Inhalt
1. Das Vorspiel 4
1.1. HOMO SAPIENS (der neugierige Mensch) 4
1.2. DIE EMANATION (Der Weg nach Aussen) 5
2. REIMMANATION (Auf dem Weg zurück) 8
2.1. Garten Eden (Morgenröte des Geistes) 8
2.2. UROBORUS (naive Erkenntnis) 9
2.3. TYPHON (erwachende Selbsterkenntnis) 11
2.4. GRANDES DAMES (Entstehung der Zeitempfindung) 15
2.5. MAGNA MATER (das materiell-lunare Prinzip) 18
2.6. MAGNA DEA (das intuitiv-lunare Prinzip) 23
2.7. USURPATOR (das materiell-solare Prinzip) 28
2.8. MONO DEUS (das intelligent-solare Prinzip) 38
2.9. ZUSAMMENFASSUNG 40
3. Chymische Hochzeit 44
3.1. QUATTROPOLARITÄT UND SYNTHESE 44
3.2. ESSENER und NAZARENER 45
3.3. MONO DEUS und PAPA MUNDI 49
3.4. USURPATOR und MONO DEUS 56
4. AM BAUME DER ERKENNTNIS 62
4.1. Die Genesis der Bibel 62
4.2. AUF DER SUCHE NACH TIPHERETH 69
4.3. Etappen zur christlich-europäischen Ethik 70
4.4. Gegen die paulinische Christos-Philosophie: 74
4.5. Spektrum der Weltsichten 75
4.6. Das Buddha - Christos - Syndrom 76
5. AUF DER SPITZE DES LEBENSBAUMES 77
5.1. Erde: 77
5.2. Wassertaufe: 77
5.3. Feuertaufe: 77
5.4. Kreuzigung: 78
5.5. Himmelfahrt Lufttaufe: 78
5.6. Erdtaufe: 79
6. TRINITÄT und KONTINUUM 81
7. GENE und GENESIS 88
7.1. GEIST und GAlA 95
7.2. JESUS und GNOSIS 104
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7.3. AQUARIUS und HERMAPHRODIT 105
7.4. GEIST und REINKARNATION 110
8. Literatur 121
9. In Memoriam 122
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1. Das Vorspiel
Die Weiterentwicklung des Menschen, der Menschheit ist uns wie alles, was in die Zukunft weist, vordergründig durch den Schleier des Nichtverstehens und Nichterkennens verdunkelt.
1.1. HOMO SAPIENS (der neugierige Mensch)
Blicken wir von unserem derzeitigen Standpunkt einfach in die Richtung, in der wir die Zukunft vermeinen, so sehen wir nichts als Nebel.
Und dennoch gibt es eine Möglichkeit, diese Nebel wenigstens teilweise durchlässig zu machen. Dazu müssen wir uns jedoch zuerst umdrehen und rückwärts - in die Vergangenheit sehen. Aus dem, was bereits geschehen ist, lässt sich - soweit das Sein überhaupt von Gesetzlichkeiten regiert ist - erkennen, erahnen, welche Trends uns die Zukunft zu bieten hat.
Nicht werden wir hierbei das zukünftige Auf und Ab im Leben eines einzelnen Menschen, noch das im Leben eines einzelnen Volkes erkennen; doch die Zukunft der Menschheit und die Entwicklungslinie im Grossen lassen sich hierbei schon herauskristallisieren - unbeschadet der Zufälle, die im Globalen oder sogar kosmischen Rahmen eine derzeit nicht vorhersehbare Umwälzung mit sich bringen - und eventuell die Menschheit kurzerhand aus dem Spiel des Seins heraus löschen könnten.
Den Weg von der Frühzeit des aufdämmernden menschlichen Bewusstseins an uns vorbei in die ferne Zukunft hinein möchte ich an Hand mehrerer Hilfsmittel aufzeigen. Hierbei sollen unter anderen folgende Theorien bzw. Ansätze benutzt werden: x Die Archetypen der grossen Arkana des Tarots x Die Bedürfnispyramide nach Maslow x Die grosse Kette des Seins nach Ken Wilber x Die Chakras der Kundalini-Lehre x Die Gaia- Theorie x Das "heilige" Buch der Bibel
x Dualistische philosophische Systeme im Spannungsfeld zwischen Wertfreiheit und ethischer Ausrichtung x Das "Tetragrammaton" der Kabbala
Im ersten Augenblick mag diese Zusammenstellung verwirren, sind hier doch unterschiedliche Werke unterschiedlichster Kulturkreise und Kulturverständnisse zusam-mengeworfen.
Auch die Ziele, die mit den einzelnen Werken verfolgt werden, sind vordergründig nicht stimmig.
Der Tarot dient bekannter Weise der Wahrsagerei. Maslow wird für soziologische und wirtschaftliche Problemlösungen genutzt. Das Tetragrammaton der Kabbala ist ein hoch philosophisches Meditationsinstrument, Ken Wilbers Kette ist - zumindest bis zu der Entwicklungsstufe die für die jetzige Menschheit angedacht ist - in ihren grossen
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Zügen sozio-historisch und die Kundalini-Lehre, die biologisch fixierte Punkte des menschlichen Körpers mit philosophischen Werten gleichsetzt, ist ein östliches Mittel zur körperlichen und geistigen Erziehung des Menschen.
Trotz aller Unterschiede hoffe ich, aufzeigen zu können, dass allen oben angegebenen und den im weiteren noch einbezogenen Ideen eine gemeinsame Urformel innewohnt - die Evolutionslinie der Menschheit, die Phylogenese des Menschen - aber auch die Ontogenese, die persönliche Entwicklung jedes einzelnen Individuums. Der Blick zurück ist also nicht nur ein Mittel zur Erkenntnis des Vergangenen, dessen was der Mensch einmal war und der Entwicklung bis heute - der Blick zurück ist auch sozusagen der geistige Anlauf, um über die Hürde des "Jetzt" in das Kommende, in die Zukunft hinein sehen zu können. Jeder, der einmal sich im Weitsprung versucht hat, weiss damit zugleich, wie unsicher diese Technik trotzdem ist. Ein noch so guter Anlauf kann doch zu einem schlechten Sprung führen und andererseits kann der Anlauf noch so weit gehen, der Sprung - selbst der Beste - ist relativ kurz, die Landung oft nicht so plaziert wie gewünscht. Dies hält jedoch den interessierten Springer nicht davon ab, es dennoch zu versuchen.
Warum aber will der Mensch überhaupt hineinspringen, was verführt ihn dazu? Es ist dies ein Ahnen, eine ununterdrückbare Sehnsucht in die Zukunft, eine Ahnung, deren Wurzel aber in der Vergangenheit ruht und die Menschheit auf ihrem ganzen Weg bis heute begleitet hat und sicherlich noch lange begleiten wird. Dem Ausgangspunkt dieser Ahnung wollen wir uns nun als erstes zuwenden. Lassen Sie uns also mit den nächsten Seiten mitten hineinspringen.
1.2. DIE EMANATION (Der Weg nach Aussen)
Um das Ahnen aus der Vergangenheit um die Zukunft, das den Menschen seit seiner Bewusstwerdung begleitet, zu erfühlen, müssen wir uns kurz der "philosophia perennis", der ewigen Philosophie, zuwenden. Diese findet sich als Basis im Kern aller bekannten Religionen und Grundphilosophien wieder.
Sie besagt, dass es irgendeine Form von Absoluter Göttlichkeit gibt, einen raum- und zeitlosen Urgrund, eine natura naturans, die aber nicht ausserhalb oder oberhalb unseres Seins steht, sondern dieses Sein mit in sich einschliesst. Diese Absolute Göttlichkeit wird auch als Nirwana, Satori oder auch als das Nicht--Existente bezeichnet, wobei diese Ausdrücke nur aufzeichnen wollen, dass diese Absolutheit so feinstofflich ist, dass auch der abstrakteste Gedankenflug unseres Geistes sie nicht erfassen kann, sie somit für uns nicht existent ist. Das Wort Gott ist in diesem Zusammenhang ein ungenauer, ja falscher Begriff, da er etwas personelles - wenn auch transzendentes ausdrückt.“Personell“ impliziert hier etwas persönliches, etwas eigenständiges und damit etwas abgetrenntes. Genau das jedoch sieht die "Ewige Philosophie" in der Absoluten Göttlichkeit nicht. Dieser Gott-Begriff taucht, wie wir später noch sehen werden, erst im Laufe der Menschheitsentwicklung als Ersatz für das Nicht-Begreifbare auf.
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Die Absolute Göttlichkeit manifestiert aus sich heraus eine weniger feinstoffliche Ebene oder Sphäre, die weiterhin Teil des Absoluten ist, aber ihren höheren Urgrund nicht mehr zu ermessen vermag. Diese neue Sphäre wiederum gebiert eine weitere noch manifestere Stufe, der ihre Herkunft aus der höheren Stufe ebenfalls unter den Schleier des Vergessens gelangt. Über weitere Emanationsprozesse, deren neue Emanationskreise immer feststofflicher werden und die zugleich mit dem Übergang in die "festere Form" jedes Wissen um ihre Herkunft verlieren, kommt es schliesslich zur Emanation der materiellen, der grobstofflichsten Stufe. Der Aufbau dieser Stufen ist im Adam Kadmon, den 10 Sephira der Kabbala, auch Lebensbaum genannt, ausführlich dargelegt und soll deshalb hier nicht detailliert werden.
Festzuhalten ist nur, weil es für das weitere wesentlich ist, dass jede tiefere Stufe das Wissen um die höhere Stufe und ihre Herkunft aus dieser gänzlich verliert und nur eine schwache Ahnung von einer Existenz über ihr selbst und von der "unio rnystica'', dem absoluten Einssein, der Absoluten Göttlichkeit zurückbleibt. Die einzelnen Emanationsstufen finden wir im Christentum wie im Judentum und im Islam durch die verschiedenen Wesensstufen der himmlischen Hierarchie angedeutet, wie beispielsweise die Engel, Erzengel, Throne.
Das Fallen in die Materie finden wir wieder in dem christlichen Gleichnis der gefallenen Engel, vordergründig ausgestossen aus der "unio mystica" weil sie so sein wollten wie "Gott", im Grunde die Emanationen darstellend, die ins Reich des Vergessens, ins Reich der Materie und Abgetrenntheit und der individuellen Persönlichkeit herausfallen, also aus dem "absoluten Wissen" ausgestossen werden.
Letztendlich aber sind die Emanationen Teil der Absoluten Göttlichkeit, die zugleich der Urgrund allen Seins und nicht Person und somit nicht "Gott" ist Diese Feststellung zeigt zugleich, dass die Emanationen und Teile von ihnen nie "wie Gott", wie die Absolute Göttlichkeit sein können, sondern immer Anteil an der Absoluten Göttlichkeit haben. Der Anspruch "sein wie Gott" würde bedeuten, dass ein separates Sein vor-handen sein müsste, welches die gleichen Eigenschaften (zumindest ähnliche) wie das "Absolute Göttliche" aufweisen müsste. Diese Separation würde auch eine Personifizierung im weitesten Sinne für das "Göttliche" zulassen, würde fast zwangsläufig "Gott" kreieren.
Das Fallen in die Materie, dieser letzte Akt der Emanation, der Raum und Zeit gebar, ist der erste Punkt, den der Mensch "rekonstruieren" kann. Dieser Punkt des Eintrittes ins Materielle wird als Urknall bezeichnet. Er setzt zugleich den tiefsten Punkt, den Punkt zur Umkehr fest.
Diese Umkehr ist jedoch nicht so zu sehen, dass die höheren Emanationen die niedrigeren wieder in sich aufsögen, sondern dergestalt, dass die niedrigeren Emanationen sich evolutorisch mit den höheren Emanationen verbinden und somit deren Fähigkeiten bis zu den niedrigeren Emanationen hinunter gelenkt werden, sodass schliesslich das Bewusstsein der "unio mystica" durch alle Emanationen nach unten steigen kann, die Schleier des Vergessens völlig zerrissen werden und zugleich die Emanationen hinfällig werden. Damit aber löst sich die Illusion der Involution und (anschliessenden Evolution) wieder auf in die vollständige "unio mystica" der Absoluten Göttlichkeit.
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Das "göttliche Spiel" (lila) mit dem "Schleier der Illusionen" (maya) ist damit beendet, der Vorhang fällt.
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2. REIMMANATION (Auf dem Weg zurück)
Seit dem Urknall befindet sich die unterste materialisierte Stufe unaufhaltsam auf dem Weg hinauf in die "unio mystica", mag der Weg auch noch so verworren und schwierig, verschlungen und mit zwischenzeitlichen Irrwegen behaftet sein. Die bislang längste Zeit verstrich für den Aufbau der materiellen Basis, das Aufblähen des Weltalles, die Entstehung der Elemente, der Materiekonstellationen, die wir Galaxien, Sonnen, Planeten bezeichnen und die Entstehung des Lebens, erst rein reaktiv, später immer stärker selbst agierend bis zu dem Zeitpunkt, da das menschliche Leben in die Geschichte eintritt
2.1. Garten Eden (Morgenröte des Geistes)
Zuerst muss sich hierzu die materiell-körperliche und die animalisch-seelische Konstitution des Menschen im „Garten Eden“ herausbilden. Dabei müssen wir uns immer vor Augen halten, dass mit dem "Paradies" die prähominide Zeit gemeint ist, die ganze Zeit von der Entstehung des ersten Genes bis zum Aufdämmern des ersten menschlichen Bewusstseins und dass mit dem Namen "ADAM" die gesamte Genkette bezeichnet wird, die diesen Weg beschreitet.
Irgendwo in diesem Evolutionsstamm ergibt sich eine gravierende Entwicklung durch die "JUDITH", die erste "Frau" ADAM's entsteht. Hier scheint sich ein erstes geistiges Ereignis abgespielt zu haben, dessen wirkliche Bedeutung unter dem Schleier verschwommener Überlieferung verborgen blieb. Es scheint die Geburt eines noch dumpfen Erkennens der seelischen Regungen zu sein, eine erste Erkenntnis, dass es den Widerstreit zwischen "GUT" und "BÖSE" gibt.
Irgendwo in diesem Evolutionsstamm entsteht auch durch Mutation die Zweigeschlechtigkeit - "EVA" wird geboren, der Hermaphrodith spaltet sich, eine "Rippe" erhält eigenständiges Leben. Diese Zweigeschlechtigkeit ist eine unabdingbare Voraussetzung für die spätere rasante Entwicklung der gesamten Fauna und damit auch der Menschheit.
Im „Garten Eden“ erkennt der Mensch bereits seine Umgebung bildet eine erste geistige und sprachliche Fähigkeit heraus: "Gott" lässt ihn alle Pflanzen und Tiere benennen. Benannt werden kann nur, was erkannt werden kann. Die Umwelt mit Flora und Fauna und er selbst sind jedoch noch völlig miteinander verschmolzen. ADAM befindet sich noch in einem uroborischen Zustand.
Mit dem Übergang in den typhonischen Status, mit dem ersten Aufkeimen eines schwachen Selbstbewusstseins erkennt sich ADAM als eigenständiges, von der Umwelt gesondertes Individuum, als „nackten“ Menschen im Sprachbild der Bibel, und mit dieser "Nacktheit" taucht auch die Urangst um das Überleben auf. Der Urmensch ist schlagartig aus dem Paradies der Sorglosigkeit herausgestossen. Hier vollzieht sich somit der erste grosse transzendierende Schritt. Es ist der Zeitpunkt der Morgenröte des Geistes, der Zeitpunkt des "golden dawn", der Zeitpunkt, da der humanoide Vorfahre des Menschen laut Wilber aus der materiell-uroborischen Stufe des Daseins in die typhonisch-magische Stufe empor wechselt.
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Es ist aber auch der Zeitpunkt, da der "Mensch" aus dem paradiesischen Garten Edens in das Leiden und die Mühsale des bewussten Lebens hinauskatapultiert wird.
2.2. UROBORUS (naive Erkenntnis)
Bevor wir der "Austreibung" aus dem Paradies weiter nachgehen, wollen wir noch einmal kurz in den "Garten Eden" hineinsehen. Ken Wilber bezeichnet das Dasein dieses vorzeitlichen uroborischen Menschen mit den Worten: unbewusste Harmonie, unreflektierte physische Verschmelzung und Eingebettetsein (in seine Umgebung), Seligkeit, jedoch eine Seligkeit des Unbewussten und nicht der Transzendenz, traumhafter Zustand buchstäblicher Identität mit dem Körper und seiner Umwelt. Er nennt diesen Zustand uroborisch, da er einen paradiesischen, aber auf niedrigen Instinkten (reptilhaften) aufgebauten, allumfassenden und zugleich selbstbezogenen geistigen Zustand bildet, der Begriffe wie Raum und Zeit nicht kennt. Für dieses Individium sind Körper, Geist und Umgebung noch völlig eins. Die grosse "unio mystica" ist hier auf niedrigster Seinsebene sozusagen materialisiert oder symbolisiert. Zeit ist für diesen Frühtyp des Menschen noch kein Begriff, Zeit ist für ihn ein immerwährendes "JETZT". Alle seine Bedürfnisse, die sich noch völlig auf der physiologischen Ebene befinden, werden, wenn sie auftreten, auf rein biologischer Ebene durch einfache "feed-back"-Reaktionen befriedigt.
Und so sieht auch der Tarot den frühen Menschen in seiner archetypischen Bildkarte des Narren. Sie stellt keinen debilen Menschen dar, sondern den unbekümmerten naiv-fröhlichen, noch ungebildeten, impulsiven Menschen. Er ist noch abgewendet von den hohen blauen Bergen der Intuition und der strahlenden gelben Sonne des Intellektes. Er ist noch eingehüllt und verschmolzen mit seiner biologischen Umgebung, die ihn als blumengeschmückter Umhang umgibt. Noch ist er nicht „nackt“. Noch hält er in seiner einen Hand sein ganzes Hab und Gut an einen Stock gebunden und in der anderen Hand die weisse Rose der Unschuld. Gegürtet ist er mit einem goldenen Reif, der die Ahnung ob der Emanationen, des Adam Kadmon versinnbildlichen soll, das Urahnen der Menschheit um die "unio mystica".
Aber er trägt bereits die gelben Stiefel seiner aufkeimenden Geisteskräfte, die ihn auf einen neuen Pfad führen. Noch ist es ein sehr schwaches, grauverfärbtes Gelb und die Stiefel führen ihn direkt auf einen Abgrund zu. Seine animalischen Instinkte, symbolisiert durch ein kleines Hündchen, die ihn bislang treu geführt haben, wollen ihn vor dem Abgrund warnen. Sie können ihn nicht mehr aufhalten, der aufkeimende Intellekt besiegt den Instinkt.
Das Bild des Narren vor dem Abgrund stellt den archaisch-uroborischen Menschen im Augenblick seines Wandels zum typhonisch-magischen Menschen dar. Wir sehen direkt vor unseren geistigen Augen den nächsten Schritt, der ihn aus seiner paradiesischen Unschuld in den Abgrund des Erkennens fallen lässt. Um diesen und auch die folgenden Evolutionssprünge begreifen zu können, müssen wir uns den "Mechanismus" dieser Sprungbewegung genauer vor Augen halten. Innerhalb einer Entwicklungsstufe kann die Entwicklung wie das Reifen einer Pflanze, die Entwicklung einer Raupe oder wie das allmähliche Verbessern eines bereits vor-
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handenen technischen Gerätes betrachtet werden. Schliesslich aber sind die Grenzen der Verbesserungsfähigkeit ausgeschöpft. Eine Verbesserung kann jetzt nur noch durch eine Transzendenz unter Beibehaltung der wesentlichen Elemente des Vergangenen, Veralteten erfolgen.
Zu Beginn des Entwicklungssprunges verpuppt sich die Raupe. Schliesslich wird die Larve gesprengt und der Schmetterling lässt seine nunmehr nutzlose alte Haut hinter sich, um sich in eine luftigere, höhere Dimension zu schwingen Im technischen Bereich kann hierfür die Erfindung der Dampfmaschine als Beispiel dienen. Diese Erfindung war ein technologischer "Evolutionssprung". Ihm folgten viele Jahre der Verbesserung. Die Energie, die der Dampfmaschine zugeführt wurde, wurde von mal zu mal besser verwertet, die Maschine immer leistungsfähiger. Doch mit der Zeit wurde jede weitere Verbesserung aufwandsintensiver und brachte immer weniger Nutzenzuwachs, wie es das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen postuliert. Erst die Erfindung des Verbrennungsmotors, also die teilweise Umsetzung der alten Technik auf ein völlig neues Niveau unter Beibehaltung der grundlegenden Prinzipien, der Räder, des Prinzips der Umsetzung einer sich ausdehnenden Kraft in die Kraft sich drehender Räder, brachte einen deutlichen technischen Innovationsschub, der dann wieder abgelöst wurde durch das Auffüllen der neuen blossgelegten Realisierungspotentiale .
Genau in diesem Sinne ist auch das Evolutionsgeschehen zu betrachten. Nachdem eine Evolutionsebene erreicht wurde, werden langsam alle auf dieser Ebene vor-handenen Evolutionspotentiale umgesetzt, spätestens bis auf dieser Ebene kein Entwicklungsspielraum mehr vorhanden ist, bis auch das letzte Quentchen Potential realisiert ist. Gegen Ende dieses Vorganges speichert sich soviel Evolutionspotential an, bis explosionsartig der Zugang zu einer neuen Evolutionsebene aufgerissen wird, die dann schlagartig erobert werden kann. Ken Wilber beschreibt den ganzen Vorgang mit dem Satz: "Jede Stufe der Evolution transzendiert und umfasst alle vorherigen." Damit ist der Weg durch die Emanationen nach oben, zurück zur „unio mystica" nicht als direkte Rückkehr auf dem gleichen Pfad zu sehen. Auf dem Weg in die Materie hinunter wurde eine Emanation nach der anderen neu entfaltet, neu geschaffen, wobei jedesmal der Schleier des Vergessens zwischen die einzelnen Emanationsstufen gelegt wurde.
Jetzt erfolgt jedoch keine Rückfaltung, bei der die untersten Stufen jeweils aufgelöst würden, sondern Stufe für Stufe wird der Schleier von unten nach oben weggezogen, sodass sich die tieferen Stufen auf Grund des Wiedererkennens ihres höheren Ursprunges mit den höheren Ebenen vereinen können. Wesentlich hierbei ist jedoch, dass sie in die oberen Stufen integriert werden, aber ihre eigene vorher neu erworbene Gesetzlichkeit mit einbringen.
Sollte es der Menschheit einst gelingen, wieder bis zur letzten Stufe der Absoluten Göttlichkeit sich empor zu entwickeln, dann wird der Mensch nicht sein wie "Gott", sondern wieder in seine Göttlichkeit zurückgefunden haben.
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2.3. TYPHON (erwachende Selbsterkenntnis)
Doch zurück zum ersten grossen Evolutionsschritt des Geistes: Adam wird aus dem Paradies gewiesen, nachdem er vom Baum der Erkenntnis ass, der Narr im Tarot fällt in den Abgrund des Erkennens, die Maslowschen Sicherheitsbedürfnisse erscheinen, das Chakra der sexuellen Energie und das Chakra der vitalen Kraft des Solarplexus werden sensibilisiert, Ken Wilbers magisch-typhonische Phase wird aktualisiert und im Tarot taucht das Symbol des Magiers auf. Worin lag die Bedeutung dieses Evolutionssprunges und auf welche Ebene wurde die Evolution versetzt? Den Ausschlag für die umfassende Neuorientierung der Evolution finden wir in dem Wort "Erkenntnis". Neben dem Instinktiven tauchte ein erstes noch schwach ausgeprägtes intellektuelles Erkennen auf. Die wesentliche Neuerung, die dieses Erkennen mit sich brachte, war die Unterscheidung des "Selbst" und des "Anderen".
Lag im uroborischen das "Ich" noch zentral im Kosmos, jetzt zu Anbeginn der magisch-typhonischen Phase löst es sich heraus und stellt sich egozentrisch dem "Anderen" gegenüber. Die "participation mysthique" (vergleichbar einer "unio mystica" auf tiefster Ebene) wird aufgelöst. Dieses neu entstandene magische "Ich" ist jedoch seinerseits noch eine nicht differenzierte Einheit des Körpers und des erwachenden Geistes, auch ist die Grenze zum "Anderen" noch äusserst nebulös. Das "Ich" weiss sich zwar bereits vom "Anderen" getrennt, kann aber die Grenzen zum "Anderen" noch nicht sicher ziehen und ist sich auch seiner eigenen Kraft noch nicht bewusst. Wir können uns dies in etwa so vorstellen wie unser heutiges "Traumbewusstsein", in dem Subjekt und Objekt, Teil und Ganzes verschwimmen und in einander übergehen können, aber dennoch zu jedem beliebigen Zeitpunkt definitiv als Subjekt oder Objekt; beziehungsweise plötzlich in einer anderen Konstellation aufgeteilt jedoch wieder definitiv zuordenbar erkannt werden. Freud spricht hier von Verdichtungen und Verschiebungen. Ausser im Traum finden wir heute diese magische WeItbetrachtung noch rudimentär in den Vorurteilen wie "Alle Katzen sind falsch" oder in Übertragungen wie "Hasen bringen Glück" also bringen Hasenpfoten als Talismane getragen auch Glück.
Ken Wilber nennt diese Phase die magisch-typhonische. Typhon, einer der Titanen der alten Mythen, war halb Mensch halb Schlange. Wilber will mit dieser Bezeichnung ausdrücken, dass sich der Mensch in dieser Periode aus dem uroborischen Zustand heraus entwickelt.
Andererseits besteht noch kein echtes "lch"-Bewusstsein, kein Bewusstsein davon, dass das "Ich" in reiner Eigenverantwortung zu handeln vermag. Die Verantwortung für alles Geschehen liegt noch in der äusseren Welt des "Anderen". Die ganze Welt ist mit vitalen und magischen Kräften geladen.
Der magische Aspekt liegt in dieser Phase insbesondere darin, dass der Mensch in seinem traumhaften Denken sich die Vermischung von Subjekt und Objekt zu Nutze macht und beginnt, auf magische Weise in den Ablauf des Geschehens einzugreifen. Sein magisches Verstehen ist reflexiv und assoziativ, inneres Erleben wird nach
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aussen projeziert. Es entsteht der Jagdzauber, in dem "Kulthandlungen an Abbildern" ihre magische Projektion in die Realität der wirklichen Objekte findet. Betrachten wir das Bild des Magiers im Tarot, so sehen wir, dass er im Gegensatz zum Narren nicht mehr in einem Blütengewand steckt. Die ihn umgebene Natur hat Ab-stand genommen. Die direkte urobonsche Abstammung zeigt sich nur mehr in seinem Schlangengürtel. Seine auf dem sexuellen (Stab) und vitalen (Haltung) Chakra basierenden magisch-naturverbundenen Kräfte beginnen auf seine Umgebung einzuwirken. Er hat die vier Elemente (Elementarkräfte) zur magischen Beeinflussung vor sich auf dem Tisch ausgebreitet.
Aus dem Erkennen des "Ich" und des "Anderen" taucht jedoch neben dem magischen Einfluss auf das "Anderen" auch das Bewusstsein der Beeinflussung des "Ich" durch das "Andere" auf und installiert als Gegenreaktion die Maslow'schen "Sicherheitsbedürfnisse". Zur Abwehr von Gefahren wird zugleich der Jagd-Zauber zum VOO--DOO-Zauber erweitert, über den echte oder potentielle Gefahren wiederum durch Projektion abgewehrt und der Angreifer oder Konkurrent vernichtet, das vage erlebte "Ich" also gesichert wird.
Das allgemeine Gefühl der Gefahr, die von dem "Anderen" ausgeht, führt mit steigender Erkenntnis des "lch"-Bewusstseins zur Vision der Sterblichkeit und damit zum Ausbruch der Urangst des Menschen. Diese Urangst lässt ihn von da ab bis heute nicht mehr los. Diese Angst vor der Vergänglichkeit ist der Tribut für den Eintritt in die geistige, erkennende Sphäre, sie ist der endgültige Ausschluss aus dem Paradies. Verstärkend auf diese Urangst wirkend kommt noch die verschwommene Ahnung von der früheren, verlorengegangenen "unio mystica" hinzu. Bedingt doch dieser Zustand eine allgemeine Verschmelzung in der Göttlichkeit, also das Aufgeben, die Auslöschung der Individualität. Für den neu aufgekommenen Individualgeist ebenso wie auch für uns heute, bedingt dies vordergründig den Tod des Individuums. (Wir werden später sehen, das dies nicht die einzige Möglichkeit der Verschmelzung zu sein braucht.)
Hier nun tritt das volle Dilemma ein, das die Menschheit bis weit über unsere derzeitig erlebte Situation begleiten wird und das letztlich für unsere ganze weitere Entwicklung zuständig sein wird. Nicht die Sexualität, wie Freud glaubt, sondern die geistige Aus-einandersetzung mit Leben und Tod ist das Triebmittel allen geistigen und kulturellen Wachstums. Die Sexualität ist nur einer unter vielen Faktoren dieser Auseinandersetzung, es sei denn, die Auseinandersetzung bekommt pathologische Züge. Auch diesem Punkt werden wir weiter unten begegnen.
Kurzum, das grosse Dilemma besteht darin, dass das "Ich" von dem goldenen Zeitalter träumt, da es in der "Unio mystica" verweilte, als es aktiv teil hatte an der GöttIichkeit, dass es aber überzeugt davon ist, dass dieser Zustand nur durch die Vernichtung der Individualität, also durch den Tod erreicht werden kann und andererseits die neu erwachte Individualität diesen ihren neuen Zustand nicht aufgeben sondern weiter ausbauen will.
Diese beiden scheinbar unvereinbaren Wünsche diktieren fortan die Geschichte. Aus dem Wunsch der bewussten Wiedervereinigung mit dem Göttlichen kristallisiert sich die Todessehnsucht auch "Thanatos" genannt heraus. Dieser Todessehnsucht wird
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der Überlebenswille gegenübergesetzt, der in einer Ersatzstrategie versucht, den neu errungenen Status des willentlichen Lebens zu erhalten und auszubauen. Da aber die erklärte Zielsetzung dieser Strategie die Erhaltung der Individualität beinhaltet und somit nur eine Pseudo-Göttlichkeit ansteuern kann, kann sie auch nur eine Ersatz-Zielsetzung sein.
Sie wird mit dem Begriff "Eros" assoziiert.
Die ganze folgende Menschheitsgeschichte ist letztlich ein Kampf des menschlichen Geistes gegen Thanatos und für Eros. Die grundlegenden Hilfsmittel im diesem Kampf sind im Aufbau neuer Arten des Zeiterlebens sowie der Schaffung von Kulturen zu finden. Die Vision von Vergänglichkeit und Tod drückt sich in der allen Menschen innewohnenden Urangst aus, die durch die Ahnung um die Möglichkeit der Vereinigung mit der Absoluten Göttlichkeit vordergründig wieder gelindert wird. Dieser starke Wunsch nach Vereinigung prägt sich in Thanatos aus, welcher jedoch der Evolutionsbewegung diametrar entgegensteht. Die Evolutionsbewegung wird durch Eros ausgedrückt, das Prinzip, das immerzu bestrebt ist, die ureigene individuelle Existenz zu erhalten und auszubauen. Nicht die Urangst sondern Thanatos ist also der erklärte Gegner von Eros. Die Urangst im Gegenteil ist sogar als Hilfsmittel für Eros anzusehen, ist Teil von Eros.
Um sein Ziel zu erreichen, bedient sich Eros eines ungeheuren Tricks. Die unauslöschliche vage Sehnsucht nach der alles umfassenden, alles vereinenden Göttlichkeit wird umkanalisiert auf die Pseudo-Göttlichkeit des Lebens. Ewigkeit und Unendlichkeit werden umgedeutet, werden projeziert auf immerwährende Zeit und unbegrenzten Raum.
Die Umdeutung des Göttlichen in das Pseudo-Göttliche, das Hervorheben von Eros und gleichzeitige Abwerten von Thanatos ist der grosse Trick mit dem es der Evolution gelingt, die geistige Individualisierung auf immer höhere Ebenen hinan zu treiben. Die Urangst des Individuums wird verstärkt in den geistigen Mittelpunkt gestellt. Als Hilfsmittel zur Überwindung dieser Urangst dient von nun an alles, was hilft, Thanatos zu meiden und Eros zu verfestigen.
Das erste wirksame Mittel zur Fixierung dieser Pseudo-Göttlichkeit ist das Mittel der Zeit. Leben ist mit Zeit verknüpft, Tod ist zeitlos. Solange also "Zeit" vorhanden ist (was immer auch das wirklich bedeutet), solange ist Leben vorhanden. Somit heisst die primäre Überlebensstrategie Zeit zu erhalten und Zeit zu reservieren. Das Zeiterleben des uroborischen Menschen war noch fast nicht angelegt. Zeitempfinden gab es für ihn nur von dem Zeitpunkt, da sich eines seiner elementaren Maslow'schen Bedürfnisse zu regen anfing bis zu dem Zeitpunkt, da er es befriedigen konnte. Es ist der gleiche Vorgang wie er sich auch heute noch bei vielen Raubtieren abspielt. Diese dösen solange friedlich, ruhig und zeitlos vor sich hin, bis sie hungrig werden. Von da an existieren plötzlich Hunger- und Zeiterleben parallel. Die Länge der Zeit ist identisch mit der Intensität des Hungers. Ist der Hunger gestillt, hört auch die Zeit wieder auf zu existieren. Für das Raubtier bedeutet satt zu sein ebenso wie für den frühzeitlichen uroborischen Menschen Unsterblichkeit. Im Grossen und Ganzen leben beide in einem "prätemporalen" Zustand. Zeit und damit auch Tod und Thanatos werden noch nicht bewusst erfasst.
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Dies ändert sich jedoch mit dem Eintritt in die magisch-typhonische Phase. Das Erwachen des noch schwach ausgeprägten "Ich"-Empfindens vermischt mit dem Eros--Prinzip zwingt zur Erhaltung dieses "lch"-Empfindens, erzwingt die Maslow'schen "Sicherheitsbedürfnisse". Der Selbsterhaltungstrieb wird aktualisiert. Dies geschieht Hand in Hand mit der Erweiterung des Zeitempfindens. Tauchte das Zeitempfinden bislang nur sporadisch und in Verbindung mit einem Grundbedürfnis auf, so manifestiert es sich nun als fest integrierter Bestandteil des aufkeimenden Bewusstseins, wenngleich es nur ein Gegenwartsbewusstsein bleibt.
Dieses Gegenwartsbewusstsein erkennt aber bereits, dass die Gegenwart ein fliessendes Sein ist, dass Gegenwart auf Gegenwart folgt. Im Verlauf dieser Periode verstärkt sich das Gegenwartsbewusstsein weiter und schliesst auch das direkte "Gestern" und "Morgen" mit ein - dies bedeutet aber noch längst nicht ein "historisches" Zeitempfinden.
Die ganze Eros-Strategie konzentriert sich in dieser Phase auf die Erhaltung des Lebens, die Schaffung von Stabilität und Bequemlichkeit von Gegenwart zu Gegenwart, also darauf, die Gegenwart bewusst fortzusetzen. Unsterblichkeit bedeutet jetzt nicht mehr "satt zu sein" sondern "auch morgen noch zu leben". Da weder Vergangenheit noch Zukunft existierten konnte auch keine rationale Vorstellung von "actio" und "reactio" entwickelt werden. Jedes Geschehen stand isoliert ausserhalb von Ursache und Wirkung im Raum. Der Auslöser konnte jeweils nur magischer Art sein. Auf dieser Erklärungsgrundlage konnte auch der Tod nur ein magisches unangekündigt "Jetzt" hereinbrechendes Unglück sein. Konnte der Tod "Jetzt" - auf dem Weg in die direkt folgende Gegenwart überwunden werden, dann wurde er dieser einfachen Philosophie zufolge endgültig überwunden.
Der Mensch schuf sich die Zeit als Mittel zur Todesleugnung, als Ersatz der Ewigkeit. Es genügte aber nicht, die Zeit nur passiv abzuwarten. Zur Überwindung des Todes durch Verlängerung der Zeit in die folgende Gegenwart bedurfte es auch der eigenen Aktivität. Selbsterhaltung ist eigenes Handeln, das "Ich" musste beginnen sich aktiv mit dem "Anderen" auseinanderzusetzen.
Wie wir bereits weiter oben angesprochen haben, befand sich das "lch"-Bewusstsein noch in einem traumartigen Zustand, überlagert von "Verdichtungen" und "Verschiebungen", kurzum in einem magischen Zustand, der den Jagdzauber zur Stillung der primären Nahrungsbedürfnisse und den VOO-DOO-Zauber zur Sicherung des Seins ausübte. In den frühmenschlichen magischen Gemeinschaften bildeten sich Rituale heraus, die zum einen Thanatos lindern und andererseits Eros stärken sollten. Wir finden auch heute noch versprengte Gruppen, die sich um die Mehrung von "Mana" und Vermeidung von "Tabu's" in dieser rudimentären Form sorgen, wobei Mana und Tabu Synonyme für Eros und Thanatos sind.
Im Zuge der Entwicklung auf dieser Ebene verfeinerte sich durch die Stärkung des Geistigen zugleich die verschwommene Sehnsucht nach der Absoluten Göttlichkeit und verstärkte damit Thanatos, was im Gegenzug eine Verfeinerung der lebenserhaltenden Taktik von Eros mit sich brachte, bis die Grenzen der geistigen Ebene der magisch-typhonischen Zustandes erreicht war und alle zur Verfügung stehende Taktik aufgebraucht war. Kurzum, wenn Eros weiterhin die Oberhand über Thanatos behalten wollte, wenn die Evolution weitergehen sollte, brauchte es einer völlig neuen,
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weiterreichenden Eros-Strategie, es bedurfte eines neuen, eines weiteren Evolutionssprunges.
2.4. GRANDES DAMES (Entstehung der Zeitempfindung)
Der dringend nötige Evolutionssprung kam. Aus dem magisch-typhonischen Jäger und Sammler wurde der Ackerbauer, der sesshafte Mensch. Im ersten Rückblick mag uns dieser enorme Sprung fast belanglos vorkommen, aber tatsächlich begann damit ein völlig neues Zeitalter, war dieser Umschwung mit einem enormen geistigen Aufstieg verbunden. Die wohl einschneidendste Veränderung ist im Bezug des Geistes zum Zeiterleben zu finden. Das typhonische Zeiterleben der fliessenden Gegenwart hat nur Bezug zu einem "Jetzt". Der Hunger taucht "Jetzt" auf, er muss "Jetzt" gestillt werden - auch wenn dieses "Jetzt" nicht mehr punktuell sondern bereits ausgedehnt war.
Ackerbau ist aber auch mit einem ausgedehnten "Jetzt" nicht vereinbar. Ackerbau bedeutet zwar "Jetzt" zu handeln, benötigt aber das Wissen, dass der Ertrag erst absolut "Später" gewonnen werden kann.
Das damit eingeläutete Zeitalter ist das Zeitalter der zyklisch- jahreszeitlichen Zeit Ken Wilber nennt es weitergehend das verbale, mythisch-partizipatorische Zeitalter des frühen Verstandes. Es ist das Zeitalter, in dem die sozialen Bedürfnisse nach Maslow sich in den Vordergrund schieben. Im Tarot wird es durch die "Herrscherin" repräsentiert, wobei die "Hohepriesterin" vorerst noch geheimnisvoll hinter ihr steht. Diese kurze Aufstellung deutet schon an, dass hier mehrschichtige Entwicklungstendenzen zum Tragen kommen werden, die alle miteinander verzahnt, eine Änderung auf breitester Basis auslösen. Eine Kurzanalyse der oben angerissenen Punkte zeigt, dass diese Veränderungen insbesondere neben einem neuen Zeitverständnis neue Beziehungen zwischen dem erstarkenden "lch"-Bewusstsein und dem "Nicht-Ich" schaffen, insbesondere sich die sozialen Beziehungen in den Vordergrund schieben. Doch diskutieren wir die Punkte der Reihe nach.
Das Zeiterleben dieser mythisch-partizipatorischen Periode weitet sich sprunghaft aus in Vergangenheit und Zukunft. Wir dürfen es auch weiterhin noch nicht mit unserem "historischen" Zeiterleben vergleichen. Es ist zyklisch geschlossen und orientiert sich nach den Jahreszeiten. Die Zeit ist auf einmal unterteilt in die Gegenwart sowie in das, was vor und das, was nach der Gegenwart ist. Zukunft und Vergangenheit nehmen greifbare Formen an, aber sie sind nicht im linearen Fluss. Die Zeit fliesst von der Zukunft durch die Gegenwart in die Vergangenheit. Von dort fliesst sie in nicht näher bestimmbarer Weise wieder in die Zukunft um schliesslich wieder im ewigen Kreislauf an der Gegenwart vorbeizukommen.
Der zweite wichtige Punkt ist der des sozialen, des partizipatorischen, des verbalen. Alle diese Begriffe umranken das grundlegende Muster jeglicher menschlichen Gemeinschaft, der Zusammengehörigkeit mehrerer Individuen, der Kommunikation und tangieren zugleich den kulturellen Bereich. Wie stark die Beziehung zum Kulturellen in dieser Phase aufgebaut wird, werden wir insbesondere zu spüren bekommen, wenn die beiden angesprochenen Archetypen des Tarots, die Hohepriesterin und die
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Herrscherin auf ihren Grundgehalt durchgeprüft werden. Wir werden sehen, dass sie starke Bezüge zur "Grossen Mutter" und zur "Grossen Göttin" aufweisen und die Grundarchetypen für den kulturellen Sektor darstellen.
Grundlage dieses Evolutionssprunges um ca. 10.000 v.u.Z. war, wie bereits besprochen, das neue Zeitgefühl, das sich den zyklischen Jahreszeiten anpasste und den Ackerbau erlaubte, der ein zyklisches, den Jahreszeiten (also diesem neuen Zeitempfinden) angeformtes Agieren des Menschen benötigt. "Säen" und "Ernten" wurden die Hauptaktivitäten des Menschen. Dazwischen gab es plötzlich ruhigere Zeiten. In der vorhergehenden Phase, dem Zeitalter der Jäger und Sammler, war die Zeit laufend mit Jagd und Gejagtwerden angefüllt. Sicherung des Lebensunterhaltes und Sicherung des Lebens waren andauernd dicht mit einander verwoben und liessen keinen Freiraum.
Jetzt fiel in der Zeit des Reifens und in der Zeit zwischen Ernte und Aussaat nur mehr die Sicherung des Lebens an. Plötzlich gab es mehr verfügbare Zeit, die für weitere Aktivitäten genutzt werden konnte. Hier folgte die Evolution wieder exakt der Lehre Maslows, die besagt, dass immer dann, wenn eine Bedürfnisebene abgedeckt ist und sich die notwendige Zeit findet, die nächsthöhere Ebene seiner Bedürfnispyramide zum Tragen kommt.
Nachdem also neben der Zeit für die physiologischen und die Sicherheitsbedürfnisse noch freie Zeit zur Verfügung steht, treten jetzt die sozialen Bedürfnisse auf den Plan, unterstützt dadurch, dass die für die Feldbestellung nötigen Verrichtungen gemeinsames, aber auch bereits differenzierteres, arbeitsteiliges Zusammenwirken begünstigen - weit stärker, als dies in der Jäger-und Sammlerperiode der Fall war. Der Ackerbau selbst war jedoch nur der offensichtlichste Ausdruck des neuen Zeitverständnisses und wohl zudem der erste. Zugleich entwickelten sich aber auch diverse andere Spezialisierungen, entstanden Handwerke, die Menschen wurden sesshaft, bildeten feste und grosse Gemeinschaften und parallel dazu, bedingt und bedingend, entwickelte sich die Sprache und der Güteraustausch. Der Mensch trat in soziale Verflechtungen ein, die Gemeinschaften wurden enger und grösser und das gedrängte Miteinander benötigte immer diffizilere und allgemeinverbindlichere Regeln des Verhaltens.
Die dynamischeste Triebfeder in diesem sich gegenseitig stützenden und fördernden Geflecht von die Evolution vorantreibenden Umständen war jedoch mit Sicherheit die Entwicklung der Sprache, ist sie doch in sich ein äusserst diffiziles Netzwerk an Zusammenhängen. Sprache ist nur ganz an Rande eine Form von Lauterzeugung. Sprache bedingt, dass der Sprecher sich zuerst in seinem eigenen Geist Symbole aufbaut, die sich aus externen Einflüssen und bereits in ihm vorhandenen Symbolen zusammensetzen. Die so gewonnenen neuen mentalen Symbole werden jetzt in Lautsymbole umgesetzt und damit an den Gesprächspartner gesendet. Dieser wiederum setzt sie in primäre mentale Symbole zurück, die er nun mit den ihm eigenen mentalen Symbolen vergleichend verarbeitet. Kommt dabei ein einigermassen ähnliches Gedankenmuster im Geiste des Partners heraus, wie das, welches der Sprecher als Ausgangsmuster verwendete, so kann man von Verstehen sprechen. Wir betrachten das Problem auf einfachste Weise, Der Sprechende überträgt mentale Symbole in Lautsymbole, der Hörende überträgt diese wieder in mentale und die
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Übertragung ist perfekt - so gesehen ein ganz einfacher Vorgang. Aber um die Schwierigkeiten, die wirklich darin stecken, zu erkennen, brauchen wir nicht einmal ins Ausland zu fahren, schon der nächste unserem äusserst ähnliche Dialekt zeigt uns die ersten Sprachbarrieren spürbar auf.
Ein einziges Wort, das nicht in unserem Wortschatz, in unserem Symbolvorrat ist, kann die Übertragung der Botschaft empfindlich stören, trotzdem die Sprachen im allgemeinen mit starken Redundanzen arbeiten, womit ein fehlendes Wort zumeist aus dem Zusammenhang erfassbar ist.
Wie verzwickt diese ganze Kommunikationskette in Wirklichkeit ist und wie viele Fallstricke sich selbst in einem einfachen Kommunikationsvorgang verbergen können, ist an der ungeheuren Menge an Literatur, die sich wissenschaftlich mit diesem Thema befasst, leicht zu erkennen.
Die Sprache ist tatsächlich ein äusserst diffiziles Mittel, das auf beiden Seiten bereits ein höheres geistiges Potential voraussetzt, ein Potential, das Symbole kennt und verarbeiten kann und ein Mittel, das nur auf einer gemeinsamen Basis der beiden Individuen realisiert werden kann, einer Basis, die in für eine Gruppe von Menschen verbindlicher Weise mentale Symbole und Lautsymbole einander zuteilt. Diese Basis finden wir in den immer grösser werdenden menschlichen Gemeinschaften und in der Notwendigkeit, ein geordnetes Nebeneinander zu gewährleisten. Der verstärkte Umgang mit den "Anderen" in der Gemeinschaft erweitert den inneren mentalen Symbolumfang und den Umfang der damit verbundenen Lautsymbole. Das neu erwachte zyklische Zeitempfinden, also das Ausweiten des Zeitbewusstseins heraus aus der Gegenwart verbunden mit der neuen Möglichkeit, mit mentalen Symbolen und Begriffen diese Welt zu erfassen, sie in repräsentatives Denken umzuformen und diese geistige Arbeit durch "mentale Fortpflanzung" also verbale Kommunikation weiterzugeben, sozusagen zu vererben, all dies macht die Hefe dieser neuen Evolutionsebene aus, die Ken Wilber als die mythisch-partizipatorische bezeichnet. Dabei soll der Begriff "mythisch" ausdrücken, dass sich das Bewusstsein bereits vom alten magisch-typhonischen Bewusstsein abzuheben beginnt, aber noch nicht die strenge lineare Logik späterer Epochen erreicht hat.
Im Tarot wird diese Epoche der mythischen Gruppenzugehörigkeit durch die Karten der Hohepriesterin und der Herrscherin dargestellt. In der Herrscherin werden wir den Archetypen der "Grossen Mutter“ wiederfinden, der Archetyp der "Grossen Göttin" wird hingegen im Tarot durch die Hohepriesterin verkörpert. Dass in trivialen Deutungsversuchen manch kuriose Auslegungen für die Tarotsymbole zum Ausdruck kam, soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Als kleines Beispiel sei nur eingefügt, dass die Hohepriesterin unter anderen die historisch nicht fassbare Päpstin Johanna darstellen soll, eine Frau, die sich in der "Hosenrolle" bis zu Papstwürden heraufgearbeitet haben soll, ohne je erkannt worden zu sein. Ein gewiss amüsanter aber harmlos nichtiger Deutungsversuch, basierend auf einer sich äusserst hartnäckig haltenden Saga.
Seide Archetypen sind dem lunaren, weiblichen zugewandt, wobei aber die Hohepriesterin mystisch-mental in den intuitiven und die Herrscherin naturhaft-biologisch in den vitalen Lebensbereich zeigt. Beide beherrschen sie diese Evolutionsepoche,
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wenngleich mir die Herrscherin jedoch mehr in der vorderen und die Hohepriesterin mehr im hinteren Bereich der Epoche zu dominieren scheint und zudem erstere mehr auf die Durchschnittsentwicklung, letztere mehr auf hochbegabte geistige "Avantgardisten" Bezug nimmt. Aus diesem Grunde soll hier auch zuerst auf den Archetyp der Herrscherin und seine Auswirkungen auf die Zivilisation eingegangen werden.
2.5. MAGNA MATER (das materiell-lunare Prinzip)
Die Herrscherin verkörpert die "Grosse Mutter", die lebensschenkende und lebensbewahrende Erdgöttin, die Magna Mater.
Die Anfänge der Verehrung der "Grossen Mutter" reichen bereits tief in die uroborische Phase zurück, sind dort zwar und auch noch in der magischen Phase äusserst rudimentär. Erst in der mythischen Phase verdichten sie sich und werden als echte Verehrung in Ritualen sichtbar.
Am Beispiel der Entwicklung dieser Verehrung kann wohl am einfachsten und zugleich deutlichsten aufgezeigt werden, dass sich die Entwicklung der Menschheit, die Phylogenese des homo sapiens in der Entwicklung des einzelnen Menschen wiederspiegelt, dass die Ontogenese die Phylogenese nachvollzieht. Der reife Mensch findet sich sozusagen im Schnittpunkt von Ontogenese und Phylogenese. Doch zurück zur „Grossen Mutter“!
Die erste Bezugsperson des Neugeborenen ist die Mutter, die biologisch-natürliche, die nährende Mutter. Die erste "Bezugsperson" des uroborischen "lch"-Bewusstseins war das "Andere", das ebenfalls die physiologischen Grundbedürfnisse stillte. Dieses "Andere" kristallisierte sich mit der verstärkten Abgrenzung des "Ich" von diesem "Anderen" immer stärker als die Natur heraus, als die Natur, die wie die Mutter etwas "Anderes" als das "Ich" ist, aber von diesem notwendigst gebraucht wird. Der Analogieschluss ist um so leichter zu verstehen, als auch für das Kleinkind eine weitere Bezugsperson in Gestalt des Vaters erst relativ spät konkret in Erscheinung tritt, dann nämlich, wenn die Erziehung im engeren Sinne beginnt. In der magisch-typhonischen Zeit, in der der Austausch von Subjekt und Objekt, von Teilen des "Ich" und des "Anderen" zum "traumhaften" Alltagserlebnis gehörte, konnte sich die "götttliche" „Grosse Mutter“ leicht und schnell in die menschliche Vorstellung integrieren.
Betrachten wir den Umfang all dessen, was der Begriff "Mutter" einschliesst, so sehen wir deutlich, dass der Begriff ambivalente Seiten hat. In der allerersten Phase ist er für das Kind nur mit wärmender Führsorge, Nahrung und Geborgenheit verbunden. Da jedoch der Mutter zugleich auch die alleinige Sorge um die allererste Erziehung obliegt, begegnet das Kind im Bezug auf die Mutter aber bald auch (aus seiner Sicht betrachtet) unvermuteten und primär unverständlichen negativen Seiten, wie Liebesentzug und Drohungen.
Schon bald erkennt das Kleinkind, wie es diesen furchteinflössenden Seiten der Mutter entgehen kann. Das Werkzeug hierzu ist das Opfer. Opfert der Winzling einen kleinen Teil seines aufkeimenden Individualismuses, passt es sich den Wünschen der Mutter
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an, so verschwinden die furchteinflössenden und bedrohlichen Aspekte der Mutter und die positiven gewinnen wieder die Oberhand.
Diese Ambivalenz zeigt sich dem Menschen der mythisch-partizipatorischen Epoche auch in Hinsicht auf die "Grosse Mutter", die Natur. Bringt sie ihm doch Nahrung und Geborgenheit, Wärme und Sicherheit und stösst sie ihn doch immer wieder mit unerbittlicher Härte ins Unglück. - Und so wie das Kleinkind lernt, sich die positiven Seiten seiner Bezugsperson durch Verzicht auf individuelle Entfaltungen zu erkaufen und damit die negativen zu meiden, ebenso verfährt die junge Menschheit gegenüber der Natur. Sie erkennt die Natur als ein mütterliches, "göttliches Wesen" an, als Magna Mater und richtet ihr Leben so ein, wie sie glaubt, dass dies der Grossen Mutter gefällt. Um die weitere Entwicklung besser verstehen zu können, muss hier kurz das Wesen der "Grossen Mutter", so wie es in der Vorstellung der damaligen Menschen verankert war, dargestellt werden. Schon bald erkannte der Mensch eine Verbindung zwischen Mond-, Meeres- und Menstruationszyklus, den 28-Tages-Rhythmus, der die tiefenpsychologische Verbindung zwischen diesen dreien festigte. Die grosse Mutter, Gaia, die Erdgöttin, hatte ihren deutlich erkennbaren weiblichen Zyklus, sie hatte auch einen Begleiter, den "Mann im Mond", der zyklisch starb und zu neuem Leben erwachte oder vielmehr von ihr wieder zum Leben erweckt wurde. Leben zu schenken war ausnahmslos nur ihr Verdienst. Die Beziehung zwischen Geschlechtsverkehr und dem Entstehen neuen Lebens war zu jener Zeit noch unbekannt, insbesondere, da ja nicht jeder Geschlechtsverkehr auch neues Leben bringt und somit die direkte Beziehung zwischen beiden Vorgängen nicht eindeutig äusserlich erkennbar ist. Insofern war der Geschlechtsverkehr mehr ein Zeichen des Zusammenfindens zur gemeinsamen Meisterung des Lebens:
Hier Sorge um Nahrung und Schutz, dort Sorge um die Nachkommenschaft also im Grunde eine strenge Aufgabenteilung nach den äusseren und inneren Angelegenheiten der Familie. Das wiederhol bare und wiederholte Gelöbnis dazu war der Geschlechtsverkehr, durch den sich das Paar immer wieder zur gemeinsamen Bewältigung der Lebensaufgaben verpflichtete.
Die Entstehung der Nachkommenschaft stellte man sich damals, aufgrund fehlenden Wissens, noch völlig unrealistisch vor. Ausserhalb der Schwangerschaft drehte sich der 28-tägige Zyklus der Menstruation. In der Schwangerschaft floss plötzlich kein Blut mehr und das Kind reifte heran. Damit war für den frühen Menschen die klare Aussage zu treffen, dass das neue Leben aus dem Menstruationsblut aufgebaut wird (auch wenn damit noch keine Aussage über den Auslösevorgang getroffen werden konnte). In demselben Sinne stellte man sich auch das "Leben" der "Grossen Mutter" vor. Sie war die Grosse Gebärerin, die zu ihrem männlichen Schutz den Mond hatte, der alle 28 Tage starb (Neumond) und von ihr wieder zum Leben erweckt wurde. Es war immer wieder ein neuer Mond, einerseits ihr Sohn, andererseits ihr schützender Gefährte, mit dem sie das Bündnis des Geschlechtsverkehrs einging, der jedoch als ihr Sohn zugleich wieder Teil ihres eigenen "Ichs" war. Aus diesem Grunde wird die Grosse Mutter auch immer wieder als "hermaphroditisch" dargestellt. Dieser Problemkreis wird dichterisch in der Ödipus-Sage aufgearbeitet.
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Aus dem Grundgedanken heraus, dass der Geschlechtsverkehr, der Sex nur als ein Lebensbündnis, bei der "Grossen Mutter" sogar nur ein Bündnis über 28 Tage darstellt, die Fruchtbarkeit jedoch lediglich eine Angelegenheit des Weiblichen ist, kommt das Bild der "jungfräulichen Grossen Mutter", das sich von da ab durch alle Kulturen zieht. Es findet sich auch in der "Jungfrau Maria" wieder, die wie die "Magna Mater" auch einen Mond-Gefährten, nämlich "Josef' hat, aber ihr Kind "Jesus" jungfräulich gebiert. Die "jungfräuliche" Geburt der "Grossen Mutter" der mythisch-partizipatorischen Phase des Menschen ist der Ansatzpunkt des Menschen, in dem er hofft, die "Grosse Mutter" gnädig zu stimmen.
Dazu wollen wir uns der neuen Entwicklung in der Beziehung zwischen Thanatos und Eros zuwenden.
Immer noch ist Thanatos auf der Suche nach der Vereinigung mit dem Göttlichen in der Auflösung der Individualität durch den Tod - und Eros dabei, neue Strategien zu entwickeln, um das individuelle Leben zu festigen. Durch das neue Zeitgefühl wurde die Sorge um das Überleben schlagartig erweitert. Konnte bisher der Tod nur "Jetzt" oder nie eintreten, da es ja nur ein Jetzt, eine Gegenwart gab, so kann nun der Tod auch morgen oder übermorgen - ja irgendwann in der bereits übersehbaren zyklischen Zeit - eintreten. Damit verstärkt sich die Thanatos gegenübergestellte Todesangst und Eros muss seine Strategie ausweiten.
Die erste wichtige neue Taktik bildet den Hintergrund der Ackerbau-Philosophie. "Baue ich heute ein Feld an, so mache ich das um später ernten zu können. Wenn ich aber später ernte, so kann ich bis dahin nicht gestorben sein. Wenn ich also jetzt säe, so verschiebe ich damit meinen Tod auf jeden Fall bis in die Zeit nach der Ernte“. Falls uns dieser Gedankengang heute zu kindisch vorkommt, - es ist ja wirklich eine äusserst kindliche Einstellung - so müssen wir uns bewusst vor Augen halten, dass die Menschheit zu dieser Zeit phylogenetisch auf der Stufe stand, auf der heute ein Kind geistig in seinen ersten Monaten, in der Phase der engen Mutterbindung ist. Zum weiteren brachte der Ackerbau zwei zusätzliche wichtige Hilfsmittel auf: Überfluss und Geld. Durch den Ackerbau stand plötzlich bei weniger Zeitaufwand mehr Nahrung zur Verfügung. Damit war zum einen die Überlebensangst reduziert und zweitens Zeit frei für die Beschäftigung mit anderen Dingen. Handwerk und Handel konnten aufblühen und setzten durch Spezialisierung und damit einhergehender effektiverer Produktivität weitere Zeit für neue Tätigkeiten frei. Durch das Einbringen einer neuen, einer symbolischen Handelsware, durch das Geld, konnte der Handel rasch ausgeweitet und rationalisiert werden. Ein Teil der Menschheit konnte sich zum ersten Male in ihrer Geschichte frei machen von der immerwährenden Sorge um das direkte Überleben. Die Menschheit hatte Vorrat, Vorrat an Gütern und Vorrat an Zeit. Das wichtigste aber war Vorrat an Geld, denn dieses konnte sowohl Waren als auch Zeit kaufen. Wer Geld hatte, hatte Vorrat an Zeit und Gut und zugleich Vorrat an Arbeit, denn auch Arbeitskraft konnte jetzt gegen Geld eingetauscht werden. Da hiermit Geld alles implizierte, was das Leben verlängerte, was den Tod hinauszögerte, wurde das Geld zum Massstab des Lebens, zum Lebenselexier, zur grossen Todesleugnung, die auch heute noch in dem Sprichwort "Zeit ist Geld" treffend zum Ausdruck kommt.
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Das Geld wird zum stärksten Mittel um Eros den Vorsprung vor Thanatos zu wahren, sich der Entwicklung des Individuums zu widmen, die Pseudo-Göttlichkeit weiter zu verfestigen. Ja schliesslich wird das Geld, der Besitz selbst vergöttlicht. "Mammon" wird zum obersten Wertsymbol erhoben.
Dies ist die eine Seite im Kampf der Evolution für Eros und gegen Thanatos. Es ist die positive Seite im Sinne von Eros, die Verfestigung des Überlebenstriebes. Die andere Seite ist, wie wir bereits mehrfach angesprochen haben, die Strategie, Thanatos zu meiden. Und hier kehren wir wieder zur "Grossen Mutter" zurück. Sie impliziert beides, Thanatos und Eros. Eros ist all das, was das Kleinkind von der Mutter erwünscht und erwartet. Thanatos ist dagegen all dies, was es abschreckt und die Urängste weckt, aber dennoch eine aus der Urahnung herrührende Anziehung besitzt. Thanatos kann, wie wir vorhin bereits angesprochen haben, durch Opfer, beim Kleinkind durch das Opfer des Gehorchens, vermieden werden.
Doch was kann geopfert werden, was kann die "Grosse Mutter" besänftigen? Was kann sie benötigen? Sie ist nicht nur die grosse Erhalterin und Zerstörerin, Sie ist auch die grosse Gebärerin (womit sie nebenbei in die Nähe der grossen indischen Dreiheit rückt, zu Brahma, dem Erzeuger, Vishnu, dem Erhalter und Shiva, dem Zerstörer). Zur Geburt benötigt sie - gemäss damaliger Vorstellung alleine das Menstruationsblut und somit wird Blut, Menschenblut das Opfer, das die Menschheit der "Grossen Mutter" geben kann und auch darbringt.
In den ersten Anfängen dieses Kultes, bereits in der magisch-typhonischen Phase, in der zwar das "lch"-Bewusstsein, jedoch noch kein Gemeinschaftsbewusstsein vor-handen war, opferte der Mensch bereits "Blut" in Form eines Körperteiles, eines Ohrläppchens oder eines Fingergliedes. Als sich dann später der Archetyp der "Grossen Mutter" und parallel dazu die ersten grossen Gemeinschaften verfestigten, opferte sich, dem Symbol des sterbenden Mondgefährten folgend, der oberste Vertreter der Gemeinschaft stellvertretend für die Gemeinschaft der "Grossen Mutter", um so ihr Wohlwollen der Sippschaft gegenüber zu erhalten. Hervorzuheben ist, dass dieser Tod des "Königs" ein freies Opfer dieses Menschen war, das dieser im Allgemeinen auch eigenhändig vollzog. Ein besonders beispielhaft herausragender Mensch, der nicht aus Erbschaft sondern auf Grund eigener hervorspringender Fähigkeiten zum Oberhaupt seiner Gemeinschaft und somit zum stellvertretenden, symbolischen Mondgefährten der "Grossen Mutter" wurde, opferte sein Blut stellvertretend für die Gemeinschaft um der Erde, der Erdgöttin Gaia die Möglichkeit zu geben, neues Leben hervorzubringen.
Erst später pervertierte dieser Gedanke in den Ritualmord einerseits und in das Gottkönigtum auf der anderen Seite.
Hier tritt wiederum im Kampfe Thanatos gegen Eros eine neue Taktik in Kraft, die in ihrer Simplizität aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar ist, aber über die Zeit hinweg verfeinert ungeheures Elend und Schmerz über die Welt gebracht hat. "Solange ich miterlebe, wie ein anderer Mensch stirbt", so lautete der Gedanke, "solange sterbe ich selbst nicht". Dieses Wissen in Verbindung mit dem "Wissen", dass die "Grosse Mutter" nur durch Menschenblut befriedigt werden kann, brachte im Verlauf der langsamen Veränderung der sozialen Struktur und der Veränderung der Führungsspitze ein wahres Blutbad über die Menschheit.
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Ausgangspunkt dafür war, dass nun nicht mehr der „König“ selbst sich zum Opfer darbrachte, sondern es ihm möglich wurde, ein Ersatzopfer an seiner Statt der "Grossen Mutter" darzubringen. Durch das Opfern eines anderen Menschen als den Führer, den wahren Mondgefährten der "Grossen Mutter" auf Erden wurde der Grundgedanke des Opfers aus der Sicht der Gemeinschaft nicht verletzt. War das auserwählte Opfer auch nicht der Mondgefährte im alten Sinne, so war es dennoch ein Teil des Gemeinschaft, ein Teil des gemeinsamen Lebens. Kurz vor der Opferung dankte der Führer symbolisch ab und das feierlich bestimmte Opfer wurde in den Rang des Mondgefährten erhoben. Nach dem Opferzeremoniell übernahm der Führer wieder seine angestammten Würden.
Im ersten Augenblick kein grosser Unterschied, in Wirklichkeit der Übergang vom rituellen Opfertod zum Ritualmord. Die Befreiung vom eigenen frühen Tod, die zugleich den einzelnen Herrscher länger an dieser Position festhielt, brachte auch eine geistige Umstrukturierung in dessen Anschauungen mit sich. Jetzt konnte auch er sich der Pseudo-Göttlichkeit widmen und sein Streben nach Eros ausbauen, also Überschuss für sich selbst aufhäufen - und dazu hatte er eine glänzende Ausgangsposition. Neben dem Menschenopfer, das weiterhin das gemeinsame Opfer der ganzen Gemeinschaft an die "Grosse Mutter" blieb, setzte sich auch immer mehr das persönliche Opfer einzelner Mitglieder der Gemeinschaft durch, mit dem sie Sondervorteile erhofften. Opfer heisst immer "Darbieten des eigenen Lebens", zumindest eines Teiles davon, Darbieten eines Teiles von Eros, um Thanatos zu beschwichtigen. Da der Einzelne mittlerweise Überschuss an Eros erwirtschaften konnte, konnte er auch einen Teil dieses Überschusses opfern. Überschuss an Eros war, wie wir bereits wissen, Überschuss an Vorräten und Arbeitskraft, Überschuss an Zeit und Leben, alles letztlich bewertet mit Überschuss an Geld - und so wurde das Geldopfer schliesslich zur privaten Lebensversicherung des Einzelnen in der Gemeinschaft. Da dieses Opfer jedoch nicht direkt der "Grossen Mutter" entrichtet werden konnte, wurde es ihrem Mondgefährten auf Erden, dem zum Priesterkönig avanzierten Führer stellvertretend angeboten, der damit seine Vertreterposition bewusst oder unbewusst immer mehr ausbauen konnte und schliesslich zur Manifestation des Pseudo--Göttlichen auf Erden wurde, zum Gottkönig.
Spätestens ab dieser Zeit ist erkennbar, dass die Evolution nicht alle Menschen in der gleichen Vehemenz mit sich riss, sondern dass die Stellung in der sich differenzierenden Gesellschaftshierarchie fortgeschrittener und weniger fortgeschrittener Individuen entstehen liess. Höhere Ebenen der gesellschaftlichen Hierarchie brachten (im Allgemeinen) mehr Geld und Lebensüberschuss und damit mehr Zeit zur geistigen Entfaltung. Mit dem Übergang zum Gottkönigtum sich konnte auch die Führungsspitze verstärkt auf Eros konzentrieren und erhielt auf Grund der finanziellen Individualopfer ungeheure Mengen an Lebensüberschuss. Der Gottkönig und der Hofstaat, der an dessen Eros-Potential teilhatte, waren die Spitze der Menschheit, die ungehindert von den üblichen Sorgen sich der Erweiterung ihres geistigen Potentials widmen konnten. Fast ungehindert - denn wenn auch die Erosstrategieen unverhältnismässig weit entwickelt waren, die Anti-Thanatosstrategie musste auch wieder angepasst werden. Die Lösung dieses Problems, die jetzt entwickelt wurde und die bis heute immer noch praktiziert wird, muss äusserst überzeugend gewesen sein und steckt auch heute
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noch tief in der Menschheit um vereinzelt mit voller Brutalität wieder ans Tageslicht zu treten, es war die endgültige Einführung des Ritualmordes. War der Ritualmord zu seiner Entstehungszeit nur als Ersatz des Königstodes gedacht und im gleichen Zyklus ausgeführt, so wurde er mit der Zeit immer stärker zu des Herrschers Thanatos-Abwehr installiert und je mehr Eros auf der einen Seite angefüllt wurde, desto mehr Thanatos musste abgewehrt werden. Die Opferhäufigkeit nahm zu, nahm mit der ungeheuren Eros-Anhäufung in gleichen, erschreckenden Ausmasse zu, bis schliesslich das Potential der Gemeinschaft die Menschenopfer aus den eigenen Reihen effektiv nicht mehr verkraften konnte und wieder eine Ersatzlösung gefunden werden musste.
Der Gottkönig fand sie in den Beutekriegen. Bis zu diesem Zeitpunkt, ca. 2000 v.u.Z. war die bewaffnete Auseinandersetzung mit anderen Gemeinschaften so gut wie unbekannt. Jetzt aber, wir können dies besonders grausam bei den Azteken sehen, nahmen die Beutekriege schlagartig zu, hatten diese doch für die Sieger gleich zwei "positive" Seiten: Mehrung von Eros durch die errungene Beute und auf zwiefache Weise Meidung von Thanatos. Zum einen durch den Tod der gefallenen Gegner (und auch der eigenen Gefallenen) auf dem Schlachtfeld und zum anderen durch den anschliessenden offiziellen Ritualmord an den Gefangenen durch den der Opfertod beziehungsweise Ritualmord an Stammesmitgliedern vermieden werden konnte. Der freie Opfertod eines einzelnen wurde innerhalb relativ kurzer Zeit zu einem wahren Völkermord pervertiert. Der Tribut an die "Grosse Mutter" nahm furchterregende Ausmasse an. Grund an der zahlenmässigen Ausweitung der Opfer hatte natürlich auch die Ahnung, dass diese ungeheuere Pervertierung das Opfergeschenk in den Augen der "Grossen Mutter" insgesamt abwerten würde und damit die Anzahl der Opferdarreichungen zum Ausgleich wiederum drastisch erhöht werden müsste.
2.6. MAGNA DEA (das intuitiv-lunare Prinzip)
Neben der "Magna Mater", der Herrscherin steht im Tarot die "Hohe Priesterin". Während die "Grosse Mutter" das biologische Lebensprinzip darstellt, steht die "Grosse Göttin" für den höheren, den transzendenten Bereich, wobei jedoch der Unterschied zwischen beiden oft stark verwischt ist und nur durch genaueres Betrachten erkannt werden kann. Zumeist waren die Rituale, die beiden gewidmet waren, äusserlich ähnlich, ja identisch, wobei der Unterschied letztlich nur aus der angesprochenen Bewusstseinsebene dessen, der die Rituale anwendete, erkennbar wurde. Der Unterschied lag also darin, dass die Verehrung der "Grossen Mutter" exoterisch, die der "Grossen Göttin" esoterisch war und nur den Bevölkerungskreisen zugänglich, die auch geistig eher über das durchschnittliche Mass hinaus entwickelt waren.
Der wesentliche esoterische Kern war darin zu sehen, dass sich der Thanatos-Gedanke zu teilen begann. Thanatos war bislang die Todessehnung, wobei hinter diesem Begriff jedoch als Hauptaussage die Sehnung nach der Wiedervereinigung mit dem Absoluten Göttlichen zum Ausdruck kam. Die einzige Möglichkeit hierzu schien bislang nur darin zu bestehen, dass die Evolutionsschritte rückgängig gemacht würden, dass sich also das individuelle Leben auslöscht, sich atomisiert und schliesslich die Emanationen des Göttlichen sich sozusagen wieder einrollen müssten. (Dieser Ge-
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danke findet sich - auf ganz anderer Ebene - in den Theorien des sich ausbreitenden und wieder zusammenziehenden Kosmos, einmalig oder zyklisch, wieder.) Diesem Thanatossehnen setzte die Evolution den Eros-Wunsch entgegen, also den Trieb nach stärkster individueller Entfaltung - der Kampf im Inneren des Menschen zwischen Thanatos und Eros wurde entzündet.
Mit dem Aufkommen des Archetyps der "Grossen Göttin" taucht auch zum ersten Male eine neue Thanatos-Ideologie auf, eine Ahnung, dass es möglich sein müsste, durch Transzendierung nach oben durch den Geist ebenfalls zu einer Vereinigung mit dem Göttlichen zu gelangen. Dieser Weg war jedoch nicht der Weg der "Grossen Mutter" und ihrer Blutopfer, es war eine transzendierte Art des frühen Königsopfers. Es bedeutet eine Opferung des geistigen "Ich" durch Transzendierung in eine höhere Geistesstufe.
Dieser Weg für Thanatos war jedoch erst gangbar, als die Evolution aus der rein biologischen in die geistige Evolution übergegangen war und dort bereits grössere Fortschritte verzeichnet hatte. Mit Aufkommen des Gottkönigstumes, so haben wir gesagt, verbreiterte sich auf Grund des auseinanderdriftenden Eros-Erfolges die mentale Bandbreite auf relativ grossen Umfang.
Aber schon vorher gab es immer wieder geistige Vorreiter, die der allgemein herrschenden Evolutionsebene bereits voraus waren und als Kristallisierungspunkte für den folgenden Evolutionssprung dienten. In der magisch-typhonischen Phase waren das die Schamanen, die bereits bis zu höheren Evolutionsebenen hinaufgelangten, mentalen Evolutionsebenen, die damals schon über die heute allgemein zugänglichen hinaus gingen.
Der wesentliche Punkt, den man aus den "Reisebeschreibungen" der Schamanen in die Transzendenz heraushören kann, ist ihr erstes schamanisches Erlebnis des rituellen, des transzendierenden Todes. Dieses Erlebnis wird sorgfältig durch Fasten und Meditieren, also Reinigen des Körpers und des Geistes vorbereitet Dann versetzt sich der Jungschamane in einen dreitägigen Trance-Zustand, in dem sein mentales "Ich" die Zerstückelung des Körpers miterlebt, eine Zerstückelung, die bis zur Loslösung des letzten Stückchens Fleisch und Sehne vom Knochenbau geht. Dann erst begibt sich sein von allem Organischen befreites mentales "Ich" auf seine erste grosse Reise, in eine Verschmelzung mit dem grossen Göttlichen. Dabei löst sich sozusagen das eigene mentale "Ich" in dem weiten See des Unendlichen Einssein auf. Nach den drei Tagen taucht das "Ich" wieder aus dem grossen Einen auf und umhüllt sich erneut mit seinem biologischen Körper. Der Trance-Zustand ist beendet, Der Schamane ist von seiner Reise zurück.
Der ganze Transformationsprozess wird als äusserst schmerzhaft und schwierig beschrieben. Nach diesem ersten initiatorischen Prozess jedoch gelingt es dem Schamanen von Mal zu Mal schneller und schmerzloser in diese transzendente Bewusstseinsebene einzudringen. Auch wenn, wie gesagt wird, dieses Einschmelzen in den "Grossen See" noch weit von der "unio mystica" entfernt ist, so ist doch für unser Thanatos-Problem ein wesentlicher Punkt fest zu halten. Diese Entwicklungsrichtung ist, auch wenn sie sich noch in einer ersten Entwicklungsphase befindet, eine zweite Art um Thanatos zu erfüllen und zwar eine Art, die zumindest teilweise mit der allge-
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meinen Evolutionsrichtung von Eros parallel geht, obwohl - aus jetziger Sicht - die bei den Zielsetzungen nicht identisch sind.
Die Auflösung des Körpers erfolgt nicht mehr auf der biologisch- organischen Ebene sondern in einer psychisch-mentalen Ebene in der die Vorstellungs-, die Imaginationskraft des Geistes sich aus den Fesseln der Körperverhaftetheit herauslöst. Das tatsächliche Opfer wird wieder auf ein freiwilliges Opfer des einzelnen Individuums, das sein geistiges "Ich" dem intuitiven Einssein darreicht, zurückgeführt. Diese Philosophie ist es, bereits verfeinert, die sich in dem Archetypen der "Grossen Göttin", der Hohepriesterin des Tarot ausdrückt.
Betrachten wir dieses Bild im Tarot genauer, so sehen wir hier die oben angerissenen Punkte sich wiederspiegeln. In der gelassenen Ruhe und Passivität, die die Hohepriesterin ausdrückt, finden wir wieder die Ruhestellung des Schamanen nach aussen. Sie sitzt zwischen den Pfeilern der Vorhalle des Salomonischen Tempels, die durch ihre Farbgebung auf das Thema der Dualität, hier also auf die Rivalität zwischen Thanatos und Eros hinweisen. Die Kennzeichnung der bei den Pfeiler durch die Anfangsbuchstaben ihres jeweiligen Namens erfolgt in der Farbe der anderen Säule. In Anlehnung an das TAG-Symbol wird hier angedeutet, dass diese Dualität eine blosse Fiktion ist und ihrer Überwindung harrt Die Weiblichkeit und die Mondsichel zu ihren Füssen sowie das Symbol der Mondzyklen auf ihrem Haupt zeigen ihre enge Ver-bundenheit mit der "Grossen Mutter".
Zugleich weisen aber unter anderem das Buch der Weisheit - noch halb verborgen und der Fuss auf der Mondsichel - ein allgemeines Zeichen der Überwindung - auf ihre höhere Bewusstseinsebene, auf die Transzendierung hin. Im Hintergrund sehen wir, noch verhüllt, die "Grossen Wasser" der Transzendenz, das neue Ziel Thanatos'. In der Literatur finden wir die "Grosse Göttin" und die "Grosse Mutter" oft vermischt, manchmal auch mit dem Hinweis, dass beide Namen nur Synonyme für die gleiche mystische Person seien. In diesen vereinfachten Darstellungen, fehlt jedoch immer der Blick auf den Thanatos-Aspekt. Wird nur der Eros-Aspekt betrachtet, so stimmt die Gleichsetzung in groben Zügen. In diesem Falle könnte man von einem einzigen Archetyp sprechen, wobei nur zu beachten ist, dass dieser Archetyp zwei verschiedene Bewusstseinsebenen abdeckt, die aber parallel laufen. Die Aussagen, die sich für die natürlich-mütterliche "Magna Mater" treffen lassen, finden sich transzendiert wieder in der "Magna Dea", wenn vielleicht auch etwas verhaltener.
Völlig anders gestaltet sich die Betrachtung, wenn wir den Thanatos-Aspekt mit einbeziehen. Bei der "Grossen Mutter" ist die Dualität zwischen Eros und Thanatos noch unversöhnlicher Kampf: Tod oder Leben, Ausrottung oder Evolution, Sein oder Nichtsein. Im Archetyp der "Grossen Göttin" verliert Thanatos seien vordergründigen Sinn der biologischen Auflösung, der Todessehnung und erhält als neuen Inhalt die Sehnsucht nach Vereinigung mit den grossen transzendenten Wassern oberhalb des Geistes. Die Todessehnsucht wird zur Verschmelzungssehnsucht. Die Schwierigkeit, beide Archetypen streng getrennt zu halten, liegt wohl darin begründet, dass der Sprung ins Transzendente auf dieser Stufe bereits auch der Sprung ins non-verbale oder besser mit Ken Wilber, ins "trans-verbale" ist, in eine Bewusstseinsebene, die noch zu neu und noch zu wenig erlebt ist, um griffig in unseren
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Dipl.Kfm. Robert Titus Feigl, 2011, Reise vom Garten Eden zum himmlischen Paradies, München, GRIN Verlag GmbH
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