Inhalt
1. Einleitung 1
2. Geschichte, Definition und Systematik der Zoosemiose 2
3. Zoopragmatik: Kommunikation, Funktion und Kanäle 3
3.1. Kanäle der Zoosemiose 4
4. Zoosemantik: Objektrelation der Zeichen 6
5. Zoosemiose der Tierarten 7
5.1. Die Sprache der Honigbienen 7
5.2. Akustische Kommunikation bei Vögeln 9
5.3. Die Verständigung der Frösche 10
6. Sprache der Menschen vs. Sprache der Tiere 11
7. Fazit 14
8. Anhang 16
9. Literaturverzeichnis 17
1. Einleitung
„Sprechende Tiere bevölkern nicht nur Märchen und Fabeln.“ 1 Dass sich Tiere untereinander verständigen, ist dem Menschen längst bekannt und seit einigen Jahrzehnten versucht er bereits die geheimen Mitteilungen der Tiersprache zu entschlüsseln. Jedoch basiert die Tiersprache nicht wie die menschliche Sprache auf dem vokalisierten Wort, sondern verläuft in den meisten Fällen stumm beziehungsweise für den Menschen nicht wahrnehmbar. Trotz dessen findet im Tierreich definitiv eine Verständigung statt. Worin unterscheidet sich aber diese Kommunikation von der menschlichen? Der Biologe J.A. Bierens de Haan behauptet, der prinzipielle Unterschied sei, „daß die ‚Tiersprache‘ im Gegensatz zu der menschlichen nichts mitteilen will […]. Menschensprache kann darum als ‚allozentrisch‘, Tiersprache dagegen als ‚egozentrisch‘ bezeichnet werden.“ 2 Während das menschliche Kommunikationssystem von der Anthroposemiotik untersucht wird, analysiert die Zoosemiotik den Zeichengebrauch der Tiere. Die anfängliche Aufgabe der vorliegenden Hausarbeit soll es sein, die Zoosemiotik hinsichtlich ihrer Geschichte und Systematik vorzustellen. Die Teilgebiete der Zoosemiotik gliedern sich in die Syntaktik, Semantik und Pragmatik. Innerhalb dieser Arbeit werden die Semantik, welche sich mit der Bedeutung animalischer Zeichen und deren Objektrelation befasst, und Pragmatik, die Faktoren, Voraussetzungen und Wirkungen des tierischen Zeichengebrauchs untersucht, eingehend erläutert. Beispielsweise werden innerhalb der Zoopragmatik nicht nur die Kommunikationsformen unterschieden, sondern auch die verschiedenen
Übertragungskanäle. Des Weiteren soll die Zoosemiose anhand ausgewählter Beispiele veranschaulicht werden. Hierzu werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Kommunikationsformen der Honigbienen, Vögel und Frösche vorgestellt. Charles Hockett, ein amerikanischer Linguist, entwickelte 1963 ein Modell der Bestimmungsmerkmale der Sprache, in dem er versucht, die Besonderheiten der menschlichen Sprache im Vergleich zur Zoosemiose zu charakterisieren. Sein Modell soll in dieser Arbeit das abschließende Kapitel bilden und dazu dienen, einen Vergleich zwischen der Sprache der Menschen und der Sprache der Tiere zu ziehen.
1 Theorien vom Ursprung der Sprache. Hrsg. von Joachim Gessinger u. Wolfert von Rahden. Berlin; New
York: de Gruyter 1988. S. 24.
2 Bierens de Haan, J.A.: Tiersprache und Menschensprache (1929).
http://www.springerlink.com/content/wq2861n167261802/ (06.02.2011). S. 70.
1
2. Geschichte, Definition und Systematik der Zoosemiose
Der Zoosemiotik kommt laut dem Zoologen H. Hediger die Aufgabe zu, „alle diese im tier-menschlichen Verkehr nach beiden Richtungen spielenden Signale zu ermitteln und zu analysieren, ihre Inkodierung, Übermittlung und Dekodierung und die oft erstaunlichen Umwandlungen, die Bearbeitungen, die sie in allen Phasen erfahren.“ 3 Somit erforscht sie die artspezifischen Kommunikationssysteme von Tieren hinsichtlich ihrer Strukturen und Prozesse.
Reflexionen über die Zeichen in der Zeichentheorie oder gar bei den Sprachen der Tiere finden sich bereits sehr früh. Bereits Aristoteles‘ Naturphilosophie enthält Anmerkungen zu den Zeichen der Tiere. Ebenso in der mittelalterlichen Semiotik wurde der Unterschied zwischen den Zeichen der Tiere und denen der Menschen thematisiert. Jedoch erlebte die Zoosemiotik mit der rationalistischen Strömung einen Niedergang, da Descartes Tiere mit Maschinen gleichsetzte. Folglich wurde diese wissenschaftliche Nischensparte vorerst von der logozentrischen Auffassung vertrieben. Erst im 19. Jahrhundert mit Darwin und im 20. Jahrhundert mit G. Tembrock und T. A. Sebeok 4 gelangte die zoosemiotische Forschung zu Ergebnissen, welche noch heute allgemeingültige Relevanz besitzen. Der Begriff der Zoosemiotik trat erstmals 1963 zur Bezeichnung eines neuen Teilgebiets der Semiotik auf. 5 Die Gliederung der Zoosemiotik durch Sebeok und W. John Smith in die Teilgebiete Syntaktik, Semantik und Pragmatik folgt Charles Morris‘ 6 Systematik der Semiotik. Womit sich diese die Semantik und Pragmatik beschäftigen, wird in den anschließenden Kapiteln beleuchtet. Weiterhin gliedert Sebeok nach der allgemeinen Systematik von Morris die Zoosemiotik in die reine Zoosemiotik, welche sich mit den theoretischen Modellen der Semioseprozessen bei Tieren befasst, die deskriptive Zoosemiotik, die die Zeichensysteme einzelner Tierarten untersucht, und die angewandte Zoosemiotik, deren Aufgabe die nützliche Anwendung tierischer Kommunikationssysteme zum Vorteil des Menschen ist. 7
Innerhalb des interdisziplinären Umfelds der Zoosemiotik bilden tierische Kommunikationssysteme besonders ein Thema in der Biologie und der Ethologie.
3 Hediger, Heini: Tiere verstehen. Erkenntnisse eines Tierpsychologen. München: Deutscher
Taschenbuchverlag 1984. S. 344.
4 Die explizit zoosemiotische Forschung beginnt mit Sebeok, Tembrock und Smith in den 70/80er Jahren.
5 Vgl.: Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. 2. Auflage. Stuttgart; Weimar: Verlag J.B. Metzler 2000. S.
260.
6 Morris entwickelte die für die Semiotik fundamentale Unterscheidung in Syntaktik, Semiotik und
Pragmatik.
7 Vgl.: Sebeok, T. A.: Perspectives in Zoosemiotics. The Hague: Mouton 1972. S. 132.
2
3. Zoopragmatik: Kommunikation, Funktion und Kanäle
Die Zoopragmatik untersucht „den Ursprung der Zeichen an der Quelle, dem Sender, die Verbreitung der Zeichen durch ein Medium oder einen Kanal und die Wirkung der Zeichen auf ihr Ziel, den Empfänger“ 8 . Des Weiteren lässt sich die Zoosemiose hierbei in den Bereich der Kognition, wobei es um die Zeichenverarbeitung von Tieren in der Interaktion mit ihrer Umwelt, die sogar ohne einen Zeichenproduzenten stattfinden kann, geht, und in den der Kommunikation, bei welchem die Interaktion zwischen Zeichenproduzenten und -rezipienten untersucht wird, unterscheiden.
Bei der kognitiven Zoosemiose nimmt das Tier einen Stimulus aus der organischen oder anorganischen Umwelt wahr. Die Wahrnehmung der Zeichen kann dabei sowohl beabsichtigt als auch unbeabsichtigt sein. Intentionale Kognition bezeichnet eine Situation einer Beobachtung. Beispielsweise Raubtiere auf der Lauer befinden sich in solch einer Beobachtungssituation. Dabei kann die Beobachtung auf Zeichen der belebten und unbelebten Umwelt gerichtet sein. Stammen die Zeichen aus der belebten Umwelt, ist es von Belang, ob sie von einem Zeichenproduzenten intendiert und somit kommunikativ sind oder ob sie nicht intendiert sind. Zum Beispiel ist die Spur, die ein Tier hinterlässt, ein nicht intendiertes Zeichen eines anderen Tieres. Die Kommunikation hingegen beginnt erst bei den beabsichtigten Zeichen. 9
Im Gegensatz zur Kognition setzt diese einen Zeichenproduzenten und einen Zeichenrezipienten voraus, wobei es meist eine Intention des Senders gibt, den Empfänger zu beeinflussen. Es lässt sich hierbei die intraspezifische von der intersprezifischen Kommunikationsform unterscheiden. In der intraspezifischen Kommunikation können Tiere der gleichen Gattung als Zeichenproduzent und -rezipient auch die gleichen Zeichen verwenden. Das heißt, im dialogischen Austausch der gleichartigen Zeichen kann der Sender auch zum Empfänger werden. Demzufolge ist diese Kommunikationsform symmetrisch. Beispielweise die Rufe und Antworten von Vögeln illustrieren diese symmetrische Kommunikation. Denn das rufende und das antwortende Tier verwenden den gleichen Kode akustischer Signale. Ein Gegenbeispiel, bei welchem die Kommunikation asymmetrisch verläuft, wäre die menschliche Kommunikationshandlung mit Appellcharakter (z.B. Aufforderungen, Befehle). Die interspezifische Kommunikation betrifft im Gegensatz zur intraspezifischen die Übermittlung und Rezeption von Zeichen
8 Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. 2. Auflage. Stuttgart; Weimar: Verlag J.B. Metzler 2000. S. 260.
9 Vgl.: Ebd. S. 265 f.
3
zwischen Tieren unterschiedlicher Gattungen. Diese Kommunikationsform gibt es in der natürlichen Umwelt zum Beispiel zwischen Raubtieren und ihren Opfern oder bei der Selbst- und Territorialverteidigung gegen artfremde Tiere. Klassische interspezifische Botschaften sind Drohungen, Täuschungen zum eigenen Schutz oder Aufforderungen. Die Tier-Mensch-Kommunikation ist ebenfalls interspezifisch, wobei ihre Hauptformen Domestizierung, Zähmung und Dressur darstellen. Weiterhin bleibt zu erwähnen, dass bei der interspezifischen Kommunikation die Zeichen für die Sender und Empfänger nicht immer die gleiche Bedeutung haben müssen. Wenn Täuschungen oder Mimikry 10 vorliegen, beabsichtigt der Zeichenproduzent sogar den Rezipienten zu täuschen, indem er den Anschein einer anderen Identität erweckt. 11
3.1. Kanäle der Zoosemiose
Innerhalb der Zoosemiose kann hinsichtlich der Zeichenproduktion und -rezeption zwischen verschiedenen Übertragungskanälen unterschieden werden. Da wären zunächst die chemischen Signale zu nennen, welche mit Hilfe von Chemorezeptoren, die sich in den Geruchs- und Geschmacksorganen befinden, wahrgenommen werden. Chemische Signale fungieren als indexikalische Zeichen, das heißt sie beziehen sich auf etwas mit dem Zeichen kausal Verbundenes, wie beispielsweise Strahlen auf die Sonne. Jene Signale identifizieren nicht nur Individuen einer Gruppe, sondern kennzeichnen auch Territorien. Sie verteilen sich nicht nur ungerichtet in der Luft, ebenso als Spuren auf dem Boden, welche Aufschluss über Richtungen im Raum eines bewegenden Tieres gibt. Chemische Signale weisen im Gegensatz zu akustischen Signalen eine größere Dauerhaftigkeit auf. Sie können zwar einen Empfänger in großer Distanz erreichen, erlauben jedoch nur eine geringe Variabilität der Botschaft. Störende Faktoren stellen bei diesen Signalen Wasser und Wind dar, da sie Spuren verwischen können. 12
Wie bereits genannt, dienen auch akustische Signale als Kommunikationskanal. Diese Signale können sowohl vokal als auch nonvokal produziert werden. Vokal werden Signale etwa bei Säugern im Kehlkopf oder bei Vögeln in der Syrinx 13 gebildet. Wogegen
10 Mimikry bezeichnet die Nachahmung wehrhafter Tiere durch nicht wehrhafte in Körpergestalt und
Färbung.
11 Vgl.: Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. 2. Auflage. Stuttgart; Weimar: Verlag J.B. Metzler 2000. S.
266 f.
12 Vgl.: Ebd. S. 267.
13 Syrinx bezeichnet den Stimmkopf des Vogels.
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Arbeit zitieren:
Rebecca Tille, 2011, Charakteristika von Tiersprachen, München, GRIN Verlag GmbH
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