Sozialpolitik. Nachdem Perón aus den Präsidentschaftswahlen von 1946 als Sieger hervorging, übernahm Eva eine Stellung im Ministerium für Arbeit. Sie engagierte sich stark für die Belange der Arbeiter und sah sich selbst als deren Patronin. Wo es nur ging bekundete sie ihre Liebe zu den so genannten descamisados, die zu den treusten Anhängern Peróns zählten. Zudem setzte sie sich auch weiter für wohltätige Zwecke ein. So gründete sie beispielsweise die Fundación Eva Perón, eine Stiftung, die die Menschen mit grundlegenden Mitteln versorgte und Krankenhäuser, Schulen und Universitäten baute. Außerdem nahm Eva in der Frauenbewegung eine Art Vorreiterrolle ein und unterstützte u. a. den Kampf um das Frauenwahlrecht, das schließlich 1947 unter der Regierung ihres Mannes eingeführt wurde. Vorerst in ihrer Radiosendung, später auf Kongressen und öffentlichen Kundgebungen verbreitete Eva, die mittlerweile unter dem Namen Evita bekannt war, ihre Ansichten und Überzeugungen und wurde dafür von ihren descamisados gefeiert. Die Emotionalität und Volksnähe, die Evita vermittelte, machten sie dabei zum perfekten Sprachrohr des Peronismus. Sie war die Manifestation Peróns im Volk und somit die beste Form von politischer Unterstützung für ihren Mann. Die Rolle Evitas wird in der Literatur oft als „bridge of love“ zwischen Führer und Volk bezeichnet, wird allerdings häufig auch als reine Propaganda angesehen, denn in all ihren Reden demonstrierte Evita vollkommene Loyalität ihrem Mann und seiner Politik gegenüber:
„He, knowing well what he wanted to do; I, only feeling it; [...] he, prepared for the struggle; I ready for everything without knowing anything;[...] he, the master, and I, the student;[...] He, sure of himself and I, sure only of him!“ 1
Eben diese vollkommene Hingabe war es, die das peronistische Volk begeisterte. Evita entsprach all dem, was man von einer idealen Ehefrau erwartete. Sie unterwarf sich vollkommen der Identität und Überzeugung ihres Mannes. Wo sie auch hinkam, wurde sie für diese vollkommene Aufopferung gefeiert. Als Ehefrau war sie die Stellvertreterin ihres Mannes und wurde bei Veranstaltungen wie der Regierungschef selbst empfangen. Doch es war nicht nur die Rolle als perfekte Ehefrau, für die Evita nahezu angebetet wurde. Auch generell wurde ihre Schönheit, Reinheit und Weiblichkeit verehrt. Als attraktive junge Dame, die für ihr elegantes Auftreten bekannt war, erfüllte Evita alle Eigenschaften, die eine ideale Frau in den Augen der Peronisten haben sollte. Zudem schrieb man ihr aufgrund ihrer mädchenhaften Statur eine Art Jungfräulichkeit und dadurch Reinheit in physischer wie
1 Zitat entnommen aus: Taylor, Julie M., Evita Perón. The Myths of a Woman, Oxford, 1979. S. 91.
spiritueller Hinsicht zu. Vergleiche zu der Jungfrau Maria wurden von der peronistischen Propaganda mit Freuden aufgenommen und verbreitet. Unterstützt wurden diese Ansichten u. a. durch Evitas Autobiographie La razón de mi vida, in der sie sich für ein gemäßigtes Sexualleben ausspricht.
So wurde Evita schon vor ihrem Tod wie eine Göttin verehrt. Egal wo sie auftauchte, rief sie Stürme der Begeisterung unter ihren descamisados hervor. Ihre Autobiographie wurde zum Bestseller und war in Schulen Pflichtlektüre. Man bewunderte die Tatsache, dass sie, die selbst aus kleinen Verhältnissen stammte, es nach ganz oben geschafft hatte. In der Tat thematisierte Evita ihre Herkunft häufig in ihren Reden. Dabei stellte sie ihre früheren Lebensverhältnisse jedoch deutlich dramatischer dar, als sie wirklich waren. Somit bot sie den descamisados alle Möglichkeiten, sich mit ihr zu identifizieren. Für die Peronisten war sie Mutter der Nation, Frau aus dem Volk, Gattin, Wohltäterin und verkörperte und propagierte die Politik ihres Mannes dadurch wie niemand sonst.
Allerdings stimmten nicht alle Argentinier in diesen Jubel ein. Lange bevor Perón im Jahr 1955 von anti-peronistischen Militärs gestürzt wurde, hatte sich die Bevölkerung in ein peronistisches und ein anti-peronistisches Lager gespalten. Die anti-Peronisten waren daran interessiert, Evita und damit den Peronismus so gut es ging zu diskreditieren. Während die Peronisten ihre „Lady Of Hope“ weiter bewunderten, verbreiteten die politischen Gegner der Union Cívica Radical die negative Vorstellung der „Woman Of The Black Myth“. Kritisiert wurden dabei exakt die Aspekte, die von den descamisados geschätzt wurden. Die vermeintliche Hingabe an ihren Mann und die damit einhergehende Dauerpräsenz Evitas interpretierten die anti-Peronisten nicht als die Loyalität einer Ehefrau, sondern als puren Egoismus. Aus ihrer Sicht wollte Eva nicht die zweite Geige spielen, nicht „nur“ die Frau sein. Auch die Tatsache, dass sie aus dem Showgeschäft kam und dementsprechend von ihrer Selbstdarstellung gelebt hatte, wurde Evita als Egoismus ausgelegt. Was für die Anhänger Peróns Weiblichkeit war, war für seine Gegner die bloße Darstellung von Sexualität. Dabei kritisierte man nicht nur ihr in den Augen der anti-Peronisten protziges, aufreizendes Auftreten, sondern nahm insbesondere ihre Vergangenheit ins Visier. Kaum ein Oppositioneller bezweifelte, dass Evita vor ihrer Ehe der Prostitution nachgegangen war, manche behaupteten, sie selbst hätte ein Bordell besessen. Schon zu Lebzeiten entstand somit ein Bild von Evita, das von heftigen Kontroversen geprägt war. Die wirkliche Mythenbildung begann allerdings erst nach ihrem Tod.
Am 26. Juli 1952 erlag Evita einem schweren Krebsleiden. Als Juan Domingo Perón 1955 schließlich ins Exil fliehen musste, verhärteten sich nicht nur die Fronten zwischen den Anhängern und Gegnern Peróns, auch die Ansichten über Evita drifteten weiter auseinander. Die Peronisten hielten an dem Bild der heiligen Evita fest und führten in der Folgezeit eine Art Guerilla-Krieg gegen die herrschenden Militärs. Als Provokation verbreiteten die Träger der Bewegung, die sich La Resistencia nannte, Bilder von Perón und Evita. Trug man diese bei sich, riskierte man unter Umständen hohe Strafen. Somit wurde Evita eine weitere Rolle zugeschrieben: die der Revolutionärin. Als revolutionäre Symbolfigur spielte Eva dabei eine bedeutend größere Rolle als Perón. In den Augen der Resistencia war sie die Frau, die Regeln ignorierte und mit Traditionen brach. Tatsächlich kann man Evita einen gewissen revolutionären Charakter nicht absprechen, immerhin war sie eine der wenigen Frauen, die wirklichen Einfluss auf das Land hatte. Zwar machte Perón als Stratege die Politik, doch die Ideologie des Peronismus verbreitete Evita. Dabei wurden ihre Reden mit der Zeit zunehmend forscher, die Forderungen radikaler. Auf eben diese letzten Reden stützte sich das Bild der Revolutionärin Evita.
Verstärkt wurde der Revolutions-Mythos dadurch, dass Evita im Volk zunehmend als Märtyrerin gefeiert wurde. Insbesondere ihr Krebsleiden und ihr früher Tod förderten diese Vorstellung. Auch Evita selbst verwies immer wieder darauf, dass Aufopferung und Verzicht für sie der einzige Weg zu wahrer Selbstverwirklichung seien. Nach ihrer ersten Operation konstatierte die argentinische Presse, dass sie ihre Krankheit wohl hätte verhindern können, wenn sie mehr auf sich Acht gegeben hätte, anstatt sich um ihr Volk zu kümmern. Auch die Tatsache, dass Evita 1951 die Vize-Präsidentschaft ablehnte, wurde als reine Aufopferung interpretiert. Tatsächlich standen sie und Perón zum dem Zeitpunkt jedoch unter erheblichem Druck von Seiten des Militärs. Als Märtyrerin wurde Evita erneut der Ruf einer Heiligen zu Teil, diesmal nicht etwa aufgrund ihrer Reinheit, sondern wegen ihrer vollkommenen Aufopferung. Noch vor ihrem Tod wurde der Tag der Santa Evita eingeführt, darüber hinaus wurden ihr Titel wie „Spirituelle Führerin der Nation“ verliehen. Anti-Peronisten widersprachen dieser Sichtweise deutlich. Wieder wiesen sie auf die Selbstdarstellung hin und verbreiteten die Auffassung, dass Evitas Verhalten nicht uneigennützig gewesen sei, sondern dass sie vielmehr aus Eigeninteresse gehandelt habe.
Von den heftigen Diskussionen in Argentinien blieb auch das Ausland nicht unberührt. Ihren ersten großen Auftritt vor der Weltöffentlichkeit hatte Evita bereits 1947, als sie zu einer mehrwöchigen Europareise aufbrach. Zwar wurde sie beispielsweise in Spanien herzlich empfangen, dafür jedoch in anderen Ländern mit Tomaten beworfen. Die wirtschaftlichen
Arbeit zitieren:
Ulrike Ziegler, 2010, Mythos Evita, München, GRIN Verlag GmbH
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