FernUniversit ät Hagen, Institut für Soziologie
LG Soziologie II: Organisationssoziologie und qualitative Methoden
WS 2010/2011
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Die Konstruktion von Geschlecht 5
2.1 „Sex“, „Gender“ und „Doing Gender“ 5
2.2 Digital Doing Gender 6
3 Das Geschlecht im Cyberspace 7
3.1 Der Cyberspace als virtueller Raum 7
3.2 Die Inszenierung von Geschlecht im Cyberspace 9
3.3 Empirische Ergebnisse der Internetforschung aus Geschlechterperspektiven 10
3.3.1 Internetnutzung nach Geschlecht 10
3.3.2 Körperliche Geschlechtsindikatoren 10
3.3.3 Internetforen 11
3.3.4 Chats 11
3.3.5 Adventure-Multi User Dungeons (MUDs) 12
3.3.6 Avatare 13
3.3.7 Online-Communities / Soziale Netzwerke 15
3.3.8 Weblogs 15
3.3.9 Zwischenfazit 16
4 Diskussion 18
5 Schlussbetrachtung 21
Literaturverzeichnis 23
Online -Quellen 25
1 Einleitung
So einfach es scheint, bei der Geburt eines Kindes dessen Geschlecht zu erkennen, so beruht doch diese Erkenntnis („es ist ein Junge!“ oder „es ist ein Mädchen!“) zunächst nur auf der Sichtung körperlicher Merkmale und der Zu-ordnung von sozial vereinbarten biologischen Geschlechtsmerkmalen zum Geschlecht. Auch in der weiteren Biografie eines Menschen spielen das Geschlecht und die Geschlechtsidentität in Verbindung mit dem Körper als Darstellungsmedium eine bedeutende Rolle.
Offene und versteckte Ausdrucksweisen für Geschlechtsidentitäten manifestieren sich in sozialen Interaktionen, zum Beispiel in Kommunikationssituationen. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung der Kommunikationsmöglichkeiten in Neuen Medien zu berücksichtigen. Diese eröffnen zum Beispiel denjenigen Menschen, die sich mit der oben genannten Zuschreibung einer spezifischen, aus primären Geschlechtsmerkmalen resultierenden Geschlechterrolle nicht identifizieren können, (technisch) neue Möglichkeiten 1 . Abweichende Geschlechtsentwürfe ließen sich testen und es wäre denkbar, den Cyberspace 2 als Identitätskorrektiv zu nutzen. Auf diese Weise könnte das Geschlecht im Cyberspace an Bedeutung gewinnen.
Andererseits ist zu konstatieren, dass für die Akteure in virtuellen Interaktionssituationen grundsätzlich keine verlässlichen Rückschlüsse auf das Geschlecht möglich sind. Wegen fehlender Verifizierungsmöglichkeiten wäre denkbar, dass das Geschlecht in virtuellen Umgebungen generell an Bedeutung verliert, weil es regelrecht „aus dem Blickfeld“ verschwindet, nicht mehr von Interesse ist, und sich der Cyberspace deshalb zu einem geschlechtsneutralen Raum entwickelt.
1 Die Ablehnung des Geschlechts und die demonstrative Dokumentation nach außen sind verbunden mit den Termini „Transgender“ und „Transsexualität“.
2 Es handelt sich um ein Kunstwort, das aus den englischen Begriffen cybernetics: „Kybernetik“ und space: „Raum“ zusammengesetzt ist und lässt sich als „kybernetischer Raum“ über-
setzen (Messinger [2000]: Langenscheidts Handwörterbuch).
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Schließlich könnte man sich vorstellen, dass es im Rahmen einer körperlosen Kommunikation letztlich doch immer wieder zur Herstellung von Geschlecht kommt und sich an dessen Bedeutung insofern nichts Wesentliches ändert. Diesen Hypothesen will ich in meiner Hausarbeit nachgehen. Die leitende Fragestellung lautet:
Welche Bedeutung hat das Geschlecht im Cyberspace? Um mich einer Antwort auf diese Frage zu nähern, werde ich in Kapitel 2 zunächst den grundsätzlichen Prozess der Konstruktion von Geschlecht darstellen und dann herausarbeiten, inwiefern das soziologische Konzept des „doing gender“ eine Erweiterung dieses Grundsatzes darstellt. Anschließend will ich klären, welche Ergänzungen mit dem Konzept des „digital doing gender“ ver-bunden sind. In Kapitel 3 rückt das Geschlecht im Cyberspace in den engeren Fokus. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Begriff „Cyberspace“ wird der Körper als Darstellungsmedium im virtuellen Raum zu einem zentralen Be-trachtungsgegenstand gemacht. Wie werden der Körper und das Geschlecht entlang der unterschiedlichen technischen Möglichkeiten inszeniert? Gibt es in der Literatur bereits Erkenntnisse mit Blick auf beispielhafte virtuelle Räume und inwiefern lassen sich daraus Antworten auf die vorgenannten Einzelfragen ableiten?
Im Rahmen einer anschließenden Diskussion in Kapitel 4 will ich die Bedeutung des Geschlechts im Cyberspace auf der Basis der explizierten Erkenntnisse dialektisch reflektieren und insoweit mich einer Antwort auf die leitende Fragestellung nähern. Die Arbeit schließt mit einer Schlussbetrachtung in Kapitel 5.
Das Thema wird im Wege einer Literaturauswertung abgehandelt.
4
2 Die Konstruktion von Geschlecht
2.1 „Sex“, „Gender“ und „Doing Gender“
Die einfache Verbindung zwischen Biologie und Geschlecht beendete die angelsächsische Sexualwissenschaft in den 1950er Jahren damit, dass man dem Begriff „sex“ für das „biologische Geschlecht“ den Begriff „gender“ für das „soziale Geschlecht“ in Bezug auf die soziale und kulturelle Prägung eines Menschen beiseite stellte. Im Fokus von „gender“ stand danach „die kulturelle Variabilität der an Frauen (und Männer) gerichteten Verhaltenserwartungen, Eigenschaftszuschreibungen und sozialen Positionierungen, die eng mit der jeweiligen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern korrespondieren“ (Gildemeister 2003: 155). Diese „sex-gender-Unterscheidung“ geht von einem biologischen Unterschied zwischen den Menschen aus und versteht die kulturellen Ausprägungen als gesellschaftlichen Reflex auf die Natur. 3
Das Konzept des „doing gender“ geht noch weiter. Es nimmt jene sozialen Prozesse in den Blick, „in denen „Geschlecht“ als sozial folgenreiche Unterscheidung hervorgebracht und reproduziert wird“ (Gildemeister 2010: 137). Dieses auf der Basis soziologischer Analysen zur Transsexualität entwickelte Konzept besagt im Kern, dass Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität als fortlaufender Herstellungsprozess aufzufassen sind, der zusammen mit faktisch jeder menschlichen Aktivität vollzogen wird. Die Herstellung von Geschlecht basiert auf einer Vielzahl sozialer Tätigkeiten auf der Ebene von Wahrnehmung, Interaktion und Alltagspolitik. Mit dem Konzept des „doing-gender“ wird das „sex-gender-Modell“ umgedreht, weil das Geschlecht und die Geschlechtszugehörigkeit dort Ausgangspunkt für die Unterscheidung sind, hier aber das Ergebnis komplexer sozialer Prozesse darstellen. Oder anders ausgedrückt: „Nicht der „Unterschied“ konstituiert die Bedeutung, sondern die Bedeutung die Differenz“ (ebenda).
3 In der deutschen Sprache konnte sich diese Unterscheidung von „sex“ und „gender“ nicht durchsetzen, sie findet sich aber in der „Gleichberechtigungsfrage“ wieder - wenn es darum
geht, Benachteiligungen von Frauen abzubauen. In den 1990er Jahren verbreitete sich dann
die Konzeption einer „sozialen Konstruktion von Geschlecht“ in der Geschlechterforschung.
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Um den Biologismus der „sex-gender-Unterscheidung“ zu überwinden, entwickelte man eine dreigliedrige analytische Unterscheidung:
- „sex“ als Geburtsklassifikation aufgrund sozial vereinbarter biologischer Kriterien;
- „sex-category“ als soziale Zuordnung zu einem Geschlecht aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zu einer Geschlechtskategorie und
- „gender“ als intersubjektive Validierung in Interaktionsprozessen, in denen situationsangemessene normative Verhaltensweisen erwartet werden (Gildemeister 2010: 138; m. w. N.).
Die wechselseitigen reflexiven Beziehungen dieser Dimensionen machen es erstmals möglich, die Natur als kulturell gedeutet in die Konstruktion von Geschlecht hineinzuholen und Geschlecht nicht als etwas zu verstehen, was ein Individuum „hat“, sondern was ständig neu sozial bestätigt und interaktiv validiert werden muss. „Interaktion“ bedeutet für die Akteure aber auch, dass sie Zwängen ausgesetzt sind, denen sie nicht ausweichen können - zum Beispiel der Zwang zur kategorialen und individuellen Identifikation der Interaktionsteilnehmer. In diesem Sinne stellt Interaktion eine eigenständige Analyseebene in der Geschlechterforschung dar. In diesem Interaktionsgeschehen wirken basale, nicht weiter reduzierbare, generative Mechanismen (ebenda). Vor diesem Hintergrund ist näher zu betrachten, inwieweit die Interaktionen in digitalen Medien diesen Zwang zur Identifikation der Akteure widerspiegeln.
2.2 Digital Doing Gender
Die Möglichkeit, im Rahmen anonymer digitaler Kommunikation das Geschlecht frei wählen zu können, entfachte eine lebhafte Diskussion darüber, ob das sogenannte „gender-swapping“ 4 zu einer Dekonstruktion der bipolaren Geschlechtsidentitäten beitragen würde. Den digitalen Medien wird dabei das Potential zugeschrieben, die Zweigeschlechtlichkeit auflösen zu können. Als
4 Von engl. swap: „(aus-, ein)tauschen“ (Messinger [2000]: Langenscheidts Handwörterbuch).
6
Ausgangspunkt der Vision von einer Welt jenseits von männlich und weiblich findet sich regelmäßig der Hinweis auf Donna Haraways „Manifest für Cy-borgs“ 5 (Haraway 1995), worin die wissenschaftlich tradierten Unterscheidungen von Mensch und Tier, von Subjekt und Objekt aufgelöst werden. Diesem Duktus folgend machen es neue Technologien möglich, den Körper neu zu erfinden, und damit brechen auch Dichotomien wie männlich und weiblich weg. Dieses Innovationspotential für eine Post-Gender-Welt verorten Wissenschaftler in digitalen Medien und begründen dies mit der grundsätzlichen Abwesenheit körperlicher Merkmale in netzbasierten Kommunikationssituationen. Schon bald aber wurden auch kritische Stimmen laut, vor allem solche, die sich mit der konkreten Ausgestaltung der virtuellen Inszenierung von Geschlecht beschäftigen und Kommunikationsprozesse in unterschiedlichen Räumen des Cyberspace beobachten (Funken 2004: 199; m. w. N.).
3 Das Geschlecht im Cyberspace 6
3.1 Der Cyberspace als virtueller Raum
Der Begriff „Cyberspace“ wurde in der Vergangenheit auch synonym für das Internet oder das World Wide Web (WWW) verwandt. Man könnte das Internet und das WWW auch als Infrastrukturen des Cyberspace betrachten. Solche technischen Unterscheidungsmöglichkeiten sollen hier keine Rolle spielen. Von Bedeutung ist hingegen die Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit der Cyberspace eine neue Realitätsdimension in Richtung einer „neuen Welt“ entwickelt.
Virtuelle Realitäten gibt es schon seit Menschen in der Lage sind, ihre körperliche Daseinsform in Sprache und Bilder zu übersetzen. Der Cyberspace stellt
5 Der Begriff „Cyborg“ ist ein Akronym und leitet sich von engl. cybernetics: „Kybernetik“ und organism: „Organismus“ ab (Messinger [2000]: Langenscheidts Handwörterbuch). Gemeint ist
ein Mischwesen aus Organismus und Maschine.
6 „Von Computern erzeugte virtuelle Scheinwelt“ (Duden. Band 7 [2007]: Das Herkunftswörterbuch).
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Arbeit zitieren:
Egon Wachter, 2011, Das Geschlecht im Cyberspace, München, GRIN Verlag GmbH
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