Inhalt
1. Einleitung und Zielsetzung. 3
2. Aussagen Tomasellos zur geteilten Intentionalität und zu Gesten. 3
3. Grundinformationen zum Cyber-Mobbing. 10
4. Etwaige Negativierungen von Aspekten der „Wir-Intentionalität“
beim Cyber-Mobbing in sozialen Netzwerken. 13
5. Abschließende Betrachtung. 15
Literaturverzeichnis I
3
1. Einleitung
Das Seminar „Du, Ich, Wir: Einsichten in Kommunikation und Kooperation zwischen Menschen“, beinhaltete die Diskussion um moderne Forschungen des, gebürtig aus den Vereinigten Staaten stammenden, Leipziger Professors Michael Tomasello, welche sich auf dem Gebiet der soziologischen Anthropologie bewegen.
In diesem Essay möchte ich einige Aspekte Tomasellos wieder aufgreifen und sie in mögliche Verbindungen mit Handlungsweisen der Täter beim modernen Cyber-Mobbing in sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder facebook bringen. Empirische Studien, in welchen Täter- und Opferbefragungen stattfanden, sowie erläuternde Handreichungen zum Cyber-Mobbing sollen mir, neben Büchern von Michael Tomasello, dafür als Informationsgrundlagen dienen.
2. Aussagen Tomasellos zur geteilten Intentionalität und zu
Gesten
Einige Kernbereiche der Forschungen Tomasellos drehen sich um seine Untersuchungen zu der von ihm genannten geteilten Intentionalität oder auch „Wir-Intentionalität“ und der Verwendung von Gesten, genauer Zeigegesten und ikonische Gesten. 1
Tomasello beschreibt die Fähigkeit des Verständnisses von sozialen Beziehungen Dritter, welches lediglich die Primaten besitzen 2 , beschreibt den Um-stand, „dass Säugetierindividuen in sozialer Hinsicht nicht blind handeln, sondern vielmehr wirklich verstehen und repräsentieren, was sie tun“ 3 und das sich „Primaten selektiv bei ihrer Wahl von Koalitionspartnern“ verhalten. 4 Diese, wie auch die noch folgenden Aspekte aus Tomasellos Arbeit finden sich auch beim Handeln der Täter von Cyber-Mobbing Situationen wieder, allerdings
1 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp.
2 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 29
3 vgl. Tomasello, Michael. (2006). (ebd.).
4 vgl. Tomasello, Michael. (2006). (ebd.).
4
werden sie meines Erachtens entgegen einer, in der Regel für soziale Netzwerke üblichen und möglichen, moralischen Anwendung im gesellschaftlich positiven Sinne beim Cyber-Mobbing negativ und aus primitiven moralisch-rückschrittlichen Beweggründen angewandt. Ein Täter handelt beispielsweise, zwar nicht immer, aber doch sehr oft, nicht blind, sondern verfolgt ein Ziel mit seiner Tat. Ein Beispiel, welches Tomasello von der Beobachtung zweier Schimpansen durch einen Forscher wiedergibt, lässt hier vorab bereits die negative Qualität einer heimtückischen Tat, zu denen ja auch das Cyber-Mobbing gehört, erkennen. „beobachtete de Waal, wie eine Schimpansin wiederholt ihre Hand gegenüber einem Artgenossen in einer scheinbaren Geste der Beschwichtigung ausstreckte. Als der andere sich jedoch näherte, griff sie ihn an. Dies könnte ein Fall von Täuschung sein, der auch bei Menschen vorkommt: Der Täter will den anderen glauben machen, er habe freundliche Absichten, was in Wirklichkeit nicht der Fall ist.[…]Dieser Gebrauch eines etablierten sozialen Verhaltens in einem neuen Kontext ist gewiss eine sehr intelligente und möglicherweise einsichtsvolle, soziale Strategie zur Manipulation des Verhaltens anderer.“ 5 Weiter ist für das Cyber-Mobbing wichtig, dass Tomasello beschreibt, dass nichtmenschliche Primaten nicht anderen absichtlich neue Verhaltensweisen lehren. Seiner „Ansicht nach tun sie diese Dinge deshalb nicht, weil sie nicht verstehen, dass ihre Artgenossen intentionale und geistige Zustände haben, die möglicherweise beeinflussbar sind.“ 6 Außerdem „verstehen sie andere nicht als intentionale Akteure, die Ziele verfolgen. 7 […]Aber Menschen sehen noch etwas anderes. Sie verstehen einen Artgenossen als jemanden, der die Nahrung als Ziel anstrebt, und sie können versuchen, diese und andere intentionale und geistige Zustände, und nicht nur das Verhalten, zu beeinflussen.“ 8 In einem späteren Kapitel heißt es: „Das zentrale Argument besteht darin, dass wir es hier mit psychosozialem Wissen zu tun haben, das sich wesentlich von physischem Wissen unterscheidet. […] Wenn ein Kind sieht, wie ein Gleichaltriger etwas unter dem Sofa sucht, weiß es nach dieser Theorie, wie es sich anfühlt, wenn
5 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 33 f.
6 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 34
7 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 34 f.
8 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 35
5
man vergeblich nach etwas sucht, und es weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn man es schließlich an einem anderen Ort findet. Wenn das Kind sich also mit einem anderen identifiziert, versteht es dessen Verhalten aus der Innenperspektive. 9
Diese für die nicht-menschlichen Primaten unmöglichen Verhaltensweisen sind demnach bei Menschen möglich und lassen sich daher vermutlich ebenso auf das Cyber-Mobbing übertragen.
Zum Thema „Konkurrenz“, welches meiner Meinung nach ebenfalls stark in eine Cyber-Mobbing Situation hineinspielen kann, hält Tomasello fest: „Wenn umgekehrt ein Ereignis in einer Situation auftritt, in der die vermittelnde Kraft irgendwie blockiert ist, dann könnte man vorhersagen, dass die übliche Konsequenz nicht folgen wird. Ein Individuum könnte z.B. die Sicht des Konkurrenten auf den begehrten Gegenstand blockieren, oder es könnte einen Stein daran hindern, den Hügel hinunterzurollen, indem es einen anderen Stein unter ihn legt. Das kausale und intentionale Verstehen der Menschen hat also unmittelbare Folgen für wirksames Handeln, da es die Möglichkeit eröffnet, neue Wege der Manipulation oder der Unterdrückung vermittelnder Kräfte zu finden.“ 10 Es ist sehr wahrscheinlich, so denke ich, dass in einigen Situationen von Cyber-Mobbing eben genau dies stattfindet. Man könnte absichtlich versuchen Menschen auf „falsche Fährten“ zu locken, oder ihnen unwahre Dinge über andere, oft gemeinsame Bekannte aufzubinden. Auf die zuvor genannte „Wahl von Kooperationspartnern“ Bezug genommen, könnte man für das Cyber-Mobbing also auch annehmen, dass Täter sich bewusst die am besten geeigneten „Mittäter“ heraussuchen, die dann entweder absichtlich oder unbedarft Teil des Cyber-Mobbings gegen eine (oder mehrere) Opfer-Person(en) werden.
Im ersten Kapitel eines weiteren Buches geht Tomasello dann zu den Gesten über. Hier sind meines Erachtens besonders Zeigegesten und ikonische Gesten in einer Art virtuellen Form ebenfalls beim Cyber-Mobbing zu finden. Tomasello beginnt zunächst wieder die Unterscheidung zum Tier: „Versuchen Sie einmal, irgendeinem Tier im Zoo etwas Einfaches mitzuteilen. Teilen Sie ei- 9 vgl.Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 222
10 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 39
6
nem […]mit, seinen Körper >>so<< zu drehen, indem Sie ihm durch eine Geste Ihrer Hand oder Ihres Körpers zeigen, was er tun soll, […] Das Tier wird Sie nicht verstehen. Das liegt nicht daran, dass es nicht interessiert oder motiviert oder auf seine eigene Art intelligent ist, sondern daran, dass Sie Tieren einfach nichts mitteilen können, nicht einmal nonverbal, und auch nicht erwarten können, dass sie das Gesagte verstehen.
Menschen finden solche Gesten wie Zeigen und Gebärdenspiel gewiss völlig natürlich und durchsichtig: Schauen Sie einfach wohin ich zeige, und Sie werden sehen was ich meine. […] Touristen schaffen es in vielen Situationen innerhalb fremder Kulturen, in denen niemand ihre konventionelle Sprache teilt, zu überleben und erfolgreich zu interagieren, indem sie sich gerade auf solche von Natur aus bedeutungstragenden Formen gestischer Kommunikation stützen. 11 Es kann also, im Umkehrschluss zum genanten Zoobeispiel, festgehalten werden, dass die Zeigegeste für den Menschen in gleicher Situation mit einem Sinn verbunden wäre, welchem er auf gleicher „Wellenlänge“ wie der Signalgeber folgen könnte.
Tomasello führt weitläufiger aus: „Zeigen und Gebärden waren somit die entscheidenden Übergangspunkte in der Evolution menschlicher Kommunikation und beinhalten schon die meisten der nur beim Menschen vorkommenden Formen sozialer Kognition und Motivation, die für die spätere Schaffung konventioneller Sprachen erforderlich waren. 12
Diese Stelle ist denke ich auch insofern wichtig, da sie vermittelt, dass Menschen eine soziale Kognition besitzen, also auch sehr direkt Anteil an dem Handeln und den Gefühlen Anderer haben, da sie sich wirklich vergleichbar in deren Situation hinein versetzen können.
Auch dieser allgemeine Aspekt kehrt sich beim Cyber-Mobbing ins Negative, denn Täter vergessen oder beachten schlichtweg den Gedankengang des Opfers nicht ausreichend, obwohl es ihnen möglich wäre, etwa beim veröffentlichen eines für das „Opfer“ unangenehmen Fotos. Oder aber, sie blenden den Aspekt bewusst, und dann meist aus moralisch rückschrittlichen, also primitiven Beweggründen aus um entweder dem Betroffenen zu schaden, sich selbst Vorteile zu
11 vgl. Tomasello, Michael. (2009). Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Berlin: Suhrkamp. S. 12 f.
12 vgl. Tomasello, Michael. (2009). Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Berlin: Suhrkamp. S. 13
Arbeit zitieren:
Christian Johannes von Rüden, 2011, Täterhandeln beim Cyber-Mobbing, München, GRIN Verlag GmbH
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