I
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis. II
Abbildungsverzeichnis. III
1. Einleitung. 1
2. Banken im volkswirtschaftlichen Kontext. 2
2.1. Rolle der Banken für Wachstum und Wohlstand. 2
2.2. Funktionen der Banken 3
2.3. Nutzen und Risiko von Großbanken 7
3. Die Bankenaufsicht. 15
3.1. Notwendigkeit und Ziele. 15
3.1.1. Vorbemerkung. 15
3.1.2. Einlegerschutz. 16
3.1.3. Sicherung der Funktionsfähigkeit. 17
3.1.4. Weitere Ziele. 21
3.2. Entwicklung, Stand und Struktur. 21
3.3. Aufsichts- und Eingriffsrechte. 26
3.4. Kritik. 29
4. Das Problem der Systemrelevanz. 31
4.1. Die “Too big to fail -Problematik 31
4.2. Folgen der TBTF-Problematik. 33
4.3. Kriterien für Systemrelevanz. 38
4.4. Ausgewählte Lösungsansätze des TBTF-Problems. 44
5. Das Verhältnis der Bankenaufsicht zu den systemrelevanten
Banken. 49
5.1. Bedeutung für die Bankenaufsicht. 49
5.2. Folgen für die Bankenaufsicht. 52
6. Zusammenfassung und Ausblick. 56
Literaturverzeichnis 58
II
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung AG Aktiengesellschaft Aufl. Auflage BA Bankenaufsicht Bafin Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BIP Bruttoinlandsprodukt BIZ / BIS Bank für Internationalen Zahlungsausgleich bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise CDS Credit Default Swap CEBS Committee of European Banking Supervisors CoCos Contingent Convertible Bonds d.h. das heißt ESRB European Systemic Risk Board evtl. eventuell EZB Europäische Zentralbank FinDAG Finanzdienstleistungsaufsichtsgesetz FSB Financial Stability Board gem. gemäß HRE Hypo Real Estate i.H.v. in Höhe von IKB Deutsche Industriebank AG KWG Gesetz über das Kreditwesen LOLR Lender of last resort o.ä. oder ähnlich SIFI(s) Systematically Important Financial Institution(s) sog. sogenannte TBTF Too big to fail TBTR Too big to rescue u.a. unter anderem Vgl. Vergleiche z.B. zum Beispiel
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1:
Qualitative Gegenüberstellung gesamtwirtschaftlicher Kosten und Nutzen von Banken in Abhängigkeit von ihrer Größe....................... 12 Abbildung 2:
Überblick über die Ebenen der Bankenaufsicht ............................... 27 Abbildung 3:
Auswirkungen von Moral-Hazard-Risiken auf den volkswirtschaftlichen Nutzen und Schaden von Banken mit Staatsgarantie............. 34 Abbildung 4:
Auswirkungen von Moral-Hazard-Risiken auf die betriebsoptimale Größe von Banken mit Staatsgarantie.............................................. 34 Abbildung 5:
Systematisierung der Vernetzung von Banken im nationalen und
internationalen Bankensystem.......................................................... 40
1
1. Einleitung
„Es ist eine tief bedauerliche, leider kaum wegzudenkende Thatsache, dass gerade über die Funktionen der Banken und des Bankiers, über die Börse und ähnliche Einrichtungen auch in gebildeten Kreisen höchst unklare Vorstellungen herrschen; die Unkenntnis dieser Dinge hat namentlich in Krisenzeiten zu den schiefsten Auffassungen geführt, hat Vorurteile, Neid und Hass gegen ein nützliches Gewerbe genährt, dem eine hervorragende Rolle im wirtschaftlichen Getriebe zugefallen ist.“ Dieses Zitat geht zurück auf Jacob Riesser, der es 1901 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Bank Archiv, einem „Aufklärungsblatt“ des Centralverbands des deutschen Bank - und Bankiergewerbes, niederschrieb. 1
Heutzutage, 110 Jahre später sind staatliche Rettungsmaßnahmen von Banken Gegenstand der öffentlichen Kritik. Politisch gerechtfertigt wird dieses Vorgehen damit, dass die entsprechenden Banken systemrelevant sind. Es ist der breiten Öffentlichkeit unverständlich, dass der Staat seiner Aufgabe zur öffentlichen Daseinsvorsorge aus Geldnöten immer weniger gerecht werden kann. Gleichzeitig erweckt der Staat die Bankrotteure mit Summen vorher nie gesehenen Ausmaßes wieder zum Leben. Die hochbezahlten Manager der Bankhäuser sind bemüht ihre Institute als der Gesellschaft förderliche Einrichtung zu präsentieren. Gegenwärtig werden die Rechtfertigungen des Gewerbes von namhaften Bankmanagern zum Teil knapper formuliert als im Jahre 1901. Banker verrichten “Gottes Werk“, so die blasphemische Legitimation Lloyd Blankfeins. 2
Was eine systemrelevante Bank ist und welche Rolle die Bankenaufsicht bezüglich der Existenz dieser systemrelevanten Banken einnimmt ist zentraler Gegenstand der Arbeit. Um einen Einstieg in die Thematik zu ermöglichen soll zunächst im Kapitel 2 dargestellt werden, welche „hervorragende Rolle im wirtschaftlichen Getriebe“ den
1 Vgl. Gall et al. (1995) S. 107.
2 Lloyd Blankfein, Chef der amerikanischen Bank Goldman Sachs rechtfertigte so
das Bankgewerbe gegen öffentliche Kritik in einem Interview mit der brit. Sunday
Times vom 08.11.2009.
2
Banken zugefallen ist, aber auch welche Risiken von ihnen ausgehen. Untersucht wird dabei die Bedeutung der Banken in unserer Gesellschaft für die volkswirtschaftlichen Zielgrößen Wachstum und Wohlstand. Um die wichtigsten Zusammenhänge dieser Arbeit zu illustrieren, sollen anhand eines Modells volkswirtschaftlicher Nutzen und Schaden von Banken in Abhängigkeit zu ihrer Größe betrachtet werden.
Zur Limitierung dieser Risiken hat sich international die Idee einer Bankenaufsicht durchgesetzt. In Kapitel 3 wird die Grundstruktur und die Geschichte der deutschen Bankenaufsicht dargestellt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der ökonomischen Existenzbegründung der Aufsicht und ihrer verschiedenen Möglichkeiten auf den Markt und die Institute Einfluss zu nehmen. Die Kriterien, die der Staat bei seinen Rettungsentscheidungen zugrunde legt, sind selbst Experten zum Teil nicht schlüssig. Was eine systemrelevante Bank ausmacht und welche Konflikte sich daraus ergeben, soll dem Leser in Kapitel 4 nähergebracht werden. Dabei werden einige Vorschläge und Herangehensweisen zur Lösung dieser Konflikte vorgestellt.
Welche wohlfahrtsökonomische Bedeutung die Existenz systemrelevanter Banken für die staatliche und internationale Bankenaufsicht hat und welche Schlussfolgerung sie daraus ziehen sollte ist Ge-genstand des Kapitels 5. Abschließend werden die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst und die Herausforderungen skizziert vor den die Bankenaufsicht steht.
2. Banken im volkswirtschaftlichen Kontext
2.1. Rolle der Banken für Wachstum und Wohlstand
Die Staaten der Europäischen Union und nicht zuletzt die Bundesrepublik Deutschland sind Länder, die über großen Wohlstand verfügen. 3 Der Wohlstand beruht nicht zuletzt auf einem kontinuierlichen Wirtschaftswachstum. Um die Bevölkerung mit einer steigenden Anzahl an Waren und Dienstleistungen versorgen zu können, müssen
3 Betrachtung des BIP pro Kopf in US-Dollar.
3
die Wirtschaftssubjekte Investitionen tätigen. Diese Investitionen umfassen z.B. neue Gebäude, Maschinen oder Forschung und Entwicklung. Eine Investition stellt immer einen Aufwand dar. Der risikobehaftete Ertrag dieser Investition realisiert sich zu einem späteren Zeitpunkt. 4 Diese zeitliche Lücke zwischen Aufwand und Ertrag kann u.a. durch Fremdfinanzierung geschlossen werden. Dazu müssen die Wirtschaftssubjekte sich Fremdkapital am Finanzmarkt von denjenigen beschaffen, die einen Liquiditätsüberschuss besitzen. Dies sind regelmäßig die privaten Haushalte, die ihr erspartes Kapital anlegen möchten. In einem theoretisch vollkommenen Finanzmarkt finden sich Kapitalanbieter und Kapitalnachfrager eigenständig zusammen. 5 Die privaten Haushalte haben aber nur begrenzt die Möglichkeit die Kreditnehmer zu überwachen und das Risiko einzuschätzen. Der Kreditnehmer wird Probleme haben Kreditgeber zu finden, welche ihm Kapital in der gewollten Höhe und Frist zur Verfügung stellen. Die Existenz von Banken 6 wird daher auf die Unvollkommenheit des Marktes zurückgeführt. 7 Diese fungieren als Finanzintermediäre und können die individuellen Wünsche von Anlegern und Kreditnehmern effizienter befriedigen. Nicht nur unter der volkswirtschaftlichen Betrachtung von Wachstum, Sparen und Investieren erfüllen Banken wichtige Funktionen. Viele privatwirtschaftliche Unternehmen können ohne einen sicheren und schnellen bargeldlosen Zahlungsverkehr nicht existieren.
2.2. Funktionen der Banken
Um die Nachteile des unvollkommenen Finanzmarktes zu minimieren, erfüllen Banken als Mittler eine Reihe von Funktionen. Diese lassen sich grob in die Reduzierung von Transaktionskosten und in Transformationsprozesse untergliedern. 8
4 Zum Investitionsbegriff vgl. Nöll / Wiedemann (2008) S. 5.
5 Vgl. Büschgen (1998) S. 35.
6 Auf eine Definition des Bankbegriffs wird verzichtet. Welche Institute als „Bank“
gelten ergibt sich aus § 1 KWG.
7 Vgl. Stiele (2008) S. 13.
8 Vgl. Büschgen (1998) S. 36.
4
Zu den Transaktionskosten zählen u.a. der anfallende Such- und Informationsaufwand, um einen passenden Vertragspartner zu finden. Durch die Mittlerfunktion der Bank reduzieren sich die Transaktionskosten für alle Marktteilnehmer. Das Verhandeln der Vertragsinhalte erzeugt Kosten, ebenso wie die Überwachung des Kreditnehmers. Bei der Zwischenschaltung einer Bank reduzieren sich die Kosten für beide Seiten. Banken arbeiten mit standardisierten Verträgen und verfügen hinsichtlich der Überwachung der Kreditnehmer über mehr Know-how als Privatpersonen. Mit sinkenden Transaktionskosten wird der „Reibungsverlust“ zwischen Kapitalanbietern und -nachfragern reduziert. Folglich wird Geld effizienter angelegt und die Kosten einer Investition sinken, da die Transaktionskosten stets zu den Kosten des Kredits hinzugerechnet werden. Durch die sinkenden Kosten eines Kredits bzw. einer rentableren Anlage, steigt die Anzahl der vorteilhaften Geschäfte und das gehandelte Volumen am Finanzmarkt steigt infolge der verminderten Transaktionskosten. 9
Gesamtwirtschaftlich stehen jedoch die Transformationsprozesse im Mittelpunkt der Betrachtung. Hierzu werden die Losgrößen-, Fristen-und Risikotransformation gezählt.
Die Losgrößentransformation greift die Unterschiede bezüglich der Vorstellung der Kapitalhöhe der Nachfrager und Anbieter am Kapitalmarkt auf. Der Kapitalbedarf der Kreditnehmer übersteigt regelmäßig die Höhe an Kapital, die ein gewöhnlicher Anleger am Kapitalmarkt anbietet. Die Bank als Finanzintermediär nimmt die Einlagen vieler Kunden entgegen und kann die gebündelte Summe dann als Kreditbetrag vergeben. Umgekehrt ist ebenso denkbar, dass ein großes Angebot an Kapital an viele kleine Kapitalnachfrager verteilt wird. Der Vorteil für denjenigen, der jeweils die größere Kapitalmenge nachfragt/anbietet ist die Tatsache, dass er nur einen Vertrag mit der Bank schließen muss, anstelle von vielen Verträgen mit den Anbietern/Nachfragern kleiner Kapitalbeträge. 10
9 Vgl. Tolkmitt (2007) S. 150; vgl. auch Burghof / Rudolph (1996) S. 17.
10 Vgl. Nikolov (2000) S. 39.
5
Bei der Fristentransformation steht die Problematik im Mittelpunkt, dass Anleger und Nachfrager verschiedene Vorstellungen über die Dauer der Anlage oder des Kredites haben. Die Fristigkeit angelegter Gelder liegt zumeist im tages- und kurzfristigen Bereich. Kreditnehmer präferieren hauptsächlich lange Zeithorizonte. Im Rahmen der Fristentransformation des Kapitals entstehen aber auch Geldanschluss- und Zinsänderungsrisiken. Da die kurzfristig zur Verfügung gestellten Gelder de facto prolongiert werden, können sie zu einem gewissen Teil langfristig vergeben werden. 11 Problematisch wird diese Vorgehensweise dann, wenn viele Kunden ihre kurzfristigen Anlagen tatsächlich abrufen. Dies kann zum Beispiel bei einem sogenannten Bank Run passieren. Hierbei wollen Kunden ihre Einlagen schnellstmöglich ausbezahlt haben, da sie eine Zahlungsunfähigkeit der Bank befürchten. 12 Die Angst der Kunden vor der Zahlungsunfähigkeit, bewirkt diese. Dies ist eine Form der selbsterfüllenden Prophezeiung. Das Handeln der Einzelnen ist jedoch rational. Wer seine Einlagen als erster herausverlangt und bekommt, ist im Vorteil gegenüber jemandem, der zögert und als Insolvenzgläubiger auf eine Rückzahlung hoffen muss. Der Verlust der Einlagen wird heutzutage durch Einlagensicherungssysteme verhindert, so dass ein Bank Run sehr unwahrscheinlich geworden ist. Das Zinsänderungsrisiko entsteht durch die Differenz fixer Zinsen auf der Aktivseite der Bank und schwankender Zinsen kurzfristiger Einlagen auf der Passivseite. Bei steigenden Marktzinsen verwirklicht sich für die Bank das Zinsänderungsrisiko. Bei sinkenden Marktzinsen vergrößert sich für die Bank der Erfolg durch eine steigende Zinsdifferenz zwischen Aktiv- und Passivseite. 13
Risikotransformation nennt man den Prozess der Verminderung der Ausfallrisiken der Anleger durch die Mittlerfunktion der Bank. Kredite sind grundsätzlich mit Ausfallrisiken behaftet. Die Wahrscheinlichkeit des Ausfalls bestimmt sich durch Eigenschaften des Schuldners, als auch durch externe Faktoren wie das Marktumfeld. In einem Szena-
11 Vgl.Nikolov (2000) S. 40.
12 Vgl. Neuberger (1994) S. 93.
13 Vgl. Hellwig (2000) S. 19.
6
rio, in dem die Bank nur als Vermittler auftritt, Kreditgeber undnehmer den Kreditvertag direkt abschließen, trägt jeder Kapitalgeber ein ihm unbekanntes Risiko. Schalten sich Banken als Vertragspartner dazwischen, sinkt das individuelle Risiko der Einleger. Die Risikotransferleistung von Banken können in 3 Dimensionen untergliedert werden. 14
(1) Die Halter von Depositen tragen theoretisch nur noch das Risiko der Insolvenz einer Bank. Das Risiko von Verlusten tragen primär die Eigentümer der Bank. Dazu müssen die Banken eine vorgeschriebene Menge Eigenkapital vorhalten, um etwaige Verluste verkraften zu können. 15 Durch die bestehenden Einlagensicherungssysteme kann sich ein Risiko hier nur für Volumina verwirklichen, welche die jeweils besicherte Höhe der Einlagensicherungssysteme überschreiten.
(2) Die zweite Dimension der Risikotransformation kann mit Risikostreuung überschrieben werden. Durch die Vergabe von Krediten an viele Kunden vermindert sich das Risiko der Bank, da Ausfälle einzelner Schuldner kompensiert werden können. Die Bank trägt größtenteils nur noch die systematischen Risiken.
(3) Durch langfristige Geschäftspartnerschaften und Know-how in der Bewertung von Bonitäten haben Banken einen Vorteil gegenüber Privatanlegern. Ebenso verfügen Banken über mehr Sachverstand in der Überwachung der Kreditnehmer, sowie in der Besicherung der Kredite.
Unabhängig von den angesprochenen Transformationsleistungen erfüllen Banken systemrelevante Funktionen im Bereich des Zahlungsverkehrs. Eine schnelle, sichere und günstige Abwicklung von Zahlungen ist von wesentlicher Bedeutung für den Geld- und Güterkreislauf. Banken erfüllen weiterhin eine wichtige Funktion bei der Durchsetzung der Geldpolitik der jeweiligen Zentralbanken.
14 Zu den folgenden Ausführungen vgl. im wesentlichen Büschgen (1998) S. 40.
15 Vgl. § 10 Abs.1 KWG.
7
2.3. Nutzen und Risiken von Großbanken Nachdem im vorherigen Abschnitt die Existenzberechtigung von Banken allgemein dargelegt wurde, widmen sich die folgenden Ausführungen den Fragen nach Gefahren und Nutzen von Großbanken. Unabhängig davon, dass unter Umständen vielleicht auch kleine Banken als systemrelevant gelten können, wird davon ausgegangen, dass Größe eine notwendige Bedingung für die Einordnung als „systemisch relevant“ ist. 16
Die Größe einer Bank definiert sich hauptsächlich über Kriterien, wie die Höhe der Bilanzsumme, des Eigenkapitals oder des Volumens der Kundeneinlagen. 17 Einigkeit herrscht darüber, dass die Deutsche Bank AG und die Commerzbank AG in Deutschland als Großbanken gelten. Bevor die Dresdner Bank AG 2009 in die Commerzbank eingegliedert wurde, galt sie auch als Großbank. 18 Zum Teil werden auch die HypoVereinsbank, die Westdeutsche Landesbank und die Postbank AG zum Kreis der Großbanken gezählt. Die Großbanken sind, wie dargelegt, hauptsächlich den privatwirtschaftlichen Unternehmungen zuzuordnen.
Bei der Betrachtung der Gefahren die von Großbanken ausgehen, sollen nur jene betrachtet werden, die die Gesamtwirtschaft im Insolvenzfall nachteilig beeinflussen können. Die Insolvenz einer Großbank kann eine für das gesamte Banken- und Finanzsystem umfassende Krise auslösen. Gründe für die Insolvenzeröffnung können in der Zahlungsunfähigkeit einer Bank oder in der Überschuldung liegen. Da die Banken sich bei Liquiditätsproblemen an die Europäische Zentralbank halten können, soll eine reine Zahlungsunfähigkeit ausgeschlossen werden. 19 Über die Spitzenrefinanzierungsfazilität können sich die Geschäftsbanken über Nacht unbegrenzt Liquidität im Austausch gegen Sicherheiten von der EZB leihen. Allerdings liegt der Zins für diese Geschäfte über dem Marktzins. Es ist äußerst
16 Vgl. Siegenthaler et al. (2010) S. 14.
17 Vgl. Hartmann-Wendels / Pfingsten / Weber (2010) S. 59.
18 Vgl. Büschgen (1998) S. 79; vgl. auch Wehlau (2009) S. 174;
19 Vgl. Binder (2005) S. 122.
8
unattraktiv für die Geschäftsbanken sie in Anspruch zu nehmen. 20 Bei der nachfolgenden Betrachtung soll deshalb nicht ausführlich auf die Unterschiede zwischen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung eingegangen, sondern allgemein von Insolvenz gesprochen werden.
Über sogenannte Dominoeffekte kann sich die Gefahr einer systematischen Krise realisieren. Dominoeffekte können zum einen durch Bank Runs ausgelöst werden. Die Insolvenz eines großen Instituts löst dabei Unsicherheit bei den Einlegern aller Institute aus. Der Abruf von fälligen Depositen in großem Umfang kann theoretisch zur Zahlungsunfähigkeit aller Institute führen. 21 Da selbst die Finanzkrise von 2007 in Deutschland keine Bank Runs hervorgebracht hat, soll dieser Effekt nicht näher untersucht werden. Eine andere Form des Dominoeffektes soll im Folgenden näher betrachtet werden.
Von Großbanken geht vor allem eine systemische Gefahr aus, wenn sie über Interbankengeschäfte eng mit anderen Kreditinstituten vernetzt sind. 22 Im Falle der Insolvenz kann es zu verschiedenen sich gleichzeitig überlagernden Effekten kommen. Ähnlich wie bei einem Bank Run wird aus dem Scheitern eines großen Instituts eine mögliche Krise des gesamten Sektors antizipiert. Es ist für die Banken unklar, inwieweit andere Banken mit denen sie in Kontakt stehen, von der Insolvenz betroffen sind. Weiterhin besteht die Gefahr, dass im Markt große parallele Risiken aufgebaut worden sind, welche sich bei weiteren Instituten realisieren können. Folglich kommt es im Interbankenmarkt 23 zu einem Vertrauensverlust und der Handel von liquiden Mitteln kommt zum Erliegen. Banken, die kurzfristig liquide Mittel benötigen, können dadurch ebenfalls in Zahlungsnöte geraten beziehungsweise gezwungen sein sich bei der Zentralbank zu refinanzieren. Die Liquidität einzelner Institute wird neben dem ruhenden Interbankenmarkt dadurch vermindert, dass kurzfristig entliehene liquide Mittel durch die Insolvenzeröffnung beim Schuldnerinstitut
20 Vgl. Heine / Herr (2004) S. 74 f.
21 Vgl. Bonn (1998) S. 31.
22 Vgl. Burghof / Rudolph (1996) S. 23.
23 Auf dem Interbankenmarkt findet der Handel der Kreditinstitute untereinander
statt. Hier werden u.a. Geld, Wertpapiere und Devisen gehandelt.
9
nicht zurückfließen. Um ihre Zahlungsbereitschaft sicherzustellen, müssen Banken eine bestimmte Menge liquider Mittel vorweisen können. 24 Es ist den Banken aber erlaubt die Mittel, die ihre eigene Liquidität sichern sollen, anderen Banken als Kredit zur Verfügung zu stellen. 25 Liquide Mittel, die am Geldmarkt angelegt sind, können so Teil einer Insolvenzmasse werden. Der Forderungsinhaber bekommt als Ersatz einen Anspruch auf Befriedigung aus der Insolvenzmasse. Zu einem unbestimmbaren Zeitpunkt in der Zukunft wird er den Anspruch quotal erfüllt bekommen. 26 Die in der Insolvenzmasse untergegangenen Mittel beeinträchtigen nicht nur die Liquiditätslage. Die Forderung muss im Rahmen der Einzelwertberichtigung in voller Höhe abgeschrieben werden. 27 Der Verlust belastet das Eigenkapital der Banken. Dies kann dazu führen, dass die Bank selbst insolvent wird. Durch den oben beschriebenen Dominoeffekt werden weitere Institute involviert, die mit der ursprünglich insolventen Bank nicht in Kontakt standen.
Ohne ein Eingreifen des Staates, der Zentralbank oder Dritter drohen erhebliche Beeinträchtigungen in der Funktionsfähigkeit des Banken-sektors. Ein zusammenbrechendes Zahlungssystem führt zu einer Gefahr für den Geld- und Güterkreislauf. Über einen sog. Credit Crunch, eine Unterversorgung der Unternehmen mit Krediten, kann die Krise auf die Realwirtschaft durchschlagen. Die Folge sind Insolvenzen und steigende Arbeitslosigkeit. 28 Für den Staat sinken die Steuereinnahmen, wobei im Gegenzug die Transferleistungen steigen.
Es wird davon ausgegangen, dass der mögliche gesamtwirtschaftliche Schaden mit zunehmender Institutsgröße überproportional ansteigt. Der Schaden aus der Insolvenz einer Großbank setzt sich aus den Forderungen der Gläubiger und den externen Kosten zusammen. Das Ausmaß der externen Kosten kann nicht vollständig antizi- 24 Vgl.§ 11 Abs.1 KWG.
25 Vgl. § 3 Abs. 2 Nr. 2 LiqV.
26 Vgl. Bork (2009) S. 35.
27 Vgl. Bacher (2009) S. 45.
28 Vgl. Bonn (1998) S. 341.
10
piert werden. 29 Daher kann der Staat es für vorteilhaft erachten, als „Lender of last resort“ 30 , dem Institut Hilfen zu gewähren. Das Eingreifen des Staates soll nicht primär das betroffene Institut retten, sondern vielmehr die Stabilität und das Funktionieren des Geld- und Kapitalmarktes sicherstellen. 31 Vielfach spekulieren die Regierungen darauf, dass die zugesagten Unterstützungsmaßnahmen nicht in Anspruch genommen oder zurückgezahlt werden, sobald sich die Lage am Markt beruhigt. Ob das betreffende Institut nur ein kurzfristiges Zahlungsproblem hat oder ob sich im Portfolio vermehrt „faule Kredite“ befinden, kann die intervenierende Regierung nur begrenzt einschätzen. Stellt sich heraus, dass große Teile der Aktiva einer erheblichen Wertberichtigung bedürfen, dann greifen die staatlichen Bürgschaften und Garantien. Neben der Sozialisierung der Verluste besteht vor allem für kleine Länder mit einem verhältnismäßig großen Bankensektor die Gefahr, dass die entsprechenden Institute nicht nur zu groß zum Scheitern, sondern auch zu groß zum Retten sein können. Aus der Bankenkrise kann so eine Staatskrise werden, da dieser sich in großem Ausmaß verschulden muss, um die Banken retten zu können.
Die Großbanken sind in Deutschland historisch gewachsen. Dennoch stellt sich die Frage nach ihrer wohlfahrtsökonomischen Existenzberechtigung, da sie tendenziell systematische Risiken in sich bergen. Welcher volkswirtschaftliche Zusatznutzen entsteht durch sie? Wie hoch wäre der Effizienzverlust, wenn kleinere Banken die Funktionen gemeinschaftlich übernehmen würden? Damit von Großbanken ein zusätzlicher Nutzen 32 ausgeht, müssten sie bestimmte Geschäftsfelder effizienter bedienen können als kleine Institute. Betriebswirtschaftliche Größenvorteile für Banken können sich unter anderem aus Skalen-, Verbund- und Diversifikationseffekte ergeben. Demgegenüber stehen Nachteile aus steigenden Koordinations- und
29 Vgl. Kellermann (2010) S. 19 f.
30 „Lender of last resort“ übersetzbar mit „Kreditgeber der letzten Zuflucht“.
31 Vgl. Bonn (1998) S. 58.
32 Vgl. Hellwig (2000) S. 15; Der volkswirtschaftliche Nutzen wird hier nur betrach-
tet für die Leistungen einer Bank als Finanzintermediär. Davon abgeleitete Nutzen,
wie z.B. Fiskal- und Arbeitsmarktpolitische Nutzen werden nicht betrachtet.
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Alexander Giebel, 2011, Bedeutung, Einfluss und Folgen systemrelevanter Banken aus Sicht der Bankenaufsicht, München, GRIN Verlag GmbH
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