Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Zur X-Bar-Struktur von Sätzen 5
2.1 Die Struktur der CP 5
2.2 Die Struktur der TP 9
2.3 Gemeinsamkeiten von CP und TP 10
3 Das nominale Syntagma 12
3.1 Zur traditionellen Nominalphrase 12
3.2 CP/TP-Analyse und traditionelle NP-Analyse im Vergleich 15
3.3 Die DP-Hypothese 16
3.3.1 Erweiterung der NP um die funktionale Kategorie D 0 16
3.3.2 Zur Argumentstruktur von Verben und Nomina 18
3.3.3 „In Sachen Nullartikel“ 20
3.3.4 Zur f-Selektion im nominalen Syntagma 22
3.3.5 Die DP-Hypothese - ein Zwischenfazit 22
4 Was kann die DP-Hypothese leisten? 25
4.1 Indefinita 25
4.2 Pronomen 26
4.3 Pränominale Genitive 28
5 Konklusion 32
Literaturverzeichnis 34
Einleitung 3
1 Einleitung
Nominale Syntagmen 1 wie Der Linguist oder Phrasenstrukturbäume in (1) werden traditionell als Nominalphrase (im Folgenden NP) analysiert, deren Kopf das lexikalische Element N 0 bildet.
(1) [Der Linguist] zeichnet gerne [Phrasenstrukturbäume]
Diese Analyse scheint im ersten Moment im Lichte verschiedener linguistischer Theoriebereiche absolut nachvollziehbar zu sein, da Nomina aus semantischer Sicht (a) die zentralen lexikalischen Informationen des nominalen Syntagmas tragen, aus morphosyntaktischer Sicht (b) die Kategorie Genus im Nomen inhärent ist sowie aus syntaktischer Sicht (c) zählbare Nomina im Singular - wie Linguist in (1) - einen Determinierer selegieren und (d) Nomina im Plural - wie Phrasenstrukturbäume in (1) - distributionell äquivalent zu einer vollen NP sind.
Nichtsdestoweniger ist die Analyse des Nomens als Kopf der NP durchaus umstritten: So ist der Determinierer im Deutschen stärker markiert als das Nomen, was sich auf der Sprachoberfläche daran zeigt, dass das Genus von Linguist in (1) am Determinierer der und nicht am Nomen selbst markiert ist. Außerdem können Nomina nicht immer ohne Determinierer eine NP bilden (vgl. (2)) und sind darüber hinaus auch nicht immer obligatorisch, wie es (3) verdeutlicht 2 .
(2) *Linguist zeichnet gerne Phrasenstrukturbäume.
(3) Der zeichnet gerne Phrasenstrukturbäume.
Neben diesen Argumenten, die zweifelsohne gegen den Kopfstatus des Nomens im nominalen Syntagma sprechen, ergeben sich beim Vergleich der Strukturen von NPs mit Sätzen weitere Evidenzen, den bisherigen Kopfstatus des Nomens in der NP zu verwerfen und eine sog. funktionale Kategorie als Kopf anzunehmen. So zeigt ein Vergleich beider Strukturen (NP und Satzstruktur), dass Sätze im Gegensatz zu NPs funktionale Köpfe besitzen, die u. a. keinen deskriptiven Gehalt haben und ausschließlich grammatische Informationen kodieren. Im Sinne eines universellen Aufbaus von Phra-
1 Ichwähle die Bezeichnung Nominales Syntagma, da sie mir am neutralsten erscheint. Der Terminus
Nominalphrase drückt m. E. bereits implizit aus, dass Kopf dieser Phrase ein Element der Kategorie N 0
ist. Alternative Ausdrücke wie etwa Nominalgruppe bei EISENBERG (2006b) sind zu spezifisch und nicht
etabliert.
2 Eine ausführliche Diskussion über Kriterien für den Kopfstatus liefern ZWICKY (1985), HUDSON (1987)
und CROFT (1993).
Einleitung 4
sen ist es ein sicherlich wünschenswertes Ziel, nominale Syntagmen parallel zu Sätzen zu analysieren, wie es erstmals ABNEY (1987: 21) für das Englische vorschlägt. „The solution I have proposed is, in effect, to assign amore sentence-like structure to the
English noun phrase than is commonly assumed. This is attractive for conceptual reasons,
in addition to the empirical advantages it provides. Verb versus noun is the most funda-
mental opposition in grammar, and it is appealing to be able to assign the phrases built on
them — sentence and noun phrase, respectively — parallel structure.“
Mit BHATT (vgl. 1990: 18) werden auf diese Weise die strukturellen Parallelen zwischen nominalen Syntagmen und Sätzen theoretisch erfasst.
Ziel dieser Arbeit ist es, ausgehend von der strukturellen Analyse von Sätzen in einem erweiterten X-Bar-Schema, das eine complementizier phrase (im Folgenden CP) und tense phrase (im Folgenden TP) annimmt, eine zu Sätzen analoge Analyse des nominalen Syntagmas in Anlehnung an ABNEY (1987) vorzuschlagen, strukturell zu motivieren und argumentativ zu fundieren. Hierbei richtet sich der Fokus neben den funktionalen Eigenschaften von Köpfen auch auf die kategoriale Form des Spezifizierers, die beim Vergleich von Satz und traditioneller NP signifikant voneinander abweicht. Während der Spezifizierer auf Satzebenen eine maximale Projektion ist, sind Spezifizierer eines nominalen Syntagmas Determinierer und somit keine Phrasen. Abschließend soll gezeigt werden, dass eine DP-Analyse nicht nur theoriegeleitet infolge struktureller Parallelität zur Analyse von Sätzen, sondern auch im Hinblick auf die Analyse ausgewählter sprachlicher Phänomene - also auf Basis empirischer Befunde wie ‚Indefinita‘, ‚Pronomen‘ und ‚Pränominale Genitive‘ - im Vergleich zu einer NP- Analyse zu präferieren ist.
Zur X-Bar-Struktur von Sätzen 5
2 Zur X-Bar-Struktur von Sätzen
Um die DP-Analyse zu motivieren, wird zunächst die Struktur von Sätzen, sprich die syntaktische Struktur einer CP und einer TP auf Basis neuer Generativer Grammatiken beschrieben und miteinander verglichen 3 . Daran anknüpfend wird in Kap. 3 - infolge struktureller Divergenzen zwischen den syntaktischen Strukturen von CPs / TPs auf der einen Seite und der traditionellen NP-Analyse des nominalen Syntagmas auf der anderen Seite - für eine DP-Analyse argumentiert.
2.1 Die Struktur der CP
In neuen Generativen Grammatiken werden Sätze nahezu ausnahmslos als CPs analysiert, die - in Entsprechung zum X-Bar-Schema - dem nach allgemeinen Prinzipien strukturierten Aufbau von Phrasen folgen. Bevor die syntaktische Struktur der CP genauer betrachtet wird, soll zunächst in einem kleinen Exkurs der prototypische Aufbau von Phrasen kurz skizziert und dabei die hierzu relevante Terminologie eingeführt werden. 4
Grundsätzlich werden Phrasen als „Menge von syntaktischen Elementen, die eine Konstituente (Wortgruppe oder Satzteil von relativer Selbstständigkeit) bilden“ (BUß- MANN 2002:517), aufgefasst. Der prototypische Aufbau einer solchen Phrase sieht dabei - in Anlehnung an CHOMSKY (1970) und JACKENDOFF (1977) - folgendermaßen aus:
Gemäß (4) hat jede Phrase genau einen Kopf (X), der zusammen mit seinem Komplement (ZP), also einem vom Kopf subkategorisierten Argument, die Projektions-
3 ImRahmen dieser Arbeit kann aus Platzgründen nicht auf eine explizite Herleitung der CP/TP-Analyse
eingegangen werden. Eine ausführliche Diskussion liefern hierzu u. a. CHOMSKY (1986), POLLOCK (1989)
und FANSELOW / FELIX (1993).
4 Die vorliegende Darstellung des X-Bar-Schemas orientiert sich maßgeblich an CARNIE (2002) und GRE-
WENDORF / HAMM / STERNEFELD (1989).
Zur X-Bar-Struktur von Sätzen 6
stufe um ein Bar erhöht und die Zwischenprojektion (X‘) bildet. Hierbei ist der Kopf die zentrale Komponente, da er erstens obligatorischer Bestandteil der Phrase ist, zweitens seine Komplemente selegiert und regiert sowie drittens seine kategorialen Eigenschaften an die maximale Projektion (XP) vererbt.
Das Komplement (ZP) ist eine maximale Projektion, die obligatorisch ist und nur unter bestimmten Bedingungen weggelassen werden kann. Adjunkte (YP), die ebenfalls maximale Projektionen sind, werden im Unterschied zu Komplementen durch rekursive Mechanismen eingeführt, sodass sie beliebig oft iteriert werden können, ohne dabei etwas an der Komplexität der Phrase zu ändern. Dies ist auch am Baumgraphen formal sichtbar, da Adjunktion nur auf Ebene der Zwischenprojektion (X‘) möglich ist und die Phrase weiterhin eine Zwischenprojektion (X‘) bleibt, sodass die Projektionsstufe - wie in (5) ersichtlich - nicht erhöht wird. 5
Der Spezifizierer (WP) schließt die Phrase ab; er bildet zusammen mit der Zwischenprojektion (X‘) die maximale Projektion (XP). Spezifizierer sind streng genommen maximale Projektionen; in vielen Darstellungen ist jedoch D zugelassen. Die Tatsache, dass Elemente der Kategorie D 0 offenkundig keine Phrasen sind, aber dennoch als Element der Kategorie WP aufgefasst werden, wird in der weiteren Argumentation noch detailliert problematisiert.
Folglich sind CPs - der universellen Phrasenstruktur entsprechend - nach dem unter (6) beschriebenen Schema aufgebaut:
5 Eine pointierte Darstellung rekursiver Strukturen geben GREWENDORF / HAMM / STERNEFELD (1987: 180).
Zur X-Bar-Struktur von Sätzen 7
Potentielle Köpfe der CP sind somit Elemente der Kategorie C 0 , die maximale Projektionen der Kategorie TP als Komplement selegieren. Die Positionen des unter (6) ersichtlichen Baumgraphen stehen dabei mit den Feldern des Topologischen Feldermodells in Beziehung, wobei die Spezifizierer-Position (Spec) mit dem topologischen Vorfeld und die C 0 -Position mit der linken Satzklammer korreliert, sodass an dieser Stelle eine strukturelle Motivation insbesondere der Spec-Position vorliegt. Für die weiterführende Argumentation soll nun der Fokus auf die funktionale und sprachliche Realisierung dieser beiden Positionen gelegt werden.
Spe zifiziere r de r C P sind ausschließlich maximale Projektionen, d. h. Phrasen und keine Elemente der Kategorie X; der genaue kategoriale Status dieser maximalen Projektionen ist dabei zunächst sekundär. (7) [Der Linguist] XP schläft.
(8) [Der Wissenschaftler] XP forscht an seinem neuen Projekt. (9) [Nominalphrasen] XP sind ein spannendes Phänomen. (10) [Syntax-Bücher zu lesen] XP macht Spaß.
Der Kopf de r C P hingegen kann auf drei unterschiedliche Weisen realisiert werden. 6 Die infolge des Namens complementizer phrase naheliegendste Realisierungsform potentieller Köpfe der CP sind Komplementierer. Mit BUßMANN (2002: 141) handelt es sich hierbei um eine „von ROSENBAUM [1976] eingeführte Bezeichnung einer kleinen Menge grammatischer Elemente wie nebensatzeinleitende Konjunktionen […].“ Der Kopfstatus von nebensatzeinleitenden Konjunktionen ist insofern auch intuitiv nachvollziehbar, als dass der Typ der TP (Satztyp) vom Komplementierer selbst abhängt. 7
6 Die diesbezüglichen Beispiele (13), (15) und (17) sind zitiert nach GALLMANN / LINDAUER (1993: 5).
7 Die Beispiele (11) und (12) sind entnommen aus HAEGEMANN (1994: 115).
Zur X-Bar-Struktur von Sätzen 8
(11) I will ask [if [Poirot will abandon his investigation] TP ] CP . (interrogativ) (12) I will say [that [Poirot will abandon his investigation] TP ] CP . (deklarativ) Dementsprechend leiten Komplementierer einen Satz ein und selegieren ein TP-Komplement, wie es Sarah das Buch ins Regal stellt in (13/14) der Fall ist. (13) [C° Dass] Sarah das Buch ins Regal stellt, (ist sinnvoll)
Darüber hinaus kann die C-Position qua Bewegung durch ein Element der Kategorie V besetzt werden.
(15)
Sarah [C° stellt] das Buch ins Regal
(16)
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, dass die C-Position nicht besetzt ist und somit leer bleibt.
(17) Welches Buch [C° Ø] Sarah ins Regal stellt, (weiß ich nicht)
Arbeit zitieren:
Niels Kindl, 2011, Die DP-Hypothese, München, GRIN Verlag GmbH
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