Inhalt
1. Einleitung 2
2. Wortbedeutung und Entstehung 3
3. Mehrsprachigkeit ? 6
4. Merkmale des Petuh 7
A : Grammatikalische Kriterien: 8
B : Phonologische Merkmale 10
C : Spezielle Wörter und Ausdrücke (Beispiele) 11
5. Flensburger Petuh als Komikersprache 12
6. Petuh heute. 12
7. Auswertung der Fragebögen 13
8. Schlussfolgerungen 19
9. Kritik 20
10. Literaturliste: 21
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1. Einleitung
Geht man in Flensburg mit offenen Ohren durch die Innenstadt oder fährt mit dem Bus, so wird man häufig Ausdrücke und Sprachwendungen aufschnappen, die einem auf den ersten Blick vielleicht unverständlich oder „falsch“ vorkommen. Auch wird man sicherlich viele „verdrehte“ Sätze und eine seltsame Grammatik bemerken. Dieses für Flensburg typische Missingsch bezeichnet man als „Petuhtantendeutsch“, „Petuh-Schnack“ oder einfach nur „Petuh“. Der Name leitet sich wahrscheinlich von einer Partout- oder Dauerkarte ab, die man benötigte um auf der Flensburger Förde mit den „Butterdampfern“ auf Ausflugsfahrt zu gehen. Besonders vor dem ersten Weltkrieg eine anscheinend gerade für ältere Damen sehr beliebte Freizeitbeschäftigung. Persönliche Erfahrungen mit der Flensburger Stadtsprache konnte ich als Kind sammeln. Unvergesslich bleiben mir Ausdrücke meiner Großmutter wenn sie im Treppenhaus ihre Nachbarin fragte:
„Moin, meine Chuteste! Ohaueha, szind Szie schon wieder bei un machen Großrein?“ Als passende Antwort kam dann oft etwas wie: „Ja, abers ich szoll notwendig szehen und werden fertig. Ich szoll doch noch Fremde kriegen heute.“ Von solchen Schnäcken habe ich als Kind eine ganze Menge mitbekommen. Das zurzeit ein großes Interesse an den Flensburger Petuhtanten herrscht, kann man nicht zuletzt an einer Reihe neuer Veröffentlichungen sehen. Neben Renate Delfs, die 2008 eine neue CD mit dem Titel „Die Petuhtanten und ihre Nachbarinnen“ einspielte ist hier insbesondere W.L. Christiansen zu nennen, der ebenfalls 2008 „Aufchepickt: Noch ein neuer ein auf petuh. Cheszehn, chelezn un chehört, lustiches, aber auch achtersinniges“ veröffentlichte und neben anderen Büchern auf Petuh auch Herausgeber des „Petuh-ABC“ ist.
Wie sieht es aber heute in Flensburg aus? Wird dort immer noch Petuh gesprochen oder verstanden? Allgemein herrscht die Meinung, dass dieser Dialekt größtenteils ausgestorben sei. Stimmt das wirklich? Dieser Frage widmet sich die folgende Arbeit. Um den heutigen Gebrauch herauszufinden wurde an der Hebbelschule in Flensburg ein Fragebogen mit 39 Petuhausdrücken verteilt und ausgewertet. Zunächst soll jedoch ein theoretisches Fundamt gelegt werden. Im ersten Teil wollen wir uns die Wortbedeutung und Entstehung des Petuh genauer ansehen um dann später den Begriff der „Mehrsprachigkeit“ etwas näher beleuchten und uns dann die Struktur des
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Petuh vertieft anzusehen. Im dritten Teil werden dann die bereits erwähnten Fragebögen näher beschrieben und ausgewertet.
2. Wortbedeutung und Entstehung
Im Allgemeinen wir angenommen, dass sich das Wort Petuh von einer Partout- oder Dauerkarte ableitet die man benötigte um auf der Flensburger Förde vom 1. Mai bis zum 30. September für 26 Reichsmark 1 mit den „Butterdampfern“ unbegrenzt auf Ausflugsfahrt gehen zu können. Besonders beliebt war diese Beschäftigung bei älteren Damen - diese fuhren dann petuh.
Das Flensburger Petuh setzt sich, im Gegensatz zum Hamburger Missingsch, nicht nur aus Hoch- und Plattdeutsch zusammen, hinzu kommen noch Dänisch und Sønderjysk, das sogenannte Plattdänisch. Das in Flensburg gesprochene Petuh ist eindeutig mit dem Dänischen verwandt. Es basiert zum Teil auf der dänischen Grammatik (Satzbau) und einer Reihe von Danismen, ist jedoch vom Wortschatz her eher dem Plattdeutschen ähnlich, weshalb es auch dort eingeordnet und als Petuh-Tanten- Deutsch bezeichnetwird.
Das die Unterschiede zwischen den vier Sprachen doch recht große sind, soll an folgendem Satz demonstriert werden 2 :
Hochdeutsch: Gestern Abend saßen wir im Garten und aßen Abendbrot. Plattdeutsch: Güstern aabend seeten wi inne gaarn und eeten aabendbrot. Dänisch: I går aften sad vi i haven og spiste aftensmad. Sønderjysk: I gaajaus var vi i u eie kalko au fik nare.
Die Entstehung dieser „Sprachverwirrung“ ist eng mit der flensburger Geschichte verbunden. Bis zur schleswig-holsteinischen Erhebung im Jahre 1848 wurde das Herzogtum Schleswig mit Flensburg als Hauptstadt von Kopenhagen aus mitregiert. Der dänische König war gleichzeitig Herzog von Schleswig. Es gab aber eine große deutsche Gemeinde im Herzogtum Schleswig. Mit dem Sieg Dänemarks 1848 im ersten Schleswig-Holsteinischen Krieg wuchs der dänische Einfluss in Flensburg und
1 Christiansen (2006) S. 9. Delfs (2005) S. 14.
2 Sätze entnommen aus: Christiansen (2006) S. 9.
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Umgebung. 1864 wurde dann erneut um die Frage des Besitzanspruches Krieg geführt. Diesmal gewannen die von Preußen und Österreich unterstützten deutschen Schleswig-Holsteiner. Das Land wurde zu einer preußischen Provinz. Insbesondere für die Generation um 1850 kam es zu einem verwirrenden Sprachenmix im Alltagsleben. Zuhause sprach man Plattdeutsch, aber in der Schule wurde auf Dänisch unterrichtetoft von dänischen Lehrern die selbst kein Deutsch sprachen. Nach 1864 wurde dann überwiegend Hochdeutsch als Amts- und Verkehrssprache eingeführt. Kein Wunder also, dass verschiedene Elemente sich zu einem neuen Sprachbrei zusammenmischten.
Die oben genannten Probleme schildert Johann Ortmann in seinem Buch „Sind Kriege Notwendig?“ 3 . Dort schildert er, dass sein Vater aus einem Haushalt stammte in dem Plattdeutsch gesprochen wurde. Mit 10 Jahren kam dieser aber als Hütejunge in die schleswiger Geest wo Jütisch vorherrschte - von den Deutschen verächtlich Kartoffeldänisch genannt. Ortmanns Mutter hingegen stammte aus dieser Region und sprach als Muttersprache eben dieses Jütisch. Nach ihrer Konfirmation bekam sie eine Stellung in Angeln wo wiederum ein Plattdeutsch üblich war, welches aber noch auf einem starken dänischen Grund basierte. Über seine Muttersprache schreibt Ortmann:
„Unser Plattdeutsch war recht eigenartig. Man muss bedenken, dass im ersten
Jahrzehnt unseres Jahrhunderts Schleswig-Holstein erst seit rund vierzig Jahren zu
Preußen gehörte. Bis dahin hatte die Mehrheit der Bevölkerung Flensburgs Dänisch
oder Jütisch gesprochen, insbesondere die untere soziale Schicht. *…+ Vom Norden
Schleswigs *…+ drangen immer wieder dänische Vokabeln und auch dänische Syntax in
das Flensburger Plattdeutsch ein. Dieser Prozess entstand schon zwangsläufig durch
Knechte, Landarbeiter und jüngere Bauernsöhne aus dem nördlichen Schleswig, die in
der Werft- und Eisenindustrie Arbeit annahmen. So entwickelte sich in meiner
Heimatstadt [Flensburg] eine merkwürdige Mischsprache, die jetzt nur noch von sehr
4 alten Leuten gesprochen wird.“
Interessantes liest man auch in einem Brief vom 1. September 1845 von Peter Kristian Sicks, Oberlehrer in Odense, an Christian Flor, Professor in Kiel für die dänische Sprache. Dort heißt es:
3 Ortmann (1995)
4 Entnommen aus Christiansen 2006. S. 11. Seite 4 von 21
„Die [flensburger] Sprache ist doch nicht so ausschließlich deutsch, wie ich gedacht
habe. Die breite Bevölkerung spricht teils Dänisch, teils Plattdeutsch, teils eine
5 Mischung aus beiden Sprachen, die gebildete Schicht dagegen ist hochdeutsch.“
Schaut man sich Quellen zur Sprachforschung aus dieser Zeit an, so stellt man fest, dass die Frage, welche Sprache man in Flensburg spricht, schon damals unklar war. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Brief des Lehrers J. J. Callsen der im Januar 1880 einen Antwortbrief an Dr. Wenker in Marburg schrieb, welcher gerade mithilfe seiner später berühmten 40 Sätze den „Sprachatlas des deutschen Reiches“ verfasste. In diesem Brief sammelt Callsen bei seinen Nachbarn typische flensburger Redensarten und Ausdrucksweisen um diese kommentiert dem Antwortschreiben beizulegen. Als Begründung schreibt Callsen: „Wi mäten em [Wenker] noch en Breef mitschicken, un em nawisen, wodennich sik hier Dütsch un Dänisch mängelert.“ Außerdem findet sich im Antwortbrief die Aussage, dass die Flensburger ja gar keine eigene Sprache hätten, sondern einfach alles wild durcheinander sprächen. Da Callsen fühlt, er könne keine große Hilfe für Wenker sein schreibt er resigniert: „Awer unse Sprak is nich gut un warn klok ut.“ 6
Als spannende Quelle hat sich auch das Buch „Stadt an der Förde - Ein Heimatgruß an Flensburgs Söhne im Dienste der Wehrmacht“ herausgestellt. Dieses Buch wurde 1941 von der Stadt für Flensburger Soldaten herausgegeben und enthält unter anderem eine kurze Anekdote auf Petuh sowie eine „heitere Wortkunde“ der Flensburger Stadtsprache 7 . Bereits zu dieser Zeit ist das Wort Petuh-Tanten ein fester und anscheinend allgemein bekannter Ausdruck, denn zum Petuh-Tanten-Deutsch findet sich folgender Eintrag:
„Diese überaus glückliche, von andern Städten uns vielfach beneidete Flensburger
Sprachmischung aus Hochdeutsch, Niederdeutsch und Jütisch (Plattdänisch), ist
wissenschaftlich noch nicht hinreichend bis zu den letzten Tiefen erforscht. Stets neue
Überraschungen von Schönheitswert entfaltend, verdient diese charaktervolle
Sprechweise die genaue Festlegung der Harmonie ihres Aufbaues durch eine
Doktordissertation. Das „Petuh-Tanten-Deutsch“ (auch kurz „Flensburger Deutsch“
5 Christiansen 2006. S. 11-12.
6 Veröffentlich wurde dieser Antwortbrief zunächst in der Zeitschrift „Heimat“ (1920, S. 181 f). Er wurde
später an verschiedenen Stellen abgedruckt, u.a. bei Bock (1933, S. 306 - 309) und bei Selk (1982, S. 12
- 16)
7 Witt 1941, S. 42 - 53.
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Arbeit zitieren:
Jan Patrick Faatz, 2009, Petuhtantendeutsch - die flensburger Stadtsprache, München, GRIN Verlag GmbH
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