in anderen Ländern. Die Texte der SchriftstellerInnen im Land wählen hingegen meist eine realistischere Option und versuchen durch eine lineare Schreibweise so weit wie möglich das Lesepublikum zu erreichen und die dringendsten Probleme der Gemeinschaft von Kongo-Kinshasa offen zu legen. 27
Neben diesen Romanen, die sich mit den Problemen der DR Kongo auseinandersetzen, gibt es seit Beginn der kongolesischen Literatur französischer Sprache auch Texte, die sich mit den Begegnungen oder den Konflikten zwischen Europäern und Afrikanern, zwischen europäischen und afrikanischen Kulturen auseinandersetzen. Das Thema des Konflikts zwischen europäischer und afrikanischer Kultur und deren divergierenden Anforderungen an die einzelnen Individuen ist alles andere als neu: Auch der wohl bekannteste Autor der DR Kongo, V.Y. Mudimbe, der derzeit Professor an der Duke University in North Carolina 28 ist und im Januar 2006 zum Ehrendoktor der Université Catholique de Louvain ernannt wurde, hat sich in seinem Werk immer wieder mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Er hat seine Darstellungen der Identitätskrisen, die von dem Konflikt zwischen europäischer und afrikanischer Kultur ausgelöst werden, meist auf afrikanischem Boden angesiedelt. 29
26 Vgl. Ngando Nkashama, Pius: „La littérature congolaise contemporaine (1980-1993). Romans, récits et contes“, in : Halen, Pierre; János, Riesz (Hrsg.): Littératures du Congo-Zaïre. Actes du colloque international de Bayreuth (22-24 juillet 1993). Editions Rodopi B. V., Amsterdam - Atlanta, GA 1995, S. 23-50.
27 Vgl. Riva, 2006, S. 255ff.
28 Vgl. Duke University: http://fds.duke.edu/db/aas/Literature/faculty/vmudimbe (10.03.2007)
29 Vgl. z.B. : Mudimbe, V.Y.: Entre les eaux. Dieux, un prêtre, la révolution, Paris, Présence Africaine, 1973. (Englische Übersetzung von Stephen Becker : Between Tides, New York, Simon und Schuster, 1989) und L’écart, Paris, Présence
11
Historisch bedingt fand die literarische Auseinandersetzung mit Europa und den Europäern früher auf afrikanischem Boden statt und verarbeitete Themen des Kolonialsystems. Durch die nun gesteigerte Migration findet das Zusammentreffen nun in Europa statt und man setzt sich auch literarisch mit Europäern und deren Verhalten gegenüber afrikanischen Mitbürgern auseinander. Der Schriftsteller Kadima-Nzuji 30 , der Professor für afrikanische Literatur an der Université Marien Ngouabi in Brazzaville 31 ist, hat als erster die Geschichte der kongolesischen Literatur französischer Sprache strukturiert. 32 Ihm zufolge ist ein bestimmendes Wesensmerkmal dieser neuen Texte die Beschreibung der Konfrontation eines oder mehrerer Kongolesen mit einer europäischen Gesellschaft und die Darstellung der schwierigen Situationen und Probleme, die aus dieser Gegenüberstellung erwachsen. 33
Alphonse Mbuyamba Kankolongo, Literaturprofessor an der Université de Kinshasa, bemerkt ebenso, dass aufgrund der Tatsache, dass viele kongolesische Autoren in Europa, den USA oder in Kanada leben, eine starke Beschäftigung mit der westlichen Kultur zu beobachten ist. In einem Artikel, der in der Wochenzeitschrift La conscience in Kinshasa erschienen ist, setzt er sich mit der geschriebenen kongolesischen Literatur und dem Mythos von Europa auseinander. Er erklärt darin, dass Europa eine massive Anziehungskraft auf junge Menschen und vor allem Studenten ausübt - Europa sei nicht nur der Ort, wo man studieren soll, sondern sei generell die Erfüllung eines Traums, der in der DR Kongo nicht realisierbar ist. Europa ist für viele der Inbegriff für materiellen Wohlstand und die Abwesenheit der „typischen“ Probleme Afrikas: Hunger, Analphabetismus, Fehlen von Studienplätzen an den Universitäten, schlechte Studienbedingungen, soziale Ungerechtigkeit und Arbeitslosigkeit. Innerhalb der kongolesischen Literatur, die Europa thematisiert, so Alphonse Mbuyamba Kankolongo, gibt es zahlreiche Romane, die vor Augen führen, dass das so positiv konstruierte Bild von Europa letztendlich nichts als ein Mythos ist. Diese Romane stammen meist von MigrationsautorInnen. 34 Ein gutes Beispiel für die
Africaine, 1979. (Englische Übersetzung von Marjolijn De Jager: The rift, Minneapolis, University of Minnesota Press, 1993.)
30 Vgl. z.B.: Kadima-Nzuji, Mukala : La Chorale des mouches , Présence Africaine, Paris, 2003.
31 Vgl. Francoffonies.fr:
http://www.francofffonies.fr/litterature/portrait.php?IDFiche=76&Theme=LITTERATURE (12.03.2007)
32 Kadima-Nzuji, Mukala : La littérature zaïroise de langue française (1945-1965), A.C.C.T. et Éditions Karthala, Paris, 1984.
33 Kadima-Nzuji, Mukala: „L’Europe de Pie Tshibanda dans Un fou noir au pays de Blancs”, in : Gehrmann, Susanne; János, Riesz (Hrsg): Le blanc du noir. Représentations de l’Europe et des Européens dans les littératures africaines, Literatur und Forschung, Band 2, Lit Verlag Münster, 2004, S. 219-231.
34 Vgl. Mbuyamba Kankolongo, Alphonse: „Littérature congolaise écrite et le mythe de l’Europa“, 20.05. 2006, Artikel, in : La conscience: http://www.laconscience.com/article.php?id_article=4046 (10.10.2006). Er erwähnt die folgenden Romane: Cikongo, Cibaka: Un Curé noir, Editions universitaires africaines, 2004 und Tshisungu wa Tshisungu, José : La flamade de la gare du Nord, Sudbury (Ontario), Éditions Glopro, 2001 und Kabamba, Maguy: La dette coloniale Montréal, 1995 und Bolya, Baenga: La polyandre, Paris, Le Serpent à plumes, 1998 (coll. « Serpent noir »).
12
Auseinandersetzung mit dem Unterschied zwischen dem in Afrika konstruierten Bild von Europa und der von diesem abweichenden Realität ist meines Erachtens der in dieser Arbeit besprochene Roman von Maguy Rashidi-Kabamba, der den Titel La dette coloniale 35 trägt.
Als einen Vorläufer der Romane, die sich mit der Migration nach Europa auseinandersetzen, kann man den autobiographischen Roman Sans racune von Thomas R. Kanza ansehen. 36 Er wurde 1965 in London publiziert und erzählt das Leben von Kanza als Student in Belgien. Er schildert die kulturellen Differenzen und die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, mit dem Hintergrund eines komplett anderen kulturellen Kontextes in der europäischen Welt seinen Platz zu finden. Thomas Kanza, der 2004 verstorben ist, war der erste Student aus dem ehemaligen Zaire, der in Belgien an der Université Catholique de Louvain studieren durfte. Er hat an der ersten kongolesischen Regierung von Lumumba mitpartizipiert. Nachdem Mobutu an die Macht kam, entschied er sich für eine akademische Karriere außerhalb des Landes. Er lehrte unter anderem in Boston und Havard, war ab 1997 unter der Regierung Kabilas Botschafter in Schweden und hinterließ zahlreiche politische Schriften.
Genauso wie Kadima-Nzuji und Alphonse Mbuyamba Kankolongo stellt auch Riva fest, dass viele junge kongolesische Schriftsteller ihre neuesten Texte Europa und dem Blick auf dasselbige widmen und sich unter anderem mit der dortigen Bevölkerung auseinandersetzen. 37 In diesen jüngsten Texten beschäftigt man sich, so Riva, mit dem „Phantom Europa“ („L’Europe fantôme“) 38 und bezieht sich dabei auf den Titel eines kulturellen Projekts, welches 2003 von der Coopération par l'éducation et la culture (C.E.C.) 39 , einer belgischen Non-Governmental Organization, in Brüssel veranstaltet wurde und afrikanische Visionen über „Europa“ und „Europäer“ zeigte. Es fanden dazu ein internationales Kolloquium, eine Ausstellung, verschiedene Diskussionen, Screenings von Filmen und andere kulturelle Ereignisse statt. Man beschäftigte sich mit Themen wie dem Bild des „Weißen“ und des „okzidentalisierten Afrikaners“, mit dem „Traum von Europa“, der Situation der afrikanischen Kommunen in Belgien und mit Begriffen wie „Modernität“, „Entwicklung“ und „Fortschritt“. 40
35 Vgl. Kabamba, Maguy: La dette coloniale, Montréal, 1995.
36 Vgl. Kanza, Thomas R: Sans Racune, London, 1965.
37 Vgl. Riva, 2006, S. 327ff.
38 Phantom Europa
39 Vgl. C.E.C. (Coopération par l'éducation et la culture ist eine Non-Governmental Organization, welche von der Coopération belge au Développement unterstützt wird und deren Ziel es ist den Dialog der Kulturen zu forcieren) : http://www.cec-ong.org/ (11.05.2007)
40 Vgl. C.E.C (Coopération par l'éducation et la culture): http://www.cec-ong.org/Evenements/EuropeFantome.htm (10.02.2007) und Riva, 2006, S. 221.
13
Der Initiator des Projekts „Europe fantôme“ war Pius Ngandu Nkashama, der bereits 1987 mit seiner autobiographischen Erzählung Vie et mœurs d’un primitif en Essone, quatre vingtonze 41 , von seinen Erfahrungen als technischer Berater in afrikanischen Kulturen und Künsten in Essone, Frankreich, erzählte. Auch viele andere neuere Werke laden zu einer Umkehr des okzidentalen Blicks ein, wie jene von dem nun in Belgien lebendem Autor Pie Tshibanda. 42 Das gleiche gilt für die Texte von José Tshisungu wa Tshisungu 43 , der seit vielen Jahren in Kanada lebt und mehrere Romane und Theaterstücke publiziert hat. Aber auch die Kurzgeschichte Qui veut ma peau, welche zu den hier untersuchten Texten gehört, und von dem mittlerweile in Belgien lebenden Jean-Claude Kangomba Lulamba 44 stammt, fällt in diesen thematischen Bereich. 45
Die auf der ganzen Welt verstreut lebenden kongolesischen SchriftstellerInnen (vor allem in Frankreich, Belgien, USA oder Kanada) sind in ihren Texten auf der Suche nach Selbstbesinnung und einer Zukunft als expatriierte Afrikaner in einer europäischen oder westlichen Umgebung. Für viele Werke ist charakteristisch, dass sie ihren Blick bewusst auf Europa legen, wo die AutorInnen beschlossen haben zu leben, zu arbeiten und zu schreiben, so die Literaturwissenschaftlerin Riva. 46 Das Projekt eines Lebens in Europas ist für viele SchriftstellerInnen in den Jahren von 1990 bis 2000 mehr durch den Wunsch, eine Veränderung zu erzielen als durch das Einschließen und den Rückzug auf sich selbst und die afrikanische Vergangenheit gekennzeichnet.
Veranlasst durch den langwierigen Prozess und die zahlreichen Schwierigkeiten, die eine Bewerbung um eine Aufenthaltsgenehmigung in Europa mit sich bringt, beschäftigen sich viele SchriftstellerInnen mit dem Thema und den Bedingungen von AsylwerberInnen. Eine andere zentrale Thematik sind allerdings auch die Bedingungen und die „Situation der Europäer“ in Europa. Ziel ist es, die Welt mit „schwarzen Augen“ zu sehen und das, was man hier beobachtet und erlebt, zu beschreiben und zu beurteilen. In der Schreibweise dieser Texte gibt es eine Tendenz zu Distanziertheit als auch zu Betroffenheit. Schwierige Situationen werden oft mit Zynismus, Spott und trockenem Humor erträglich gemacht - dies
41 Vgl. Ngandu Nkashama, Pius: Vie et mœurs d’un primitif en Essone Quatre-vingt-onze, L’Harmattan, Paris, 1987.
42 Vgl. z.B.: Tshibanda, Pie: Un fou au pays des Blancs, Brüssel, 2006. (1. Aufl.: Brüssel, Bernard Gilson,1999) und Ces enfants qui ont envie de rien, Brüssel, Bernard Gilson, 2003 und Avant qu’il soit trop tard, Brüssel, Memor, 2004.
43 Vgl. z.B.: Tshisungu wa Tshisungu, José :La flamade de la gare du Nord, Sudbury (Ontario), Éditions Glopro, 2001 und La Ville Belge, Sudbury Éditions Glopro, 2001 und Patrick et les Belges, Sudbury (Ontario), Éditions Glopro, 2004.
44 Vgl. Kangomba Lulamba, Jean-Claude : „Qui veut ma peau“, in : Dernières nouvelles du Luxembourg (par douze auteurs résidents ou natifs de la province, Marche-en-Famenne (Belgien), Service du Livre Luxembourgeois, 2004, S. 81-105.
45 Vgl. Riva, 2006, S. 327ff.
46 Vgl. Riva, 2006, S. 327ff.
14
zeigt beispielsweise Djungu-Simba in dem zum Corpus gehörenden Roman L’enterrement d’Hector 47 . Im Gegensatz dazu weisen die Romane Ces enfants n’ont envie de rien und der in dieser Arbeit näher besprochene Roman Un fou noir au pays blancs von Pie Tshibanda eine Schreibweise auf, welche in einer sanften, humorvollen Art mit den hier angetroffenen Problemen umgeht: Beide Schriftsteller - sowohl Djungu-Simba als auch Tshibanda - zeigen inhaltlich in den hier erwähnten Texten, dass es nach viel Härte und Anstrengung letztlich möglich ist, in der neuen Gesellschaft Akzeptanz zu finden. 48
Aber nicht alle AutorInnen können am Ende eine positive Bilanz ziehen: In der 2004 erschienen Reflexion Un curé noir von Cibaka Cikongo setzt sich ein Priester unter anderem mit dem Bild, das sich „Weiße“ vom „Schwarzen“ machen, auseinander. Cibaka Cikongo ist katholischer Priester und seit 1994 Philosophieprofessor am Grand Séminaire Saint François Xavier de Mbujimayi in der DR Kongo. Sein Text zeigt im Gegensatz zu denen von Tshibanda, dass der „Schwarze“ in Europa, unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung, seinem Studienniveau und seinem Beruf immer der Inbegriff des Fremden, „l'étranger par excellence“, bleiben wird. Ebenso stellt er fest, dass eine große Zahl von ImmigrantInnen absichtlich zu Kriminellen gemacht wird, mit dem Ziel im politischen Diskurs durch Polarisierung Wählerstimmen zu gewinnen:
Je comprends leur préoccupation. Cependant, dans un univers où l'on perd la mémoire de ses propres migrations et où, préoccupés par la rentabilité électorale de la xénophobie, les politiques s'évertuent à identifier l'étranger au délinquant. L'uniforme de prêtre sent mauvais sur moi, d'autant plus que le Nègre est l'étranger par excellence. 49
Auch die Erfahrungen, welche in den für diese Arbeit ausgewählten Texten von Kabamba und Ngandu Nkashama geschildert werden, sind als negativer Art einzustufen.
In den meisten dieser Texten, die sich mit der „Immigration nach Europa“ auseinandersetzen, kann man immer wieder die Sehnsucht nach der Heimat spüren, den Wunsch nach der Rückkehr - aber dieser Traum einer Rückkehr bleibt doch meist eine Utopie. Der Kampf
47 Vgl. Djungu-Simba, Charles: L’enterrement d’Hector, L’Harmatttan, Paris, 2005.
48 Vgl. Tshibanda, 2006 und Tshibanda, 2003.
49 Cikongo, Cibaka: Un Curé noir, Editions universitaires africaines, 2004, S. 71 zitiert nach Mbuyamba: http://www.laconscience.com/article.php?id_article=4046 (10.03.2007)
„Ich verstehe ihre Beunruhigung. Allerdings, in einem Universum, wo man die Erinnerung an seine eigenen Migrationswege verliert, und besorgt um die elektorale Rentabilität der Xenophobie ist, strengt man sich an, den Fremden als Kriminellen zu identifizieren. In der Uniform eines Priesters fühle ich mich schlecht, umso mehr, als der Schwarze der Fremde par excellence ist.“ [Eigene Übersetzung]
15
derjenigen, welche sich zwischen den Kontinenten befinden, scheint niemals ein Ende zu finden, so die Literaturwissenschaftlerin Riva. Sie nennt als Beispiel dafür die Kurzgeschichte Les sans papiers 50 von Norbert Mbu-Mputu, einem seit einigen Jahren im Vereinigten Königreich tätigen Journalisten 51 . Seine Kurzgeschichte erzählt das Drama einer Familie, welche seit Jahren plant, nach Afrika zurückzukehren. Die Familie muss ihren Traum jedoch aufgeben, da der „papierlose“ Neffe Az’Iza plötzlich stirbt. Die Eltern der Familie hatten immer hart gearbeitet, um ihre Schulden zu liquidieren, sich zu stabilisieren und die Zukunft ihrer zwei Kinder zu sichern. Das ganze gesparte Geld sollte im Endeffekt dazu dienen, ihre Rückkehr in die Heimat zu finanzieren. Dieses Geld muss nun in das Begräbnis von Az’Iza investiert werden. Der Leichnam wird, nachdem man die schwierigen bürokratischen Hürden, die bei der Registrierung eines Toten ohne Papiere auftauchen, überwunden hat, nach Afrika transportiert. Dort wird das Begräbnis organisiert. Als die ganze Familie für das Begräbnis nach Afrika reist, stellt sich heraus, dass für sie eine endgültige Rückkehr aufgrund der dortigen politischen und auch wirtschaftlichen Verhältnisse unmöglich wäre. 52
Dass die Personen, welche nach Afrika zurückkehren, mit Schwierigkeiten konfrontiert sindkann man auch in der Erzählung Sans importance 53 von Charles Djungu-Simba nachlesen. Dort erzählt ein Vater seinen Kindern, die in Europa geboren und aufgewachsen sind, immer wieder vom wunderbaren Afrika und dass es nicht vergleichbar sei mit Europa. Er fährt sogar noch an Bord eines Flugzeugs Richtung Afrika mit seinen Erzählungen fort. Angekommen in Afrika, sind sie jedoch mit einer Realität konfrontiert, die alles andere als schön und erbauend ist. Alle wollen daraufhin so schnell wie möglich wieder „nach Hause“ zurückkehren. Diese Zerrissenheit zwischen Afrika und Europa, dieses sich Zurückwünschen und dann das Erkennen, dass eine Rückkehr auch nicht funktionieren würde - ist charakteristisch für die Situation des Immigranten, so Riva. 54 Von Charles Djungu-Simba gibt es auch noch eine andere Erzählung mit dem Titel Ici ça va. Récit d’exil 55 , die sich mit „Immigration nach Europa“ auseinandersetzt und ebenso zu dem Schluss kommt, dass das Leben in Europa besser sei.
50 Vgl. Mbu-Mputu, Norbert: Ville morte, gefolgt von Les sans papiers et l’arbre sacré, Kinshasa-Limete, Médiaspaul, 1990: http://www.kongo-kinshasa.de/dokumente/lekture/sans-papiers.pdf (10.11.2006)
51 Vgl. UnLtd, Foundation for Social Entrepreneurs:
http://www.unltd.org.uk/directory_detail.php?ID=829 (10.11.2006) und Congovision, Interview mit Norbert Mbu-Mputu, 18.12.2003: http://www.congovision.com/science/marasme13.html (10.11.2006)
52 Vgl. Mbu-Mputu, Norbert: Le sans papiers, 1990 u. Riva, 2006, S. 327ff.
53 Vgl. Djungu-Simba, Charles: „Sans importance“, in: Le taureau noir, Vorwort von Kama Sywor Kamanda, Huy, Les èditions du Pangolin, 2005.
54 Vgl. Riva, 2006, S. 327ff.
55 Vgl. z.B. : Djungu-Simba, Charles: Ici ça va. Récit d’exil, Bruxelles, Atelier des Ecrivains Marginaux, 2000.
16
1996 publizierte der Priester Sébastien Muyengo Mulombe, der an der Grand Séminaire Jean XXIII moralische Philosophie unterrichtet 56 , den Roman Enfer mon ciel 57 . Er setzt sich hier ebenso mit der Migration von Afrika nach Europa auseinander, vertritt aber, trotz der vielen Unruhen in der DR Kongo, eine andere Ansicht als Djungu-Simba: Er möchte unter anderem darauf aufmerksam machen, dass die Bevölkerung der DR Kongo die Entwicklung des Landes in die Hand nehmen muss und sich um verantwortungsvolle Arbeit und gute Ausbildung bemühen soll. Auswandern sei keine Lösung, denn die Realität im Okzident sei auch alles andere als rosig, sei ebenso die Hölle. Der Roman beginnt mit einem Alptraum von Gran Ado (Adolphe alias Y’Ado) bei seiner Rückkehr nach Afrika, nachdem er von Frankreich abgeschoben wurde. Träumend murmelt er ohne zu wissen warum: „Enfer, mon ciel“ 58 . Und er kommentiert, dass er vollkommen seinen Kopf verloren habe und verrückt geworden sei. Der Wahnsinn als Konsequenz eines Aufenthalts in Europa ist ein viel verwendetes und bekanntes Motiv in der Tradition der afrikanischen Literatur. Auch Frantz Fanon untersuchte in seiner bereits 1952 erschienen Studie Peau noir, masques blancs 59 mit einem psychoanalytischen Ansatz die Entfremdung der Afrikaner in der „weißen Welt“, deren Folgen neurotischer Natur sein können. Enfer mon ciel besticht durch die Abwesenheit aller Rhetorik und jeglichen Personalismus: Der Protagonist wird Zeuge eines Europa, welches in keiner Weise mit dem erträumten Paradies korrespondiert. Paris beherbergt ihn nicht, wie er geglaubt hatte, am Fuße des Eiffelturms, sondern in Château Rouge, einem Viertel für Immigranten. Die Enttäuschung ist enorm und scheint in Briefen an den zuhausegebliebenen Vater auf. Man kann aus dem Roman, so Riva, eine eindeutige Lehre ziehen: Es ist wertvoller seinen eigenen Himmel anzusehen, welcher ohne Zweifel sauberer ist als der, welchen man außerhalb sieht. Man soll kämpfen und arbeiten, damit sich die Dinge im Hier und Jetzt verbessern. Es ist besser auf der Erde zu bleiben, zu der man gehört, als durch die Welt zu irren. 60
Die Literaturwissenschaftlerin Desiré Wa Kabwe-Segatti stellt in ihrem Artikel Exil, espace de création dans les littératures africaines post-coloniales. Le cas de la République Démocratique du Congo fest, dass es in der Literatur der DR Kongo in Bezug auf den Diskurs des Exils meist eine bipolare Argumentation gibt. Diese Argumentation gründet auf negativen
56 Vgl. Le potentiel, Artikel, 05.11.2005 :
http://www.lepotentiel.com/afficher_article.php?id_edition=&id_article=17318 (25.02.2007)
57 Vgl. Muyengo Mulombe, Sébastien: Enfer mon ciel, Éditions du Trottoir, Kinshasa-Bruxelles, 1996.
58 Hölle, mein Himmel
59 Fanon Frantz: Schwarze Haut, Weiße Masken, aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Syndikat, Frankfurt a. M., 1980. (Original: Peau noir, masques blancs, Editions du Seuil, Paris, 1952).
60 Vgl. Riva, 2006, S. 327ff.
17
Elementen, welche die Abreise rechtfertigen und auf positiven, die die Suche nach etwas Besserem legitimieren. Am Ende wird jedoch bemerkt, dass dieses bipolare Realitätskonzept nur ein Konstrukt ist. 61
Es soll darauf hingewiesen werden, dass es Texte, die sich mit der Thematik „Immigration nach Europa“ befassen in Französisch und in afrikanischen Sprachen gibt. So hat beispielsweise der Schriftsteller Sene Mongaba 62 , der Romane und Kurzgeschichten sowohl auf französisch als auch auf Lingala schreibt, 2002 den Roman Fwa-Ku-Mputu 63 publiziert. Er erzählt von einem jungen Mann aus Kinshasa, welcher eines Tages beschließt, aus der DR Kongo wegzugehen, um niemals mehr zurückzukehren, mit dem Ziel, Glück und Reichtum in Europa zu finden. Sene Mongaba wurde 1967 in Kinshasa geboren. Er lebt heute mit seiner Familie in Belgien, wo er als Berater in der chemischen Industrie tätig ist. Er interessiert sich besonders für die Förderung der Sprache Lingala und leitet die kongolesische Comic-Zeitschrift Idologie Plus Plus, welche in Französisch und Lingala geschrieben ist.
Es ist auch erwähnenswert, dass viele Kriminalromane von AutorInnen der DR Kongo im Milieu von afrikanischen Immigranten in Europa spielen.
Die kongolesischen Kriminalromane 64 sind vor allem seit den 1980er entstanden. Aus verlegerischer Perspektive wird die Tradition des „roman noir africain“ in französischer Sprache in der DR Kongo 1984 mit Traite au Zaïre von Antoine Junior Nzau begründet. 65 Traite au Zaïre erschien als erster Band der Sammlung „Polars Noirs“ des Verlaghauses L’Harmattan, 1988 folgte die Fortsetzung Traite au Zaïre (filière belge) 66 . Sehr bekannte Kriminalromane sind auch von Bolya Baenga 67 , und von Achille Flor Ngoye 68 . Achille
61 Vgl. Wa Kabwe-Segatti; Désiré: Exil, espace de création dans les littératures africaines post-coloniales. Le cas de la République Démocratique du Congo, Artikel in Lianes, 11.08.2005: www.lianes.org/Exil,-espace-de-creation-dans-les-litteratures-africaines-post-coloniales_a44.html (02.04.2007)
62 Vgl. Sene Mongaba, Bienvenu: Fwa-Ku-Mputu, Brüssel, 2002.
63 Gestorben in Europa
64 Riva ordnet diese Romane in die Kategorie „Neokriminalroman“ ein, darunter versteht sie Kriminalromane, die nach 1968 geschrieben wurden und die immer einen Bezug zu der historischen und sozialen Realität haben. Im Gegensatz zum traditionellem Genre des Kriminalromans gibt es keine Stereotypen und auch keinen Diskurs über das Gesetz. Die Romane spielen in Gesellschaften, welche durch willkürlichen Entscheidungen der Mächtigen gekennzeichnet sind oder in zerfallenden sozialen Gefügen wie in großen europäischen Städten, in deren Zentren oder in Ghettos der Peripherie. Man weiß oft nicht, wer der Schuldige ist und es gibt ganz selten einen einzigen identifizierbaren Schuldigen, welcher durch persönliche Motive zu einem verbrecherischen Handeln getrieben wurde. Die allgemeine Tendenz der Kriminalromane ist, dass oft das System an sich Schuld hat, welches eigentlich erlauben sollte den Kriminellen zu identifizieren. [Vgl. Riva, 2006, S. 249ff.]
65 Vgl. Nzua, Antoine Junior: Traite au Zaïre, Paris, L’Harmattan, 1984 (coll. «Polars Noirs »,1).
66 Vgl. Nzua, Antoine Junior: Traite au Zaïre (filière belge), o.O. [Mouscron], Carré d’Or, 1988.
67 Vgl. z.B.: Bolya, Baenga: La polyandre, Paris, Le Serpent à plumes, 1998 (coll. « Serpent noir ») und Les cocus posthumes, Paris, Le Serpent à plumes, 2000 (coll. « Serpent noir »).
18
Ngoye war mit dem Roman Agence Black Bafoussa der erste Afrikaner, welcher in die „Série Noire“ von Gallimard aufgenommen wurde. Ngoye nutzt den Kriminalroman, um gesellschaftliche und interkulturelle Mechanismen aufzudecken. Sein Blick ist dabei zynisch, die Handlung der Romane schwarz und die Sprache und der Rhythmus flott, packend und dicht. Beispielsweise spielt Traite au Zaïre 69 von Antoine Junior Nzau sowohl in Europa als auch in Afrika und thematisiert den Versuch einer Aufdeckung eines Prostitutionsnetzes zwischen Kinshasa und Brüssel, der letztendlich scheitert. Auch die Kriminalromane von den in Frankreich lebenden Autoren Achille F. Ngoye und Bolya Baenga spielen meist in einem urbanen europäischen Kontext und sprechen unter anderem auch von Vorurteilen und Problemen, mit welchen afrikanische Immigranten in Europa konfrontiert sind. 70
I.3 Der Textcorpus und seine AutorInnen
Im folgenden werden die für den Corpus ausgewählten Texte, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede, kurz präsentiert und anschließend die AutorInnen vorgestellt. Bei den Porträts der AutorInnen wurde versucht, einige Besonderheiten und Eigenheiten hervorzustreichen und, falls vorhanden, auf einzelne wichtige und bekannte Werke einzugehen. Über manche AutorInnen war es sehr schwierig Informationen einzuholen. Aus diesen Gründen variieren die kurzen Autorenbiographien in Länge und Inhalt.
I.3.1 Die Texte
Anhand der ersten umfassenden Literaturgeschichte der DR Kongo von Riva wurden verschiedene Texte der letzten 20 Jahre ausgewählt, die sich mit der Thematik „Immigration nach Europa“ befassen. Sie stellen eine kleine Auswahl der französischsprachigen Literatur der DR Kongo dar, die sich mit diesem Phänomen befassen, und sollen als exemplarische Beispiele für die drei hier untersuchten Aspekte (Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Selbstwahrnehmung durch Fremdwahrnehmung) verstanden werden.
68 Vgl. z.B. Ngoye, Achille: Agence Black Bafoussa, Paris, Gallimard, 1996 (coll. « Série noire ») und Sorcellerie à bout portant, Paris, Gallimard, 1998 (coll. « Série noire ») und Ballet noir à Château-Rouge, Paris, Gallimard, 1998 (coll. « Série noire »). (Übersetzt ins Deutsche unter dem Titel : Schwarzes Ballett in Château-Rouge, Frankfurt am Main, Zebu Verlag, 2004).
69 Vgl. Nzua, Paris, 1984.
70 Vgl. Riva, 2006, S. 249ff.
19
Alle AutorInnen haben die Erfahrung der Migration in Europa gemacht und diese auf verschiedene Art und Weise in den hier besprochenen Texten verarbeitet. Bei den ausgewählten Texten sind verschiedene narrative Genres vertreten und sie sind auch inhaltlich etwas unterschiedlich orientiert. Es dominiert das Genre des fiktiven und autobiographischen Romans, aber es ist auch eine Kurzgeschichte vertreten.
Das Thema der Einwanderung nach Europa anhand dieser verschiedenen narrativen Texte zu untersuchen, erscheint besonders interessant, da sowohl die reale Komponente als auch die fiktive (negative und positive Vorstellungen) eine Rolle spielen. Alle Texte dienen dazu, ein vielfältiges Bild der Situation kongolesischer Immigranten in Europa zu zeichnen und geben somit einen kleinen Überblick über dieses umfassende Thema. Diese Vielfältigkeit war ein Kriterium bei der Auswahl dieser Texte. Leider spielte aber auch der Mangel des Literaturmaterials eine Rolle, viele Bücher sind einfach nicht erhältlich.
Gemeinsam ist den Texten dieser AutorInnen, dass sie sich mit der Situation der Immigration und der Fremdheit in Europa auseinandersetzen und verschiedene Aspekte in diesem Zusammenhang behandeln. Bis auf den Text von Ngandu Nkashama, welcher seinen Schauplatz in dem Ort Essone in Frankreich hat, sind die Texte in Belgien angesiedelt. Diese geographische Einschränkung ist interessant, da somit auch festgestellt werden konnte, ob das ehemalige Kolonialsystem noch als Thema in den Texten behandelt wird. War dies der Fall, konnte somit ein klarer Einfluss durch ein ehemals konkretes imperialistisches System, die belgische Kolonialmacht, herausgelesen werden.
Der am frühesten entstandene Text des Corpus trägt den Titel Vie et mœurs d’un primitif en Essone Quatre-vingt-onze 71 und stammt von Pius Ngandu Nkashama aus dem Jahr 1987. Er erzählt in autobiographischer Form die persönlichen Erfahrungen, die der Autor als „technischer Berater von afrikanischen Kulturen und Künsten“ in Essone, Frankreich, am Anfang der 1980er Jahre machte. Es scheint, als richte sich dieser Text in erster Linie an ein Publikum, welches im Westen lebt. Ngandu Nkashama hatte den Eindruck, dass es schwierig ist, in Europa als Afrikaner Anerkennung zu erlangen. 72 Es werden in diesem Text die Unterschiede zwischen Afrika und Europa behandelt, das Problem der Entfremdung und Vereinsamung in der europäischen Gesellschaft und vor allem der Rassismus und die
71 Vgl. Nkashama, 1987.
72 Vgl. Riva, 2006, S. 327f.
20
Ignoranz Afrika gegenüber. Angeschnitten wird auch die Kolonialgeschichte, aber in sehr vorsichtiger Form. Dies kann meines Erachtens mit zwei Faktoren zusammenhängen: Einerseits gehört Ngandu Nkashama noch einer älteren Schriftstellergeneration an, welche sich mit dieser Problematik eher behutsam auseinandersetzt, andererseits ist der Schauplatz des Textes Frankreich (Also nicht die ehemalige Kolonialmacht - sondern ein Land, welches später großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss ausüben konnte.) Geschrieben ist dieser Text sehr ernst, sachlich und er zeigt ein Gefühl der direkten Betroffenheit. Es gibt weder Zynismus noch Sarkasmus oder Ironisierung. Er schreibt ernst, spannend, detailliert, in einem flotten Tempo und mit einem sehr ausgefeilten Stil. Auffallend sind auch die Bezüge zur Mythologie, Religion und Mystik. Besonders interessant ist an diesem Text, dass er die persönlich gemachten Erfahrungen des Autors verarbeitet und auf die Komponente der Fiktion völlig verzichtet. Wenn man diesen Text mit den später entstandenen vergleicht, kann man zudem einen Eindruck gewinnen, inwieweit sich die Situation in Europa für Menschen, die eine andere Hautfarbe besitzen und einem anderem kulturellen Umfeld entstammen, verändert hat.
Der Roman La dette coloniale 73 von Maguy Rashidi-Kabamba, erschien 1995 und erzählt von den enttäuschenden Erfahrungen, die ein afrikanischer Student in Europa macht, nachdem er und die Seinigen, sich von Afrika aus, Europa als das Paradies erträumt hatten. Es scheint als richte sich dieser Text vor allem an einen im Westen lebenden afrikanischen Leserkreis. Dieser Roman soll aber auch als Warnung vor einer Glorifizierung und Mystifizierung Europas für ein in Afrika lebendes Lesepublikum gelten. Es wird gezeigt, wie sehr das in Afrika konstruierte Bild von Europa und den dortigen Lebensbedingungen von der Realität abweicht. Thematisiert werden die Probleme, eine legale Arbeit zu finden, die dadurch ausgelöste Gefahr in die Kriminalität abzurutschen, die Konkurrenz unter den Einwanderern und die Kolonialgeschichte. Die Kernfrage des Romans ist die nach der Kolonialschuld, wie schon der Titel zeigt. „La dette coloniale“ ist eine bekannte Formel, um alle ehrlichen und unehrlichen Bemühungen zu beschreiben, welche unternommen werden, um in okzidentalen Ländern zu überleben. Das ganze wird als „dette“ bezeichnet, weil davon ausgegangen wird, dass der Okzident ihnen, den ImmigrantInnen, etwas schuldig ist, weil er ihr Land jahrzehntelang geplündert hat. Es heißt immer wieder: „il faut payer la dette coloniale aux belges.“ 74 Die Hauptprotagonisten denken, dass man sich Kenntnisse aneignen
73 Vgl. Kabamba, 1995.
74 Kabamba, 1995, S. 41: „Die Belgier müssen für ihre koloniale Schuld bezahlen.“ [Eigene Übersetzung]
21
muss, um dann das eigene Land besser entwickeln zu können - und so kann man die Kolonialschuld in einer positiven Form einfordern. 75 Geschrieben ist der Roman ernst und realistisch. Der Hauptprotagonist Mutombo schildert seine Reise nach Europa als Ich-Erzähler und beschreibt die Ereignisse aus einer Sichtweise der direkten Betroffenheit. Die Sprache des Romans ist ein gehobenes aber einfach gehaltenes Französisch mit immer wieder eingeschobenen einzelnen Worten in Lingala und Swahili („Mundele“, „Mikili“, etc.), mit denen bestimmte Dinge besser ausgedrückt werden können. Laut Kabamba selbst ist der Stil eine Synthese aus Oralität und Schriftlichkeit. 76 Dieser Text kann als Protobeispiel für das von der Realität extrem abweichende positive Bild von Europa gelten. Es sticht hier vor allem die Tendenz zu Selbstkritik und Selbstreflexion ins Auge.
Die 2004 publizierte Kurzgeschichte Qui veut ma peau? 77 von Jean Claude Kangomba Lulamba erzählt in Form eines inneren Monologs von den Erfahrungen eines afrikanischen Studenten in Europa in all seinen Facetten - von der Konfrontation mit Rassismus über die Frage der Integration bis hin zu den derzeitigen Verhältnissen in Afrika und Europa, wobei hier immer wieder Bezüge zum aktuellen und vergangenen politischen und wirtschaftlichen globalen System hergestellt werden. Diese verschiedenen thematischen Diskurse spielen sich innerhalb einer Rahmenhandlung ab, in der ein afrikanischer Student seiner Einsamkeit durch seine Verliebtheit in ein israelisches Mädchen zu entfliehen versucht. Die alltäglichen Begebenheiten beim Warten auf ein Wiedersehen lösen bei ihm Monologe über verschiedene Themen aus. Die Angebetete erfüllt die Funktion einer Figur, welche auf ein interkulturelles Verständnis hoffen lässt, die aber auch klar macht, dass es Differenzen gibt und man diese akzeptieren soll. Dieser Text macht den Eindruck, dass er sich in erster Linie an ein im Westen lebendes Lesepublikum richtet. Geschrieben ist die Kurzgeschichte sarkastisch und der Betroffenheit des Hauptprotagonisten wird durch spöttische Monologe Ausdruck verliehen, mit denen er sich gleichzeitig von den Geschehnissen distanziert.
Der ursprünglich 1999 herausgegebene Text Un fou noir au pays des Blancs 78 von Pie Tshibanda ist ein autobiographisch inspirierter Roman, der sich wie ein Erfahrungsbericht liest, und richtet sich primär an Immigranten, denen er Mut zu machen versucht, bei
75 Amina, 308, (Juni 1995), Artikel über Kabamba, S. 35-36: http://aflit.arts.uwa.edu.au/AMINAKabamba.html (10.02.2007)
76 Amina, 308, (Juni 1995), Artikel über Kabamba, S. 35-36: http://aflit.arts.uwa.edu.au/AMINAKabamba.html (10.02.2007)
77 Vgl. Kangomba Lulamba, 2004.
78 Vgl. Tshibanda, 2000.
22
Arbeit zitieren:
Verena Wiesner, 2007, Aspekte von Migrationserfahrung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft: Aspekte von Migrationserfahrung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft: neuer Titel erschienen: Aspekte von Migrationserfahrung
Verena Wiesner hat einen neuen Text hochgeladen
Das wiedergefundene Tagebuch v...
Ernesto Che Guevara, Joachim Hartstein
Migrationserfahrungen - Migrationsstrukturen
Wolfgang Dietz, Caroline Gritschke, Ulrike Kirschberger, Daniel Kirn, Carsten Kretschmann, Eckart Olshausen, Alexander Schunka
Migrationserfahrung - Fremdheit - Biografie
Zum Umgang mit polarisierten W...
Roswitha Breckner
Afrikanische Puppen - African Dolls
The Dulger-Collection
Frank Jolles, Joan Clough, Claudia Fritzsche
A Ambuhl
Interdisziplinäre Aspekte des Übersetzens und Dolmetschens. Interdisci...
Judith Muráth, Agnes Oláh-Hubai
0 Kommentare