I
Inhaltsverzeichnis................................................................................................................. Seite
1 Einleitung 1
2 Der 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland. 3
2.1 Der Aufstand vom 17. Juni und symbolträchtige Ereignisse 3
2.2 Die Reaktion der Medien in der Bundesrepublik auf den 17. Juni 4
2.3 Die politische Reaktion auf den 17. Juni. 6
3 Das Kuratorium Unteilbares Deutschland. 8
3.1 Die Gründung des Kuratoriums Unteilbares Deutschland. 8
3.2 Aufbau und Struktur des Kuratoriums 10
4 Die Aktionsformen des KUD. 11
4.1 Die politischen Phasen des KUD 11
4.2 Sensibilisierung der westdeutschen Jugend 13
4.3 Anstecknadeln 15
4.4 Licht und Feuer - die Feuersymbolik 17
4.5 „Fahnenstafetten der deutschen Jugend“ 18
4.6 Kundgebungen vor und am 17. Juni. 20
I
II
5 Fazit.................................................................................................................................. 22
Anhang………………………………………..……………………………………………….30
Literatur- und Quellenverzeichnis………………………………………………………..……34
II
1 Einleitung
Nach den Ereignissen des 17. Juni 1953 und dem für viele Bundesbürger unglücklichen Ausgang der Berliner Viererkonferenz beschlossen Adenauers deutschlandpolitische Gegner, dass man in der bundesrepublikanischen Gesellschaft den Wiedervereinigungswillen und die nationale Identität wachhalten müsse. Zur Koordinierung und Organisation dieses Vorhabens gründeten sie das „Kuratorium Unteilbares Deutschland.“ Mit sowohl spektakulären als auch unterstützenden Aktionen versuchte das KUD, sein Anliegen in die westdeutsche Bevölkerung zu tragen. In einem hohen Maße bediente sich das Kuratorium dabei nationaler Symbole sowie Rituale und versuchte Orten, Liedern und Handlungen eine nationale Konnotation zu verleihen.
Es fällt auf, dass in den hier betrachteten Jahren des öffentlichen Wirkens des KUD von 1954 bis 1968 die bundesrepublikanische Bevölkerung sich immer mehr mit den Symbolen ihres Staates identifizierte. So stieg der Anteil der westdeutschen Bevölkerung, der angab, sich über den Anblick der schwarz-rot-goldenen Fahne zu freuen, von 1950 bis 1961 von 23 % auf 45 %. 1
Auch die in der Bevölkerung grundsätzlich akzeptierte Hymne genoss in dieser Zeit eine rege Verbreitung. Im Oktober 1961 gaben 36 % der Teilnehmer einer Umfrage an, die Hymne in den letzten zwölf Monaten gehört zu haben, 20 % sogar innerhalb der letzten vier Wochen. 2 Um eventuelle Zusammenhänge zwischen den demoskopischen Befunden und der Arbeit des KUD verifizieren zu können, werden Reichweite und Symbolik der von dem Kuratorium maßgeblich beeinflussten nationalen Bewegung in dieser Arbeit erläutert. Dabei sollen folgende Fragestellungen näher analysiert werden: Welchen Einfluss besaß diese nationale Bewegung in der bundesrepublikanischen Bevölkerung? Wie versuchte sie, Ähnlichkeiten und Berührungspunkte mit dem Nationalismus der erst kurz zurückliegenden nationalsozialistischen Diktatur zu verhindern? Welche nationalen Symbole nutzte sie? In welche Traditionslinie stellte sie sich?
Um die Arbeit des KUD und insbesondere ihre symbolische Gestaltung analysieren zu können, muss man sich ebenso mit der medialen wie der politischen Interpretation des 17. Juni 1953 beschäftigen, nicht nur, weil der Aufstand bzw. seine mediale Präsens einigen Nationalsymbolen wie der schwarz-rot-goldenen Flagge oder dem Brandenburger Tor die für
1 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik: Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole,
Bielefeld 2008, S. 57.
2 Haus der Geschichte, S. 58.
ein wirksames integrierendes Symbol notwendige mystische Konnotation verlieh, sondern auch, weil das KUD den 17. Juni als einen Teil seiner Legitimation verstand und sich seine Öffentlichkeitsarbeit um den Feiertag am 17. Juni konzentrierte. Dementsprechend beginnt die Arbeit mit einer Analyse der medialen wie politischen Reaktionen auf den 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland. Nachdem sowohl die symbolische wie die politische Grundlage der weiteren Entwicklung verdeutlicht worden sind, werden kurz Entstehung und Aufbau des Kuratoriums vorgestellt. Darauf folgt eine Analyse der wichtigsten Aktionen des KUD. Besonderes Augenmerk liegt dabei sowohl auf der Reichweite der Aktionen als auch auf der Einbindung von Symbolen, Ritualen und national konnotierten Orten.
Während die Ereignisse und die politischen wie medialen Reaktionen auf den 17. Juni von der Geschichtsforschung in verschiedensten Facetten analysiert wurden, erfuhr das KUD hingegen kaum Beachtung. Lediglich Christoph Meyer 3 und Leo Kreuz 4 befassten sich eingehend mit dem Kuratorium und seinen Aktionen. Eine wissenschaftliche Diskussion oder differenzierte Forschungsansätze sind jedoch nicht zu finden. Der große Anteil an Archivalien und Quellen in der Arbeit von Meyer verdeutlicht, dass er in Hinsicht auf das KUD Grundlagenforschung betrieb. Während Kreuz eher die organisatorischen und strukturellen Aspekte des Kuratoriums beschreibt, konzentriert sich Meyer auf dessen Aktivitäten und wird dementsprechend oft herangezogen. Daneben ist besonders die Habilitationsschrift „Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland“ von Edgar Wolfrum 5 von Bedeutung. Auch wenn die Aktivitäten des KUD nur einen kleinen Teil seines Werkes einnehmen, beschreibt er dennoch ausführlich die durch die vom KUD dominierte Nationalbewegung verfolgten Traditionslinien.
Daneben bieten die in dem Band „Wir haben Brücke zu sein“ enthaltenen, editierten Reden von Jakob Kaiser 6 sowie die vom KUD herausgegebene Quellenedition „Widerstand gegen die Teilung “7 einen guten Einblick in das Selbstverständnis und die Arbeit des Kuratoriums. Jedoch muss man anmerken, dass „Widerstand gegen die Teilung“ keine wissenschaftliche Quellenedition darstellt, sondern vom Herausgeber nach Belieben und ohne Daten
3 Meyer, Christoph: Die deutschlandpolitische Doppelstrategie. Wilhelm Wolfgang Schütz und das Kuratorium
Unteilbares Deutschland (1954−1972), Landsberg am Lech 1997.
4 Kreuz, Leo: Das Kuratorium Unteilbares Deutschland. Aufbau, Programmatik, Wirkung, Opladen 1980.
5 Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg der bundesrepublikanischen
Erinnerung 1948−1990, Darmstadt 1999.
6 Hacke, Christian (Hrsg.): Kaiser Jakob. Wir haben Brücke zu sein. Reden, Äußerungen und Aufsätze zur
Deutschlandpolitik, Köln 1988.
7 Kuratorium Unteilbares Deutschland (Hrsg.): Widerstand gegen die Teilung. Eine Dokumentation, Berlin/Bonn
1966.
2
zusammengestellt und gekürzt wurde. Schlussendlich werden auch Audio-, Bild- sowie Videoquellen mit in die Arbeit einfließen. Sie verdeutlichen nicht nur die mediale Auseinandersetzung mit dem 17. Juni, sondern bieten einen Eindruck der Nutzung von Symbolen durch das KUD.
2 Der 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland
2.1 Der Aufstand vom 17. Juni und symbolträchtige Ereignisse
Die Streik- und Aufstandsbewegung des 17. Juni hatte am 16. Juni in Ostberlin ihren Ausgangspunkt. Dort hatten mehrere hundert Bauarbeiter als Protest gegen die im Mai 1953 beschlossene Arbeitsnormerhöhung um 10 % ihre Arbeit niedergelegt und demonstrierten vor den Büros der politischen Institutionen. Am 17. Juni erfasste die Streikwelle 701 Städte und Kommunen der DDR. Insgesamt beteiligten sich wohl eine Million Menschen an den Streiks und Demonstrationen, in Ostberlin allein 100.000 Menschen. 8 Ab Mittag begannen sowjetische Truppen und Einheiten der Volkspolizei, die Demonstrationen gewaltsam zu beenden. Der Aufstand vom 17. Juni war weder geplant war noch verfügte er über Führungspersönlichkeiten noch wurden einheitliche politische Ziele formuliert und verfolgt, deshalb gelang es den militärischen Kräften am Nachmittag des 17. Juni, die Oberhand zu gewinnen. 9 Jedoch kam es noch bis Ende Juni zu vereinzelten Streiks, die sich aber nicht auszubreiten vermochten. In der direkten Folge des 17. Juni wurden 6.000 Personen verhaftet. Mindestens 51 Demonstranten waren bei den Demonstrationen getötet worden. 10 Für die einsetzende mediale, politische und gesellschaftliche Interpretation des Aufstandes waren einige wenige sichtbare Ereignisse des 17. Juni entscheidend. Die Wahrnehmung konzentrierte sich zudem auf den Berliner Raum.
Der unbewaffnete Kampf der Aufständischen und das gewalttätige Verhalten der russischen Soldaten und T-34-Panzer waren schon um die Mittagsstunden über den Sender RIAS zu
8 Wolfrum, Geschichtspolitik, S. 67.
9 Fricke, Karl Wilhelm: „17. Juni 1953“ - Vorgeschichte und Verlauf, in: Engelmann, Roger/Kowalczuk, Ilko-
Sascha (Hrsg): Volkserhebung gegen den SED-Staat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953, Göttingen
2005, S. 54 ff.
10 Wolfrum, Geschichtspolitik, S. 67.
3
verfolgen. 11 Gerade die eingesetzten und gegen die meist friedlich Demonstrierenden vorgehenden sowjetischen Panzerstreitkräfte boten sich für die sinnbildliche Darstellung eines fremdgesteuerten Unrechtsstaates an. Daneben waren vor allem die Ereignisse rund um das Brandenburger Tor für die nachfolgende Interpretation in der Bundesrepublik von herausragender Bedeutung. Dort war es zum Durchschreiten des Tors von Ost nach West durch schwarz-rot-goldene Flaggen schwenkende Ostberliner gekommen. Dieses auf Fotografien festgehaltene Ereignis besaß einen hohen symbolischen Wert. Dazu trugen drei Elemente des Ereignisses und der produzierten Medien bei: das durchschrittene, auf der Grenze zwischen Ost- und Westberlin stehende Brandenburger Tor, die rebellierenden unbewaffneten Ostberliner und die mitgeführten schwarz-rot-goldenen Fahnen. Dieses Ereignis wurde in Westdeutschland widerspruchslos als Bekenntnis der Ostdeutschen zu Nation und Einheit interpretiert. 12
Als weiteres symbolträchtiges und für die Interpretation des Aufstands relevantes Ereignis gilt das Herunterreißen der roten Fahne vom Brandenburger Tor um 11.20 Uhr, das über den Sender RIAS mitverfolgt werden konnte. 13 An ihrer Stelle wurde von Demonstrierenden die schwarz-rot-goldene Fahne gehisst. Dieses Ereignis wurde, wie auch der Einsatz der sowjetischen Panzer, in der den Aufstand behandelnden Wochenschau in Wort und Bild thematisiert. 14
2.2 Die Reaktion der Medien in der Bundesrepublik auf den 17. Juni
Die bundesdeutschen Medien machten den 17. Juni zu einem Medienereignis, das in den nächsten Wochen in jedem Nachrichtenmedium dauerhaft präsent war. Insbesondere die Plötzlichkeit des unerwarteten Ereignisses sowie der mit dem Wissen vom Ausgang des Aufstands hoffnungslos wie mutig erscheinende Kampf gegen die Diktatur berührten einen Großteil der Bundesbürger. Der 17. Juni führte zu einer erneuten gesamtdeutschen Wahrnehmung. Die Aktualität und Bedeutung der deutschen Teilung wurde vielen, besonders denjenigen, die persönliche Kontakte zu Menschen in der DDR hatten, wieder schmerzlich
11 RIAS: Demonstranten zum Panzereinsatz und den Toten, RIAS, 17. Juni 1953. URL:
http://www.17juni53.de/material/otoene.html.
12 Wolfrum, Edgar: Der 17. Juni im nationalen Gedächtnis, in: Engelmann, Roger/Kowalczuk, Ilko-Sascha
(Hrsg): Volkserhebung gegen den SED-Staat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953, Göttingen 2005, S.
416 f.
13 RIAS: Bericht vom Brandenburger als die Rote Fahne entfernt wird, RIAS, 17. Juni 1953, URL:
http://www.17juni53.de/material/otoene.html.
14 Deutsche Wochenschau GmbH: Neue Deutsche Wochenschau 178 vom 23. Juni 1953. Brennpunkt Berlin.
URL: http://www.wochenschau-archiv.de.
4
bewusst. Diese emotionale Nähe zu den Ereignissen des 17. Juni wurde dabei, in Ermangelung eigener Erfahrungen, zweifelsohne über die Medien und insbesondere über die Art der Aufbereitung der Informationen erzeugt. Neben zahllosen „objektiveren“ und im Ton ruhigeren Berichten, Analysen und Reportagen war vielen Publizisten daran gelegen, ihre Leser bzw. Zuschauer emotional zu erreichen. So druckten Illustrierte wiederholt Bilderserien der Ereignisse. Die Motive waren oftmals identisch. Obligatorisch waren die von Unbewaffneten mit Steinen beworfenen russischen T-34-Panzer sowie das Durchschreiten des Brandenburger Tores durch Ostberliner mit schwarz-rot-goldenen Flaggen und das Herunterreißen der roten Fahne. Bewusst oder unbewusst wurden Szenen ausgewählt, die einen besonders hohen symbolischen Gehalt besaßen. Die komplexe Aufstandsbewegung wurde medial auf einzelne symbolträchtige Handlungen reduziert. 15 Augenzeugen und Erlebnisberichte waren stilistisch an die Kriegspropaganda des Zweiten Weltkriegs angelehnt und ähnlich antikommunistisch ausgerichtet. Dabei taten sich besonders die Institutionen der westdeutschen Arbeitervertretungen hervor, die den 17. Juni schnell zum Arbeiteraufstand deklarieren wollten. 16 Auch verschiedene Wochenschauen bedienten sich dieser bildlichen Elemente. Durch die Art der Berichterstattung wurde der 17. Juni den Bundesbürgern äußerst präsent, die Medien vermittelten den Eindruck, bei den Ereignissen selbst anwesend gewesen zu sein.
Die nationalen wie internationalen Medien stellten den Aufstand in die Traditionslinie des deutschen und europäischen Freiheitskampfes und bemühten dazu wiederholt Zitate aus den Befreiungskriegen. Die Bedeutung des 17. Juni konnte nicht groß genug erscheinen. Man sprach, 1918 und 1848 auslassend, von der ersten wirklichen deutschen Revolution und versuchte, über die Medialisierung der zahlreichen Gefängnisstürmungen während des 17. Juni bewusst eine Traditionslinie zur Stürmung der Bastille am 14. Juli 1789 zu begründen. 17 Neben dem revolutionär-freiheitlichen Deutungsmuster war ein einheitlich-nationales vorherrschend. Der 17. Juni wurde dabei als Bekenntnis zur Einheit der deutschen Nation gewertet. Die Bundesrepublik stellte innerhalb dieses Interpretationsmusters den legitimen, um die Einheit bemühten Teil der Nation dar. Zur Delegitimierung der DDR war dieser Ansatz antitotalitär ausgerichtet. Der 17. Juni wurde als Beweis dafür gesehen, dass das
15 Wolfrum, Geschichtspolitik, S. 69 f.
16 Wolfrum, Geschichtspolitik, S. 73.
17 Wolfrum, Geschichtspolitik, S. 76; Wolfrum, 17. Juni, S. 416.
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Marcel Stepanek, 2009, Das Wirken des Kuratoriums Unteilbares Deutschland. Reichweite und Symbolik der forcierten deutschen Nationalbewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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