1. Einleitung
Alles, was der Mensch sehen und fühlen kann, ist veränder- und wandelbar. Ein Baum zum Beispiel ist im Winter kahl und im Sommer trägt er grüne Blätter. Woher können wir annehmen, dass die Dinge, die wir sehen, real existieren? Entspricht der Baum, den wir sehen, der Wahrheit? Können wir als Mensch überhaupt ein Wissen erlangen, sodass wir exakt sagen können, dass der Baum, den wir sehen existiert? Ist das menschliche Wissen dass wahre Wissen?
In meiner Arbeit werde ich diese Fragen am Beispiel von Platons Höhlengleichnis versuchen zu beantworten. Ich werde besonderen Wert auf den Zusammenhang zwischen dem Höhlengleichnis, Platons Ideentheorie und Platons Verständnis des Wissens legen. Hierzu gehe ich zunächst auf das Leben und die Werke Platons ein. Dieser theoretische Aspekt dient einem besseren Verständnis meiner gesamten Hausarbeit. In meinem nächsten Kapitel werde ich den Wesensbegriff des Wissens nach Platon und seine Ideenlehre beschreiben. Hierbei werde ich nur knapp im Rahmen dieser Hausarbeit auf die beiden genannten Aspekte eingehen können, da der Zusammenhang an Bedeutung verlieren könnte und die Informationen den Rahmen meiner Arbeit sprengen würden. Das Höhlengleichnis werde ich in drei Schritte gliedern und es im Hinblick auf die Ideentheorie und Platons Verständnis des Wissens erläutern. Im darauf folgenden Kapitel werde ich auf Platon kritisch eingehen, um seine Argumente besser zu durchleuchten. Hierzu habe ich das „Dritter Mensch“-Argument von Aristoteles ausgesucht. Abschließend werde ich in meinem Fazit versuchen Platons Argumente, so wie die Kritik von Aristoteles kurz und knapp wieder zu geben, um anschließend über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten diskutieren zu können. Hierbei soll deutlich werden, ob die Menschen ein wahres Wissen erlangen können. Die Literatur zum Thema „Kann man wahres Wissen erlangen? - aufgezeigt am Beispiel des Höhlengleichnisses Platons“ ist innerhalb des Höhlengleichnisses, so wie zu der Ideentheorie sehr umfangreich. Für Platons Höhlengleichnis möchte ich das Buch „Der Gedanke der Bildung in Platons Höhlengleichnis“ von Peter Kauder hervorheben. Das Buch „Platon“ von Georg Römpp war mir besonders bei der platonischen Philosophie und insbesondere für die Ideentheorie eine große
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Hilfe. Über den Zusammenhang der Ideentheorie und Platons Verständnis des Wissens gibt es leider nur wenig Literatur.
Auch in der aktuellen Forschung sind die Unterscheidungen von Wissen und Meinung, bzw. der Idee Platons nicht ausreichend zur Sprache gekommen. 1 Insgesamt ist die aktuelle Forschung jedoch sehr zahlreich und fortlaufend. Für meine Arbeit musste ich dabei viele Literatur außer Acht lassen, da die Zahl der Forschungsansätze ins Unermessliche steigt.
2. Platon
„Die abendländische Philosophie besteht aus einer Reihe von Fußnoten zu
Platon.“ 2
Zu der Zeit von Platons Geburt 428/427 vor Christus herrschte in Athen die Epoche der Klassik. In Griechenland bestand die politische Einheit aus Polis, sogenannten Stadtstaaten. 3 In Platons Jugend kämpfte Athen im Peloponnesischen Krieg gegen Sparta (431 - 404) um die Führung in der griechischsprachigen Welt. Bis zu seinem Tod 348/347 vor Christus gerät Athen in verschiedene Kriege. Auch wenn einige Auseinandersetzungen mit einer Niederlage für Athen endeten, hieß das keine Beeinträchtigung der Kultur. 4
2.1. Platons Leben
Platon wurde im Jahre 428 oder 427 vor Christus in Athen geboren. Er stammte aus einer reichen und angesehen Familie. Einige seiner Familienmitglieder sind im Zusammenhang mit der Politik bekannt und tauchen in einigen Dialogen von Platon auf. Seine Werke zeigen kaum Informationen über Platon selbst.
1 Vgl.: Van Ackeren, Marcel: Die Unterscheidung von Wissen und Meinung in Politeia V und ihre
praktische Bedeutung. In: Van Ackeren, Marcel (Hrsg.): Platon verstehen. Themen und
Perspektiven, Darmstadt 2004, S. 94
2 Whitehead, Alfred North: Process and Reality, New York 1967, S. 63
3 Städtischer Siedlungskern mit dazugehörigem Umland und Kolonien an der Mittelmeerküste
4 Rehn, Rudolf (Hrsg.): Platons Höhlengleichnis. Das siebte Buch der Politeia, Mainz 2005, S. 208
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Informationen über ihn selber zeigt am besten die autobiografische Quelle „der Siebte Brief“ und Quellen aus dem Kreis seiner Schüler. 407 vor Christus schloss Platon sich als Schüler Sokrates an und wurde zu einem der engsten Männer, die Sokrates bei seinen philosophischen Gesprächen begleitete. Nachdem Sokrates 399 vor Christus angeklagt wurde und starb, tauchen nur noch sehr wenig Quellen über ihn auf. Die darauf folgenden Quellen zeigen drei Bildungsreisen nach Unteritalien, Sizilien und evtl. auch nach Kyrene und Ägypten. Vermutlich wollte Platon während seiner Reisen seine staatstheoretischen Überlegungen in die Tat umsetzen. Zwischen der ersten und letzten Reise, 387 vor Christus, gründete er seine eigene Schule mit dem Namen „Akademie“. Dies war die erste Schule mit einer höheren Bildung. In seinen letzten Lebensjahren verbrachte er viel Zeit in der Akademie und starb im Alter von 80 Jahren, 348/347 vor Christus. Die Akademie blieb auch nach seinem Tod das Zentrum der platonischen Philosophie. 56
2.2 Kurze Übersicht über Platons Werke
Nach dem Wissenschaftler Michael Erl kann man Platons Werke nur grob in drei Teile Gliedern: in frühe, mittlere und späte Dialoge.
Die frühen Dialoge entstanden etwa nach 399 vor Christus bis in die ersten Jahre nach der 1. Sizilienreise. Zu ihnen gehören die Werke über den Prozess des Sokrates (Apologia Socratis und Crito), die Sophistendialoge (Protagoras, Ion, Hippas I und II etc.), die aporetischen Definitionsdialoge (Laches, Charmides etc.) und Schriften wie Gorgias, Kratylos und Menexenos. Bei einigen Werken können die Wissenschaftler keine genaue Zeitangabe feststellen. Die zweite Einteilung, in die mittleren Dialoge, besteht aus den Ideendialogen (Phaidon, Politeia 7 , Phaidros etc.) und den Ideenkritschen Dialogen (Parmenides und Theaetetus). Platons letzte Werke heben sich durch ihre besonderen stilistischen Merkmalen hervor. Dazu gehören die Ideenkritischen Dialoge (Sophistes, Politkos und Philebus) und die
5 Vgl.: Römpp, Georg: Platon, Köln 2008, S. 113
6 Vgl.: Erler, Michael: Kleines Werklexikon. Platon, Stuttgart 2007, S. 10
7 Das umfangreichste Werk über den Staat und das Hauptwerk Platons, entstanden nach 387 v.
Chr.
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Ideendialoge (Timaios, Kritias und Nomoi). Insgesamt sind alle 25 Werke im Dialog verfasst und bieten dem Leser das Gefühl unmittelbar beteiligt zu sein. Platon hat mit seinen Dialogen Werke der Weltliteratur geschaffen. 8 Seine Philosophie prägt bis heute nicht nur die Philosophie, sondern auch die Ethik, die Kunst, die Erziehung, die Politik, die Theologie und viele andere Bereiche. Platon ist in uns, sofern wir von europäischer Kultur geprägt sind. 9
3. Das Wissen nach Platon
Wenn wir über Wissen reden, meinen wir oft Wissen, welches sich aus unseren Erfahrungen ableitet. Dieses Wissen ergibt sich im Alltag durch einzelne Zusammenschlüsse. Platon hingegen geht vom Wissen des Ganzen aus, welches das Wahrnehmbare überschreitet. Das Wissen soll nach Platons Ansicht zum Beispiel einen ganzen Gegenstand bestimmen und nicht nur ein Teil des Wesens, wie wir das in unserer Welt wahrnehmen. 10 Alles was wir jedoch nicht wahrnehmen können, kann nicht in unserer Welt vorhanden sein. „Es muss sich also um ein Wissen von einer dem Erkennen zugänglichen Welt „hinter“ der Welt der Erscheinungen handeln.“ 11 Gibt es eine Welt „hinter“ der Welt? Und warum können wir mit unserer heutigen Definition nicht ein ganzes Wesen bestimmen? Um diese Frage beantworten zu können und um Platons Definition besser verstehen zu können, werde ich im nächsten Abschnitt Platons Ideenlehre im Zusammenhang mit der Erkenntnis und dem Wissen vorstellen. Und anschließend diese im Hinblick des Höhlengleichnisses erörtern.
8 Vgl.: Erler, Michael: Kleines Werkelexikon. Platon, Stuttgart 2007, S. 7
9 Böhme, Gernot: Platons theoretische Philosophie, Darmstadt 2004, S. 4
10 Vgl.: Römpp, Georg: Platon, Köln 2008, S. 11
11 Römpp, Georg: Platon, Köln 2008, S. 11
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3.1 Platons Ideenlehre
„Mit den Ideen will Platon den Gedanken ausführen, dass die Wirklichkeit der Welt nicht für uns besteht.“ 12
Platon ist ein Dualist, denn er behauptet, dass es zwei geteilte Welten gäbe: die Welt des Sichtbaren und sinnlich Wahrnehmbaren und auf der anderen Seite die Welt des Unsichtbaren. 13 Alles was wir sehen können, sei in unser Sinnenwelt, ist veränderlich: Pflanzen, Tiere und Menschen wachsen und verändern stets ihr Aussehen. Das Wissen über solch ein veränderliches Seiendes bezeichnet Platon als „Episteme“. 14 Dieses Wissen hat Zugang zum Wesen des Seienden. Deswegen behauptet Platon, dass wir in der Sinnenwelt keine wahre Erkenntnis erreichen können, sondern lediglich Meinungen, die die wahre Erkenntnis nicht erfassen kann. Woher sollen wir wissen, dass zum Beispiel der Baum in unserem Garten immer derselbe ist, wenn er doch jeden Tag anders aussieht? Durch diese dauernden Veränderungen können wir keine ständige Beziehung zu den Dingen aufbauen. Platon behauptet auch, dass wir zu unserem eigenen Körper keine Beziehung aufbauen können oder ihn genau bestimmen können. 15 Nur die unveränderlichen Dinge, die „Ideen“ sollen uns wahre Erkenntnis ermöglichen. 16 Darauf hin stellt sich uns die Frage, was unveränderlich „Ideen“ sind und wie sie uns wahres Wissen ermöglichen sollen? Platon geht davon aus, dass es von allen Wesen eine sogenannte „Idee“ geben soll. 17 So spricht er von einer Idee des Schönen in seinem Werk Symposion und von den Ideen der Lebewesen und Pflanzen im Dialog Timaios. Diese Ideen kann der Mensch nicht mit seinen Sinnesorganen wahrnehmen. Im übertragenen Sinn kann man behaupten, dass die Ideen die Urbilder aller Gegenstände sind und die Gegenstände die Abbilder dieser. So gibt es zum Beispiel die Idee Pferd, die das Wesen des Pferdes vollkommen wiedergibt und die unterschiedlichen Pferde, die wir in unserer
12 Römpp, Georg: Platon, Köln 2008, S. 29
13 Vgl.: Phaed. 79a 6
14 Vgl.: Römpp, Georg: Platon, Köln 2008, S. 13
15 Vgl.: Römpp, Georg: Platon, Köln 2008, S. 13
16 Vgl.: Phaed. 79a 6
17 Vgl.: Phaed. 65c
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Arbeit zitieren:
Pia Brinkkoetter, 2009, Kann man wahres Wissen erlangen? - aufgezeigt am Beispiel des Höhlengleichnisses Platons, München, GRIN Verlag GmbH
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