In der folgenden Arbeit soll nun zunächst die Mesotes-Lehre in ihrem Aufbau und ihrer Funktionsweise vorgestellt werden. Dabei geht der Autor zum besseren Verständnis der Zusammenhänge auch kurz auf die in der NE als grundlegend bezeichnete Rolle der menschlichen Vernunft innerhalb dieses Ethikmodells ein. Nachdem die Hauptmechanismen und Sonderfälle bezüglich der Auffindung konkreter Normen näher beleuchtet wurden, soll ein repräsentativer Teil der in dem Werk angeführten Beispiele vorgestellt werden. Abschließend steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit uns dieses System in der Praxis tatsächlich klare Handlungsempfehlungen geben kann. In diesem Zusammenhang sollen insbesondere die vom Philosophen angeführten Beispiele, sowie die zentralen Mechanismen einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Bezeichnenderweise stellt Aristoteles den eigentlichen Ausführungen eine Betrachtung des Aufbaus der menschlichen Seele voran. 5 Dies darf keineswegs verwundern, sieht er doch in dem Aufbau und damit einhergehend, den Fähigkeiten der Seele, die Voraussetzung dafür begründet, dass dem in der Folge entworfenen Handlungskonzept auch eine tatsächliche Relevanz zukommt. Grundsätzlich weise der Aufbau der menschlichen Seele eine Zweiteilung auf, die zum einen den zur Aufrechterhaltung der rein körperlichen Grundfunktionen dienlichen Bereich (vegetative Teil), zum anderen einen Bereich, den er als „begabten Seelenteil“ bezeichnet, umfasse. 6 Letztgenannter Region komme hierbei die Aufgabe zu, uns durch ein Erkennen des rechten Maßes bezüglich unseres Verhaltens, zur Glückseligkeit zu führen. Um in einer entsprechenden Entscheidungssituation die richtige Wahl zu treffen, seien wiederum zwei Wege denkbar. Da unsere Vernunft durch den freien Willen eine direkte Beeinflussung unserer Taten vornehmen könne, obliege es ihr, lenkend in unser Handeln einzugreifen. 7 Dies könne entweder als kurzfristiges Eingreifen, also z.B. durch das Unterlassen einer Handlung, oder aber in Form eines langfristigen Einwirkens durch die Erziehung des Charakters erfolgen. Wem das nicht gelinge, der könne sich immer noch an einem, der jeweiligen Situation angemessen agierenden Menschen, d.h. einem Vorbild, orientieren. 8 Die nachdrückliche Betonung der verändernden Kraft des freien Willens kommt an mehreren Stellen der NE vor und ist zum Verständnis der weiteren Argumentation unerlässlich. Die Eigenverantwortlichkeit bedingt letztlich den moralischen Wert einer Handlung, selbst wenn es sich nur um ein Nachahmen dessen handelt, was einem richtig vorgelebt wird. Eine besondere Funktion kommt dabei
5 vgl.: NE, S. 49
6 vgl.: NE, S. 50 ff.
7 vgl.: NE, S. 106 ff.
8 vgl.: NE, S. 105
2
denjenigen Menschen zu, die als „sittlich Gebildete“ bezeichnet werden und eben wegen dieser Bildung die Fähigkeit besitzen, das wahrhaft Gute zu erkennen. 9 An die praktische Umsetzung der Idee vom rechten Maß, führt uns Aristoteles anschließend durch einen Vergleich der körperlichen Bedürfnisse -etwa dem nach Nahrung- mit den moralisch bedeutsamen Handlungen heran. 10 Er stellt fest, dass es sich „[…] [bei der] Tüchtigkeit in sittlicher Beziehung […] um Affekte und Handlungsweisen [handelt] und da gibt es ein Zuviel, ein Zuwenig und eine rechte Mitte.“ 11 Derartige Handlungen werden, insofern sie entsprechend diesem Maßstab vollzogen werden, als sittlich bezeichnet, solche hingegen, bei denen dies nicht der Fall ist, heißen unsittlich. 12 Um den Mittelwert zu finden soll eine Methode zum Einsatz kommen, die in ähnlicher Form z.B. aus der Mathematik bekannt sein dürfte: „[…] Die Entfernung zwischen […] [den Extremen] ist größer als die zwischen ihnen und der Mitte, geradeso wie das Große vom Kleinen und das Kleine vom Großen weiter absteht als beide vom Gleichen“. 13 Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen zum Aufbau der Mesotes-Lehre und seiner praktischen Anwendung fallen jedoch einige Einschränkungen auf, welche deutliche Auswirkungen auf die Komplexität derselben haben. So stellt Aristoteles fest, dass „nicht jede Handlung freilich und nicht jeder Affekt […] ein Mittleres [zulässt]“. 14 Zur Verdeutlichung dieses Sachverhalts sind bei den Affekten die Schadenfreude, Schamlosigkeit und Neid, sowie bei den Handlungen der Ehebruch, Diebstahl und Mord angeführt. 15 Bei jenen handle es sich grundsätzlich um eine Verfehlung, bei der eine Differenzierung sinnlos, ja sogar ausgeschlossen sei. 16 Dieser Aspekt soll im zweiten Abschnitt der hier vorliegenden Arbeit genauer analysiert werden. Neben solch allgemeinen Ausnahmen führt der Philosoph auch auf der individuellen Ebene Einschränkungen für die Gültigkeit der Lehre vom rechten Maß ein, welche durchaus grundsätzlicher Natur sind. Es gelte nämlich zu beachten, dass keineswegs für alle Menschen der gleiche Maßstab im Hinblick auf die Bewertung ihrer Taten angelegt werden könne. 17 Als Vergleichspunkt gilt ihm an dieser Stelle die Nahrungsaufnahme, bei der sich ein Zuviel oder ein Zuwenig ausschließlich in Orientierung an der individuellen Verfasstheit festlegen lasse. 18
9 ebda.
10 vgl.: NE, S. 57 ff.
11 vgl.: NE, S. 70
12 vgl.: NE, S. 71
13 vgl.: NE, S. 80
14 vgl.: NE, S. 72
15 ebda.
16 ebda.
17 vgl.: NE, S. 69
18 ebda.
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Arbeit zitieren:
Johannes Stockerl, 2011, Auf der Suche nach der Moralität für den Alltag , München, GRIN Verlag GmbH
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