Wir scheinen in unruhigen Zeiten zu leben. Schlagworte wie Bankenkrise, Arbeitslosigkeit und die Ver- bzw. Überschuldung, nicht nur einzelner EU-Staaten bis zu ihrem drohenden Bankrott, kennzeichnen die aktuellen internationalen Nachrichtensendungen. Das wirft bei vielen BürgerInnen auch die womöglich bange Frage nach der Stabilität des (ihres) Lebens und der Planbarkeit von Lebensläufen auf. Diese Planbarkeit und Vorhersehbarkeit auf der Mikroebene ist für zumeist wichtige Lebensentscheidungen, wie der Gründung einer Familie oder einer langfristigen finanziellen Investition (in z.B. eine Immobilie oder ein Unternehmen) und damit auch für den Sozialstaat von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung. Viele der bereits genannten Unsicherheitsfaktoren werden, wenn nicht bereits am EU-Beitritt, dann doch nicht zuletzt an der „Globalisierung“ festgemacht. Es sei hier damit der Frage nachgegangen in wie weit diese Globalisierungseffekte tatsächlich Einfluss über eine internationale Makroebene auf unser Leben haben oder haben können (z.B. in Form einer Standardisierung der Kultur), bzw. in wie weit sich die Gesellschaft hier wirklich, gemessen an seinen spürbaren und tatsächlichen Effekten und nicht lediglich an seiner Namensgebung oder Begrifflichkeit, mit einem wirklich neuen Phänomen auseinandersetzen muss. Dabei darf der Begriff „Globalisierung“, mit all seinen aktuellen Konnotationen und hinsichtlich der Brauchbarkeit zur Beschreibung der folgenden Prozesse, durchaus in Frage gestellt werden.
Einige für moderne Gesellschaften besonders sensible Bereiche sind, wie bereits angedeutet, die Wirtschafts- und Arbeitsmärkte, dem anerkanntermaßen eigentlichen Motor für die Globalisierung. Mögliche oder bereits manifeste Auswirkungen in eben diesen werden in Birgit Mahnkopf´s 1 Publikation zum Thema „Zukunft der Arbeit: Globalisierung der Unsicherheit“ näher betrachtet. Wobei hier der Titel tatsächlich auch „Programm“ ist, es darum geht in wie weit wir nicht nur unruhigen, sondern auch unsicheren Zeiten, selbst auf der Mikroebene des individuellen Lebenszuschnittes, entgegengehen.
Ausgehend von der Arbeit und der Sicherheit in den goldenen Jahren des Kapitalismus, damit wird die Zeitspanne ab 1945, bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein charakterisiert,
1 Mahnkopf, Birgit, Dr. rer.pol., habil., Professorin für Europäische Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Zuvor Vertretungsprofessur im Fach Soziologie an der Technischen Hochschule Darmstadt, langjährige Forschungstätigkeit am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und an der Sozialforschungsstelle Dortmund sowie Lehrtätigkeit am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: Internationale Politische Ökonomie; Globalisierung, menschliche Sicherheit und öffentliche Güter; Probleme der europäischen Integration; Arbeitsbeziehungen und internationale Gewerkschaftspolitik; Bildungs- und Gesellschaftspolitik. (Vgl. http://www.ipe-berlin.org/fileadmin/user_upload/cv/cv_mahnkopf.pdf , abgerufen 03.07.2010)
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beschreibt Sie die Geschichte der gesellschaftliche Entwicklung und politischen Institutionalisierung der bis dato bekannten „Normalität“ der Arbeitsmärkte in die die nationalen Regelmechanismen in das freie Spiel der jeweiligen Marktkräfte eingriffen. Diese Wahrnehmung von einer gegebenen intrinsischen sozioökonomischen Sicherheit änderte sich, als in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts zunehmend vermehrt konstitutive Elemente des Finanzkapitalismus Einfluss nahmen. Durch den im Jahre 1989 zusammenbrechenden realexistierenden Sozialismus wird dem Kapitalismus der einzige noch vorhandene Antagonist entzogen und dieser damit konkurrenzlos. Mit der damit einhergehenden Liberalsierung werden somit bisher erworbene soziale Rechte und deren Sicherheiten zunehmend ebenso zur Disposition gestellt, insofern kapitalpolitische Interessen nur gegen diese durchgesetzt werden können. Die Schlussfolgerung aus dieser Destabilisierung der formellen „normalen“ Arbeitsverhältnisse manifestiert sich in einer Zunahme der Informalität auf den Arbeitsmärkten.(vgl. Mahnkopf 2003: 64, 65) .
Unabhängig vom Strukturwandel der westlichen Industrienationen, ist ebenfalls auf globaler Ebene seit den 90er Jahren eine deutliche Zunahme der illegalen bzw. informellen Beschäftigungsverhältnisse festzustellen, wobei die informelle Arbeit deutlich größere Anteile als die formelle Arbeit besitzt, Tendenz weiterhin steigend. Inzwischen kann davon ausgegangen werden, dass selbst in den westlichen Industrienationen der Anteil der „schwarz“ oder prekär beschäftigten Personen etwa ein Viertel aller Arbeitsverhältnisse ausmacht. Genaue Zahlen sind auf Grund des Sachverhaltes per definitionem schwierig zu erhalten, da diese sich statistischen Erhebungen entziehen. Diesbezügliche Schätzungen basieren daher auf der sogenannten Bargeldmethode oder dem Energieverbrauch. Speziell die Arbeitsleistung von Frauen, traditionell in den „unbezahlten“ Reproduktions- und Pflegeberufen (schwarz bezahlte Putzhilfen etc.) engagiert, ist so kaum zu erfassen. Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts scheint das „decent work“ (Normalarbeit mit den daran gekoppelten Sozialversicherungen) in den meisten Ländern der Welt zum Privileg einer sozialen Minderheit geworden zu sein. Die Dynamik globaler Transformationsprozesse favorisiert das Entstehen von „Ein-Personen-Unternehmen“, prekären Beschäftigungsverhältnissen und neuen Formen von (schein-)Selbstständigkeit bis hin zu den „working poor“ (nicht existenzsichernder Arbeit), (Vgl. Mahnhaupt 2003:65-68). „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat diese existenzielle Unsicherheit selbstverständlich andere Ausdrucksformen als am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts; heute geht diese Erfahrung mit Zukunftsangst und der Angst vor dem »sozialen Absturz« einher, mit physischem
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und psychischem Stress, der sich zu veritablen Krankheitsbildern verdichtet, mit Entwürdigung, Demütigung und Armut in der Erwerbsarbeit.“ (Mahnhaupt 2003:69). Dass dies natürlich ein stark westlich und industriestaatlich geprägter Blickwinkel ist und keinesfalls sich als solcher in der zweiten und dritten Welt manifestiert macht folgender Abschnitt deutlich: „Doch nur in der Zusammenschau (eben auch in der Betrachtung von nicht OECD 2 Staaten) lassen sich die Informalisierung und Prekarisierung der Arbeit als graduell abgestufte Ausdrucksformen der Globalisierung von Unsicherheit entschlüsseln“ (Mahnhaupt 2003:69). Weiter führen global institutionalisierte Strukturen (z.B. Freihandelszonen) zu einer Akkumulation von globalem Wettbewerb, dem nur durch intensivere Arbeitsteilung und höhere Produktivität und damit auch dem Freisetzen von „überflüssigen“ Arbeitskräften entsprochen werden kann. Bei nicht vorhandener oder mangelhafter Sozialversicherung bleibt diesen Personen nur mehr der Weg in die informalisierte Arbeit mit entsprechenden Folgen für die Staatsfinanzen. Damit ist die Informalisierung auch ein Resultat des Scheiterns an selbst auferlegten Sachzwängen und Normenkonflikten, andererseits leider ebenso eine faktische Lösung für die Arbeitsmarktkrise. Nutznießer sind dadurch wiederum global agierende, internationale Unternehmen, die über „outsourcing“ und „subcontracting“ auf die „self- employed“ desinformellen Sektors zugreifen und somit eine weitere Möglichkeit der Steigerung von Wettbewerbsfähigkeit (Senkung der Kosten, Steigerung der Flexibilität) nutzen. Diese scheinbar positiven Effekte, werden um den Preis hoher und wachsender sozioökonomischer Unsicherheit in den Arbeitsmärkten erzielt, mit den o.g. Auswirkungen.(Vgl. Mahnhaupt 2003: 70-71)
Damit ist die Informalisierung eine Begleiterscheinung von Strukturanpassungsprogrammen und (neoliberalen) Deregulierungen. Als Ausdruck einer strukturellen Veränderung im globalen Verhältnis hat sie Rückwirkungen auf die nationalen und regionalen Ökonomien hinsichtlich der neuen Anforderungen einer weltweiten Wettbewerbsfähigkeit. (Vgl. Mahnhaupt 2003:69) „Die betriebswirtschaftliche Rationalität des kapitalistischen Einzelunternehmens wird zur Blaupause für die Gesellschaft insgesamt“ (Negt 2002, S.14) fasst die weiter oben beschriebenen Gegebenheiten durchaus prägnant zusammen.
Dabei ist leicht einzusehen, dass die momentane geopolitische Situation einer derart liberalen Ökonomie in o.g. Sinne sicherlich kaum Widerstand in Form von etablierten nationalen
2 OECD = Organisation for Economic Co-operation and Development. 31 Mitgliedstaaten, die sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet fühlen. Die meisten OECD-Mitglieder gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und gelten als entwickelte Länder.
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Institutionen und Gesetzes- bzw. Regelwerken, zumal diese auf globaler Ebenen akkordiert sein müssten um wirksam zu sein, entgegen setzt. Fraglich ist auch, in wie weit derart demokratieschwächende Strukturen und Prozesse (da auf einem zunehmend desavouierten, verunsicherten und auch verängstigten Wählervolk) basierende Entscheidungen in der Lage sind dem entsprechend effektiv entgegenzusteuern, so die momentanen Verhältnisse durchaus den Bedürfnissen von Konzernen bzw. dem Kapitalmarkt entgegenzukommen scheinen.
Nachdem im vorigen Abschnitt die Arbeits- und Wirtschaftsmärkte analysiert wurden, stehen im Folgenden die Fragen nach einer möglichen Globalisierung der Politik bzw. der daraus resultierenden Staatsformen im Zentrum. D.h. in wie weit könnte eine diesbezügliche mit der Globalisierung einhergehende Standardisierung (Diskussionen, die bereits auf der Ebene der EU-Beitritte geführt wurden und werden) sowie deren Auswirkungen auf die bestehenden bzw. tradierten politischen Strukturen der Mesoebenen, einem akzeptablen Umgang und Integration von „nationalen“ Kulturen und Identitäten überhaupt gerecht werden.
Schon im Titel seiner Publikation polarisiert, “The two axial principles of our age - tribalism and globalism - clash at every point except one: they may both be threatening to democracy”, und postuliert Benjamin R. Barber 3 eine in zwei Welten geteilte Gesellschaft - „Jihad Vs. McWorld“, in dem er mit vielfältiger Konnotation belegte Begriffe verwendet. McWorld steht dabei für eine Globalisierung bzw. Standardisierung der (politischen) Kultur in westlichem Wertemaßstab, die im wesentlichen auf 4 Imperativen beruht: Dem des Marktes - nach Marx/Engels müssen Märkte wachsen, auch über nationale Grenzen hinaus. Dies bedingt neben Freihandelszonen auch frei konvertierbare Währungen, gestützt durch international gültiges Vertragsrecht sowie international übergreifende Institutionen. Folglich wird die Nationalstaatlichkeit mit ihren jeweiligen Regierungsformen zunehmend bedeutungsloser. Das betrifft auch jede Demokratie mit ihren Bürgerrechten. Diese würden sich dann lediglich auf das Recht zum Konsum reduzieren.
3 Benjamin R. Barber, Ph. D., Professor für Zivilgesellschaft an der Universität von Maryland und Vorsitzender Democray Collaborative. Er ist einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler der USA und war innenpolitischer Berater der Clinton-Regierung. Mit seinem in vielen Sprachen übersetzten Hauptwerk Strong Democracy, Starke Demokratie, kritisiert er die repräsentative Demokratie (u.a. in den USA) und stellt eine Form der partizipatorischen Demokratie als Alternative dagegen. Benjamin R. Barber ist der sozialphilosophischen Strömung des Kommunitarismus zuzurechnen. (Vgl: http://www.benjaminrbarber.com/, abgerufen 14.07.2010)
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Arbeit zitieren:
Hermann Helke, 2010, Globalisierung – Eine (neue) Herausforderung für die Gesellschaft?, München, GRIN Verlag GmbH
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