Einleitung
Das Thema dieser Arbeit umfasst die neutestamentarische Maria Magdalena, wobei hier die Aufmerksamkeit auf das Johannesevangelium (später JohEv) gelenkt wird.
Maria Magdalena wird im JohEv an zwei Stellen genannt. Das erste Mal begegnet sie uns in 19,25 bei der Kreuzigung Jesu, wo sie als eine von vier Frauen als Zeugin dieser Kreuzigung genannt wird. Das zweite Mal wird Maria in Joh 20,1-18 als einzige Zeugin der Auferstehung Jesu genannt. Die Arbeit beschäftigt sich an diesen Stellen mit der Frage, welche Bedeutung und Rolle Maria Magdalena im JohEv hat, bzw. übernimmt. Zunächst wird der Versuch unternommen aus den Informationen, welche die Redaktion des Johannesevangeliums den Lesern gibt, die Persönlichkeit der Maria Magdalena genauer zu untersuchen. Inwieweit dies machbar ist, wird später verdeutlicht. Nach dieser „Charakterisierung“ werden beide Szenen, in denen Maria Magdalena genannt wird, genauer untersucht, um dann schließlich im Schlussteil die Frage nach der Bedeutung und Rolle Marias zu beantworten.
Die Persönlichkeit Maria Magdalena
In dem JohEv sind nur wenige Informationen über Maria Magdalena zu finden. Zunächst fällt auf, dass sie konsequent als „die aus Magdala“ benannt wird. 1 In Joh 19,25 und 20,1 wird sie auch als „Maria die Magdalenerin“ bezeichnet, wobei diese Bezeichnung in Joh 20,18 als „Mariam die Magdalenerin“ variiert. 2 Von Jesus selbst wird sie in 20,16mit dem Namen Mariam angesprochen. Der Beiname
„Magdalenerin“ unterscheidet Maria Magdalena von den anderen Marien und verweist auf einen Ort, welcher anscheinend Marias Herkunftsort ist: Magdala.
Magdala ist zu Jesus Zeiten ein blühendes Fischereistädtchen in Nordgaliläa, das am Westufer des Sees Gennesaret liegt. So wird deutlich, dass Maria und Jesus Landesgenossen sind: beide kommen aus Galiläa. Nazareth, die
1 Susanne Ruschmann: Maria von Magdala. Jüngerin. Apostolin. Glaubensvorbild, Stuttgart
2003, S. 9.
2 Judith Hartenstein: Charakterisierung im Dialog. Maria Magdalena, Petrus, Thomas und
die Mutter Jesu im Johannesevangelium im Kontext anderer frühchristlicher Darstellungen,
Göttingen 2007, S. 117.
1
Heimatstadt Jesu, liegt nur 30 km von Magdala entfernt. Ebenfalls kann festgehalten werden, dass aramäisch die Muttersprache der Beiden ist. 3 Die Herkunftsbezeichnung „die Magdalenerin“ ist die einzige genauere Angabe, die im JohEv über Maria gemacht wird. Auffallend ist, dass Maria nicht, wie die meisten anderen Frauen, über ihre männlichen Verwandten identifiziert wird, sondern über ihren Herkunftsort. Dies verdeutlicht, dass sie wohl allein stehend war und keinerlei Beziehung zu ihrer Familie pflegt. Auch kann festgehalten werden, dass sie den Beinamen wahrscheinlich erst bekommen hat, als sie ihre Heimatstadt verlassen hatte. So drückt dieser wohl aus, dass sie nicht mehr in ihrer Heimatstadt ansässig ist. 4 Um weitere Angaben über Marias Identität machen zu können, wird an dieser Stelle auch das Lukasevangelium herangezogen. Hier können Hinweise gefunden werden, welche darauf schließen lassen, dass Maria von sieben Dämonen befreit wurde. Die Befreiungsszene in Lk 8,1-3 muss der Anlass dafür gewesen sein, dass sich Maria Jesus angeschlossen hat. Wovon genau sie geheilt wurde, bleibt unklar. Da dem Heilungserlebnis in Lk 8,1-3 eine Erzählung über die namenlose Sünderin vorhergeht, gibt es verschiedene Deutungen über ihre Krankheit, welche sexuell konnotiert sind. Diese Deutungen sind allerdings haltlos, da mit einer Dämonenbesessenheit zu dieser Zeit psychische Krankheiten oder auch epileptische Anfälle beschrieben wurden. 5
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass nur diese wenigen genannten Informationen über Maria Magdalena genannt werden, welche die eine genaue Identifizierung ihrer Persönlichkeit sehr schwierig machen.
Die Kreuzigung
In Joh 19,25 wird Maria also zum ersten Mal erwähnt. Hier wird Maria Magdalena in einer Gruppe von Frauen Zeugin der Kreuzigung Jesu. Maria und die Frauen sind hier die einzigen Anwesenden, welche zur Anhängerschaft Jesu gehören. Im Gegensatz zu den anwesenden Soldaten, welche Jesus kreuzigen und seine Kleidung untereinander verteilen, werden die Frauen als jesusfreundlich gegenüberstehende Personen genannt.
3 Susanne Ruschmann: Maria von Magdala, S. 9.
4 Ebenda.
5 Ebenda.
2
Durch ihre Anwesenheit werden sie Zeuginnen der Kreuzigung und somit zu Garantinnen des Erzählten. 6 Neben Maria Magdalena sind die Mutter Jesu, die Schwester der Mutter und Maria des Klopas anwesend. 7 Die Frauen stehen hier für die treuen Anhänger im Gegensatz zu den geflohenen Jüngern. Da nur sie anwesend sind, können auch nur sie als Zeuginnen genannt werden.
Über die Tätigkeit der Frauen wird nichts weiter gesagt außer, dass sie anwesend sind und am Kreuz Jesu stehen. Durch dieses zunächst als simpel erscheinende Faktum sind sie allerdings mit dem Kreuz Jesu verbunden und werden so mit dem zentralen Ereignis der Offenbarung verbunden. Diese Verbindung entsteht durch das Stehen. Zwar scheint diese Funktion eher gering zu sein, doch sind die Frauen hier immerhin an einer entscheidenden Stelle anwesend. 8 Menschen, über die ausgesagt wird, dass sie stehen, werden mit einem wichtigen Kontext verbunden, so wie Judas bei der Verhaftung Jesu dabeisteht (18,5). 9 Auch von Maria Magdalena wird ein späteres Stehen am Grabe Jesu festgestellt. 10 Deutlich wird, dass alles, was über die Frauen gesagt wird, auf einer Beziehungsebene liegt: sie sind Jesus nahe. 11
Bis auf Jesus’ Mutter verschwinden alle Frauen direkt nach dieser Szene. Dadurch bleibt die Kreuzigungsszene ohne rechte Bedeutung im vorliegenden Kontext. Maria Magdalena wird hier auch nur am Rande genannt, wodurch keine weiteren Angaben über ihre Person gemacht werden können.
Die Auferstehung
Nach der ersten und kurzen Erwähnung Marias, tritt sie in 20,1-18 wieder auf, nun aber als wichtigste handelnde Person. 12 Diese Passage ist besonders bei einer Betrachtung der Rolle Marias innerhalb des JohEv zu beachten, weshalb sie zunächst einmal erläutert werden soll.
6 Erika Mohri: Maria Magdalena. Frauenbilder in Evangelientexten des 1. bis 3.
Jahrhunderts, Marburg 2000, S. 145.
7 Judith Hartenstein: Charakterisierung im Dialog, S. 117.
8 Ebenda, S. 118.
9 Ebenda.
10 20,11: „Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte“
11 Erika Mohri: Maria Magdalena, S. 148.
12 Judith Hartenstein: Charakterisierung im Dialog, S. 119.
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Arbeit zitieren:
Claudia Löb, 2010, Maria Magdalena im Johannesevangelium, München, GRIN Verlag GmbH
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