1. Einleitung
"Dann kamen die Gammler. Sie probten keinen Aufstand, sie erhoben sich nicht. Sie legten sich nieder. Die jungen Helden waren müde. Sie kreierten die langsamste Jugendbewegung aller Zeiten: den Müssiggang." 1
Im Zuge der soziokulturellen Veränderungen während der „langen Sechziger Jahre“ 2 , entstanden immer wieder unterschiedliche gegenkulturelle Subkulturen, welche die gesellschaftliche Ordnung in verschiedener Weise und in unterschiedlichem Ausmass zu bedrohen schienen. Aber kaum eine andere Subkultur vermochte die breite Öffentlichkeit derart in Aufregung zu versetzen, wie dies die sogenannten Gammler taten, die sich zwischen 1965 und 1967 auf öffentlichen Plätzen westdeutscher Grossstädte trafen und ihre Zeit mit Herumsitzen und Nichtstun verbrachten. 3 Mit ihrer offen zur Schau gestellten Müssigkeit erregten sie Ärger und Neugier der Bundesbürger. 4 Dabei waren die Gammler weder aggressiv noch laut. Sie wollten die Welt nicht programmatisch verändern, sondern im Grunde nur in Ruhe gelassen werden. 5
Doch wer waren diese Jugendlichen, die gemäss einer Umfrage 56% der Westdeutschen zur Arbeit zwingen lassen wollten? 6 Wie konnte es also sein, dass diese neue jugendliche Sozialfigur mit langen Haaren, zerfransten Jeans und verschiedenfarbigen Socken 7 , die nur wenig politisches Engagement an den Tag legte 8 , in weiten Kreisen der westdeutschen Gesellschaft eine derart hysterische
1 Der Spiegel, 1966 / Nr. 39: Gammler in Deutschland, S. 75
2 Detlef Siegfried, Sound der Revolte. Studien zur Kulturrevolution um 1968, München 2008, S. 15
3 Daniel Gäsche, Born to be Wild. Die 68er und die Musik, Leipzig 2006, S. 69 - 70
4 Tina Gotthardt, Abkehr von der Wohlstandsgesellschaft. Gammler in den 60er Jahren der BRD, Berlin 2007, S. 2
5 Klaus Farin, Swinging Sixties. Beatmusik,Gammler, Provos und Hippies. http://www.bpb.de/themen/K2D2ZK,1,0,Swinging_Sixties.html / 20.11.2010
6 Gotthardt, Abkehr, S. 54
7 Gäsche, Born to be Wild, S. 69
8 Detlef Siegfried, Time is on my Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006, S. 400
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Reaktion auslöste, dass gar Bundeskanzler Ludwig Erhard meinte, dass, solange er regiere, er alles tun würde, um dieses „Unwesen“ zu zerstören? 9 Diese und andere Fragen sollen in vorliegender Arbeit beantworten werden. Der Fokus richtet sich dabei einerseits darauf, die subkulturellen Eigenheiten der Gammlerkultur zu umreissen und darzulegen. Andererseits soll aufgezeigt werden, welche Absichten die Gammler verfolgten und worin ihre soziopolitische Bedeutung lag. Dabei gehe ich von der These aus, dass die gesellschaftliche Bedrohung, die von den Gammlern ausging, primär darin lag, dass sie sich der Konformität der Wohlstands- und Leistungsgesellschaft demonstrativ entzogen.
Die Arbeit ist in drei Kapitel gegliedert. Nach dem ersten Teil - der Einleitung - werde ich im zweiten Kapitel - dem Hauptteil - die wichtigsten Charakteristika und Merkmale der Gammlerkultur wie soziale Zusammensetzung, Ideologie und Motive, Erscheinungsbild und kulturelle Praktiken ausleuchten. Weiter werde ich auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Reaktionen, die diese nonkonformistische Subkultur auslöste, eingehen. Eine kurze Zusammenfassung und das Fazit, welches nochmals Bezug auf die bereits erläuterte These nimmt, werden die Arbeit abschliessen.
1.1 Literatur zum Thema
Die Gammlerbewegung ist in der wissenschaftlichen Forschung bisher kaum untersucht worden. Die Aufmerksamkeit der Geschichtswissenschaft wird offenbar dermassen von der „68er-Bewegung“ beansprucht, dass ein grösseres Interesse für die Gammler bisher ausgeblieben ist. Entsprechend schwierig war es denn auch, geeignete Literatur zum Thema zu finden. Der überwiegende Teil der Literatur, die sich mit den Gammlern befasst, wurde bereits Ende der 1960er Jahre verfasst, also von Zeitzeugen. Besonders hervorzuheben sind die Werke „Der Untergrund“ von Walter Hollstein und „Gammler, Beatniks, Provos. Die schleichende Revolution“ von Margret Kosel. Obwohl beide Autoren den Gammlern unmissverständlich wohl gesonnen gegenüberstanden, sind ihre Ausführungen durchaus fundiert und beziehen auch zeitgenössische Statistiken mit ein. Kosels Buch ist auch insofern sehr wertvoll, als dass darin zahlreiche Interviews mit den Mitgliedern dieser Bewegung abgedruckt sind. Der aktuelle Forschungsstand zum Thema beruht im
9 Gäsche, Born to be Wild, S. 70
4
Wesentlichen auf zahlreichen Aufsätzen und der monumentalen Habilitationsschrift „Time is on my Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre“ von Detlef Siegfried und dem 2007 erschienenen Buch „Abkehr von der Wohlstandsgesellschaft. Gammler in den 60er Jahren der BRD“ von Tina Gotthardt. Tina Gotthardts Werk bietet einen umfassenden Überblick, sowohl über Selbstaussagen der Gammler, als auch über die zahlreich erschienen zeitgenössischen Berichterstattungen rund um dieses Phänomen. Neben diesen hier kurz erläuterten Hauptwerken existiert eine Vielzahl an Publikationen, die sich im Allgemeinen mit jugendlichen Protestbewegungen während der „langen Sechziger“ befassen und in dieser Arbeit ergänzend hinzugezogen werden. Ein Beispiel dafür ist das Werk „Beat - Die sprachlose Opposition“ von Dieter Baacke.
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2. Hauptteil
2.1 Die Gammler: Eine nonkonformistische Subkultur
2.1.1 Wer waren die Gammler?
Seit Mitte der 50er Jahre wurde der Begriff „Gammeln“ für „reduziertes Bewegungstempo“ oder „unterhaltsame, aber sinnlose Beschäftigung“ benutzt. 10 Als Gruppenbezeichnung wurde der Begriff Gammler vereinzelt schon 1964 verwendet, doch erst im Sommer 1965 begann die damit bezeichnete Subkultur vermehrt in der Öffentlichkeit aufzutreten. 11 Die Gammler waren ein internationales Phänomen und tauchten in vielen europäischen Grossstädten - wie beispielsweise Paris oder London - auf. In der Bundesrepublik entwickelten sich insbesondere in den Metropolen Berlin, München, Hamburg und Frankfurt grössere Gammlerszenen. 12 Bei Gammlern handelte es sich durchwegs um jüngere Menschen beiderlei Geschlechts, wobei Männer deutlich in der Überzahl waren. Sie waren in der Regel zwischen 16 und 24 Jahre alt - mit einem Schwerpunkt in der Altersgruppe zwischen 17 und 19 Jahren. Die soziale Zusammensetzung war breit gestreut. 13 Die Mehrheit der Gammler kam aus sozial besser gestellten Familien 14 . Sie hatten meist eine ordentliche Erziehung genossen und eine längere Schulausbildung oder Lehre hinter sich. Viele von ihnen haben studiert - häufig Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte oder Philosophie. 15 Doch obwohl die meisten von ihnen aus gutbürgerlichem Haus stammten, waren genauso Jugendliche aus der Arbeiterschicht unter ihnen zu finden. 16 Dies nicht zuletzt, weil die Gammler-Szene für Arbeiterjugendliche wesentlich leichter zugänglich war als studentische oder politische Gruppierungen, die durch ihren intellektuell geprägten Stil weniger gebildeten Jugendlichen kaum Zugang boten. Derartige Ansprüche wurden unter
10 Gotthardt, Abkehr, S. 27
11 Siegfried, Time is on my Side, S. 401
12 Margret Kosel, Gammler, Beatniks, Provos. Die schleichende Revolution, Frankfurt 1967, S. 81-116
13 Siegfried, Time is on my Side, S. 401
14 Gäsche, Born to be Wild, S. 71
15 Else Pelke, Protestformen der Jugend. Beatniks, Gammler, Provos, Hippies, Augsburg 1967, S.10
16 Gotthardt, Abkehr, S. 28
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Gammlern nicht gestellt. Daher konnte sich jeder hinzugesellen, der einer „Ästhetik des Nonkonformen“ emotional zuneigte. 17 Da besser gebildete Jugendliche mit gehobenem familiären Hintergrund in der Szene übervertreten waren 18 , passten die meisten Gammler nicht in das Klischee vom sozial desintegrierten Stadtstreicher, welches anfangs gerne verwendet wurde, um dieses neue Phänomen zu erklären. 19 Zum zahlenmässigen Umfang der Gammler gibt es nur Schätzungen. Der Spiegel taxierte ihn 1966 in Westdeutschland auf 800 bis 1000, in Europa auf 5000. Der Soziologe Walter Hollstein schätzte die Zahl der Gammler ein Jahr später auf 6000 in der Bundesrepublik und über 100’000 in Europa. Gemäss dem Sozialhistoriker Detlef Siegfried deuten diese nummerischen Diskrepanzen innerhalb eines Jahres darauf hin, „dass diese schwer zu fassende Gruppierung immer diffuser wurde“, je stärker spezifische Stilmerkmale von immer grösseren Teilgruppen der jungen Altersjahrgänge aufgenommen und integriert wurden. 20 Die Grenzen zwischen blossen Sympathisanten und „echten Gammlern“ waren fliessend, so dass auch unter den Gammlern selbst unklar war, wann genau man wirklich dazu gehörte. 21 Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, dass viele Jugendliche nur temporär „gammelten“. Dies trifft sowohl für jene „dezidierten Gammler“ zu, die nur für eine gewisse Zeit, zumeist nicht länger als ein oder zwei Jahre, aus dem bürgerlichen Alltag ausstiegen 22 . In noch bedeutenderem Masse aber auf jene Gammler-Typen, die Walter Hollstein als „Freizeitgammler“ und „Wochenendgammler“ definiert. 23 Damit waren jene Heranwachsenden gemeint, die sich nach der Arbeit oder Schule, vermehrt am Wochenende, an den Versammlungsorten der Gammler zusammenfanden 24 , um wenigstens in ihrer Freizeit „jener Welt zu entfliehen, die sie als beengend empfanden“. 25 Somit war das „Gammeln“ durchaus mit dem familiären oder beruflichen Alltag vereinbar und ermöglichte einer immer grösser werdenden Anzahl Jugendlicher, mit alternativen
17 Siegfried, Time is on my Side, S. 402
18 Ebd., S. 401
19 Gäsche, Born to be Wild, S. 71
20 Siegfried, Time is on my Side, S. 401
21 Gotthardt, Abkehr, S. 83
22 Siegfried, Time is on my Side, S. 402
23 Walter Hollstein, Der Untergrund. Zur Soziologie jugendlicher Protestbewegungen, Berlin 1970, S. 43
24 Siegfried, Time is on my Side, S. 402
25 Pelke, Protesformen, S. 8
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Lebenskonzepten zu experimentieren, ohne dabei ein allzu grosses Risiko eingehen zu müssen. Die Vorstellung, zumindest in der Freizeit aus dem von Schule und Beruf getakteten Regelwerk des bürgerlichen Lebens auszuscheren, übte eine starke Faszination auf viele Jugendliche aus und verlieh den Gammlern eine „suggestive Popularität“. 26
Was „Freizeitgammler“, „Wochenendgammler“ und „dezidierte Gammler“ trotz aller Unterschiede einte, war ein gemeinsames Unbehagen gegenüber der „bürokratisch brillianten, technisch perfekten, nach aussen nahtlosen Gesellschaft“ 27 , die „ihre Freiheit beschnitt, ihre Meinung vorbildete, ihre Zeit mit sinntötenden Beschäftigungen füllte und ihnen überall Fesseln anlegte“. 28
2.1.2 Leitmotive der Gammler: Nonkonformismus und Individualismus
Aus den verschiedenen Selbstzeugnissen, die in der Literatur zahlreich zu finden sind, geht hervor, dass die Motive der Gammler sich teilweise unterschieden. Einige nannten als konkretes Motiv Lebensfreude, andere sahen ihr Gammlerdasein als Ausdruck einer Weltanschauung. 29 Hauptsächlich wurde aber der Protest gegen die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse als Leitmotiv des „Gammelns“ genannt. 30 Jürgen Habermas stellt im Bezug auf die „68er-Generation“ fest; „Sie sind die erste Generation, die nicht mehr versteht, warum das Leben des einzelnen trotz des hohen Standes der technologischen Entwicklung nach wie vor durch die Ethik des Leistungswettbewerbs, durch den Druck der Statuskonkurrenz, durch Werte der possessiven Verdringlichung und der angebotenen Surrogatbefriedung determiniert ist.“ 31 Was Habermas hier generell auf die Jugendbewegungen der „68er“ bezieht, trifft auch - und vielleicht gar am treffendsten - auf die Gammler zu. Denn die Gammler lehnten jene Werte ab, die das soziale Leben in jener Gesellschaft dominierten: Arbeit, Autorität, Geld, Leistung, Konsum, Fleiss sowie Geschäftigkeit und suchten nach einem Sinn jenseits der Oberfläche des Materialismus. Sie
26 Siegfried, Time is on my Side, S. 402 - 403
27 Kosel, Gammler, S. 118
28 Hollstein, Untergrund, S. 43
29 Gotthardt, Abkehr, S. 33 - 39
30 Pelke, Protestformen, S.10-11
31 Jürgen Habermas, Protestbewegung und Hochschulreform, Frankfurt 1969, S. 170
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Kay Eskes, 2011, Gammler in der BRD, München, GRIN Verlag GmbH
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