INHALT:
1. UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND
2. ÖFFENTLICHKEITSBEGRIFF
3. BESTANDSAUFNAHME
-AKTEURE VON ÖFFENTLICHKEIT: MASSENMEDIEN,
SPRECHERGRUPPEN
-PUBLIKUM ALS „ÖFFENTLICHKEITSKONSTITUIERENDE
BEZUGSGRUPPE “
4. ERKLÄRUNGSANSÄTZE
-VIELSCHICHTIGE BERUFSROLLE DES LEHRERS
-TABUS ÜBER DEN LEHRERBERUF
5. RESÜMEE
6. LITERATURVERZEICHNIS
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LEHRERBERUF UND ÖFFENTLICHKEIT
1. UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND
Der Beruf des Lehrers steht in der Öffentlichkeit wie kaum ein anderer. Jeder kennt Lehrer, jeder hat neun bis dreizehn Jahre unter ihrer Anleitung verbracht. „Es gibt wenige Berufe, die sich so unter aller Augen vollziehen. Es gibt keinen vergleichbaren, der so im Leben aller Menschen eine Rolle spielt“ 1 . Umso erstaunlicher erscheint es, dass das Image des Lehrers in der Öffentlichkeit- gelinde gesagt- nicht gerade positiv erscheint. „Es muss nachdrücklich festgestellt werden, dass die Tätigkeit der Lehrer/innen häufig...nicht recht ernst genommen wird“ 2 , schreibt Flitner. Neuere Studien zum Berufsbild, wie die von Reitmajer, gehen von einer drastischen Verschlechterung des gesellschaftlichen Prestiges in den letzten 20-30 Jahren aus 3 . Das bestätigen auch die jährlichen Berufsprestigeskalen der Umfrageinstitute. Hatten 1966 noch 37% der Westdeutschen besondere Hochachtung vor Grundschullehrern, so sind es 2001 noch 28%. Das Prestige von Gymnasiallehrern schrumpfte in der selben Zeit von 28% auf 12%. Dagegen halten seit 1966 die klassischen akademischen Berufe Arzt, Theologe, Jurist und Hochschulprofessor mit Abstand die ersten Plätze der Skala. 4 Ich möchte in dieser Hausarbeit einige Aspekte des Lehrerbildes in der Öffentlichkeit untersuchen. Wie kommt das Lehrerbild zustande? Welche Ursachen, Hintergründe und Motive sind es, die die öffentliche Meinung derart prägen? Und schließlich: Wie soll man als Lehrer damit umgehen?
1 Flitner 1990: S.18.
2 Ulich 1996: S. 18.
3 Reitmajer 2000: S. 21-26.
4 Allensbacher Berichte 2001/Nr.16.
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2. ÖFFENTLICHKEITSBEGRIFF
Die Begriffe Öffentlichkeit und öffentliche Meinung gehören seit Jahrzehnten zu den mysteriösesten Begriffen der Sozialwissenschaften 5 . Die oben genannten Untersuchungen zum Lehrerberuf betrachten „Öffentliche Meinung“ angelehnt an den von Noelle-Neumann geprägten deskriptiven Ansatz, welcher diese als Ergebnis repräsentativer Befragungen von Meinungen bzw. als demoskopisch ermittelte Momentaufnahme versteht. Dieser Annahme will ich nicht ohne Weiteres folgen, obwohl ich glaube, dass individuelle Schul- und Lehrererfahrungen einen extremen Einfluss auf das gesamte Lehrerbild in der Öffentlichkeit ausüben. Ich werde darauf im Kapitel „Publikum“ näher eingehen. Bis dahin betrachte ich Öffentlichkeit im Sinne Neidhardts, der davon ausgeht, dass öffentliche Meinung und Bevölkerungsmeinung nicht gleichzusetzen sind. Öffentlichkeit entsteht dort, wo ein Sprecher vor einem Publikum kommuniziert, dessen Grenzen er nicht bestimmen kann. Öffentlichkeit ist nach Neidhardt "ein relativ frei zugängliches Kommunikationsfeld, in dem "Sprecher" mit bestimmten Thematisierungs- und Überzeugungstechniken versuchen, über Vermittlung von "Kommunikateuren" bei einem "Publikum" Aufmerksamkeit und Zustimmung für bestimmte Themen und Meinungen zu finden" 6 . Öffentliche Meinung ist ein kollektives Produkt von Kommunikateuren, dass sich zwischen den Sprechern als herrschende Meinung darstellt. Neidhardt spricht von der "Konsonanz öffentlicher Meinungsäußerungen".
Er geht unter den Bedingungen moderner Demokratien davon aus, das Massenmedienöffentlichkeiten das bestimmende Öffentlichkeitsforum darstellen und das Öffentlichkeit so über Inhaltsanalyse von medialen Sprechäußerungen gemessen werden kann. Sprecher und Medien sind dabei die zentralen Akteure von Öffentlichkeit, das Publikum ist als Adressat ihrer Kommunikation die öffentlichkeitskonstituierende Bezugsgruppe.
5 Neidhardt 1994: S. 25. ( Es gibt verschiedenste Konzepte von Öffentlichkeit. So versteht Jürgen
Habermas öffentliche Meinung als Konsensus vernünftig denkender Privatleute, der sich gegenüber
dem Souverän als alternative politische Instanz etabliert. Dabei beansprucht die öffentliche Meinung
die Wahrheit und gilt als Voraussetzung für Aufklärung (historisches Konzept). Auf Noelle-Neumann
basiert ein anderes Konzept, welches die öffentliche Meinung als Ergebnis repräsentativer
Befragungen von Meinungen bzw. als demoskopisch ermittelte Momentaufnahme interpretiert
(deskriptives Konzept). Niklas Luhmann argumentiert im Gegensatz zu Habermas, dass die
öffentliche Meinung nicht an den Begriff der Wahrheit gebunden werden darf (systemtheoretisches
Konzept), da er zuviel Einheit suggeriert. Tatsächlich wird heute oft von Teilöffentlichkeiten
gesprochen, die nebeneinander oder auch im Konflikt zueinander stehen können.)
6 Neidhardt 1994: S.7.
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3. BESTANDSAUFNAHME
AKTEURE VON ÖFFENTLICHKEIT
MASSENMEDIEN
„Folgt man der Agenda- Setting- Hypothese, werden die Themen des öffentlichen Interesses von den Massenmedien bestimmt. Auch über die gesellschaftliche Anerkennung einer Problemdeutung wird weder in der Wissenschaft, noch in den sozialen Bewegungen, sondern letztendlich in den Massenmedien entschieden“ 7 .
EXKURS: ZEITUNGSANALYSE
Ich möchte die Berichterstattung über den Lehrerberuf hier exemlparisch an einem Beispiel aufzeigen untersuchen wie die Medien in ihrer speziellen Eigenlogik die Öffentlichkeit prägen. Es geht um die Focus-Titelgeschichte "Höllenjob Lehrer" vom 9. April 2001. Auf erstaunliche Weise ähneln Inhalt und Aufmachung des Artikels übrigens einem im Juni 1993 erschienen Spiegel- Titel: "Nervenkrieg im Klassenzimmer: Horrorjob Lehrer (siehe Anhang)“.
Zum Thema
Zunächst stellt sich die Frage, warum das Thema überhaupt aufgegriffen wird. Neben der Erfüllung ihrer Informationspflicht, geht es den Medien natürlich primär um Einschaltquoten und Auflagenhöhen. Das Thema Lehrer und Schule erscheint aus dieser Sicht schon deshalb berichtenswert, weil die angesprochene Gruppe der Lehrer, Eltern und Schüler der Anzahl nach riesige potentielle Käuferscharen anspricht. Für die Medien ist es außerdem ein relativ zeitloses und damit günstiges "Füllerthema", wenn die Nachrichtenlage nichts wirklich Spektakuläres hergibt. „Themen müssen dem Publikum einerseits interessant, andererseits als wichtig erscheinen. In einer Kommunikationssituation aber, in der um die Aufmerksamkeit des Publikums konkurriert wird, ...in der dem Publikum ständig eine gar nicht
7 Schubath 1999: S.232.
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fassbare Zahl von Reizen kommuniziert wird, bedarf es der Vermittlung starker Betroffenheitssuggestion und drastischer Differenzbehauptungen, um vom Publikum überhaupt wahrgenommen zu werden“ 8 . Die gewählten Aufmacher weisen daher mit der Wortwahl: "Hölle"; (beim Spiegel gar: Krieg, Horror) eine sehr krasse Semantik auf, welches dieses Phänomen belegt. Der Artikel ist dann durchaus relativierend aufgebaut; mittels Grafiken, Randinterviews, Statements etc. ein recht vielschichtiges Bild des Lehrerberufes vermittelt.
Überzeugungsstrategien und Argumentationsstrukturen
In beiden Artikeln (Spiegel `93/Focus 2001) wird die "Krise" des Berufsstandes manifestiert, eine Art Dauerbrenner in der Lehrerberichterstattung. Besonders im Focus-Artikel wird das "gesellschaftliche Image" beleuchtet, welches "schlecht wie nie" sei. So die Meinung der Autoren, die nun mittels verschiedener Überzeugungsstrategien belegt wird. Dazu gehören die Präsentation von anschaulichen Beispielen, Expertenmeinungen, Zitaten, die aufzeigen, wie müde, gestresst, frustriert, überfordert und ausgebrannt die deutschen Lehrer sind. „Diese Strategien folgen nur begrenzt den Mustern akademischer Wahrheitssuche, denn die Bezugsgruppe sind ja keine Experten, sondern ein Laienpublikum. Daher folgen die Argumentationen öffentlicher Kommunikation eher den Gesetzen der Rhetorik, als denen der Logik“ 9 .
Die Erklärungen werden nach bestimmten Mustern plausibel gemacht. Dabei hat das Publikum „eine Vorliebe für deterministische Kausalmodelle. Sie liefern eindeutige Ursachen für eindeutige Effekte“ 10 . Hier: die Veränderung der Familienstrukturen, die steigende Anzahl von Problem- Kindern, Gewalt gegen Lehrer, das Modethema der 90er, welches im Spiegel-Artikel im Juni 93 noch nicht angesprochen wird, als Gründe für den „Höllenjob“. Am Ende beleuchtet man das Problem Lehrermangel, welcher nach jahrelangem "Lehrerüberschuss" sozusagen zu den "News" des Artikels zählt und unter dem Thema" Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation" einen weiteren Topos der Lehrerberichterstattung darstellt. Hier wird es als Ergebnis und Abschluss des Artikels gebraucht, nach dem Motto: So kann es nicht weitergehen, das Lehrerimage muss besser werden, Stellt Lehrer ein, schaltet Imagekampagnen!
8 Neidhardt 1994: S.18.
9 Neidhardt 1994: S.18.
10 s.o.: S.19.
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Arbeit zitieren:
Anke Rößler, 2002, Lehrerberuf und Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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