Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung 1
1. Das Thema des Stückes 2
1.1. Das Geschehen 2
2. Charakterisierung der Hauptcharaktere 4
2.1. Jean 4
2.2. Bérenger 7
2.3. Dudard 11
2.4. Botard 13
2.5. Daisy 15
2.6. Der Logiker 16
2.7. Nebenakteure: 18
3. Rhinocéros als politisches Theaterstück 19
3.1. Die Charaktereigenschaften im Hinblick auf die Gesamtaussage des Stückes 20
3.2. Die Allgemeingültigkeit und Aktualität des Stückes 23
Literaturverzeichnis 26
A. Text: 26
B Sekundärliteratur: 26
Vorbemerkung
In meiner Arbeit geht es darum, die Charaktere des Theaterstücks Rhinocéros näher zu analysieren, die gerade in diesem Stück Ionescos eine besondere Rolle spielen, da sie den Durchschnitt einer normalen Bevölkerung vertreten. Denn hier sollen besonders diejenigen Charaktermerkmale aufgezeigt werden, die für die Anfälligkeit der Personen für die „Rhinozeritis“, ausschlaggebend sind und die Gründe dafür liefern, warum es zu überhaupt zu einer Entwicklung eines totalitaristischen Systems kommen kann. Einer der Schwerpunkte ist auch die Rolle des Helden Bérengers, der als einziger versucht, sich dem Einfluß der Masse entgegenzustellen und anders als seine Bekannten zu handeln, obwohl auch er Schwächen zeigt. Wichtig war es mir, die Charaktereigenschaften mit möglichst vielen Zitaten aus dem Text zu belegen, da viele Aussagen mit ähnlichem Wortlaut in tatsächlich existierenden unterdrückenden Systemen des 20. Jh. von Leuten geäußert worden sind.
Im zweiten Teil zielt die Untersuchung darauf ab, zu zeigen, daß der Autor keine bestimmte Ideologie kritisiert und keine andere dafür entgegensetzt. Er kann nur jedem empfehlen, darauf zu achten, sich seine Persönlichkeit und seine Menschlichkeit nicht nehmen zu lassen, was ebenso auf die heutige Zeit übertragbar ist. Daher habe ich versucht, diese in den Aussagen Bérengers und im Negativbild der anderen Charaktere versteckten wichtigsten Ratschläge Ionescos herauszufiltern.
1
1. Das Thema des Stückes
Im Gegensatz zu früheren Stücken ist an diesem Stück bemerkenswert, daß die Handlung Sinn macht. Das Thema, die Ausbreitung der „Rhinozeritis“ in einer Kleinstadt, ist nicht abstrakt. Es ist realistisch, da in der Interpretation deutlich wird, daß es sich eigentlich um die Vermassung und Ausbreitung eines Totalitarismus handelt, was nur durch die Verbindung mit einem Element aus der Tierfabel verfremdet wird. Außerdem baut das Stück langsam eine Spannung auf bis zum Ende. Aus diesen und anderen Gründen, z.B. des Aufbaus, sagen viel, das Stück gleiche dem „traditionellen Theater“ 1 , gegen das sich Ionesco bis dahin so aufgelehnt hatte. Diesen Sonderstatus des Stückes muß man bedenken, da es Ionesco hier also sehr wohl um Inhalte und Sinn ging. Viel weist darauf hin, daß der Zuschauer sich in das Stück `hineindenken` soll, um bestimmte Erfahrungen zu machen.
1.1. Das Geschehen
Im ersten Akt tritt bereits das erste Nashorn auf einer Caféterrasse auf, das bei allen Leuten für große Verwirrung und Schrecken sorgt. Während ein älterer Herr und ein Logiker sich über logische Schlüsse unterhalten, versuchen Jean und Bérenger zu klären, woher das Tier kam. Außerdem kritisiert Jean das vernachlässigte Aussehen seines Freundes und seine Lebenseinstellung. Dann erscheint das zweite Nashorn und zertrampelt diesmal eine Katze. Nach dem Trauern um die Katze können sich die Anwesenden nicht darüber einigen, ob das Nashorn ein oder zwei Hörner hatte, ob es überhaupt dasselbe war und ob es aus Asien oder Afrika war. Jean und Bérenger streiten sich so heftig darüber, daß Jean wütend geht. Im zweiten Akt geht wird dann die langsam die Verwandlung aller Menschen in Rhinozerosse aufgezeigt. Im1.Bild dieses Aktes diskutieren die Angestellten der juristischen Kanzlei, in der Bérenger arbeitet, über die Existenz der Nashörner: der Volksschullehrer Botard hält sie für Pressegeschwätz und Mythos, obwohl Bérenger und
1 P.E. Knabe, „Rhinocéros“ in: Einführung in das Studium der frz. Literaturwisenschaft, Hg. W.D. Lange (Heidelberg, 1979), S.172.
2
die Sekretärin Daisy, in die Bérenger verliebt ist, von dem Rhinozeros erzählen, das sie mit eigenen Augen gesehen haben. Der Jurist Dudard unterstützt die beiden. Plötzlich erscheint die Frau des Angestellten M. Boeuf, die von ihrem Mann verfolgt wurde, der sich in ein Nashorn verwandelt hat und das Treppenhaus des Büros zertrampelt. Da sie ihn nicht verlassen will, stürzt sie sich zu ihm hinunter und wird auch Nashorn. Mittlerweile sind mehrere Fälle in der ganzen Stadt zu verzeichnen, wie von der alarmierten Feuerwehr zu erfahren ist, und mit deren Hilfe die Belegschaft aus dem Fenster flüchtet. Im 2.Bild: stattet Bérenger stattet seinem Freund Jean einen Besuch ab, um sich mit ihm zu versöhnen. Bald muß er miterleben, wie auch Jean sich nach und nach in ein Nashorn verwandelt
Im 3.Akt hat wird Bérenger von Dudard besucht, der versucht, den in Panik geratenen Bérenger zu beruhigen. Dessen Sorgen um Ansteckung kann er nicht verstehen. Aber Bérenger möchte sich nicht mit der Situation abfinden, da er zudem noch erfährt, daß nun auch der Bürochef Papillon ein Nashorn geworden ist. Er versucht, Gründe dafür zu finden. Bérenger übt Kritik an Dudards gleichgültiger Einstellung; er vergleicht ihn mit dem Logiker, der wie beide beobachten, auch eine Verwandlung durchgemacht hat. Daisy erscheint und erzählt, daß auch Botard zum Rhinozeros geworden ist. Später läßt Dudard sich auch nicht mehr zurückhalten, zu den Tieren überzulaufen. Danach macht Bérenger Daisy eine Liebeserklärung; die beiden beschließen, zusammen zu bleiben. Daisy versucht, den immer noch aufgebrachten Bérenger zu beruhigen. Nachdem beiden klar ist, daß die Rhinozerosse bereits Behörden und Rundfunk eingenommen haben, stellen sie fest, daß sie nun noch die einzigen Menschen sind. Sie streiten heftig darüber, ob es sinnvoll ist, Widerstand gegen die Tiere zu leisten. Dann versöhnen sie sich kurz wieder. Aber obwohl Daisy Bérenger liebt, kann sie sich nicht gegen die Rhinozeritis wehren. Bérenger ist nun alleine. In seiner Verzweiflung wünscht er sich bald, auch so zu sein wie die Tiere, obwohl er sich nicht mehr verwandeln kann. Aber nach dieser Krise und den Zweifeln faßt er den Entschluß, nicht aufzugeben und sein Menschsein bis zum Ende zu verteidigen.
3
2. Charakterisierung der Hauptcharaktere
Die Handlung des Stückes wird bestimmt durch die Reaktion der Personen auf das erste und die weiteren Rhinozerosse, das heißt die fortschreitenden Verwandlungen. Wichtig dabei ist, daß die Gründe für die Verwandlungen, die Anfälligkeit für ein „totalitäres Gedankengut“, 2 durch die unterschiedlichen Charaktereigenschaften der einzelnen Personen motiviert werden, die meistens schon am Anfang angedeutet werden. Die äußere Metamorphose zu dem häßlichen Tier Nashorn entspricht dabei einer inneren: der Mensch verliert seine Persönlichkeit, das, was ihn als Menschen ausmacht. Er folgt nun nur noch der Herde, dem Ruf der Masse der Rhinozerosse, welche die Macht an sich genommen haben
Auffällig ist, daß die dargestellten Figuren in diesem Stück nicht mehr austauschbar sind in dem was sie sagen und tun, - so wie etwa in Ionescos „Cantatrice chauve“sondern ihr Charakter wird im Stück skizziert, obwohl weniger im Detail. Sie tragen „realere, menschlichere Züge“ 3 als in Ionescos anderen Theaterstücken. Sie werden typisiert, alle Personen könnten repräsentativ für den Durchschnitt einer Bevölkerung stehen. Jeder Charakter besitzt eine andere Eigenschaft, die später zur Verwandlung führt. Und die Austauschbarkeit von Personen, die sonst Ionescos Stücke kennzeichnet, findet sich hier in der Masse der unterdrückenden Nashörner wieder: „Ils sont tous pareils, tous pareils!“ (S.218). 4
2.1. Jean
Die Eingangsszene beschreibt sein Äußeres hinreichend: Jean ist „soigneusement vêtu“ (S.14), das heißt er tritt sehr geschniegelt und korrekt mit Anzug und Krawatte gekleidet auf. Denn er ist ein sehr eitler Mensch; seine Charaktereigenschaften werden dem Zuschauer besonders durch die Dialoge mit Bérenger deutlich. Er ist ziemlich arrogant, besonders seinem Freund gegenüber, den er wegen seiner Lebens-
2 WolfgangLeiner, Ionesco, Rhinocéros, in: J. v. Stackelberg (Hg.), Das frz. Theater vom Barock bis zur Gegenwart (Düsseldorf 1968, Bd.2), S.344.
3 Ebd S.348.
4 Die nachfolgenden runden Klammern beziehen sich alle auf „Rhinocéros“ von Eugène Ionesco (Editions Gallimard, 1959).
4
einstellung und seinem Erscheinungsbild kritisiert: “C´est lamentable, lametable! J´ai honte d´être votre ami.“(S.19).
Denn Jean vertritt die Meinung, daß ein ordentlicher Mensch sich der Gesellschaft anpassen muß. Das fängt schon mit dem Einhalten von Pünktlichkeit an, denn Jean beschwert sich, er müsse immer auf Bérenger warten. Letzterer befinde sich in einem „triste état“ (S.16), da er trinkt und nicht so gepflegt herumläuft. Jean behandelt ihn wie ein Kind und verlangt streng, er solle sich rasieren, die Krawatte und den Kamm nehmen, die er als guter Bürger stets in Reserve bei sich hat, was auch zeigt, daß er diese Dinge wohl für unerläßlich hält; er macht ihn spitz auf sein schmutziges Hemd und die ungewachsten Schuhe aufmerksam (S.16-19).
Des weiteren soll Bérenger gebildeter, ein „homme cultivé“ (S.54), werden, sich um seine Angebetete Daisy bemühen, seine gleichgültige Einstellung zum Leben bzw. seine Moral ändern: er soll sich mit dem täglichen Leben und der Arbeit abfinden, mehr Entschlossenheit und Selbstbewußtsein zeigen, wobei der Zuschauer den Eindruck gewinnen muß, daß Jean die Freundschaft mit Bérenger nur pflegt, um seine eigene Überlegenheit ihm gegenüber zu demonstrieren. Schon wenn er ihn wegen seiner Kleidung kritisiert, zeigt seine Gestik, daß seine eigene Erscheinung tadellos ist, eben wie es sein muß. Er ist sehr überzeugt von sich und eingebildet: „Bérenger, regardez-moi. Je pèse plus que vous.“.
Er ist eben ein „homme mésuré“ (S.59) und versucht, Bérenger seine angebliche „force morale“ (S.44) zu zeigen. Am besten kennzeichnet ihn folgendes Zitat: „L´homme supérieur est celui qui remplit son devoir.“ (S.20). “ Dies zeigt, daß er ein Ideal hat, vielmehr eine von der Gesellschaft aufoktruierte Norm, an die man sich anpassen muß, nur diese ist für ihn gültig. Knabe bezeichnet diesen Charakter des Stückes deswegen auch als „autoritätsbezogenen Konservativen“ 5 , und Leiner spricht von einer „konformistischen Haltung“ Jeans, die sich darin niederschlägt, auch seinen Freund so einheitlich machen zu wollen wie oben beschrieben. Seine große Intoleranz verbietet ihm, Individualisten wie Bérenger so zu akzeptieren wie sie sind und auch andere Meinungen gelten zu lassen. Zu seinen schlechten Eigenschaften gehört so auch, daß er sehr aufbrausend wird, wenn eine andere Ansicht als seine eigene für richtig gehalten wird. Die Regieanweisung sagt, er ist „hors de
5 P.E. Knabe, S.169.
5
Arbeit zitieren:
Eva Neuhaus, 1998, Charakterisierung der Figuren in Ionescos "Rhinocéros" im Hinblick auf seine Totalitarismus- und Ideologiekritik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Fantastische in Maupassants "Le Horla"
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
"Phèdre" und "Andromaque". Zwei Tragödien von Jean...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Victor Hugos Hernani: Dramentradition vs. Romantische Revolte
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 31 Seiten
Strukturkonservative und strukturinnovative Gruppenarbeit in der Autom...
BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit, 21 Seiten
Zu: Monika Marons "Flugasche" - der Sozialismus als ein Syst...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Politische Gedichte in Ost und West - Gedichtvergleich von Bertold Bre...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Seminararbeit, 25 Seiten
Eogène Ionesco: Funktion der Bonnes bzw. der Ménagère in seinen Stücke...
La Cantatrica chauve, La Lecon...
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Zentrale Themen in Emile Zolas 'Germinal'
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 21 Seiten
Der Frontalunterricht als Unterrichtsmethode in Theorie und Praxis
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Sachbücher für Kinder und Jugendliche - Theoretische Grundlagen
Bibliothekswissenschaften, Information Science
Referat (Ausarbeitung), 18 Seiten
Gustave Flauberts "Madame Bovary" und das Erbe der Romantik
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Voltaires Micromégas, ein Beispiel für Relativismus in der Aufklärung
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Französisch in der Schweiz und im Aostatal
Romanistik - Französisch - Linguistik
Seminararbeit, 17 Seiten
Gründe aggressiven Verhaltens - Untersuchung allgemeiner Bedingungsfak...
Psychologie - Sozialpsychologie
Diplomarbeit, 85 Seiten
Die komische Konfliktsituation in Molières "Le Misanthrope ou l...
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Eva Wimmer hat den Text Charakterisierung der Figuren in Ionescos "Rhinocéros" im Hinblick auf seine Totalitarismus- und Ideologiekritik veröffentlicht
Eva Wimmer hat einen neuen Text hochgeladen
Ionescos Protagonist - der Protagonist Ionesco
Unbequeme Wahrheiten und psych...
Margot Gramlich-Weinbrenner
The Asiatic One-horned Rhinoceros (Rhinoceros unicornis)
In India and Nepal- Ecology, M...
Satya Priya Sinha, Bitapi C Sinha, Qamar Qureshi
Star Heroes Collector 2006 - Katalog für Star Wars und Star Trek Figur...
Internationale Version
Axel Hennel, Michael Steiner
MISCELLANEA - I LIBER DE CAUSI
A Pattin
0 Kommentare